Smartphones

Was Smartphones mit unseren Kindern machen

Sie posten, surfen, chatten ohne Unterlass. Eltern fragen sich: Ist mein Kind handysüchtig? Familien berichten, Experten geben Rat.

Das Handy ist ein ständiger Begleiter – sogar in der Schule

Das Handy ist ein ständiger Begleiter – sogar in der Schule

Foto: Maskot / mauritius images

Berlin. Seine Freunde sind immer dabei, egal, ob die Familie frühstückt, schwimmen geht oder in den Urlaub fährt. Tim ist dann zwar physisch anwesend, aber mit einem Auge verfolgt er auf WhatsApp, was seine Freunde gerade so machen. Neulich hat er seinen Nachrichtenspeicher geleert. Seine Eltern wollten es erst nicht glauben. 160.000 Nachrichten hat Tim in anderthalb Jahren verschickt und bekommen, fast 300 pro Tag. Und seither fragen sich seine Eltern, was sich viele Eltern fragen: „Ist das noch normal?“

Tim ist 13, ein Teenager, der, wenn er nicht gerade Basketball spielt oder mit Freunden unterwegs ist, zu Hause abhängt. Hart chillen, so heißt das in seiner Sprache. Hart chillen, das bedeutet Musik hören. Videos auf YouTube gucken. Spielfilme auf Netflix streamen. Neue Fotos auf Instagram hochladen. Oder mit Freunden auf WhatsApp chatten. Was er da im einzelnen macht, ist für Dritte schwer zu durchschauen. Tim hängt zu Hause die meiste Zeit am Ipad, am Smartphone oder an der Playstation.

Das verbindet ihn mit 97 Prozent seiner Altersgenossen. So viele Jugendliche haben in dieser Altersgruppe ein Smartphone - und sie nutzen es. Zwölf- bis 13-Jährige verbringen durchschnittlich mehr als zwei Stunden am Handy, bei den 14- bis 15-Jährigen sind es schon dreieinhalb Stunden und bei den 16- bis 17-Jährigen vier Stunden. Das Internet ist ihr virtueller Abenteuerspielplatz. Sie sind immer stand-by, immer auf der Suche nach dem nächsten K(l)ick. Das Smartphone ist mehr als nur ein Begleiter, es ist fast so etwas wie ein Körperteil geworden. Eine dritte Hirnhälfte, die alles speichert, was man so braucht, um sein Leben zu organisieren. Telefonnummern, Adressen, Spiele, Nachrichten, Fotos. Entsprechend empfindlich reagieren sie, wenn Eltern versuchen, ihren Konsum einzuschränken oder das Handy sogar einzukassieren. Sie fühlen sich dann wie amputiert.

Wo hört der normale Irrsinn auf, wo beginnt die Sucht?

Doch mit Verboten lässt sich das Problem nicht lösen. 6,3 Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 16 sind internetabhängig. Das hat die 2011 veröffentlichte PINTA-Studie (Prävelanz der Internetabhängigkeit) ans Licht gebracht, die die Drogenbeauftragte der Bundesregierung in Auftrag gegeben hatte. Von einer Sucht spricht zwar noch keiner, denn anders als in den USA ist die Krankheit hierzulande noch nicht als solche diagnostizierbar. Noch wird sie als Impulsstörung erfasst. Wo aber hört der normale Irrsinn auf, wo fängt die Abhängigkeit an?

Das fragen sich Tims Eltern, wenn ihr Sohn an den Wochenenden das Wohnzimmer blockiert und online mit seinen Freunden zockt, Fifa 18 oder das Ego-Shooter-Spiel Fortnite. Die Familie lebt in einer Doppelhaushälfte im Norden von Berlin, einen Basketballkorb auf dem Hof. Tims Mutter, Ulrike Krieger*, schließt dann jedesmal das Fenster, damit die Nachbarn nicht auf falsche Gedanken kommen, wenn sich die Jungs auf der Jagd nach Feinden gegenseitig anfeuern. Wenn Tim „Knall ihn ab!“ ruft und man das Geknatter von Maschinengewehren hört.

Seine Eltern kennen das schon. Sie sind selber keine Online-Gamer, aber ansonsten mit dem Internet vertraut. Thomas, der Vater, ist Netzwerk-Administrator bei einer Versicherung, die Mutter ist als PR-Beraterin täglich im Internet unterwegs. Facebook, Twitter und Instagram, das sind ihre Instrumente.

