Schizophrenie

Wenn die Psyche verrückt spielt

Immer wieder werden Menschen trotz schwerer Psychosen aus Krankenhäusern entlassen. Die Geschichte von Marc* zeigt, wie schwierig es ist zu helfen

Das Symbolfoto zeigt einen verängstigten Mann, der an einer Psychose leidet

Das Symbolfoto zeigt einen verängstigten Mann, der an einer Psychose leidet

Foto: iStock/vmakt

Seine Füße waren das erste, was ihr auffiel. Der Mann lief barfuß in Sommersandalen durch den Schneeregen, eine dürre Gestalt mit verfilzten Haaren und langem Bart. Das war am Bahnhof Südkreuz, im vergangenen Winter. Claudia Kiesewalter drückte ihm fünf Euro in die Hand. Und dachte im Weitergehen: Fünf Euro reichen eigentlich für nichts. Nicht für warme Wintersachen, nicht für eine Unterkunft. Wer kümmert sich eigentlich um verlorene Gestalten wie diesen Mann?

Sie erinnert sich, dass sie danach mit ihrer Mutter über den Mann sprach. Ob er den Winter überleben würde? "Er sah einfach krank aus, als ginge es ihm noch schlechter als anderen Obdachlosen." Sie sah ihn nicht wieder. Bis zum vergangenen November.

Claudia Kiesewalter ist Erzieherin, 43 Jahre alt, sie lebt mit ihrer Mutter Gerda, 69, im Süden Berlins. Obdachlose kamen in ihrem Leben bisher nur am Rande vor. "Sie tun mir leid, aber man hat auch eben Berührungsängste, da geht es mir so wie wohl den meisten Menschen."

Gibt es niemanden, der ihm helfen kann?

Im vergangenen November stolpern Mutter und Tochter abends im Vorraum einer Bank über eine Gestalt. Wieder der Mann. Es ist spät, sie wollten nur noch kurz Geld holen, jetzt schauen sie noch einmal genauer hin. Der Mann ist in einen schmutzstarrenden Mantel gehüllt. Er hat sonst nichts dabei, keine Decke, keine Tasche, nicht mal eine Plastiktüte. Die beiden sprechen ihn an. Als sie merken, dass er bei Bewusstsein ist, denken sie: Ein Glück, er lebt, und gehen nach Hause.

Auf dem Rückweg stellen sie sich wieder diese Frage: Gibt es denn niemanden, der diesem Mann helfen kann? Wie läuft so etwas eigentlich? "Eigentlich ist es ja keine große Sache, etwas mehr zu tun."

Zu Hause suchen sie einen dicken Pulli heraus, Frotteesocken, kochen heißen Hagebuttentee und füllen ihn in eine Thermoskanne, holen auf dem Weg noch einen Döner. Als sie wieder in der Bank ankommen, ist der Obdachlose sehr dankbar. So viel verstehen sie, auch wenn er ansonsten nur unverständliche Dinge nuschelt. "Er war abgemagert und wirkte verwirrt." Und er will keine weitere Hilfe.

Sie begreifen: Er ist psychisch krank

In den nächsten Tagen besuchen sie den Mann wieder, bringen Essen und Tee. Sie rufen den Kältebus an, der im Winter Wohnungslose auf der Straße versorgt. Zweimal bringt der Bus den Mann in eine Notunterkunft, mehr Unterstützung will der Mann nicht. An den folgenden Abenden ist er wieder in der Bank. Er redet von Spionen und Verfolgern und sie verstehen, dass er in panischer Angst lebt. "Sein Problem sind nicht Alkohol oder Drogen, er lebt auch nicht aus freien Stücken auf der Straße. Uns war schnell klar, er war psychisch krank."

Müsste so jemand nicht in einer betreuten Einrichtung leben? Oder wenigstens regelmäßig betreut werden? Mutter und Tochter rufen bei Einrichtungen der Kältehilfe an. "Man sagte uns, dass es schwierig sei, solchen Menschen zu helfen, denn sie müssten das auch wirklich wollen. Das sei aber leider nicht immer der Fall. Dann könne man nichts tun."

