Familie

Hilfe für Kinder psychisch kranker Eltern

Jedes Kind braucht stabile Beziehungen. Psychisch erkrankte Eltern können sie oft nicht bieten. Doch es gibt Unterstützung

Gemeinsam stärker: Ehrenamtliche Paten unterstützen die Kinder. Ein Projekt des Charlottenburger Vereins AMSOC

Gemeinsam stärker: Ehrenamtliche Paten unterstützen die Kinder. Ein Projekt des Charlottenburger Vereins AMSOC

Foto: Foto: David von Becker / BM

Wir sitzen im Innenhof einer kroatischen Ferienanlage und frühstücken im Schatten einer Linde, als der Irrsinn die Urlaubsidylle stört. Ein Auto fährt auf den Parkplatz, eine junge Frau steigt aus und kommt zielstrebig auf uns zu. "Hallo", sagt sie, "ich bin die Caro* aus Oberösterreich, wir bleiben eine Woche. Wo kommt ihr her?" Sie schüttelt jedem einzelnen von uns, vier Erwachsenen und vier Kindern, die Hand und stellt eine Flasche Wein auf den Tisch: "Ein Willkommensgeschenk, weil ihr so nett seid." Zur vierjährigen Tochter unserer Freunde sagt sie unvermittelt: "Du bist wunderschön!" Die findet das so gruselig, dass sie davonrennt. Im Hintergrund sehen wir einen Mann, der einige Koffer aus dem Auto lädt. Er vermeidet es, zu uns zu schauen. Fast hätten wir den kleinen Jungen übersehen, der an das Auto gelehnt die Szene beobachtet und schnell den Kopf senkt, als er unsere Blicke spürt.

Zur Siesta nähert sich die junge Frau wieder unserer Terrasse. Diesmal mit dem Jungen, er ist ungefähr vier Jahre alt und trägt sein Basecap tief im Gesicht. Sie fordert ihn auf, uns zu begrüßen. Weil er zögert, schreit sie ihn an: "Sei brav zu Mama, ich bin auch immer lieb!" Aus einem Korb holt sie Stifte und Ausmalbücher. Sie setzt sich einfach an unseren Tisch und beginnt auszumalen. Der Junge spielt stumm mit einem Bagger. Der Mann der Frau lässt sich nicht blicken. Unsere Kinder und Männer ziehen sich auch zurück. Wir Frauen bleiben allein im Innenhof, der jetzt wie verwandelt wirkt, öde, der blaue Himmel düster und der stachelige Busch neben der Terrasse feindselig. In der Nacht weckt uns lautes Geschrei. Am nächsten Morgen reist die Familie ohne Abschied ab. Wir sind erleichtert, nur die Heiterkeit scheint dahin.

Das Kind tut uns leid. Wenn ein Tag ausgereicht hatte, uns in eine düstere Stimmung zu versetzen, wie muss es da erst dem Kind gehen, das Tag und Nacht mit dieser Mutter zusammen ist? Einige Anzeichen sprechen dafür, dass die junge Frau an der Persönlichkeitsstörung Borderline litt: das distanzlose Verhalten, die Fehleinschätzung der Situation, die Impulsivität. Wie kann man Familien helfen, in denen ein Elternteil von einer psychischen Erkrankung betroffen ist? Was brauchen die Eltern – und was die Kinder?

Angst, die Kinder zu verlieren

Psychotherapeutin Marietta Voss-Kemmerling ist täglich mit diesen Fragen konfrontiert. Zusammen mit ihrer Kollegin, der Sozialpädagogin Dagmar Kamps, bildet sie ein Team im Jugendhilfe-Verein Thessa in der Gropiusstadt, das Kinder psychisch erkrankter Eltern berät und betreut. Ziel ist es, die Familien so zu unterstützen, dass die Kinder im Familienverband bleiben können. Denn die Angst der Eltern, dass ihnen die Kinder weggenommen werden, verhindert vielfach die Therapie und die Annahme von Hilfsangeboten.

Das Gros der Klientel sind Kinder alleinerziehender Mütter. Manche Mütter sind depressiv, andere leiden an einer Persönlichkeitsstörung, an einer Psychose oder sie sind suchtkrank. Die Folgen: Der Haushalt wird vernachlässigt, der Kontakt zur Familie und zu Freunden bricht ab, die Kommunikation mit den Kindern ist gestört. Die Partner haben die Frauen verlassen, weil sie die Krankheit nicht mehr ausgehalten haben – oder die Krankheit ist ausgebrochen, weil die Frauen verlassen wurden.