Instrument bei der Identitätssuche

Aber auch die Kriegers haben nicht gewusst, was Medienpädagogen in der Schule ihres Sohnes neulich bei einem Elternabend erklärt haben. Dass nämlich das Smartphone zum wichtigsten Instrument bei der Identitätssuche geworden sei. Schließlich wachse da ja jetzt die erste Generation der digital natives heran, die ihre Pubertät im Internet ausleben. Und wo ginge das besser als in den sozialen Netzwerken. Sich mit anderen messen. Sich so darstellen, wie man gerne wäre, ohne dass es jemand überprüfen kann. Andere Menschen kennenlernen, Nähe zulassen, aber immer nur auf Distanz.

Beruhigt hat die Eltern das nicht. Im Gegenteil. Was der Nachwuchs genau im Internet machen, darüber redet der kaum. Es ist ein Ort, zu dem Eltern spätestens keinen Zutritt mehr haben, wenn die Kinder in die Pubertät kommen. „Wir müssen draußen bleiben“, steht auf einem imaginären Schild. Was die Kinder dort so treiben, kommt immer nur dann heraus, wenn sie fragen, ob sie sich neue Spiele-Apps herunterladen können. Oder wenn es Probleme gibt, weil Kinder auf Facebook gemobbt werden oder Streitigkeiten in WhatsApp-Gruppen eskalieren.

Der Anlass erscheint oft banal. Ein falsches Emoji, zack, schon wird aus einer Mücke ein Elefant und aus diesem Anlass ein Elternabend einberufen. Kleinlaut müssen sich die Mütter und Väter dann eingestehen, dass sie sich in der virtuellen Welt ihrer Kinder zu wenig auskennen, um sie noch beschützen zu können.

Das gute Vorbild der Eltern ist gefragt

Kein Wunder, dass Ratgeber in Buchhandlungen ganze Regale füllen. „Jetzt pack doch mal das Handy weg!“, so heißt das neueste Buch. Der Berliner Medienpädagoge Thomas Feibel, 55, hat es geschrieben. Feibel gilt als einer der besten Kenner der neuen Medien. Er ist Journalist, Sach- und Jugendbuchautor und Experte für PC-Spiele. Er ist Mitbegründer des Kindersoftwarepreises TOMMI und selber Vater von vier Kindern. In seinem neuesten Ratgeber klärt er Eltern nicht nur über die Chancen und Gefahren des Online-Konsums ihrer Kinder auf. Er gibt ihnen auch Tipps, wie sie den regulieren können, ohne dass zu Hause Tränen fließen oder Türen knallen.

Und er appelliert dabei auch an die Eltern, ihren eigenen Umgang mit dem Internet selbstkritisch zu reflektieren. Er redet aus eigener Erfahrung. Er sagt, natürlich finde er, dass seine Kinder zu viel Zeit im Internet verbringen – deutlich mehr als er auf jeden Fall. Dabei hänge er nicht weniger an seinem Smartphone als sie. Im Gegenteil: vielleicht sogar noch mehr. Das wird ihm jedesmal bewusst, wenn er sein „heißgeliebtes Schätzchen“ mal verlegt hat. „Hastig jage ich durch die Wohnung, durchsuche hektisch jeden Winkel und verdächtige einzelne Familienmitglieder, was bei ihnen nicht sonderlich gut ankommt. Schon weil ich sie bereits wenige Minuten später kleinlaut darum bitte, meine Mobilfunknummer anzurufen. Leise Panik kriecht in mir hoch. Was ist, wenn ich es auf lautlos gestellt habe oder der Akku seinen Geist aufgegeben hat?“

In solchen Momenten fragt er sich, was sich wohl viele Eltern schon gefragt haben. Ob sie nämlich vielleicht auch selber ein bisschen Schuld daran sind, dass ihre Kinder so viel Zeit im Internet verbringen. Schließlich, sagt Feibel, müsse er als Vater doch mit gutem Vorbild vorangehen. Und wie könne er von seinen Kindern erwarten, dass sie ihre Handys auch mal freiwillig aus der Hand legten, wenn er sein eigenes immer griffbereit habe, hier eine Email lesen, dort schnell noch mal durch die Nachrichten scrollen aus Angst, etwas zu verpassen. „Fear of Missing Out“ (FOMO), so nennen Psychologen dieses Phänomen. Es ist eine Angst, die er mit anderen Freiberuflern teilt.

