Testbetrieb

BER-Chef Mehdorn bastelt sich für 2014 seinen Mini-Flughafen

Mit Druck auf den Aufsichtsrat hat Hartmut Mehdorn seine Idee eines Teilstarts durchgeboxt. 2014 sollen erste Flugzeuge abheben. Doch Berlin braucht einen Großflughafen - und der ist in weiter Ferne.

Es sollte der Tag von Hartmut Mehdorn werden. Seit März steht er an der Spitze der Flughafengesellschaft. Zu seinem Dienstantritt fuhr er damals selbst in einem schwarzen Mini vor. Dem erstaunten Pförtner rief Mehdorn an seinem ersten Arbeitstag vom Steuer aus zu: „Jetzt wird gearbeitet!“ Ganz so schwungvoll war sein Auftritt vor der Aufsichtsratssitzung am gestrigen Freitag nicht. Da wurde Mehdorn in einer schwarzen Audi-Limousine vorgefahren.

Ein halbes Jahr ist er nun schon Flughafenchef. Er hat damit eine der schwierigsten Aufgaben übernommen, die es derzeit für einen Manager in Deutschland zu lösen gibt. Tatsächlich hat Mehdorn in der Zeit auch viel angestoßen. Da wäre vor allem die Diskussion über einen längeren Betrieb des Flughafens Tegel. Mehdorn stellte infrage, was sich vor ihm keiner traute. Er führte regelmäßige Meetings mit den verantwortlichen Mitarbeitern ein, holte Berater von Roland Berger an den BER und brachte Ordnung auf die Baustelle.

„Setzen uns unter keinen Leistungsdruck“

Nur einen neuen Eröffnungstermin hat er bis heute auch nicht genannt. Dazu wird es frühestens bei der nächsten Aufsichtsratssitzung im Oktober kommen, wenn überhaupt. „Wir setzen uns hier unter keinen Leistungsdruck“, sagte Mehdorn. Notfalls dauere es eben länger. Denn ihm ist klar, der nächste Starttermin muss sitzen.

Der Aufsichtsrat forderte Mehdorn am Freitagabend auf, sein Konzept weiterzuverfolgen und den Airport mit einem kleinen Teilbetrieb zu eröffnen. Er soll auch mit dem Bauordnungsamt die genehmigungsrechtlichen Fragen klären. Für das Gegenkonzept des Technikchefs Horst Amann gab es demnach keine Zustimmung. Er wollte in einem ersten Schritt den kompletten Betrieb vom bestehenden Schönefelder Flughafen in den Neubau verlagern. Die gesamte Eröffnung des neuen Hauptstadtairports rückt durch Mehdorns Konzept nämlich keinen Schritt näher. Die Probleme mit der Brandschutzanlage bestehen weiter, und auch das Datennetz für die elektronischen Systeme am Flughafen funktioniert nicht zuverlässig.

Wenn jetzt demnächst in einem abgetrennten Bereich ein paar Flugzeuge am Tag starten und landen werden, hätte Mehdorn zwar faktisch den BER in Betrieb genommen. Einen funktionierenden Flughafen hat er damit aber noch nicht fertig gebaut. Doch genau daran muss er sich messen lassen. Und nicht an einem teilweisen Betrieb im Nordpier, der den Mitarbeitern hilft, sich an ihre neue Arbeitsstätte zu gewöhnen.

1500 Passagiere pro Tag

Konkret sieht Mehdorns Konzept vor, im Nordpier des BER einen sogenannten kleinen Probebetrieb durchzuführen. Dabei sollen höchstens 1500 Passagiere am Tag abgefertigt werden. Das bedeutet, dass kaum mehr als zehn Flugzeuge täglich dort andocken werden, eher weniger. Einen Termin gibt es dafür allerdings noch nicht. Vermutlich dürfte es zeitgleich mit dem Wechsel vom Winter- auf den Sommerflugplan im kommenden Frühjahr erfolgen. Mehdorn will damit den BER im Kleinen testen und auf etwaige Fehler reagieren.

Für Mehdorn ging es bei dem Konzept schon fast um eine Grundsatzfrage. Angeblich soll er bereits gedroht haben, alles hinzuschmeißen, wenn der Aufsichtsrat nicht zustimmt. Hintergrund ist Mehdorns Auseinandersetzung mit Technikchef Horst Amann. Dass beide Manager irgendwann in ferner Zukunft gemeinsam den BER in Betrieb nehmen werden, ist äußerst unwahrscheinlich.

Streit statt Zusammenarbeit

Der Streit in der Führungsspitze der Flughafengesellschaft ist umso ärgerlicher, als die beiden eigentlich zusammenarbeiten sollten. Zählt man die Einnahmeausfälle dazu, verschlingt der BER in jedem Monat spektakuläre 35 Millionen Euro, ohne dass es einen nennenswerten Fortschritt zu vermelden gäbe. Wenn Mehdorn und Amann nun auch noch parallel unterschiedliche Konzepte erarbeiten, fühlt man sich unwillkürlich an die Zeit zurückerinnert, in der Rainer Schwarz als Flughafenchef und Manfred Körtgen als technischer Geschäftsführer eine unheilvolle Mischung bildeten. Schwarz und Körtgen schafften es, dass die für Juni 2012 geplante Eröffnung knapp vier Wochen zuvor abgesagt wurde. Mehdorn und Amann haben bislang noch nicht einmal überhaupt einen Eröffnungstermin gefunden.

