Essen und Genuss

Warum Mahlzeiten ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen

Warum spricht es sich beim Essen so gut? Anthropologe Christoph Wulf über den Mund als besonderes Organ und über berühmte Tischrunden

Prof. Dr. Christoph Wulf ist Anthropologe

Prof. Dr. Christoph Wulf ist Anthropologe

Foto: Privat

Welche Rolle spielen Tischrunden beim Menschen? Warum spricht es sich beim Essen so gut? An welche Traditionen knüpfen die heute so beliebten Supper Clubs an? Darüber sprachen wir mit Prof. Dr. Christoph Wulf, Professor für Anthropologie und Erziehung an der FU Berlin. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Ritualforschung und die interkulturelle Erziehung.

Herr Prof. Dr. Wulf, das gemeinsame Essen hat beim Menschen einen hohen Wert und wird in Familien genauso gepflegt wie bei Treffen hochrangiger Politiker und Diplomaten. Worin liegt die Magie?

Christoph Wulf: Zunächst einmal: Essen verbindet Menschen. Wenn man zusammensitzt und gemeinsam isst, erzeugt das ein Gemeinschaftsgefühl und Wohlbefinden. Wir haben bei Forschungen in Deutschland und Japan herausgefunden, dass die Mahlzeiten für den Familienzusammenhalt sehr wichtig sind. Die ständige Wiederholung des gemeinsamen Essens sorgt für Kontinuität. Manche Mahlzeiten wie das Weihnachtsessen in Deutschland haben einen geradezu rituellen Charakter. Ähnlich ist es mit dem Neujahrsfest in Japan, auch wenn es da andere Symbole gibt. Die französische Praxis der „repas familial“ wurde von der UNESCO sogar ins kulturelle Welterbe aufgenommen. Das unterstreicht die hohe Bedeutung.

Wird denn überall auf der Welt ähnlich gegessen?

Nein, das nicht. In Japan sitzt man auf dem Boden, in Deutschland auf einem individuell zugewiesenen Stuhl. In Indien benutzt man die Hände, anderswo Messer und Gabel oder Stäbchen. Aber das Entscheidende ist immer das Essen. Es ist für alle Menschen überlebenswichtig. Anthropologisch gesehen ist Essen eine conditio humana, eine Bedingung des Lebens. Und, ganz wichtig: Essen erzeugt Nähe zwischen den Menschen.

Wie passiert das genau?

Der Mund spielt dabei eine entscheidende Rolle. Er ist mehr als ein bloßer Ort der Nahrungsaufnahme. Er ist ein zentrales, intimes Organ des Menschen. Zunächst saugen wir mit ihm die Muttermilch ein, später lernen wir mit ihm zu sprechen, zu kommunizieren. Wir küssen mit unserem Mund und nehmen mit ihm Geschmack wahr. Und Geschmack ist auch im übertragenen Sinn wichtig. In der Kunst etwa spricht man ja auch von „gutem Geschmack“. Aber nicht nur das Essen, auch die Herstellung der Mahlzeit ist beachtenswert.

Inwiefern?

Die Zubereitung einer Mahlzeit verbindet, so wie es auch das Essen tut. Wenn dies gemeinschaftlich geschieht, kann sich jeder einbringen. Aus individuellen Erfahrungen entsteht dann ein ganz besonderes kollektives Produkt. Das Kochen hat auch eine ästhetische Seite. Es ist eine Kunst wie das Malen oder Musizieren.

Wie erklären Sie sich, dass das Kochen und gemeinsame Essen so angesagt ist, sei es in Kochsendungen oder in Supper Clubs?

Ein Aspekt neben den bereits genannten ist, dass es Zeit kostet. Und damit stellt es einen Gegensatz dar zu der Beschleunigung und Hektik im Alltag. Kochen und Essen ist eine Auszeit. Man sorgt für sich – und man nimmt aufeinander Rücksicht. Erst wenn alle fertig gegessen haben, ist Zeit für den nächsten Gang. Wenn ein Essen gut läuft, kann man in einen richtigen Flow kommen, einen Fluss positiver Emotionen. Dazu tragen die orale Befriedigung durch das Essen und die positive Stimmung bei, die sich bei einer entspannten Tischrunde ergeben können.

Gibt es denn Themen, die man besser aussparen sollte, um die Stimmung nicht zu killen?

Man darf nicht gleich zu nah an den anderen herantreten. Man spricht also lieber über das Wetter anstatt über die Flüchtlingskrise. Dabei ist das Sprechen über Banalitäten nur scheinbar banal. Das Sprechen ist ein Abtasten. Man kann sich seinem Gesprächspartner dabei nähern und langsam zu ernsteren Themen kommen. Die Nähe, die das Essen erzeugt, kann dabei helfen. Nicht umsonst haben bei Gipfeltreffen Bankette eine so wichtige Funktion.

Das gemeinschaftliche Tafeln ist ja eine Tradition, die lange zurückreicht, wenn man an die Griechen und Römer denkt.

Oh ja. Schon die Griechen haben um den Wert des Gelages gewusst. Der griechische Philosoph Platon verfasste das Werk „Symposion“, das schildert, wie man zusammen liegt und isst und dabei die Gedanken kommen. Das gemeinsame Tafeln gab es natürlich auch bei den Römern und den sagenhaften Rittern der Tafelrunde. Mit dem Kaiser zu essen – das war eine Auszeichnung, bei der die Fürsten eine ganz bestimmte Funktion hatten.

Heute gibt es Supper Clubs mit ganz verschiedenen Ausrichtungen. Mal trifft sich die Nachbarschaft, mal verabreden sich Traveller oder Gourmets. Es gibt auch Dinnerclubs, um Menschen zu verkuppeln. Sehen Sie da Gemeinsamkeiten?

Es geht immer um Gemeinschaft. Vielleicht manchmal auch um eine Art Ersatzfamilie. Das Essen ist eine gute Gelegenheit, bei der Individuen ein Kollektiv bilden können. Und was das „Verkuppeln“ angeht: Eine Mahlzeit ist ja eine ganz typische Form der Beziehungsanbahnung. Beim ersten Date verabredet man sich gern in einem Restaurant. Zusammen zu essen erzeugt Nähe, entscheidet aber noch nicht über den weiteren Verlauf des Treffens.

Gibt es eigentlich ein Land, in dem die Kultur des gemeinsamen Essens besonders ausgeprägt ist?

In Europa ist das auf jeden Fall Frankreich. Da kann ein Essen auch mal fünf Stunden dauern und entsprechend viel kosten. Bei so einem Essen nimmt man nicht einfach nur Nahrung auf. Da zelebriert man das Leben. In China ist der gemeinschaftliche Aspekt sehr ausgeprägt. Wenn man dort zu fünft essen geht, bestellt man mehrere Gerichte und jeder nimmt von jedem etwas. Das verbindet.

Und was ist mit Deutschland?

Früher hat man bei uns in Bauernfamilien auch aus einem Topf gegessen. Das ist aber verloren gegangen in einer Gesellschaft, die kompetitiv und individualistisch ausgerichtet ist. Man sieht hierzulande das Essen eher funktional. Das Ergebnis ist dann Fast Food. Ein Supper Club dagegen, der betrachtet Essen als ein Stück Kultur.

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