Sollten schon Dreijährige Smartphones benutzen?

Es ist eine Krux mit dem Smartphone. Einerseits können sie damit an jedem Ort der Welt arbeiten. Es ist das Büro zum in die Hosentasche stecken. Andererseits macht es sie zur Geisel ihrer Auftraggeber. Die Grenze zwischen Job und Privatleben, sie ist fließend geworden.

Doch damit, sagt Feibel, könne man sich nicht herausreden. Wer die Einhaltung von Regeln fordere, müsse sich auch selber daran halten. Schließlich wüssten die Erwachsenen ja um die Gefahren des exzessiven Online-Konsums. Erschöpfung. Unkonzentriertheit. Feibel fasst diese Krux in einem Bild zusammen, das viele Eltern kennen. „Dieser Moment, wenn du von deinem Smartphone aufschaust und dein Kind gerade auf sein Smartphone starrt.“

Und die Kinder werden immer jünger. Die digitale Welt, sie hat längst Einzug in Kindergärten und Grundschulen gehalten. Der Markt für Lernsoftware, Lern- und Spiele-Apps boomt. Was spricht auch dagegen, schon Dreijährige spielerisch an das Medium heranzuführen? Warum sollten sie nicht mit der Raupe Nimmersatt lernen, wie man diesen Vielfraß am Bildschirm durch Obst hindurch und um Süßigkeiten herumsteuert, um ein Ich-ernähr-mich-gesund-Abzeichen zu gewinnen? Maximal eine halbe Stunde am Tablet spielen pro Tag empfiehlt der Elternratgeber „Schau hin! Was Dein Kind mit Medien macht“ für Drei- bis Fünfjährige, maximal eine Stunde für Sechs- und Siebenjährige. Natürlich immer unter elterlicher Aufsicht.

Mediennutzungsverträge helfen

Doch die Empfehlung ist das eine, die Praxis das andere. Nichts fasziniert kleine Kinder mehr als Geräte, die ständig blinken, klingeln oder fiepen. Und wie kann man ein quengelndes Kind auf einer langen Autofahrt leichter beruhigen, als ihm das eigene Smartphone oder das Tablet zu überlassen? Die Hardware als digitaler Schnuller.

Alles so schön bunt hier. Je früher die Kinder in die virtuelle Welt eintauchen, desto früher müssen sie auch lernen, was man dort alles beachten muss. Den Konsum sorgfältig zu dosieren, das gehört dazu. Wie das gehen kann, zeigt „Internet ABC“, ein gemeinnütziger Verein, dem die 14 Landesmedienanstalten angehören. Auf seiner Homepage können sich Eltern und Kinder das Formular für einen Mediennutzungsvertrag herunterladen. Der regelt nicht nur Fragen der Nettiquette („Im Internet und am Handy bin ich freundlich und beleidige niemanden“). Er schreibt auch beiden Seiten vor, wieviel Zeit sie pro Woche für gemeinsame Aktivitäten und den TV-und Internetkonsum veranschlagen, Eltern und Kindern.

„Eine gute Idee“, sagt die Berliner Medienpädagogin Jenny F. Schneider. Schließlich erfülle der Vertrag genau das, wovor sich Eltern gerne drücken. Er nehme auch die Erwachsenen in die Pflicht. Allerdings, findet Schneider, mache so ein Vertrag nur dann Sinn, wenn man ihn schon in den ersten Grundschuljahren abschließe. „13- oder 14-jährigen wäre das viel zu albern. Die glauben, sie stecken schon zu lange im Internet drin. Einige wissen sogar schon, wie sie das Password ihrer Eltern hacken. Die fühlen sich den Erwachsenen überlegen.“

Mädchen lieben soziale Netzwerke, Jungs spielen gern

Jenny F. Schneider hat das gerade wieder bei einem Elternabend erlebt. Zusammen mit ihrer Kollegin Julia Bauer hat sie sich 2012 selbstständig gemacht. „Medienlaune“ heißt ihre gemeinsame Firma. Schulen laden sie ein, wenn es in einer Klasse Probleme gibt, zum Beispiel, weil Kinder fiese Schnappschüsse von anderen Kindern auf Instagram hochgeladen haben, ohne die Betroffenen vorher um Erlaubnis gefragt zu haben.

