Wir sind eine traditionsbewusste Familie. Im Herbst gibt es Kürbissuppe, wir schauen, was die Motten von den eingelagerten Tweedklamotten übrig gelassen haben, und fegen gespannt das Laub: Was mag unter den Blättern verborgen liegen? Aufs Erntedankfest verzichten wir dagegen, da unsere Gemüse- und Kräuterzucht auf dem Balkon keinerlei Anlass zur Dankbarkeit bietet. Herbst ist wie Weihnachten – alles läuft immer gleich ab. Leider auch im Bildungssystem.

Vor 17 Jahren, als unser Großer seinen ersten Herbst in einer Kinderaufbewahrungsanstalt zubrachte, brachten wir das erste Oktoberritual hinter uns: Kastanien sammeln, Blätter sammeln und Was-sonst-noch-so-rumliegt-sammeln. Traumatische Erinnerungen an die eigene Kindheit: Kurz nach dem Krieg hatten wir uns die Oktober mit Sammeln vertrieben. Nur fehlte damals dieser Kirchentagsblick. Wir klaubten halt Blätter auf. Wenn Großstädter heute buntes Herbstlaub sehen, werden sie umgehend von Natur-Gefühlen ergriffen, fangen an zu meditieren und bestellen was mit Filz aus dem Manufaktum-Katalog.

In unserem ersten Herbst mit Kind und Kita waren wir noch sehr gerührt, wie die Erzieherinnen die bunten Blättern auf ein Blatt Papier klebten, während die Kinder sich über das Fernsehprogramm austauschten. Stolz hängten wir das Herbstbild in die Küche, wo es sich den Winter über im Dampf der Kürbissuppe in Kreativkompost verwandelte. Zu den Blättern kamen die Kastanien. Wegen der Verletzungsgefahr erledigte das pädagogische Personal das Anbohren der Volksparkfrüchte, weshalb die Kinder nicht basteln lernten, sondern zugucken. Die Stelzen aus ökologisch unbedenklichen Zahnstochern hielten dennoch nicht. Daher trieben wir uns den Winter über die spitzen Hölzer unter die Fingernägel, damit die braunen Kleinmonster unter dem Blätterbild stehen blieben. Bis heute rätseln wir, ob es Maden oder Würmer waren, die aus den Kastanien krochen. Zusammen mit dem gammelnden Blätterbild ergab sich jedenfalls ein hübsches Biotop, das wir mit Rücksicht auf die zarte Kinderseele erst im März entsorgten.

Nun gehen wir in die 18. Saison Herbstmüll. Unsere Naturbegeisterung hat nachgelassen. Biobilder hängen wir nicht mehr auf, sondern lassen sie gleich aus der Schultasche in die braune Tonne gleiten. Den Kindern ist das wurscht; sie haben die Bilder nur gemacht, weil sie glaubten, die Erwachsenen freuten sich darüber, was wiederum extra Computerzeit bedeuten könnte. Herbstbilder beruhen auf einem Missverständnis: Kinder langweilen sich, Eltern wissen nicht wohin damit, alle wären glücklich, wenn die Kleinen was Zeitgemäßes im Kunstunterricht versuchten, Greg-Zeichnen zum Beispiel oder Graffiti skizzieren.

Andererseits wollen wir die sensiblen Pädagogenseelen nicht überfordern. Wenn Lehrer so viel Erfüllung in Herbstkunst finden, tun wir eben so, als fänden wir ebenfalls Gefallen daran. Sind ja nur noch acht Jahre.