Und die Kinder? Die Kinder bleiben. Weil die Scham groß ist, tendieren sie dazu, nach außen den Schein zu wahren und selbst Verantwortung zu übernehmen. Man nennt das Parentifizierung: Die Kinder tun das, was eigentlich Aufgabe der Erwachsenen ist. Dazu kommen Schuldgefühle. Viele Kinder glauben, der kranken Mutter oder dem kranken Vater gehe es schlecht, weil sie etwas falsch machen, sich zu wenig kümmern. "Kinder mit Borderline-Müttern haben es besonders schwer", sagt Marietta Voss-Kemmerling. "Die Krankheit ist immer da. Sie kommt nicht in Schüben wie Depressionen oder Psychosen. Die Kinder wissen nie, wie die Mutter reagiert, sie leben permanent in Anspannung."

Aufklärung schafft Erleichterung im Alltag

"Alle sagten, meine Mutter sei komisch", erzählt die heute 40-jährige Claudia. "Sie hat tagelang nicht geredet, blieb einfach im Bett oder weinte stundenlang. Mit 14 wurde ich selbst komisch. Ich habe mich in mein Zimmer eingeschlossen und die Wände mit Lebensweisheiten und Bibelsprüchen tapeziert. Ich zog mir alte Pullover und ein viel zu großes Sakko meines Vaters an. Alles, was nett oder niedlich an mir war, wollte ich abtöten, weil ich es für oberflächlich hielt."

Claudias Rettung: Ihre Mutter machte eine Therapie, und als Claudia sie in der Klinik besuchte, nahm ein Arzt sich die Zeit, der Tochter die Krankheit der Mutter zu erklären. Darüber fand Claudia wieder zu sich selbst. "Aber geredet hat der Arzt nur mit mir, weil er dachte, ich sei selbst depressiv", meint Claudia heute.

Tatsächlich werden Kinder erst heute als Angehörige wirklich ernst genommen. Auch, weil man erkannt hat, dass das Schweigen über die Krankheit kein Schutz für den Nachwuchs ist, sondern das Gegenteil bewirken kann. Fakt ist: Kinder von Eltern, die psychisch erkrankt sind, haben ein höheres Risiko, selbst zu erkranken. Es gibt eine genetische Disposition, aber auch psychosoziale Faktoren spielen eine große Rolle.

Umso wichtiger ist es, dass es Menschen gibt, die helfen, die Krankheit abzufedern. Wer Marietta Voss-Kemmerling und Dagmar Kamp vom Jugendhilfe-Verein Thessa zwischen den Hochhäusern der Gropiussiedlung besucht, sieht schon von Weitem, worauf sie bauen: Resilienz. Der Begriff schmückt in großen bunten Buchstaben ein Fenster des Bungalows, in dem sich die Therapeutinnen mit den Kindern treffen.

Sich ein dickes Fell zulegen

Resilienz: Das bedeutet psychische Widerstandskraft. Die Kinder sollen so gestärkt werden, dass sie allen Widrigkeiten zum Trotz normale Entwicklungsprozesse durchleben können. Man könnte vielleicht auch sagen: ein "dickes Fell" aneignen. Für Kinder psychisch kranker Eltern ist ein dickes Fell überlebensnotwendig.

Dazu gehört zunächst einmal das, was man früher den Kindern verwehrt hat: eine gute, altersgerechte Aufklärung. Zum Beispiel mithilfe von Bilderbüchern. "Papa hat Schnupfen in der Seele" ist der Titel eines Kinderbuchs für Sechsjährige, das Depressionen anschaulich erklärt. Das Wissen über die Krankheit ist ein Faktor, der Resilienz bildet. "Was Kinder sich in ihrer Fantasie vorstellen, ist oft viel schlimmer als die Realität", sagt Sozialpädagogin Dagmar Kamp. Auch mit den Eltern sprechen die Helferinnen "ganz normal" über die Krankheit.

Das Tabu brechen: Das ist ein Prozess, der in den vergangenen Jahrzehnten die gesamte Gesellschaft erfasst hat und bis zu einem gewissen Grad – bei Depressionen etwa – auch gelungen ist. Dennoch gibt es auch hier immer noch Aufklärungs- und Verbesserungsbedarf. Als Beispiel nennt das Jugendhilfe-Team die festen Bringzeiten in Kitas. Wenn eine depressive Mutter diese nicht einhalten könne, bringe sie häufig ihr Kind gar nicht mehr in die Kita. Für das Kind sei es aber besser, wenigstens für kurze Zeit in der Kita zu sein. Hier wünschen sich Dagmar Kamp und Marietta Voss-Kemmerling mehr Verständnis für die Krankheit und flexible Lösungen. Deshalb umfasst ihr Aufgabenbereich auch die Weiterbildung von Fachkräften. In jeder Kita und jeder Schule sollte ein Ansprechpartner für psychische Krankheiten sitzen, so das hochgesteckte Ziel.