Bei ihrem letzten Auftritt ging es um das Thema Online-Sucht. Mädchen, das hat die PINTA-Studie der Drogenbeauftragten ergeben, sind stärker gefährdet als Jungs. Sie neigten dazu, sich in sozialen Netzwerken zu verzetteln. Jungs dagegen investierten mehr Zeit in Online-Games. Während es den Mädchen um Selbstdarstellung und Kommunikation gehe, reize Jungs der Wettbewerb. Der Ausstoß von Glückshormonen im Hirn, wenn sie es wieder ein Level weiter geschafft haben. Schneider sagt, viele Spiele seien geradezu prädestiniert, Teenager abhängig zu machen. „Man muss alle paar Stunden wieder hereinschauen, weil man sonst Credits verliert.“

„Wie kriege ich mein Kind vom Display weg, ohne dass es das merkt?“ Es ist eine Frage, die nach einer Patentlösung schreit. Doch die gibt es nicht. Jenny F. Schneider rät den Eltern dann, mehr Freizeit gemeinsam mit den Kindern zu gestalten – im richtigen Leben, wo ein Cookie noch ein Keks sei und kein Filter, der heimlich Besucher von Internet-Portalen identifiziert. Sie sagt, was auch Thomas Feibel sagt. Dass Erziehung nämlich auch Selbsterziehung bedeute. „Das Argument, Eltern nutzten das Internet nur beruflich, zieht nicht mehr. Die Kids antworten dann nämlich, das gehe ihnen genauso. Sie wollten schließlich Youtuber werden.“

Sieben Fragen, sieben Antworten

Wie aber erfahren Eltern, ob sie selber internet-abhängig sind? Ulrike Krieger, die Mutter von Tim, hat einen Test gemacht – im Internet, da kennt sie sich ja aus. Entdeckt hat sie ihn auf den Seiten des „Online-Ambulanz-Service für Internetabhängige“ (Oasis). Bert te Wildt, Oberarzt in der Bochumer Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Autor des Buches „Digital Junkies. Internetabhängigkeit und ihre Folgen für uns und unsere Kinder“, hat sie im September 2016 gegründet. Es sind nur sieben Fragen, die die Nutzer beantworten müssen. Sind Sie mit ihren Gedanken auch dann im Internet, wenn sie nicht gerade online sind? Reagieren Sie gereizt, launisch oder wütend, wenn Sie mal keinen Zugang zum Internet haben? Gefährden oder verspielen Sie wegen Ihrer Internet-Aktivitäten private Beziehungen oder Ihren Job?

An den Antworten glauben te Wildt und seine Kollegen schon ablesen zu können, ob jemand abhängig ist. Betroffenen bieten sie eine Online-Sprechstunde an. In diesem Gespräch beraten sie sie dann über mögliche Therapien.

Nach der PINTA-Studie sind ein Prozent der Erwachsenen internetsüchtig. „Es sind mehr Männer als Frauen“, sagt Medienpsychologin Laura Bottel. Besonders gefährdet seien Menschen, die zu Depressionen, sozialen Phobien oder einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung neigen. Die Art der Sucht hänge vom Geschlecht ab. Während Männer porno- oder spielsüchtig seien, verzettelten sich Frau beim Chatten oder Recherchieren. So eine Sucht entwickele sich über Jahre. Das Fundament werde oft schon in der Kindheit gelegt. Bottel kennt Betroffene, die deswegen schon ihren Job verloren hätten oder kurz davor stünden. Höchste Zeit, dass die Sucht auch als solche anerkannt werde, sagt die Medienpsychologin. Denn noch wisse man zu wenig über die Mechanismen der Abhängigkeit. „Erst, wenn die Krankheit einen Namen hat, kann man sie auch erforschen.“

Internetsucht. Das Wort geht Ulrike Krieger jetzt nicht mehr aus dem Kopf. Sie sagt, sie sei schockiert gewesen von ihrem eigenen Testergebnis. Ihr Sohn Tim hatte es ja gleich gesagt: „Mama, du bist noch mehr im Internet als ich.“ Einen Termin in der Online-Sprechstunde will sie sich aber nicht holen, geschweige denn eine Therapie machen. Sie sagt: „Das kriegen wir selber hin.“

Es gibt jetzt online-freie Tage an den Wochenenden. Zu den Mahlzeiten schalten die Kriegers ihre Handys in den Flugmodus. Ab 21 Uhr kommen alle Geräte zum Aufladen an die Steckdose im Flur. Netflix guckt die Familie aber auch danach noch. Das, sagt Krieger, ist doch nur Fernsehen.

*Name von der Redaktion geändert