Sexualität

Liebe braucht keine straffe Haut

Die sexuellen Bedürfnisse älterer Menschen gelten vielen als peinlich. Warum eigentlich? Hier erzählen Menschen von Zärtlichkeit und Lust im Alter.

Justus Rumpf und Erika Hohndorf, beide 72,  pflegen eine innige Beziehung

Justus Rumpf und Erika Hohndorf, beide 72, pflegen eine innige Beziehung

Foto: Amin Akhtar

Als sich Justus und Erika vor fünfzehn Jahren kennenlernten, waren sie beide 57 Jahre alt. Um Erika war es gleich beim ersten Treffen geschehen. Justus ging es ähnlich. „Andere würden sagen, wir sind füreinander bestimmt“, sagt er. Am Abend sitzen sie gerne vertraut bei Kerzenschein und einem Glas Wein beisammen. Ab und zu lesen sie sich aus ihren alten Tagebüchern vor. Andere Abende genießen sie gemeinsam in der Badewanne mit einem Glas Sekt oder eng umschlungen unterm Sternenhimmel an ihrem selbstgebauten Teich. Die Romantik ist auch nach vielen Jahren noch da. „Wir sind so dankbar, dass wir einander gefunden haben“, sagt Erika und lächelt Justus an. Justus erzählt, dass er beim Fernsehen gern Erikas Füße massiert. Er nennt das „angewandte Romantik“.

Erika Hohndorf und Justus Rumpf hält die Liebe jung. Auch die körperliche. Sanfte Berührungen, Kuscheln, Zärtlichkeit, Sexualität: Das alles ist für sie trotz grauer Haare selbstverständlich. Zwar sind sie nicht mehr jugendlich knackig, wie sie mit einem Augenzwinkern feststellen. Der Lust tut das jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil: Die beiden genießen Sex mit mehr Bewusstheit und Zeit.

Sexualität bleibt wichtig

„Altersbedingte Einschränkungen gibt es schon. Die Knochen lassen sich nicht mehr beliebig verbiegen“, gibt Erika zu. Justus bekommt beim Liebesspiel bisweilen einen Wadenkrampf. Doch sie wissen: Akrobatische Übungen sind für guten Sex gar nicht nötig. Ihre Lieblingsposition nennen sie selbstironisch „Seniorenstellung“. Und manchmal schlafen sie, wenn es am schönsten ist, auch einfach in den Armen des anderen ein.

In Deutschland leben mehr als 22 Millionen Deutsche über 60 Jahren. Laut einer Studie der Universität Rostock räumen 91 Prozent der 74-jährigen Männer und 81 Prozent der gleichaltrigen Frauen Zärtlichkeit einen wichtigen Platz in ihren Beziehungen ein. Sex spielt in der Altersgruppe immerhin bei 61 Prozent der Männer und 21 Prozent der Frauen eine bedeutende Rolle. Zwar hatte sich die sexuelle Aktivität mit dem Alter als Folge hormoneller und physischer Veränderungen verringert. Die Teilnehmer, die in stabilen Partnerschaften lebten, zeigten sich aber insgesamt mit ihrer Sexualität zufrieden.

Hinter vorgehaltener Hand

Geredet wird allerdings selten darüber, dass auch die Generation 60+ noch Lustgefühle verspürt. Es gilt als peinlich, sogar unästhetisch. Und auch die Senioren, die ein erfülltes Sexualleben haben, wagen kaum, darüber zu sprechen. Viele der heutigen Senioren, die in ihrer Jugend noch glaubten, man könne durch einen Kuss schwanger werden, schämen sich nun dafür, im höheren Alter noch Gefühle oder sexuelle Regungen zu verspüren. Die meisten erzählen nur hinter vorgehaltener Hand davon. „Manche Senioren fragen sich sogar: ,Bin ich normal, wenn ich mit 70 noch Sex habe?’“, erzählt Lieselotte Diem, Körperpsychotherapeutin in Berlin (siehe Interview).

Auf der anderen Seite sind die, die einst für die sexuelle Befreiung gekämpft haben, ebenfalls in die Jahre gekommen und wollen sich nicht von Lust und Liebe verabschieden.

Einer, der Tabus aufbrechen will, ist der Filmemacher Andreas Dresen. In seinem Erotikdrama „Wolke 9“ aus dem Jahr 2008 genießen ein Mann und eine Frau in ihren 70ern die Liebe noch einmal in vollen Zügen – Sexszenen ohne Weichzeichner inklusive. Den Regisseur und Drehbuchautor hatte es „angeödet, dass die Gesellschaft immer älter wird, es aber nicht die dazugehörigen Bilder gibt“. Liebe und Sex, kritisierte er, hörten ab einem bestimmten Alter scheinbar auf zu existieren.

