Die Absage der Eröffnung des Flughafens Berlin Brandenburg International und die Verschiebung auf unbestimmte Zeit werden teuer. Nicht nur für die Flughafengesellschaft, sondern auch für Airlines, Dienstleister, Einzelhändler und Gastronomen. Hunderte Unternehmen in der Region hatten ihre Planungen ganz auf den 3. Juni ausgerichtet. Sie haben Leute eingestellt, Umzugsfirmen beauftragt, Urlaubspläne auf den Tag im Juni ausgerichtet – alles umsonst.
Nach Expertenmeinung wird die jetzt überraschend eingetretene Verzögerung mindestens 15 Millionen Euro im Monat kosten. Doch sie könnte noch teurer werden: Die Flughafenbetreiber rechnen zusätzlich mit Schadenersatzforderungen der Fluggesellschaften. Diese hatten ihr Streckenangebot in Erwartung der Eröffnung teilweise deutlich ausgeweitet.
Außerdem gehen nach den Worten des Regierenden Bürgermeisters und Aufsichtsratschefs der Flughafengesellschaft, Klaus Wowereit, Millionenbeträge als Einnahmen verloren, die aus höheren Entgelten einkalkuliert worden waren.
Schon der Bau des neuen Flughafens im Süden Berlins verschlingt rund 2,5 Milliarden Euro. Die Verschiebung der Eröffnung wirft aber zusätzliche, möglicherweise millionenschwere Schadensersatzansprüche auf. Ein „Exerzierfeld für Juristen“ sieht der Fachanwalt Matthias Druba auf die Beteiligten zukommen, wenn es darum geht, wer am Ende zahlt. „Umplanung, Stornierung, entgangener Gewinn“ nennt der Anwalt der bundesweit operierenden Sozietät FTP als Stichworte, um die sich im Anschluss an die Verschiebung Schadensersatzforderungen drehen könnten. Möbelpacker, deren Termine geblockt sind, Delikatessenläden, die Frischware geordert haben, sind einige Beispiele für kleine Summen, die von der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH (FBB) gefordert werden können. Große Summen kommen zustande, wenn Air Berlin oder Lufthansa beispielsweise ihre Flugpläne umstellen oder gar Tickets erstatten müssen, weil Flüge wegen Überlastung der bestehenden Flughäfen Tegel und Schönefeld nicht in der gebuchten Menge abgewickelt werden können.
Druba räumte ein, ihm sei nicht bekannt, wie die Verträge genau gestaltet seien. In der Regel ließen sich Schadenersatzansprüche durch Verzögerung nur bei unvorhersehbaren Erschwernissen ausschließen. „Brandschutz ist aber vorhersehbar“, sagte Druba. Seltsam erschien ihm auch, dass den direkt Verantwortlichen die Verzögerung erst am Montag offenbar geworden sein soll. Die Regeln ehrbarer Kaufleute beinhalteten, dass der Partner jederzeit „wahrhaft und richtig“ über möglicherweise entstehende Risiken informiert werden müsse.
Die verschobene Inbetriebnahme stellt jedenfalls die Fluggesellschaften vor große Herausforderungen.
Allein bei der Lufthansa sind 500.000 bis eine Million Passagiere betroffen. Sie würden jetzt auf den Flughafen Tegel umgebucht und per Telefon, E-Mail oder SMS informiert, sagte Lufthansa-Manager Oliver Wagner am Mittwoch in Berlin. Die geplanten Abflugzeiten würden sich aber höchstens im Viertelstundenbereich ändern. Eine Detailplanung gebe es spätestens Anfang kommender Woche. „Ich rate bei dem Thema allen zur Gelassenheit“, sagte Wagner. Der Flughafenbetreiber habe zu Recht entschieden, den Termin zu verschieben – wenn auch zu spät. Über die Höhe der Schadenersatzforderungen der größten deutschen Airline könne er noch keine Angaben machen.
Um das am neuen Airport geplante Programm an die Gegebenheiten des alten in Berlin-Tegel anzupassen, hat die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft Air Berlin eine Gruppe aus Experten für Flugplanung, Service und Umsatz eingesetzt. Sie soll operative Abläufe entwickeln, um geplante und gebuchte Flüge doch durchführen zu können. „Die Situation ist außerordentlich knifflig“, sagte Airline-Chef Hartmut Mehdorn am Mittwoch in Berlin. Sein Unternehmen müsse nun mehr als eine Million Fluggäste einzeln über ihren Abflug- beziehungsweise Ankunftsflughafen informieren. Zudem müsse ein größeres Flugprogramm ausgerechnet in der Sommersaison mit alter Infrastruktur am Flughafen Tegel bewältigt werden. Für Fluggäste ändere sich zunächst nichts, statt vom neuen Flughafen fliege Air Berlin wie gewohnt von Berlin-Tegel. Alle Buchungen blieben bestehen, versicherte er.