Sie finden sich damit nicht ab. Gerda Kiesewalter war Sachbearbeiterin, ihre Tochter hat als Erzieherin viel Erfahrung mit Behörden und Institutionen und auch damit, dass man machmal hartnäckig bleiben muss. "Wir dachten, es kann einfach nicht sein, dass es niemanden gibt, der zuständig ist."

Nachforschungen vor dem Supermarkt

Hat der Mann Freunde, Familie? Sie verstehen ihn nicht. Sie fragen in dem Supermarkt, vor dem sie ihn früher schon einmal gesehen hatten, neben anderen Obdachlosen, ganz am Rand. Sie erfahren: Der Mann hat hier Hausverbot. Eine Kassiererin erzählt, er habe eines Tages einem kleinen Mädchen über den Kopf gestreichelt. "Es war wohl nur eine harmlose Geste, aber die Eltern haben sich darüber sehr aufgeregt."

Von einem anderen Obdachlosen am Supermarkt erfahren sie, dass der Verwirrte wohl schon seit etwa zehn Jahren auf der Straße lebt. Früher habe er Gitarre gespielt und Porträts gezeichnet, doch in letzter Zeit sei sein Zustand immer schlimmer geworden, sagt der Mann. Er sei kontaktscheu. Statt im Winter in eine Notunterkunft zu gehen, habe er selbst bei bitterster Kälte lieber draußen auf den Lüftungsschächten eines Baumarktes übernachtet.

Drei Wochen lang besuchen die Frauen den Mann abends immer wieder. Warum? Sie sind keine Ehrenamtlichen, keine professionellen rettenden Engel, die sich für alle Sorgen der Welt verantwortlich fühlen. Auch der Mann bittet sie um nichts. Claudia Kiesewalter versucht das Motiv zu beschreiben, von dem später noch viel die Rede sein wird: "Wir hatten einfach Angst, dass er stirbt."

Als sei er aus einer anderen Welt wieder aufgetaucht

Der Verwirrte spricht unablässig vor sich hin, ein unverständlicher Redestrom, fast so, als würde er versuchen, einfach alle seine Gedanken komplett in Worte zu fassen. Immer wieder geht es um Spione, Codes, Beobachtung und Verschwörung. Er hört Stimmen, die ihm sagen, er werden verfolgt. Schließlich verrät er Claudia Kiesewalter doch seinen Namen: Marc*. Er sagt: "Hatte Geburtstag". Er ist gerade 38 Jahre alt geworden. Sie fragt, wie jedes Mal: "Sollen wir einen Krankenwagen holen?" Diesmal sagt er: "Ja.

Marc packt seine Sachen zusammen. Den Trenchcoat, den Schal, die Mütze und die Tasche, die die Frauen für ihn in einem Laden für Sozialhilfeempfänger gekauft haben. Es ist das erste Mal, dass Claudia Kiesewalter ihn so aktiv erlebt. Als sei er plötzlich aus einer anderen Welt in der Wirklichkeit wieder aufgetaucht.

Als sie Marc ins Krankenhaus gebracht haben, sind die Frauen erleichtert. Ihre Hilfsaktion hat sie mehr beansprucht, als sie eigentlich wollten. Sie ahnen nicht, dass sie vier Wochen später noch viel besorgter sein werden.

Er reagiert panisch, wenn jemand ihn zu etwas drängt

An jenem Dezemberabend wird Marc zunächst als Notfall ins Krankenhaus aufgenommen. Am nächsten Tag besuchen ihn Tochter und Mutter dort. Auch in den folgenden Tagen kommen sie vorbei. Zum einen, weil sie sich immer noch ein bisschen verpflichtet fühlen. "Er hatte ja niemanden außer uns." Und manches macht sie in der Klinik auch besorgt. Zwar scheint Marc tatsächlich auf einem guten Weg zu sein. Er schneidet sich gleich am ersten Tag den verfilzten Bart und die Haare ab, knüpft Kontakte zu anderen Patienten. Andererseits trägt er auch nach Tagen immer noch nur ein Nachthemd und eine rutschende Hose aus dem Krankenhaus. Es sitzt oft einfach nur untätig herum. Dreimal muss er das Krankenzimmer wechseln. Darüber regt er sich extrem auf, er schreit und wehrt sich.