Erlaubnis zum Glücklichsein

Doch langsam ändern sich die Wertvorstellungen in punkto Liebe und Sexualität im Ruhestand. Nicht nur die ältere Generation, auch ihr Umfeld zeigt sich zunehmend offener. Das kann Markus Ernst bestätigen. Seit zehn Jahren arbeitet der Psychologe für das Datingportal Parship und berät Beziehungssuchende. Immer häufiger sind dort Vertreter der Generation 55+ unterwegs. Die Ältesten sind um die 80.

Der 46-Jährige Paartherapeut hat einen gesellschaftlichen Wandel festgestellt. Während die Generation seiner Eltern sich mit Mitte Fünfzig auf den Ruhestand vorbereitet habe, plane diese Altersgruppe heute ihre zweite Lebenshälfte. „Die Kinder sind aus dem Haus und ‚die Alten‘ nehmen sich das Recht, ‚etwas für sich zu tun‘“, sagt Markus Ernst. Dazu gehöre mitunter auch, im Bereich der Beziehungen noch mal einen Neustart zu wagen.

Früher sahen Familie und Umfeld das meist als Verrat am vorherigen Partner. Heute vermitteln die Kinder Vater oder Mutter auf Partnersuche oft: Wir finden das gut. Du darfst noch einmal glücklich sein. „Die richtige Botschaft“, findet der Beziehungsexperte. Die Ermutigung tue den Senioren gut. Unsicherheiten und Fragen gäbe es noch genug, sagt er und berichtet von einer lebenslustigen 62-Jährigen, die anfragte, ob sie ihren Schwarm eigentlich mit Du oder Sie anreden solle und ob sie als Frau überhaupt den ersten Schritt machen dürfe. Prüde sind die „lebendigen Alten“ aber nicht: Nur Händchen haltend auf der Couch oder in der Gartenlaube sitzen wollen die wenigsten. Die meisten wollen Liebe und Sexualität leben.

Zweite Jugend

„40 Jahre sind das Alter der Jugend, 50 die Jugend des Alters“, sagte der 1802 geborene französische Schriftsteller Victor Hugo. Die Jugend des Alters, das kann eine Art zweite Pubertät sein. Eine Zeit des Aufbegehrens, des Sich-nicht-Abfindens. Durch die längere Lebenserwartung beginnt die zweite Jugend inzwischen häufig erst zwischen 60 und 70. Eine Zeit, in der manche es wagen, noch einmal alles auf den Kopf zu stellen und neue Wege zu gehen. Bei Erika und Justus war das der Fall.

Als sie jünger waren, führten sie ein eher konventionelles Leben und waren verheiratet. Justus, Vater von vier Kindern, war Ingenieur und Erika Lehrerin. Erika, die streng erzogen worden war, hatte hohe moralische Grundsätze. „Liebe nur einen Partner und gucke nicht nach links und rechts“, schildert sie ihre damalige Einstellung. Es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, dass es ein anderes Lebensmodell geben könnte, als nur einen Partner zu lieben.

Erikas erster Mann ging oft fremd und sie litt unendlich. Als nach 22 Jahren Beziehung ihr Partner starb, wollte sie sehen, was noch möglich war. Über eine lange Zeit hatte sie auf Sexualität verzichtet. Dann lernte sie vor fünfzehn Jahren Justus kennen und erfuhr, dass er verheiratet war. Angeblich hatte seine Frau nichts gegen eine Dritte im Bunde. Erika dachte: Der kann mir ja viel erzählen! Die Begegnungen zwischen den Dreien verliefen tatsächlich selbstverständlich und entspannt. Eine Dreierbeziehung entstand. Über sechs Jahre lebten sie schließlich zusammen, bis Justus’ Frau an Brustkrebs starb.

Allzu große Freiheit schreckt ab

„In der Gemeinschaft ist der Verlust eines geliebten Partners nicht annähernd so hart wie in monogamen Strukturen“, haben die beiden für sich festgestellt. Justus’ und Erikas Traum vom Leben im Alter ist deshalb ein Wohnprojekt mit Gleichgesinnten. Am liebsten mit acht bis zehn Menschen, mit denen sie auf ihrem Grundstück im Umland von Berlin am Rande eines großen Waldgebietes leben wollen. Mit Gemeinschaftsräumen und Sauna. Eine Kommune soll es aber nicht sein. Jeder soll seinen abgeschlossenen Wohnbereich haben.

