Die Brandenburger Christdemokraten der Landtagsfraktion waren schockiert von dem, was sie an der Baustelle des BER-Terminals sahen. „Eine Geisterbaustelle“, sagte CDU-Vizefraktionschef Dieter Dombrowski am Dienstag sichtlich erschrocken nach einem Besuch und einem Gespräch mit der Geschäftsführung. „Unvorstellbar, dass dieser Flughafen schon seit mehr als einen Monat in Betrieb sein sollte.“ Nur vereinzelt waren Arbeiter zu sehen. Dafür flimmerten die Abflug- und Ankunftsdaten der Flugzeuge auf den Anzeigetafeln. Empfindliche Möbel wie eine Ledergarnitur stauben unabgedeckt ein. Auf dem Rollfeld stehen am Stellplatz B07 herrenlose Koffer. „Unaufgeräumt und schmutzig“, fasst Rainer Genilke, Verkehrsexperte der Fraktion den Eindruck zusammen. „Schlichtweg ein Chaos.“ Er sei erschüttert, wie wenig sich seit dem jüngsten Besuch Ende Mai getan habe.

Zeitplan „sehr eng bemessen“

Auch was sie vom künftigen Technischen Geschäftsführer Horst Amann hörten, konnte die Laune der Parlamentarier nicht heben. Der Zeitplan zur Fertigstellung des Hauptstadtflughafens bis zum 17. März 2013 ist nach Ansicht Amanns „sehr eng bemessen“. „Die Zeit bis zur Abnahme durch die Genehmigungsbehörden sei extrem knapp und absolut ambitioniert“, sagte der zum 1. August aus Frankfurt kommende Nachfolger des entlassenen Manfred Körtgen. Mitte August soll Amann entscheiden, ob der neue Eröffnungstermin gehalten werden kann.

Austausch von Entrauchungsanlage nicht nötig

Die Entrauchungsanlage ist nach Einschätzung von Bauleiter und Chefplaner Joachim Korkhaus weiterhin das Hauptproblem. Im Falle eines Brandes müsste innerhalb von 15 Sekunden über ein Notstromaggregat die Lüftung angehen. So fordert es die Genehmigungsbehörde beim Landkreis Dahme-Spreewald. Bislang klappt das mit der bestehenden Anlage nicht. Laut Korkhaus werde versucht, die Fehler zu beheben. Ein kompletter Austausch der Anlage sei nach bisherigen Erkenntnissen jedoch nicht nötig. Am 18.Dezember solle das Brandschutzsystem voll funktionsfähig sein. Dies sei zumindest so geplant.

„Es müssen andere Lösungen her“

Unabhängig vom Starttermin hält CDU-Vizefraktionschef Dieter Dombrowski den neuen BER langfristig für nicht wirtschaftlich zu betreiben. Er fordert die Gesellschafter dringend auf, ein neues Konzept vorzulegen. „Es müssen andere Lösungen her“, so Dombrowski. Vorschläge wollte er allerdings nicht nennen. Aus Sicht der CDU hat der Flughafen keine wirtschaftliche Perspektive.

Das sieht die Lobby der Geschäftsflieger, die German Business Aviation Association (GBAA) ähnlich. Deshalb schlägt sie vor, den alten Terminal Schönefeld (SXF) vorerst für die Billigflieger, die keinen Umsteigeverkehr anbieten, in Betrieb zu lassen und gleichzeitig die nördliche Landebahn in Tegel für die Bundeswehr mit ihrer Flugbereitschaft, für Staatsbesuche und für private Geschäftsflieger offen zu halten. Dass die Geschäftsflieger am BER Probleme verursachen werden, belegt auch ein Gutachten der Dresdener Gesellschaft für Luftverkehrsforschung (GfL) im Auftrag des Potsdamer Verkehrsministeriums. Die Experten kamen bereits vor einem Jahr zu dem Schluss, dass Engpässe schon wenige Jahre nach der zunächst für 2012 geplanten Eröffnung drohen. Bis zum Start 2013 wird die Passagierzahl jedoch abermals um mindestens eine Million zugenommen haben.