Die Frauen merken, dass er panisch reagiert, wenn er Dinge nicht versteht und man ihn drängt. Medikamente nehmen, das Essen, alles wird so zum Problem. Zumindest für das Klinikpersonal. Besonders das Unterschreiben von Formularen regt ihn auf. "Sein Wahn sagt ihm, dass er das auf keinen Fall darf", sagt Claudia Kiesewalter. Aber ohne Unterschriften wird alles schwierig – finanziell. Anträge beim Sozialamt, bei der Krankenkasse, beim Jobcenter wegen der Unterbringung – nichts geht voran. Zwar könnte das ein rechtlicher Betreuer für Marc übernehmen. Doch auch den müsste er beantragen. Schriftlich. Er weigert sich.

Kein notorischer Störenfried

Die beiden Frauen selbst erleben Marc meist friedlich. Unablässig murmelt er vor sich hin. Aber als sie beginnen, Brettspiele mit ihm zu spielen, Mühle und Schach, spricht er plötzlich klare Sätze. Auch über sich, wenn auch etwas kindlich. "Mama konnte nicht reden und hat mich weggegeben, immer wieder woanders hin, in Heime, zu Pflegefamilien", sagt er einmal zu Gerda. Sie erfahren, dass er aus einer Familie mit gehörlosen Eltern und Geschwistern stammt, aber in Heimen aufgewachsen sei. Er zeigt ihnen die Gesten der Gebärdensprache, mit der er aufwuchs. Er mag es, in den Arm genommen und berührt zu werden. Er versteht viel von Schach, liebt klassische Musik, hat Ahnung von gutem Essen. Die Frauen erleben, dass der Verwirrte kein Mensch aus der "Gosse" ist, kein notorischer Störenfried, auch nicht straffällig, was sie zwischenzeitlich befürchtet hatten. Aber wie erklärt es sich, dass ein Mensch wie Marc auf der Straße landet? Nach und nach begreifen sie, was der Grund ist: Seine Diagnose heißt schizophrene Psychose.

Sie lernen, dass Marc kein Einzelfall ist. Statistisch gesehen erkrankt jeder Hundertste im Lauf seines Lebens einmal an einer Psychose, quer durch alle sozialen Schichten. Etwa ein Drittel erholt sich davon wieder vollkommen, bei einem weiteren Drittel lässt sich die Krankheit durch Behandlung in Schach halten. Ein weiteres Drittel aber gilt als unheilbar erkrankt. Gerade für diese Menschen ist das Risiko des sozialen Abstiegs durch die Krankheit groß, sagen Psychiater. Zu dieser Gruppe gehört offenbar Marc.

Helfen - eine Bürgerpflicht

Wie kann man solchen Menschen helfen? Gerda Kiesewalter recherchiert inzwischen im Internet. Auf einer Webseite der Charité liest sie viel über die Chancen der Psychotherapie bei Psychosen. Und sie liest noch etwas: "Da stand auch, dass es eine Bürgerpflicht sei, auch diesen schwierigen Patienten zu helfen. Das hat mir gefallen." Sie fühlt sich bestärkt, Marc weiterhin zu besuchen.

Sie bringen ihm Zeichenstifte und Papier ins Krankenhaus mit. Marc ist ein begabter Zeichner. Sie begeistern sich für seinen künstlerischen Strich und die treffsicheren Porträts. Claudia Kiesewalter schaut ihm zu, wie er ein Gesicht zeichnet, "und plötzlich erschien noch ein zweites Gesicht in dem Bild, es war faszinierend". Die Bilder erzählen über Marc, was er mit Worten nicht sagen kann. Auf einem Bild sitzt eine kleine Figur einsam in einem winzigen Boot. Ohne Ruder. Auf einem anderen blickt den Betrachter ein zerfurchtes, bärtiges Männergesicht an, mit wütend funkelnden Augen. Ein Selbstbildnis? An einem Tag sagt er: "Ja." Am nächsten: "Das bin ich nicht."