Die britische Fluggesellschaft Easyjet will trotz der verschobenen Eröffnung nichts an ihren Flügen ab Berlin ändern. „Wir fliegen wie geplant“, sagte der Deutschland-Geschäftsführer von Easyjet, Thomas Haagensen, am Mittwoch in Berlin. Auch die beiden neuen Verbindungen nach Rhodos und Mykonos ab 24. Juni würden bis zur Eröffnung des neuen Flughafens vom alten, benachbarten Terminal in Schönefeld abgewickelt. Dort hat Easyjet seine deutsche Basis. Was die am Dienstag verkündete Terminabsage Easyjet kosten wird, sei noch unklar, sagte Haagensen: „Dafür ist es noch zu früh.“ Erst müsse man den neuen Termin kennen. „Wir brauchen möglichst bald ein Öffnungsdatum“, fügte er hinzu.
Aber es betrifft auch wesentlich kleinere Unternehmen, nicht nur die Fluggesellschaften, deren Umsatz sich in Milliarden Euro bemisst. Das Berliner Busreise-Unternehmen Haru aus Spandau zum Beispiel. Hans-Jörg Schulze, geschäftsführender Gesellschafter, schaut derzeit jeden Tag auf drei neue Busse der Marke Setra. Sie stehen auf seinem Hof. Gekauft hat er sie, weil sein Unternehmen vom 3. Juni an den Nonstop-Busverkehr mit der Linie BER1 vom Steglitzer Kreisel nach Schönefeld organisieren soll. Rund 700.000 Euro hat der Mittelständler investiert. „Wir errechnen gerade unseren Schaden“, sagt Schulze. Und Haru überlegt zu klagen, genauso wie es die großen Airlines erwägen.
Die Händler am neuen Hauptstadtflughafen Berlin-Brandenburg verlieren durch die verspätete Eröffnung laut Handelsverband jeden Monat insgesamt Umsätze in Millionenhöhe. „Für kleine Betriebe kann das sehr schnell existenziell werden“, sagte Branchensprecher Nils Busch-Petersen am Mittwoch. Rund 150 Läden und Restaurants sollten am 3. Juni eigentlich ihr Geschäft am Willy-Brandt-Flughafen beginnen. Dass der Starttermin so kurzfristig verschoben wurde, sei eine „unglaubliche Zumutung“.
Viele Händler hätten Personal eingestellt und Kredite aufgenommen. „Das kann man nicht einfach schnell rückabwickeln“, sagte Busch-Petersen, der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg. Die Flughafengesellschaft habe aber zugesichert, bei Härtefällen unabhängig von juristischen Fragen einzuspringen. „Sie haben versprochen, dass niemand vor dem Ruin stehen wird.“ Ob die Flughafen-Händler wegen der Verzögerung Ansprüche auf Schadenersatz haben, ist noch nicht klar. Die Bedingungen ihrer Verträge sind bislang nicht genau bekannt.
Auch wenn viele Händler ihre Läden im stadtnahen Flughafen Tegel noch mindestens zwei Monate lang geöffnet ließen, drohten große Einbußen, sagte Busch-Petersen. „Den Umsatz in Tegel und Schönefeld kann man nicht vergleichen.“ Der Flughafen Tegel sei allein durch seine vielen Anbauten für den Einzelhandel unattraktiv, viele Passagiere kämen an den Geschäften überhaupt nicht mehr vorbei. „In Schönefeld hätte man ganz anders wirtschaften können“, sagte der Branchensprecher.
Die Berliner Flughafengesellschaft will nun möglichst schnell einen neuen Termin für die Inbetriebnahme des künftigen Hauptstadtflughafens in Schönefeld festlegen. „Wir hoffen, Anfang nächster Woche den neuen Eröffnungstermin bekanntgeben zu können“, sagte Flughafenchef Rainer Schwarz am Mittwoch beim „Tag des Tourismus 2012“ in Berlin vor Branchenvertretern. Für Montag hat die Flughafengesellschaft zu einer Pressekonferenz eingeladen. Dann soll über die nächsten Schritte informiert werden.
Der neue Termin werde in Abstimmung mit allen beteiligten Firmen gesucht. Einen ungefähren Zeitraum wollte Schwarz nicht nennen. Er sagte aber zu einer möglichen Eröffnung des Flughafens im August, es werde kein Termin gewählt, der vielleicht politisch gewünscht, aber aus technischen Gründen nicht zu halten sein.
In der Luftfahrt- und Tourismusbranche wird der Oktober als realistischer Termin der Inbetriebnahme des neuen Flughafens gehandelt.
dpa/dapd/sei

