Familie

Wenn Mama Depressionen hat

Kinderschutz-Koordinatorin Simone Matthe setzt sich in Pankow dafür ein, dass Hilfsinstitutionen besser zusammenarbeiten

Jedes Kind braucht Halt durch einen Erwachsenen

Jedes Kind braucht Halt durch einen Erwachsenen

Foto: iStock / Nata_Snow / iStock

Simone Matthe ist Sozialpädagogin und arbeitet als Kinderschutz-Koordinatorin im Jugendamt Pankow. Sie hat die „AG Kinder psychisch kranker Eltern in Pankow“ mit initiiert. Ziel der Arbeitsgemeinschaft ist es, wirksame Hilfen für betroffene Familien zu entwickeln – durch eine systemübergreifende Zusammenarbeit der Institutionen. Wir sprachen mit ihr über die besonderen Bedürfnisse von Familien mit einem psychisch erkrankten Elternteil und was es braucht, damit die Eltern wie die Kinder die notwendige und passende Unterstützung finden.

Frau Matthe, was war der Impuls für die AG Kinder psychisch kranker Eltern in Pankow?

Simone Matthe: Bei psychisch Kranken wird oft vergessen, dass sie auch Kinder haben. Das Hilfesystem hat den Blick auf die Gesundung der Erwachsenen, die Bedürfnisse der Kinder werden häufig nicht wahrgenommen.

Wenn man nach dem Internetauftritt geht, scheint das Jugendamt Pankow mehr für solche Kinder zu tun als andere Bezirke...

Natürlich gibt es auch in anderen Bezirken Kooperationsvereinbarungen mit dem Bereich der Erwachsenenpsychiatrie oder dem sozialpsychiatrischen Dienst. Uns war aber eine zusätzliche Arbeitsgruppe wichtig, die alle Beteiligten zusammenbringt und die Prozesse im Bezirk anschiebt. Die Betroffenen sollen uns auch finden, deshalb der Internetauftritt der AG.

Sie haben einen Wegweiser für alle Hilfsangebote zusammengestellt. Für wen ist er gedacht?

Unser Wegweiser zeigt den Familien, wo man Hilfe finden kann. Aber er ist auch ein Wegweiser für Fachkräfte, also für Lehrer, Erzieher, Ärzte usw. Hier muss noch sehr viel sensibilisiert werden, damit die Kinder besser wahrgenommen werden und die Erziehungsfähigkeit der Eltern nicht sofort in Frage gestellt wird.

Passiert das denn oft?

Wir erleben häufig, dass die betroffenen Eltern und ihre Kinder keine Lobby haben. Psychische Erkrankungen machen Angst. Entweder fallen die Kinder nicht auf, weil sie sich zurückziehen. Oder sie reagieren mit Auffälligkeiten. Dann glaubt man sofort, die Symptome bekämpfen zu müssen. Dem System Familie wird dabei zu wenig Beachtung geschenkt. Schnelle Lösungen werden gefordert. Aber die gibt es nicht in diesem Themenfeld.

Wie sieht denn eine tragfähige Lösung aus?

Der erste Schritt ist, die Kinder so anzunehmen, wie sie sind, ihnen zuzuhören. Hier gibt es leider noch zu wenig niedrigschwellige Hilfe. Aber auch Lehrer und Erzieher, die nicht von Angst oder Unsicherheit geleitet sind, können stabile Anker für ein Kind sein.

Welche Hilfsangebote gibt es konkret?

Da ist zum einen die sogenannte Frühe Hilfe. Sie läuft ohne Antrag. Es gibt ein Budget, die Finanzierung ist gesichert und die Zugänge sind niedrigschwellig. Danach muss man Anträge stellen und die Finanzierung ist komplizierter. Leider gibt es aber noch ein anderes Problem. Die verschiedenen Hilfen arbeiten nicht oder zu wenig zusammen. Die Erwachsenenhilfe wird aus anderen Töpfen finanziert als die Jugendhilfe. Wenn ein stationärer Aufenthalt der Eltern notwendig ist, wird der Aufenthalt der Kinder in der Klinik nicht mitfinanziert. Wenn die Mütter sich nicht von den Kindern trennen wollen, scheitert die Behandlung. Hier wären die Krankenkassen gefragt.

„Kleine Kinder brauchen Wurzeln, große Kinder brauchen Flügel“ ist Ihr Leitspruch. Was genau ist damit gemeint?

Babys brauchen Zuwendung, Berührung und Blickkontakt. Das ist bei psychisch kranken Müttern oft ein Problem, der Bindungsaufbau wird gestört. Wir wollen dafür sorgen, dass das Kind trotzdem Wurzeln bilden kann. Um dann Resilienz zu erwerben, Selbständigkeit zu erlangen und schließlich eigene Wege zu gehen, auch mit einem kranken Elternteil.

Wie gelingt der Spagat zwischen Kindeswohl und Elternrecht?