Was genau den Bruch zwischen Mehdorn und Amann ausgelöst hat, ist schwer zu sagen. Beide sollen nicht immer ganz umgänglich sein und auch schnell einmal ein Wort zu viel sagen. Doch das ist auf einer Großbaustelle eigentlich nichts Außergewöhnliches. Außerdem haben beide lange genug Berufserfahrung, um über gelegentliche Reibereien hinwegsehen zu können.

Es muss daher schon etwas vorgefallen sein, was für Mehdorn das Vertrauensverhältnis zu seinem Technikchef unwiederbringlich zerstört hat. Dafür gibt es zwei Ansatzpunkte. Angeblich soll Mehdorn von Amanns Konzept für den BER überrascht gewesen sein. Während Mehdorn seine Mitarbeiter die Teileröffnung planen ließ, verfolgte Amann die Idee, dass man auch den kompletten Betrieb des alten Flughafens Schönefeld im Laufe des kommenden Jahres an den BER verlagern könnte. Einen Lerneffekt hätte man auf diese Weise immer noch, bevor der deutlich größere Flugverkehr aus Tegel dazukommt. Gleichzeitig ließe sich vermutlich Geld sparen, da es dann nur noch Tegel und die BER-Baustelle gäbe und nicht auch noch den alten Flughafen Schönefeld.

Mehdorn will schrittweise Flüge verlagern

Offenbar fand diese Idee auch einige Zustimmung im Aufsichtsrat. Mehdorn dagegen hält davon gar nichts. „Wenn man glaubt, dass der BER in den nächsten zwei bis drei Jahren ohnehin nicht eröffnet, könnte man über so etwas nachdenken“, so Mehdorn. Aber davon gehe er nicht aus. Ihm schwebt stattdessen vor, sobald die Probleme auf der Baustelle gelöst sind, den Betrieb aus Tegel an den BER zu verlagern und dann schrittweise Flugzeuge aus Schönefeld alt abzuziehen.

Mehdorns Vertrauen in Amanns Pläne hat zudem gelitten, als ein Gutachten neulich ergab, dass die Nordbahn des BER gar nicht wie immer vermutet aufwendig saniert werden muss. Sie ist derzeit schon als Südbahn am alten Flughafen Schönefeld im Einsatz. Vermutlich werden ein neuer Belag und Ausbesserungen an den Seitenstreifen ausreichen. Das soll in den kommenden Wochen entschieden werden. Amann selbst hatte nie ein solches Gutachten durchführen lassen. Das Ergebnis ist daher für ihn eine Blamage. Zumal damit auch Einsparungen von vermutlich 100 Millionen Euro einhergehen. Mehdorn setzte zudem im Aufsichtsrat durch, dass zwei Bauleiter seines Technikchefs ausgewechselt werden. Amanns Mitarbeitern folgen laut Branchenkreisen die bisherige Arbeitsschutzleiterin des Flughafens, Regina Töpfer, und der Architekt Hany Azer, mit dem Mehdorn schon den Berliner Hauptbahnhof baute.

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) kann all diese Probleme künftig aus der Ferne betrachten. Für ihn war es nämlich die letzte Sitzung als Aufsichtsratschef. Er gibt sein Regierungsamt aus Gesundheitsgründen auf und zieht sich auch aus dem Kontrollgremium der Flughafengesellschaft zurück. Bis ein Nachfolger feststeht, wird Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) als stellvertretender Vorsitzender den Aufsichtsrat vorübergehend leiten. Wer Platzecks Platz einnehmen wird, lässt sich derzeit kaum sagen. Brandenburgs designierter Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) hat daran kein Interesse.

Mit dem BER-Vorsitz will sich niemand schaden

Vordergründig schob er es auf seine mangelnde Erfahrung mit dem Flughafenprojekt. Doch sonderlich gereizt hätte ihn diese Aufgabe ohnehin nicht. Zu groß ist das Risiko, dass die Probleme des BER den eigenen politischen Ruf beschädigen. Vermutlich deshalb hat Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) bereits abgelehnt.

Klaus Wowereit würde vermutlich sogar noch einmal den Vorsitz übernehmen, wenn sich sonst keiner findet. Davon gehen zumindest Parteifreunde von ihm aus. Doch große Lust soll er angeblich auch nicht darauf haben, da er den Posten ja erst im Januar abgegeben hatte. Kurz zuvor hatte Technikchef Amann die für Oktober 2012 geplante Eröffnung des BER völlig überraschend auf unbestimmte Zeit verschoben. Am besten wäre daher ein externer Fachmann. Doch der muss erst noch gefunden werden.