Schizophrenie

Aufsuchende Hilfen, Psychotherapie, Weiterbildung der Fachkräfte

Psychiaterin Dorothea von Haebler sagt, was sich in der Versorgung Schizophrener verbessern muss

Psychiaterin Dorothea von Haebler

Psychiaterin Dorothea von Haebler

Foto: Peter Adamik / Dorothea von Haebler

Sie ist Expertin für Menschen mit Schizophrenie: Die Psychiaterin und Psychotherapeutin Dorothea von Haebler ist als Oberärztin an der Charité zuständig für die Psychosen-Psychotherapie in der Poliklinik. Als Professorin leitet sie an der International Psychoanalytic University Berlin (IPU) den Master-Studiengang „Integrierte Versorgung psychotisch erkrankter Menschen“. Wir haben mit ihr gesprochen.

Wie fühlt sich eine schizophrene Psychose für die Patienten an?

Häufig haben diese Menschen existenzielle Angst. Sie fühlen sich bedroht, verfolgt, manche hören schreckliche Stimmen. Sie wissen häufig nicht mehr: Was kommt von ihnen selbst, was kommt von außen? Oft hört die Angst in dem Moment auf, in dem sie ein „Wahngebilde“ geschaffen haben. Das kann ein eingebildeter Feind sein, ein Verfolger, eine fremde Macht. Mit dem Wahn nimmt Orientierungslosigkeit und Angst deutlich ab. Deshalb ist es für diese Menschen so schwer, einen Wahn aufzugeben.

Wie viele Menschen sind betroffen?

Die Diagnose Schizophrenie trifft relativ viele Menschen: ein Prozent der Bevölkerung, quer durch alle sozialen Schichten. Es gibt unterschiedliche Verläufe. Manche erholen sich davon vollkommen wieder, bei anderen lässt sich die Krankheit durch Behandlung mit einem Leben in unserer Gesellschaft gut vereinbaren. Einige gelten als „chronisch“ erkrankt. Am häufigsten tritt Schizophrenie bei Menschen zwischen 15 und 25 Jahren zum ersten Mal auf. Oft wird der Ausbruch der Krankheit im Zusammenhang mit hormonellen und sozialen Veränderungen beobachtet, also etwa in der Pubertät, bei Trennung vom Elternhaus oder während der Menopause.

Stimmt der Eindruck, dass Schizophrenie das Risiko erhöht, obdachlos zu werden?

Ja. Unter Obdachlosen sind 15-mal mehr Menschen an Schizophrenie erkrankt als in der gesamten Bevölkerung. Grund ist zum einen, dass die Krankheit die Betroffenen stigmatisiert und auch sozial isoliert. Es gehört ja zum Krankheitsbild, dass sie Misstrauen gegenüber anderen entwickeln, sich anderen nicht anvertrauen und oft nur schlecht Hilfe annehmen können. Man weiß, dass mit Beginn der Krankheit oft die persönliche Entwicklung zu stoppen scheint. In der Schule oder Ausbildung geht es nicht weiter. Wenn die Betroffenen keine adäquate Behandlung bekommen, bleiben sie an diesem Punkt stehen.

Warum erreicht unser Gesundheitssystem gerade die schwer Erkrankten oft nicht?

Weil es darauf basiert, dass der Patient von sich aus Hilfe holt und sich behandeln lässt. Für Menschen, deren Krankheit es mit sich bringt, dass sie genau das nicht können, brauchen wir aufsuchende Hilfen und im medizinischen wie sozialen Bereich Mitarbeiter, die speziell geschult sind.

Wie kann das funktionieren?

Bisher liegt der Fokus der Behandlung darauf, die Menschen wieder in ihrem Umfeld, im Alltag zu integrieren. Dann entlässt man sie. Das Problem ist, dass viele Betroffene dann glauben, sie bräuchten keine Hilfe mehr. Sie setzen die Medikamente ohne Absprache ab, dann steigt die Gefahr eines Rückfalls. Alle, die professionell mit solchen Menschen arbeiten, müssen verstehen, dass man für sie eine spezielle Art des Zugangs braucht – nämlich, auf die Patienten zu hören und diese ernst zu nehmen, auch wenn sie noch so wahnhaft sind. Daraus sollt eine gemeinsame Lösung entwickelt werden. Für Patienten mit einer schizophrenen Psychose ist eine Psychotherapie sehr hilfreich, was immer noch nicht bekannt ist.

Was muss getan werden?

Der psychotherapeutische Zugang muss bei uns in die Aus- und Fortbildung aufgenommen werden. Das ist auch Ziel unseres Studiengangs „Integrierte Versorgung psychotisch erkrankter Menschen“ an der IPU in Berlin. Er richtet sich an Fachkräfte aus allen Bereichen, die mit solchen Patienten zu tun haben – von der Sozialarbeit über Medizin und Pflege bis zu Ämtern und Krankenkassen.

Kann man verhindern, dass psychisch Kranke im Wahn andere angreifen?

Grundsätzlich kann man das Risiko minimieren, je mehr Patienten wir erreichen und gut therapieren. Aber letztlich verhindern lassen sich solche Taten leider nicht. Es sind einzelne Momente vor allem unter Drogeneinfluss, die sich nicht vorhersagen lassen, auch bei guter Therapie. In sehr seltenen Fällen kann es vorkommen, dass Menschen von einem Moment auf den anderen in einem anderen einen Todfeind erkennen, gegen den sie sich glauben wehren zu müssen. Dahinter steht eine apokalyptische Angst.

Müssen die Gesetze strenger sein, nach denen Menschen eingewiesen werden?

Nein. Unsere Gesetze sind ausreichend, aber es fehlt an Personal. Wenn man ein therapeutisches Konzept hat und das dazu notwendige Personal, müssen nur sehr wenige Patienten zwangsbehandelt werden. Sie kommen auch eher freiwillig, wenn sie das Gefühl haben, dass sie Unterstützung dabei bekommen, etwas für sich zu verbessern.

Viele Angehörige und Helfer beklagen, dass unser Gesundheitssystem zu kompliziert ist.

Es ist sowohl das Schlimme wie das Gute, dass es so viele Angebote gibt. Wenn ein Patient den Zugang einmal gefunden hat, ist er besser versorgt als in den meisten anderen Ländern. Sehr wichtig wäre aber tatsächlich, dass Ärzte, Pfleger, Sozialarbeiter, Psychologen, Krankenkassen, Behörden Hand in Hand arbeiten. Das spart Ressourcen, schafft Synergien und eine bessere, effektivere Behandlung. Bei weiteren Personaleinsparungen, wie sie zum Beispiel mit dem geplanten pauschalierenden Entgeltsystem PEPP auf uns zukämen, gerät das Krankenhauspersonal unter noch mehr Druck, was zuallererst auf Kosten der Behandlung psychisch schwer kranker Menschen gehen wird.