Wir müssen jeden Einzelfall betrachten. Wenn man sich Hilfeverläufe anschaut, sieht man oft, dass um ein Kind zu viele Schleifen gedreht werden. Deshalb müssen wir uns immer wieder fragen: Was ist jetzt für das Wohl des Kindes wichtig? Was muss getan werden, dass die Familie zusammen gut leben kann? Welche Hilfe ist geeignet? Ist sie auch machbar oder verschiebt man damit nur eine Entscheidung auf später? Denn Kinder können auch Schaden nehmen.

Welche Hürden gibt es ganz konkret bei einem solchen Prozess?

Alles steht und fällt mit der Krankheitseinsicht des betroffenen Elternteils. Ist keine Krankheitseinsicht da, kann, je nach Störungsbild der Eltern, die Situation des Kindes so schwierig sein, dass man sich für eine Unterbringung entscheidet. Aber selbst dann versuchen wir, so mit den Eltern zu arbeiten, dass sie lernen, diese Hilfe zuzulassen. Wir versuchen, die Eltern in die stationären Angebote für Kinder mit einzubinden. Sie sollen wissen, dass für die Kinder gut gesorgt wird und dass ihre Wurzeln nicht verloren gehen.

Es gibt Kritiker, die beklagen, dass in Deutschland das Recht auf Herkunft stärker bewertet wird als das Kindeswohl. Was sagen Sie dazu?

Ich bin sehr dafür, dass die Rechte der Kinder im Grundgesetz festgeschrieben werden. Aber nicht mit der Folge, dass sie schneller aus den Familien genommen werden. Wir hatten kürzlich einen Workshop zur Erziehungsfähigkeit von Eltern mit dem Titel: „Ver-rückt und verantwortungsvoll“. Die Erkrankung per se heißt nicht, dass Eltern nicht in der Lage sind, ihr Kind zu erziehen.

„Verrückt“ als positive Umwertung?

Ja, aber nicht „verrückt“, sondern etwas ist ver-rückt. Wir meinen das wohlwollender. Die Anmeldezahlen bei den Workshops zeigen uns, dass eine große Bereitschaft bei Fachkräften da ist, das Thema anzugehen. Und auf Bundesebene gibt es seit kurzem eine interministerielle Arbeitsgruppe, die die Schnittstellenproblematik lösen möchte. Alle müssen sich stark machen, nicht nur einzelne Dienststellen.

Was erhoffen Sie sich von der bundesweiten AG?

Ein Heraustreten der Familien aus dem Dunkel und eine Lobby. Hilfen sollen schneller ankommen und nicht an den Schnittstellen zwischen Jugendhilfe, Sozialhilfe, Psychiatrie und Krankenkasse scheitern. Kurzfristige Projekte sollen in längerfristige Angebote umgewandelt werden. Ich wünsche mir ein grundlegendes Verständnis dafür, dass es Hilfe für die Familie nur als Ganzes geben kann. Wenn die verschiedenen Bereiche zusammenarbeiten, entstehen neue Kooperationen. Die Systeme ticken unterschiedlich, deshalb müssen wir miteinander reden.

Berühren Sie die Schicksale?

Als Kinderschutz-Koordinatorin bin ich nicht mehr in der Fallarbeit. Ich habe aber 25 Jahre im sozialpädagogischen Dienst gearbeitet. Aus dieser Zeit weiß ich, wie wichtig es ist, nicht alleine dazustehen in der Gestaltung des Hilfe-Settings. Denn die Betreuung von Familien kann auch ganz schön „irre machen“ und einen mächtig mitnehmen.

Was ist besonders belastend?

Familie, Kita, Schule kommen mit einem großen Druck ins Jugendamt. Wir haben die Aufgabe, die Situation zu beruhigen. Gleichzeitig müssen wir alles verstehen und für die Beteiligten übersetzen. Das ist schwierig. Da hilft nur ein guter Background und kollegiale Beratung. Das heißt aber nicht, dass immer alles gelingt. Ich habe einmal eine Familie betreut, bei der die Sozialarbeiter regelmäßig wechselten, weil sie die Aufgabe so erschöpft hat. Die Einflussnahme gelang einfach nicht mehr.

Ist so etwas ein Einzelfall? Man hört in letzter Zeit sehr viel von Überlastung im Jugendamt.

Die vergangenen Jahre waren halt geprägt von Sparsamkeit. Nun kommt die Überalterung dazu und als neue Problematik der Fachkräftemangel. Es ist eine Herausforderung, im Jugendamt zu arbeiten. Und die Bezahlung ist nicht besonders attraktiv.

Was können wir alle beitragen, um den betroffenen Kindern zu helfen?

Die Kinder leben oft in Isolation. Wir müssen sie aus dem Tabu herauslocken. Wenn Sie als Verwandter oder Nachbar Kontakt haben, sollten Sie versuchen, als Anker für die Kinder da zu sein. Ich empfehle: Werten Sie die Eltern nicht ab, helfen Sie, Ängste abzubauen und Hilfsangebote anzunehmen. Auf keinen Fall sollte man überreagieren. Die Forschung sagt, Kinder haben eine bessere Resilienz, wenn sie neben der Familie Menschen haben, die als Korrektiv wirken. Die verlässlich sind, Zeit mit ihnen verbringen. Daraus speist sich auch das Patenschaftsmodell.

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