Das zweite Gesicht

Die Wutanfälle sind Marcs zweites Gesicht. Sie begegnen ihm, als sie ihn zum Zahnarzt begleiten. "Ach, der", heißt es in der Zahnarztpraxis, zu der sie ihn bringen, weil seine Zähne im Krankenhaus nicht behandelt werden, obwohl er ständig Schmerzen hat. "Die Sprechstundenhilfen kannten Marc aus der U-Bahn, weil er dort wohl oft laut geschrien hatte." Als er in der Praxis das Formular zu Vorerkrankungen ausfüllen soll, rastet er wieder aus. "Wieso sprechen Sie Französisch mit mir?", fährt er den Arzt an, obwohl der gar kein Französisch spricht. Marc redet wieder von Spionen und Codes und einer Verschwörung. Sie gehen wieder, ohne Behandlung. Auf dem Rückweg schreit sich Marc seine Wut aus dem Bauch, bis sie wieder im Krankenhaus sind. Sie berichten den Ärzten, was der Zahnarzt gesagt hat: Dass man diesen Patienten keinesfalls zurück auf die Straße entlassen solle. Doch genau das passiert vier Tage später.

Kurz bevor Marc nach insgesamt vier Wochen aus dem Krankenhaus entlassen werden soll, haben die Frauen für ihn in letzter Minute eine betreute Einrichtung organisiert. "Im Krankenhaus hieß es, er lehne eine Unterbringung ab, aber uns hat er immer versichert, er wolle auf keinen Fall zurück auf die Straße." Am Freitagmorgen, so haben sie es mit der Klinik vereinbart, wollen Mitarbeiter der Einrichtung ihn abholen – er muss dafür nichts unterschreiben. Doch am nächsten Morgen ist Marc schon weg. Patienten erzählen, die Polizei habe ihn am Nachmittag zuvor auf die Straße gesetzt. Die Helferinnen wollen es nicht glauben. Es ist Mitte Januar, für die Nächte sind minus sieben Grad vorhergesagt.

"Wie kann man einen psychotischen Patienten einfach auf die Straße setzen?" Die Frauen sind fassungslos. Am nächsten Morgen wird ein Obdachloser tot am Kurfürstendamm gefunden. Es ist nicht Marc. Aber das erfahren sie erst später.

Schlagzeilen machen Angst

Im Krankenhaus sagt man ihnen, Marc habe sich nicht an die Verhaltensregeln gehalten. Er sei aggressiv gewesen, habe Medikamente und Therapien verweigert. Deswegen habe er nicht weiter behandelt werden können. Aber war diese Weigerung nicht Teil genau des Wahns, der in der Klinik behandelt werden sollte? Möglich ist, dass die Entlassung noch einen anderen Hintergrund gehabt haben könnte – die Finanzierung. Berlins Psychiatrien sind heute zu 98 Prozent ausgelastet, wer kein Notfall ist, muss warten. Die durchschnittliche stationäre Behandlungsdauer lag in den 90er-Jahren noch bei sechs Wochen, heute sind es noch zwei.

Wie oft es passiert, dass psychisch erkrankte Patienten entlassen oder auch gar nicht erst aufgenommen werden, wird nicht statistisch erfasst. Vier Tage, nachdem Marc entlassen wird, stößt am Ernst-Reuter-Platz ein Mann eine junge Frau vor die U-Bahn. Sie stirbt. Der Täter war erst kurz vor der Tat aus einer Psychiatrie in Hamburg entlassen worden, Diagnose: Schizophrenie. Drei Wochen später gesteht vor dem Berliner Landgericht ein 44-Jähriger, im Wahn in Neukölln Passantinnen brutal attackiert zu haben. Bei den Angriffen habe er sich in einer Psychose befunden, die ihm eingab, er müsse eine "unchristliche" Tat begehen. Er habe sich vor den Taten wegen psychischer Probleme in eine Klinik begeben, sagt der Täter, aber ein Arzt habe erklärt, er könne ambulant behandelt werden.