Einsatz von Regionalflugplätzen

Um für die Wirtschaft wichtige Geschäftsflüge nicht aus der Hauptstadtregion zu verdrängen, empfehlen die Experten zügige Konsequenzen am Schönefelder Airport selbst sowie die „Ertüchtigung“ eines nahen Regionalflugplatzes, in Strausberg oder in Schönhagen. Beide Plätze müssten dann für wetterunabhängigen Betrieb mit Präzisions-Instrumentenanflug-Systemen ausgerüstet werden. Bisher sei der Instrumentenanflug außer in Schönefeld nur am 90 Autominuten entfernten Verkehrslandeplatz Cottbus-Drewitz eingeschränkt möglich.

Weitere Nutzung des SXF-Terminals

Die Berliner CDU hat schon länger über eine weitere Nutzung des alten SXF-Terminals nachgedacht. „Selbstverständlich wird es am BER Kapazitätsengpässe geben“, sagte der verkehrspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Oliver Friderici. SXF offen zu lassen sei ein „interessanter Ansatz“, zumal kein Geld da sei, die als Erweiterung des BER-Terminals vorgesehenen „Satteliten“ mitsamt einer Brücke zwischen beiden Gebäuden quer über das Rollfeld in absehbarer Zeit zu bauen. Keine Chance gibt Friderici jedoch der Idee, eine Tegeler Bahn für die Bundeswehr-Flugbereitschaft offen zu halten. „Das wäre unglaublich teuer“; sagte der Abgeordnete. Auch die Bundeswehr will dort nur weiterhin ihre drei Hubschrauber stationieren, aber nicht mehr mit Flugzeugen fliegen, wie ein Sprecher bestätigte. Die Militärs gehen davon aus, dass das neue Terminal für Regierungsflüge ab 2016 etwas südlich des bisherigen Terminals SXF verfügbar sein wird. Nach letzten Kostenschätzungen wären für dieses Projekt 360 Millionen Euro nötig.

Sinkende Zahl von Flugbewegungen

Die Flughafengesellschaft teilt jedoch die Einschätzung nicht, dass es am BER nach dem Start Kapazitätsengpässe geben werde. Die Business-Flieger hätten schon 2008, als es um die Schließung des Flughafens Tempelhof ging, genau so argumentiert, sagte Flughafen-Sprecher Ralf Kunkel. Das Passagierwachstum korrespondiere mit einer sinkenden Zahl von Flugbewegungen, weil größere Flugzeuge eingesetzt würden und die durchschnittliche Auslastung steige. So sind zwar die Passagierzahlen in Berlin im ersten Halbjahr 2012 um 5,1 Prozent oder 580.000 auf 11,87 Millionen gestiegen. Die Zahl der Starts und Landungen sank jedoch um1,8 Prozent auf 117.572. Dieser Trend sei bereits seit mehreren Jahren zu beobachten, sagte Kunkel. Auch die Berliner Industrie- und Handelskammer sieht keine Notwendigkeit, vom bisherigen Konzept abzuweichen und auf SXF oder Tegel zu setzen. Stattdessen sollte zügig über die Erweiterung des nördlichen und südlichen Piers entschieden werden.

222 Millionen Euro für Schallschutz

Wie die Flughafengesellschaft das jedoch finanzieren soll, ist weiterhin offen. Am Weitesten geht bisher die brandenburgische Landesregierung. Am Mittwoch soll Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) bei einer Sondersitzung des Hauptausschusses des Landtages in Potsdam zum zweiten Mal Stellung zum BER-Desaster nehmen. Für heftige Kritik sorgt, dass die rot-rote Landesregierung im Haushaltentwurf für den Doppeletat 2013/14 für die Finanzierung des BER-Desasters bereits 435 Millionen Euro fest eingeplant hat. 222 Millionen Euro davon sind als Landesanteil Brandenburgs für den bislang unterfinanzierten Schallschutz im Umfeld des BER vorgesehen. Der Haushaltsentwurf soll am Dienstag im Kabinett beschlossen werde. Die Flughafengesellschaft hat unterdessen ihr Schallschutzprogramm vorerst gestoppt. Zuerst müssten mögliche Konsequenzen aus dem Rechtsstreit um die Lärmschutzmaßnahmen geprüft werden, sagte Flughafensprecher Kunkel.