So schön das klingt: Es ist nicht einfach, die geeigneten Kandidaten zu finden. Vielleicht, weil die geplante Lebensgemeinschaft doch etwas ungewöhnlich ist. Denn Erika und Justus sind nicht nur ein sexuell aktives Paar, sie haben auch ihre Beziehung geöffnet. Beide haben mehrere Liebesverhältnisse parallel. „Langfristig, verbindlich, vertrauensvoll“, sagen sie. In völliger Offenheit, mit dem Wissen des anderen. Idealerweise sollten die neuen Mitbewohner eine ähnliche Lebenseinstellung haben. Doch solche Kandidaten sind unter Gleichaltrigen rar gesät. Der allzu freie Umgang mit Sexualität schreckt viele Senioren eher ab. Viele suchen auch gar keine Gemeinschaft, sie wollen nur der Einsamkeit entfliehen. Kandidaten, die das Projekt toll finden, sind meist mindestens zwanzig Jahre jünger und in den 50-ern. Ist es vielleicht doch eine Altersfrage?

Erikas und Justus’ geplante Wohngemeinschaft versteht sich aber nicht als Projekt nur für die schönen und spaßigen Seiten des Lebens, sondern hat hohe Ansprüche und ein ernstes Anliegen. Sollte ein Gemeinschaftsmitglied krank werden und sterben, wünschen sie sich „eine Begleitung in der Gruppe bis zu seinem Tod“. Sexuell aktiv bleiben möchten die beiden auch für den Fall, dass einer von ihnen pflegedürftig werden sollte oder im Rollstuhl sitzen müsste. Eine Alters-Obergrenze für die Lust gibt es für sie nicht. Für intime Kontakte sollte es auch im Pflegeheim einen Raum geben, findet Justus.

Das Pflegeheim schützt nicht vor Liebe

Tatsächlich hat auch hier ein Umdenken begonnen. Lange Zeit war das Thema Sexualität in der Altenpflege tabuisiert. Sexuelle Bedürfnisse alter Menschen galten als unästhetisch und peinlich. Mittlerweile gehört der Bereich „Sexualität in der Pflege“ zu den Top-10-Themen in der Altenpflege und ist Teil des Pflichtunterrichts in Aus- und Fortbildung. Denn Senioren sind auch im höheren Alter nicht notwendigerweise „jenseits von Gut und Böse“, weiß die Berliner Dozentin für Pflegeberufe Sabine Veigel. Auch das Pflegeheim schützt vor Liebe nicht. Immer wieder finden sich dort Paare und heiraten sogar.

Gerade bei Demenzkranken ist die Sexualität ein Thema. Aufgrund ihrer Erkrankung machen sie sich wenig Sorgen darüber, was andere von ihnen denken. Die Etikette fällt. Sie äußern ihre Bedürfnisse direkter. Die Skala reicht von Sprüchen wie „Du hast einen tollen Hintern!“ bis hin zum öffentlichen Masturbieren. Damit müssen Pfleger umgehen können.

Darüber hinaus steuert der Bereich der Altenpflege derzeit auf einen Generationswechsel zu, berichtet Sabine Veigel: „Die 68er kommen ins pflegebedürftige Alter. Eine Klientel, die nicht bereit ist, ihre Sexualität an der Türschwelle zu lassen.“ Die Rahmenbedingungen für erotische Begegnungen sind in den Einrichtungen aber bislang kaum gegeben. Intimsphäre? Fehlanzeige.

Zwischen Unverständnis und Bewunderung

Justus und Erika haben es besser. In ihren Räumen können sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Auch am Tag, bei der Gartenarbeit, sind sie manchmal überwältigt von den Kräften der Natur, von der sie sich als Teil fühlen. Der Vogelgesang, das Quaken der Frösche, die explodierenden Apfelbäume im Frühling: All das lässt sie die Bedeutung ihrer Verbindung spüren und in tiefen Blicken versinken.

Aber wie reagiert das Umfeld auf die bewegten Alten? Manchmal mit Unsicherheit, manchmal mit Bewunderung, berichten Justus und Erika. Zumal die 72-Jährigen für ihr Alter eher ungewöhnliche Freizeitbeschäftigungen haben. Erika malt erotische Bilder, Justus baut phallische Skulpturen. Manche ihrer Altersgenossen meinen, sie übertreiben, und finden, dass man mit 72 nicht mehr nackt unter einer Bettdecke schlafen sollte. Justus und Erika lassen sich davon allerdings nicht verunsichern. Sie praktizieren auch Tantra. Erst mit Ende 50 haben sie diese Liebeskunstform für sich entdeckt und bedauern, dass sie nicht früher damit angefangen haben.