Ein Stück Normalität erleben

Die Kinder treffen sich einmal in der Woche zur "Resi-Gruppe". Sie soll ihnen helfen, ihr Selbst zu stärken und Netzwerke zu bilden. Wenn es einem Kind nicht gut geht, sprechen die Therapeutinnen über die Probleme zuhause. Die Kinder allerdings nutzen das Zusammensein lieber, um sich abzulenken, Spaß zu haben, ein Stück Normalität zu leben. Denn genau das ist es, was sie in der Familie nicht haben. Normalität sei, so die Expertinnen, wichtig für Resilienz. Ein weiterer wichtiger Schutzfaktor sei mindestens eine stabile, emotionale Beziehung zu einem Erwachsenen.

Der achtjährige Leo hat diesbezüglich Glück. Mit seiner Mutter hätte er keinen Wanderurlaub in den Südtiroler Bergen verbringen können. Die Idee für den Urlaub kam von seinen Paten, Peter und Christoph. Mit dabei: zwei weitere Patenkinder, im Unterschied zu Leo Kinder von alten Freunden. Von außen betrachtet sehen die fünf wie eine richtige Regenbogenfamilie aus. Die drei Kinder verstehen sich gut.

Leo ist das erste Mal für längere Zeit von seiner Mutter getrennt. Sie ist zur Therapie in einer Klinik. Aber das weiß Leo nicht, denn seine Mutter traut ihm nicht zu, die Wahrheit zu ertragen. Sie leidet an Depressionen. Das Verhältnis zu ihrem Sohn ist innig und liebevoll, aber die Krankheit fordert ihren Raum. Viel Platz für Unternehmungen oder gar Urlaub bleibt da nicht.

Ehrenamtliche Paten geben Halt

Peter und Christoph, beide um die 40 und mitten im Berufsleben, bieten Leo genau das, was die Resilienzforschung fordert: eine verlässliche Beziehung und ein Stück normales Kinderleben. Einmal pro Woche eine Unternehmung, einmal pro Monat eine Übernachtung. Dazu die Möglichkeit, in Krisensituationen das Kind für eine begrenzte Zeit aufzunehmen.

Die Patenschaft ist ehrenamtlich. Sie ist eine Initiative von AMSOC, einem Charlottenburger Jugendhilfeträger, der Kinder psychisch erkrankter Eltern unterstützt. Ziel ist es, die Kinder zu begleiten, bis sie 18 Jahre alt sind.

Peter und Christoph leben seit Jahren in einer Beziehung. Der Wunsch nach Kindern war da, das Modell Regenbogenfamilie mit einem befreundeten lesbischen Paar scheiterte, der Mut zum Pflegekind fehlte. Da fiel Peter die Plakataktion von AMSOC ins Auge. Die beiden besuchten ein erstes Treffen und erfuhren, dass gerade schwule Paare bei Müttern als Paten sehr beliebt sind, vielleicht, weil sie diese weniger als Konkurrenten sehen.

Sozialpädagogin Angela Kern koordiniert das Patenschaftsprojekt. Zukünftige Paten sollten bereit sein, eine Beziehung einzugehen und den eigenen Lebenslauf zu reflektieren, sagt sie. Berufliche Veränderungen mit Ortswechsel passen nicht ins Konzept, genügend Zeit und räumliche Nähe zum Patenkind spielen auch aus praktischen Gründen eine Rolle. Bei Schulungen lernen die Patenschafts-Anwärter Krankheitsbilder kennen und bekommen Einblicke in Pädagogik und Kinderpsychologie. Ein eigenes Modul beschäftigt sich mit Prävention von sexuellem Missbrauch zum Schutz von Kindern und Paten.

Die Beziehung muss viel aushalten

"Wir mochten uns gleich", sagt Peter über Leos Mutter. Die Beziehung ist gut – obwohl sie viel aushalten muss. Denn der Kontrast ihres Alltags zur Lebenswelt der Mutter ist hart. Die Paten wohnen in einer großzügigen, hellen Wohnung. Sie sind sogar umgezogen, damit Leo ein eigenes Zimmer zum Übernachten hat. "Wir spielen viel Musik, lachen, toben. Wenn wir Leo abgeben, kommt er in eine düstere, stille Zweiraumwohnung. Die Mutter weint viel und belastet das Kind mit ihren Erwachsenenproblemen. Da möchte man am liebsten umkehren und es wieder mitnehmen."