Fälle wie diese machen oft Schlagzeilen, aber sie werfen ein verzerrtes Licht auf Patienten mit der Diagnose Schizophrenie. Laut Experten wie dem Berliner Gerichtsgutachter Hans-Ludwig Kröber wird weniger als ein Prozent aller Schizophrenie-Kranken straffällig. Dagegen steigt das Risiko, obdachlos zu werden. Unter Obdachlosen sind 15-mal mehr Menschen mit dieser Diagnose als in der Gesamtevölkerung. Obdachlose machen keine Schlazeilen. Sie werden im Alltag meist übersehen.

Zwangseinweisungen sind die Ausnahme

Was ist mit Marc passiert? Claudia Kiesewalter und ihre Mutter suchen Straßen und Parks ab, schließlich gehen sie zur Polizei. Doch die Beamten werden nur wütend. Was sie denn tun sollen, wenn die Ärzte den Mann doch entlassen hätten? Ein Beamter sagt ihnen: "Das nächste Mal nehmen Sie ihn mit nach Hause und nehmen Sie ihn auf den Schoß!" Hinterher überlegen sie, ob das tatsächlich so abwertend gemeint war, wie es klang. "Was hätten wir denn tun sollen? Marc erfrieren lassen?", fragt Gerda Kiesewalter. Die Tochter sagt: "Ich wusste bis dahin nicht, wie hilflos man sich fühlen kann, nur weil man helfen will."

Drei Tage nach dem Rauswurf finden sie Marc wieder. Er sitzt durchgefroren auf einer Parkbank, wieder in Sommersachen, ohne Strümpfe. "Die warmen Kleider, die wir ihm ins Krankenhaus gebracht hatten, trug er nicht und hatte sie auch nicht dabei." Sie verbeißen sich die Wut und rufen den Sozialpsychiatrischen Dienst des Bezirks an. Es ist wichtiger, für die Zukunft zu sorgen. Wohin mit Marc?

Die Sozialarbeiter bringen sie zur Wohnberatung ins Rathaus. Doch da heißt es schon wieder: Es geht nicht. Weil Marc in einem anderen Bezirk gemeldet ist, können die Kosten hier nicht übernommen werden. Die Versorgung psychisch Kranker ist in Berlin nach Bezirken organisiert, also muss Marc in den anderen Bezirk zurück. Sie begleiten ihn in der S-Bahn. Ein bisschen mulmig ist ihnen, sie haben Angst, dass er sich in der Bahn bedrängt fühlen könnte. Doch es läuft alles gut, nur dass Marc den Weg tatsächlich nicht kennt. Sie fragen sich durch zum Sozialamt. Der Amtsarzt des zweiten Bezirks wundert sich, wie Marc im ersten Bezirk überhaupt entlassen werden konnte und weist ihn erneut ein. Diesmal für sechs Wochen und in eine andere Klinik.

Unterbringungsmöglichkeiten sind rar

Die Überweisung ins Krankenhaus wird diesmal über das Amtsgericht angeordnet. Dies ist in Deutschland nur in Ausnahmefällen möglich, wenn ein Patient sich oder andere schwerwiegend gefährdet. Obdachlosigkeit gilt nicht als Eigengefährdung, auch nicht, wenn sie durch eine Krankheit bedingt ist. Im Vordergrund steht das Recht auf Freiheit – und auch auf Krankheit. Der Passus ist eine Gratwanderung. Ärzte und Gerichte müssen abwägen. Nie wieder sollen in Deutschland Menschen gegen ihren Willen behandelt und in Psychiatrien weggesperrt werden. Auf der anderen Seite steht die Sicherheit von Patienten und Allgemeinheit. Aber der Verlauf von Psychosen lässt sich nicht verlässlich vorhersagen.

