Mehr als 20 Jahre lang beschäftigte sich der Berliner Psychotherapeut Wolfgang Krüger mit dem Thema Humor. Als er Mitte der 1990er-Jahre damit begann, war er diesem allerdings noch nicht gewachsen – das sagt er heute. Sein aktuelles Buch „Humor für Anfänger und Fortgeschrittene“ ist nicht nur eine praktische Anleitung für den Leser, sondern auch ein Stück Geschichte. Überaus lustige und nachdenkliche Briefe zum Thema bereichern das Werk, darunter die von Politikern wie Rita Süssmuth und Gerhard Schröder sowie von Berliner Größen wie dem mittlerweile verstorbenen Boxer Max Schmeling. Im Gespräch beantwortet Wolfgang Krüger unsere Fragen zur Kraft des Lachens.
Herr Krüger, Sie haben Ihr Manuskript 20 Jahre lang in der Schublade liegen lassen. Warum gestaltet es sich so schwierig, über den Humor zu schreiben?
Wolfgang Krüger: Als ich jünger war, interessierten mich aktive Erfolgsthemen: Lebensziele wie etwa eine geeignete Partnerin zu finden, Freundschaften zu knüpfen, einem erfüllenden Beruf nachzugehen. Erst mit Mitte 40 wurde mir klar, wie oft das Leben Enttäuschungen mit sich bringt: abgestürzte Computer, Abfuhren von Frauen, Kniebeschwerden. Auch in meiner Praxis sah ich, wie Patienten mit tragischen Schicksalsschlägen umgehen mussten, schweren Erkrankungen wie Krebs beispielsweise. So habe ich also gut 20 Jahre lang eine Art Feldstudie geführt, mich und andere beobachtet, bis ich dachte: Jetzt kann ich mich guten Gewissens Experte nennen. Ach, und ich zeigte meiner Frau unveröffentlichte Briefe von Menschen wie Astrid Lindgren, und sie sagte: Bist du des Wahnsinns? Das kannst du hier doch nicht einfach so liegen lassen. Und vor allem sagte sie: Du bist inzwischen humorvoll genug! Mach was draus!
Für das Buch haben Sie unter anderem Künstler, Sportler und Politiker befragt. Welche Antworten haben Sie besonders erheitert?
Beeindruckt hat mich der ehrliche Brief der früheren Berliner Schulsenatorin Hannah Renate Laurin, die offen über sich schrieb, sie sei ein gänzlich humorloses Kind gewesen. Dass sie es wagte, so über sich zu schreiben, mit einem sehr subtilen Humor, fand ich großartig. Auch Rita Süssmuth gab zu, der Humor sei ihr durchaus manchmal abhanden gekommen – ebenfalls eine sehr ehrliche Antwort. Max Schmeling hat mich geradezu verblüfft: Sein freundlicher, verschmitzter Brief passte so gar nicht zu dem Bild des knallharten Boxers. Daraus sprach eine tiefe Menschlichkeit, eine große Gutmütigkeit – und das sind Eigenschaften, die sehr viel mit Humor zu tun haben. Wer Menschen zum Lachen bringt, macht ihnen schließlich eine Freude.
Sie schildern im Buch auch Ihren humorvollen Umgang mit dem Thema Vergänglichkeit in der Therapie. Welche Rolle spielt Humor in Krisenzeiten?
Das stimmt, ich stelle meinen Patienten manchmal die Frage: „Was wird eines Tages auf Ihrem Grabstein stehen?“ Gerade Angestellte in Krankenhäusern und Menschen, die im Hospiz arbeiten und sich von Berufs wegen mit dem Tod befassen, haben großes Interesse an meinen Vorträgen zur Kraft des Humors. Wer sterbenskrank ist, spürt die ganze Tragik des Lebens. Er braucht zunächst Zuwendung und Verständnis. Aber dann ist es oft wichtig, gemeinsam zu fluchen, zu weinen – und zu lachen. Humor schafft in einer solchen Situation Abstand. Einer meiner Freunde, der an Darmkrebs erkrankte, bat mich zum Beispiel, ihm jeden Tag einen guten Witz zu erzählen, als er wusste, dass er die Krankheit nicht überleben würde. Er wollte sie wenigstens einmal am Tag vergessen.
Ist Humor heute besonders wichtig, in einer Zeit, die auch von Terror, populistischen Bewegungen und Krieg geprägt ist?
Es gibt Zeiten, da vergeht einem der Humor. Man denkt, alles wird immer schlimmer. Viele der Dinge, die unsere Lebenswirklichkeit und das Weltgeschehen heute prägen, sind unfassbar. Da darf es schwer fallen zu lachen. Aber gerade heutzutage ist der Humor wichtig, und zwar nicht nur für den Einzelnen. Der Humor ist Kern unserer Demokratie. In Diktaturen ist es verboten, über die Herrschenden zu lachen. Im Gegensatz dazu gibt es in unserem Kulturkreis seit dem Mittelalter die Tradition der Hofnarren. Auch über die Mächtigen darf gelacht werden. So trägt Humor auch zu einer Kultur der Meinungsfreiheit und gegenseitigen Respekts bei.
Welche Witze empfinden Sie als respektlos?
Alles, was sich einfach nicht gehört, wie es wohl meine Großmutter gesagt hätte: Blondinenwitze, Witze über Behinderte, über Ausländer, billige Pointen über Randgruppen. Wer schadenfreudig über andere lacht und sie so abwertet, der zielt unter die Gürtellinie. Eine Ausnahme bilden Witze, die Angehörige einer solchen Gruppe über sich selbst machen. So witzelte der jüdische Theaterregisseur George Tabori: „Was ist der kürzeste deutsche Witz?“ Seine Antwort lautete: „Auschwitz“. Tabori durfte das, wir nicht.
Und wie wichtig ist Humor in der Partnerschaft?
Ungemein wichtig. Wir verlieben uns nur in Menschen, die uns zum Lachen bringen. Wenn Männer Witze machen, dann lachen Frauen entweder – oder sie rennen entsetzt davon. In einer Partnerschaft ist Humor unbedingt notwendig, denn damit wirken Konflikte kleiner. Und auch hier schafft er Abstand zu Problemen wie Machtspielen oder den immer gleichen Diskussionen um den Abwasch.
Humor ist also ein Erfolgsrezept?
Paare, die über sich und den anderen lachen können und einander liebevoll darauf hinweisen, dass die Auseinandersetzung an einen Sketch von Loriot erinnert, sind glücklicher als solche, denen dies nicht gelingt. Doch um so humorvoll zu reagieren, brauche ich einen gewissen Abstand zum Partner, also Freundschaften und einen Beruf, der mich erfüllt.
Zum Weiterlesen: Wolfgang Krüger, Humor für Anfänger und Fortgeschrittene. Erschienen im BOD Verlag, 14,90 Euro