"Paten müssen sich gut abgrenzen können", sagt Angela Kern. Regelmäßige Treffen mit Supervision helfen dabei. "Auch wenn die Paten den Eindruck haben, bessere Entscheidungen für das Kind treffen zu können, sind sie nicht die Eltern. Sie dürfen die Eltern nicht bevormunden oder gar abwerten", so die Sozialpädagogin.

Peter und Christoph kribbelt es, wenn sie sehen, wie aufnahmebereit Leo ist, sie aber seine schulische Zukunft nicht bestimmen dürfen. Dafür ist ihr Leben mit Leo um einiges reicher geworden. Das Geben und Nehmen ist nicht nur ein Spruch. Sie genießen die Unternehmungen und sind stolz auf das Netzwerk aus Freunden und Gleichaltrigen, das sie Leo bieten können.

Ohne Krankheitseinsicht geht nur wenig

Eine Voraussetzung für Patenschaften wie für die Gruppenangebote vom Jugendhilfeverein Thessa gibt es: Die Eltern müssen mitmachen, eine Diagnose soll vorliegen und sie müssen krankheitseinsichtig sein. Was passiert, wenn das nicht so ist, erzählt der Fall von Lara, heute acht Jahre alt.

Laras Mutter gibt zwar zu, einmal Cannabis-abhängig gewesen zu sein. Nun jedoch sei sie seit Jahren clean. Dennoch habe sich die ganze Welt gegen sie verschworen. Warum das Jugendamt eine Inobhutnahme beantragt hat, versteht sie nicht. Dass das Kind mehrfach wochenlang die Schule schwänzte, erklärt sie mit seinen Krankheiten. Sie selbst war regelmäßig bei der Polizei, weil sie sich von Fremden bedroht fühlte und Nachbarn verdächtigte, Gift in ihre Wohnung zu leiten. Außerdem brachte sie das Kind wöchentlich zur Notaufnahme, weil sie dessen Blutwerte untersuchen lassen wollte. Mehrfach hat sie versucht, dem Kind selbst Blut und Gewebeproben abzunehmen, einmal beinahe einen Finger amputiert.

Was die Mutter nicht versteht, ist für die kleine Lara umso schwerer zu fassen. Als sie in eine neue Pflegefamilie kommt, bittet sie um einen Schlüssel für ihr Zimmer. Anschließend stopft sie das Fenster mit Kissen aus und baut sich mit der Bettdecke ein Zelt zum Schlafen. Das Kind hat Angst, Fremde könnten es holen und vergiften.

Die Auswirkungen von schweren psychischen Störungen können verheerend für die Kinder sein. Allerdings sind sie nicht immer so offensichtlich wie in Laras Fall. Über Kindeswohlgefährdung entscheiden Richter und Gutachter. Sie müssen genau abwägen, was dem Kind mehr schadet: der Verbleib in der Familie oder die Herausnahme mit dem Verlust der familären Bindungen.

Jetzt engagieren sich auch Politiker

Das Angebot an Hilfestellungen und Zwischenlösungen ist zwar reich. Jedoch hapert es häufig an der Zusammenarbeit der Institutionen. So ist es immer noch nicht selbstverständlich, dass in der Psychiatrie-Anamnese nach Kindern gefragt oder das Jugendamt informiert wird. Und viele Hilfen scheitern an den Schwellen, weil komplizierte Anträge gestellt werden müssen oder die Finanzierung zwischen Jugendamt, Sozialamt und Krankenkasse nicht geklärt werden kann. Besonders langfristige Hilfen, die gerade bei psychischen Erkrankungen notwendig sind, sind durch Geldmangel oder verworrene Zuständigkeiten gefährdet.

Immerhin: Auch in der Politik hat sich etwas getan. Die jahrelange Lobbyarbeit für die drei bis vier Millionen betroffenen Kinder mündete 2017 in einen überfraktionellen Antrag im Bundestag. Daraus ist eine Arbeitsgruppe für Kinder von psychisch kranken Eltern unter Federführung des Familienministeriums hervorgegangen. Sie soll die Schnittstellenproblematik angehen. Angela Kern vom AMSOC-Patenschaftsprojekt und Prof. Albert Lenz, Deutschlands bekanntester Resilienzforscher, sind Mitglieder der Arbeitsgruppe. Erste Ergebnisse soll es im Spätsommer geben.

* Zum Schutz der Personen wurden die Namen der Betroffenen und für das Verständnis nicht wesentliche Nebensächlichkeiten geändert

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