Marc, das erfahren die Frauen nach seiner Einweisung in der zweiten Klinik, ist schon mehrfach psychiatrisch behandelt worden. Wie konnte es passieren, dass er trotzdem immer wieder obdachlos wurde? "Zuletzt war er in einer Einrichtung für Suchtkranke und Obdachlose, dort ging es ziemlich rau zu und es gab wohl keine angemessene Therapie", sagt Claudia Kiesewalter. "Ich kann mir vorstellen, dass er da nicht leben konnte."

In der zweiten Klinik wollen die Frauen diesmal sicher sein, dass diese Frage gleich mitbedacht wird. Doch auch hier erfahren sie: Es ist schwer, für psychotisch erkrankte Menschen eine angemessene Unterbringung zu finden, die mehr ist als bloße "Verwahrung". Es gibt viel zu wenige. Mit ihren Fragen stoßen sie zunächst wieder auf das Misstrauen, das sie mittlerweile schon kennen. Warum sie sich überhaupt für Marc so sehr engagieren, wollen die Ärzte wissen. Was erwarten sie? Claudia Kiesewalter sagt: "Manchmal denke ich, man hält Menschen für verrückt, die etwas für andere tun, ohne Gegenleistung zu erwarten."

Nach vorn schauen

Andererseits hat ihre Hilfsbereitschaft tatsächlich etwas mit ihrer persönlichen Situation zu tun. Ihre Mutter ist Rentnerin, und sie selbst arbeitet momentan noch nicht wieder, weil sie sich von einer Krebserkrankung erholt. Gerda Kiesewalter hat vor einigen Jahren ihren Lebensgefährten durch Krebs verloren. Sie habe eine schlimme Zeit hinter sich. Ihre Erfahrungen, sagen die beiden, haben sie offener gemacht für das Leid anderer.

Sie haben dabei auch gelernt, sich gegen Ungerechtigkeiten zu wehren. Etwa, als die Ärzte Claudia Kiesewalters Schmerzen zunächst auf berufliche Probleme schoben, statt den Tumor zu diagnostizieren. Sie sagt über sich: Heute habe sie das gute Gefühl, die Krankheit und die Probleme bewältigt zu haben. "Ich schaue nach vorn, ich bin eben eine Frohnatur. Davon möchte ich anderen etwas abgeben."

Inzwischen macht es den Frauen Spaß, Marc zu besuchen. Aus dem ungepflegten Wüterich ist ein gut aussehender Mann geworden. Er achtet auf sich, trägt einen sorgfältig rasierten Kinnbart, Trenchcoat und hat ausgesprochen gute Manieren. An guten Tagen gehen sie zusammen Kaffeetrinken. Wenn sie sich gegenübersitzen, ist Marc vollkommen klar. "Du siehst heute so anders aus", sagt er an so einem Tag und beschreibt mit einer liebevollen Geste Gerdas müde Augenpartie, "als wärst du ein bisschen aus der Spur geraten." Sie lachen. Das Bild stimmt. Marc hat ihr Leben in eine andere Spur gelenkt. "Wir wollten damals nur Geld holen und haben einen Freund gefunden", sagt Claudia Kiesewalter.

Es ist kompliziert

Als ein Mitpatient eine Gitarre mitbringt, stellt sich heraus, dass Marc selbst wunderbar spielen kann. "Die ganze Station ist begeistert." Claudia Kiesewalter lacht. Überhaupt hat das zweite Krankenhaus einen anderen Weg gefunden, mit Marc und seinen Dämonen umzugehen. Er nimmt seine Medikamente freiwillig und fühlt sich, so scheint es, besser als zuvor.

Aber es gibt auch Tage, an denen die Angst wieder kommt. An denen er auch den Helferinnen nicht mehr traut und alles aussichtslos scheint, auch die Zukunft. Eine geeignete Einrichtung, die ihn nach dem Krankenhausaufenthalt aufnimmt, finden sie nicht. Auch nach Wochen kaufen sie ihm Kleidung, Malsachen, Süßigkeiten und Hygieneartikel noch selbst, weil die Sozialhilfe nicht gezahlt wird. Marcs Rückkehr ins Leben ist unendlich kompliziert. Es wird so bleiben, das wissen sie mittlerweile. Es ist eine Rettung mit offenem Ende.


*Name geändert


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