Eröffnung in Gefahr

Sorgenliste am Großflughafen BER wächst

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Thomas Fülling und Viktoria Unterreiner

Provisorische Anbauten, Staus beim Einchecken: Am neuen Flughafen sind noch viele Baustellen und die Eröffnung am 3. Juni rückt immer näher.

Es sind noch genau sieben Wochen, dann sollen die ersten Maschinen vom neuen Flughafen Berlin Brandenburg (BER) abheben. Den ersten Passagieren kann es jedoch passieren, dass sie ihre Bordkarte nicht im schicken neuen Terminalgebäude erhalten, sondern in einem unansehnlichen Wellblechcontainer daneben. Gleich zwei solcher Provisorien will die Flughafengesellschaft in den nächsten Wochen errichten lassen, weil bereits jetzt klar ist, dass es nicht genügend Check-in-Schalter in der eigentlichen Abflughalle gibt. Ein Fauxpas wenige Wochen vor der Eröffnung des neuen Flughafens. Damit bestätigten sich Befürchtungen von Luftfahrtexperten wie dem Lufthansa-Manager Thomas Kropp, der schon vor Monaten vor zu geringen Abfertigungskapazitäten am insgesamt 2,5 Milliarden Euro teuren BER-Flughafen eindringlich warnte.

Probebetrieb zeigt Engpässe

Der neue Airport ist eigentlich für 27 Millionen Passagiere im Jahr konzipiert, doch in dem seit Februar laufenden Probebetrieb mit Tausenden Komparsen zeigte sich rasch, dass es offenbar gleich an mehreren Stellen Engpässe gibt, die den Betrieb erheblich stören könnten. So berichteten Teilnehmer am Probelauf von Staus vor und hinter den Schleusen, an denen die Passagiere auf Waffen und gefährliche Gegenstände kontrolliert werden. Vor den sogenannten Kontrolllinien gibt es bereits eine Absperrung mit hüfthohen Glaswänden und kleinen Klapptüren, die sich nur öffnen, wenn die Bordkarten eingelesen wurden.

Mit dieser Vorabkontrolle soll verhindert werden, dass auch Flughafengäste zur Luftsicherheitskontrolle gehen, die gar nicht fliegen wollen. Das ist zwar rechtlich zulässig, würde aber die Schlangen vor den Röntgenautomaten zusätzlich verlängern. Im Probebetrieb stellte sich nun heraus, dass sich auch durch die wegen der Vorkontrollen entstehende Unübersichtlichkeit in der 220 Meter breiten Halle die Fluggäste an einigen Schleusen stauen, während andere Schleusen nicht ausgelastet sind. Zusätzliche Mitarbeiter sollen nun für eine bessere Verteilung der Passagierströme sorgen.

Ganz oben auf der Sorgenliste steht aber der akute Mangel an Check-in-Schaltern. An 104 Countern an acht sogenannten Abfertigungsinseln sollten die Passagiere ihr Gepäck aufgeben und ihre Bordkarte erhalten können. Weil einige Airlines für ihre Vorzugspassagiere besonders üppige Schalter einrichten, hat sich deren Gesamtzahl in der Abflughalle auf inzwischen rund 90 reduziert.

Geplant war zudem eine Durchlasskapazität von 60 Passagieren pro Schalter und Stunde. Im Probebetrieb wurden jedoch im Durchschnitt lediglich 30 Fluggäste pro Schalter abgefertigt. Damit könnte zwar das für die Anfangsphase des BER geplante Aufkommen von rund 3000 Passagieren pro Stunde noch bewältigt werden. Doch schon eine kleine Störung würde diese Rechnung infrage stellen. Als Konsequenz daraus hat sich die Flughafengesellschaft entschlossen, kurzfristig eine zusätzliche Halle mit weiteren 18 Abfertigungsschaltern und sieben Sicherheitsschleusen aufbauen zu lassen. Errichtet werden soll die Leichtbaukonstruktion auf einer freien Fläche zwischen Nordpier und Terminal. Doch auch das reicht nicht. Laut Flughafen-Sprecher Leif Erichsen wird nun auch noch südlich des Terminalgebäudes ein Container mit weiteren neun Abfertigungsschaltern aufgestellt.

Beide Provisorien sollen spätestens im April nächsten Jahres verschwinden, heißt es. Bis dahin sollen die beiden festen Pavillons links und rechts neben dem Terminalgebäude fertig sein. Deren Bau war vor zwei Jahren mit dem größeren Platzbedarf für neuartige Handgepäck-Kontrollgeräte begründet worden. Nun werden aber auch gleich weitere 24 Check-in-Schalter mitgebaut. Dass die beiden Leichtbaukonstruktionen dann wirklich wieder abgebaut werden, wird von vielen Experten jedoch bezweifelt. Zu knapp, so heißt es, seien aus Kostengründen die Kapazitäten im BER-Hauptterminal angesichts des tatsächlichen Bedarfs bemessen.

Wirkliche Entlastung könnten nur die im Bauantrag bereits berücksichtigten und auch genehmigten zwei Satellitengebäude bringen. Sie sind aber eigentlich erst viel später, für die zweite Ausbaustufe des BER, vorgesehen, mit der dessen Kapazität auf 45 Millionen Passagiere im Jahr erhöht werden soll. Die beiden kleineren Terminalgebäude sollen gegenüber der Hauptpier entstehen. Zur Verbindung ist jedoch ein Tunnel erforderlich, der aber bei Anlage des Vorfelds nicht vorsorglich mitgebaut wurde.

„Chaos vermeiden“

Über den Bau zusätzlicher Terminals will in der Flughafengesellschaft zurzeit keiner reden, sie hat andere Sorgen. Muss sie doch alles dafür tun, dass der Willy-Brandt-Airport wie angekündigt am 3. Juni in Betrieb gehen kann. Eine nochmalige Verschiebung der ursprünglich für den 30. Oktober 2011 vorgesehenen Eröffnung sei „undenkbar“, heißt es. Doch der Zeitplan ist mehr als ambitioniert. Insgesamt sollen die Bauarbeiten angeblich „um mehrere Wochen zurückliegen“, sagte ein Bau-Verantwortlicher, der nicht bei der Flughafengesellschaft angestellt ist. Er geht nicht davon aus, dass die Arbeiten zum offiziellen Eröffnungsfest, das eine Woche vor Inbetriebnahme am 24. Mai stattfindet, abgeschlossen sein werden.

Die Betreiber des Flughafens wiegeln jedoch ab. „Die Bauarbeiten sind auf einem guten Weg“, sagt Flughafen-Sprecher Leif Erichsen. Klar sei aber: „Der Endspurt verlangt allen Beteiligten viel ab.“

Flughafenexperte Sebastian Kummer von der Universität Wien warnt allerdings davor, den nachträglichen Anbau der Check-in-Schalter überzubewerten. „Im Check-in-Bereich ist es für den Flughafenbetreiber extrem schwierig, das Verhalten der Passagiere vorherzusehen“, sagt Kummer. „Wenn jetzt nachträglich weitere Schalter aufgestellt werden, kann das tatsächlich eine reine Vorsichtsmaßnahme sein, um ein Chaos in den ersten Wochen zu vermeiden.“

Mehr über den neuen Flughafen BER erfahren Sie hier in unserem Special.