Lustfeindliche Medikamente

„Man spricht nicht darüber“: Das ist die Erfahrung von Justus und Erika. Statt über Lust und Liebe werde unter Senioren über die Enkelkinder oder noch lieber über Krankheiten geredet.

Krankheiten sind manchmal allerdings auch die Ursache für eine beeinträchtigte Sexualität im Alter. Die Liste möglicher Zipperlein, die Auswirkungen auf die Sexualität haben können, wird mit zunehmenden Lebensjahren immer länger: Bluthochdruck, Schilddrüsenstörungen, Gicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Blasenschwäche. Gelenkprobleme wie Arthrose und Arthritis können nicht nur äußerst hinderlich sein und unbeweglich machen, sondern außerdem enorme Schmerzen verursachen. Prostataprobleme können dem Sex ebenfalls den Garaus machen. Nicht zuletzt gibt es Medikamente mit lustfeindlichen Nebenwirkungen. Blutdrucksenkende Mittel etwa senken die Lust gleich mit – beim Mann wie bei der Frau. Selbst schmerzstillende Arzneien oder Cholesterinsenker können Potenz und Libido einen herben Dämpfer versetzen.

Mehr als jeder dritte Mann zwischen 60 und 69 Jahren hat Erektionsstörungen. Der Grund: Gefäßschäden, erhöhte Blutfettwerte oder Diabetes. Als eine der wichtigsten Begleiterscheinungen der Volkskrankheit, unter der sechs Millionen Deutsche leiden, tritt bei vielen zuckerkranken Männern eine Potenzstörung ein. Bei Diabetes kann es zu Durchblutungs-, Nerven- und Hormonstörungen kommen. Drei Faktoren, die den Sex im Alter enorm beeinträchtigen.

Herausforderung Wechseljahre

Bei Frauen mit Diabetes sieht es nicht viel anders aus: Sie leiden an Libidoverlust und Orgasmusschwierigkeiten. Hinzu kommt, dass viele Frauen ihre Lust auch in jüngeren Jahren noch gar nicht richtig erkundet haben und sich sexuelle Unlust und sexuelle Probleme zementiert haben. Untersuchungen zeigen, dass etwa 70 Prozent der Frauen aller Altersgruppen beim Sex nicht zum vaginalen Orgasmus kommen – selbst dann, wenn der Mann keine Potenzprobleme hat.

„Den eigenen Körper zu erforschen und mit sich selbst zu experimentieren, ist für viele Frauen noch ein Tabu“, nennt Körperpsychotherapeutin Lieselotte Diem als Grund dafür. Viele Frauen würden ihren G-Punkt gar nicht kennen, der intensivere Orgasmen bescheren kann und für dessen Stimulation ausgerechnet die beliebte Missionarsstellung besonders ungünstig sei. „Zum anderen braucht die Frau einfach länger als der Mann, um zum Höhepunkt zu kommen“, so Lieselotte Diem. Darauf muss ein Partner Rücksicht nehmen.

Nicht zuletzt sind die Wechseljahre durch die hormonelle Umstellung für einige Frauen eine echte Herausforderung. Begleiterscheinungen sind unter anderem Stimmungsschwankungen, Gereiztheit und Hitzewallungen. Der niedrigere Östrogenspiegel kann die Schleimhaut in der Scheide dünn und verletzlich machen. Habe es die Frau mit einem wenig verständnisvollen Partner zu tun, könne das tatsächlich bedeuten, dass das Liebesleben zum Erliegen komme, sagt Lieselotte Diem. Gleichzeitig betont sie: „Eine Frau verliert mit dem Alter nicht ihre Orgasmusfähigkeit.“ Schon gar nicht, wenn sie in einer lebendigen Liebesbeziehung lebe, sich in ihrer Haut wohlfühle und wisse, was sie im Bett mag.

„Frauen, die eine gute Sexualität entwickelt haben, passiert es nicht, dass sich die Lust mit den Jahren ‚ausschleicht‘“, sagt die Körperpsychotherapeutin. Eine lebendige Sexualität könne sogar Beschwerden mindern: Wechseljahresbedingte starke hormonelle Schwankungen blieben aus. „Umgekehrt kann es passieren, dass Frauen, die aus Enttäuschung mit dem Sex abgeschlossen haben, früher in die Wechseljahre kommen.“

Sexualität als Jungbrunnen

Auch bei den Männern erfordert das Altern zwar die eine oder andere Umstellung. Das Ende der Sexualität bedeutet es jedoch nicht. Im Gegenteil, findet Wolf Michael Bozenhard. „Die Liebe wird im Alter immer schöner und intensiver – auch die körperliche“, sagt er. Für den 59-Jährigen ist sie das beste Mittel, um gesund zu bleiben. Das Alter als Grund für Verzicht auf Sinnlichkeit und Körperlichkeit hält er für eines der dümmsten Argumente überhaupt. Er plädiert stattdessen dafür, die Kraft der Sexualität zu nutzen, die für ihn ein natürlicher Jungbrunnen ist.

Der Seminarleiter und Coach für Persönlichkeitsentwicklung führt viele Gespräche mit ergrauten Männern zwischen 50 und 75, die ihm erzählen, wie sich ihr Liebesleben mit dem Älterwerden verändert. Nicht wenige durchlaufen Phasen der Unlust oder gar Impotenz.

„Wir Männer kämpfen gegen die Konditionierung zu glauben, ‚mit über 50 kannst du nicht mehr‘“, erklärt Wolf Michael Bozenhard. Wichtig sei es, bei sexuellen Begegnungen die gewohnten Muster und vorgefertigten Verhaltensstrukturen zu verändern und langsamer, entschleunigter und zärtlicher zu werden. Das Gefühl zu genießen, Haut auf Haut zu spüren. Sich zu berühren und miteinander zu reden. Überhaupt seien Berührungen und Gespräche die Zaubermittel. „Und mir nichts, dir nichts hast du wieder Sex. Fühlst dich mit einem Mal viel jünger und sogar der Orgasmus ist viel schöner.“

Tiefe Verbundenheit statt Akrobatik

Anders als Frauen, die jugendliche Liebhaber haben, werden Männer mit deutlich jüngeren Gespielinnen akzeptiert. Es ist auch gesellschaftlich anerkannt, wenn Männer auf ihre alten Tage noch Väter werden. Eine jüngere Partnerin ist für Bozenhard aber nicht das richtige Rezept, um Senioren wieder auf Trab zu bringen. Die Schönheit der Jugend ist für ihn nur eine Illusion. Was zähle, sei die Tiefe der Verbundenheit. Wer sich traue, wieder neu zu fühlen, für den sei das Alter der Partnerin Nebensache. Und auch das eigene Alter: Die Tatsache, dass man als „oller Knochen“ keinen „Maschinengewehrsex“ mehr liefern und auch Schwächen nicht mehr so leicht überspielen könne, sei gleichzeitig die beste Voraussetzung dafür, echter und authentischer zu werden. Bozenhard: „Wer es schafft, Gedanken an Leistungsdruck zu verbannen und stattdessen die Ruhe und Gelassenheit des Alters einfließen lässt, der kann mit seiner Partnerin echte Hingabe und Einswerden erleben.“

Vorbild könnte da die mittlerweile 82-jährige Schauspielerin und Diva Joan Collins sein, die sich von ihrem Alter nicht schrecken lässt. Sie findet: „Alter ist irrelevant. Es sei denn, du bist eine Flasche Wein.“

Den besten Sex ihres Lebens

Tatsächlich haben nicht wenige Menschen erst mit 50 oder 60 den besten Sex ihres Lebens. Anders als in jungen Jahren geht es nicht mehr um Leistung, Durchhaltevermögen und Standhaftigkeit, sondern darum, eine schöne Zeit mit dem Partner zu verbringen. Die Zärtlichkeit rückt mehr in den Vordergrund und weniger der Drang, möglichst schnell dem Höhepunkt entgegen zu eilen.

Justus und Erika kennen eine Reihe von Männern und Frauen, die mit Anfang 70 noch sexuell aktiv sind. Aber auch andere, die sich bereits von ihrer Sexualität verabschiedet haben. „Wenn Männer sagen, mir ist Sex nicht mehr wichtig, ich brauch’ das nicht mehr, dann mag ich ihnen das nicht so recht glauben“, sagt Justus und vermutet: „Dahinter stecken Erektionsprobleme.“ Viele Ältere verzichteten wohl auch auf Sex, weil sie dächten: „Das tut man nicht mehr.“ Und nicht, weil wirklich schon alles vorbei ist.

Dabei betrifft die Abstinenz nicht nur Ältere. Die umtriebigen Senioren kennen auch jüngere Menschen, die so viel Stress haben, dass mitunter im Bett kaum etwas läuft. Frauen hätten mit Beruf und Familie eine permanente Doppelbelastung, junge Männer stünden so unter Leistungsdruck, dass sie „die kleine blaue Pille brauchen, um zu funktionieren“.

Aber warum nicht? Solche Hilfsmittel wie auch pflanzliche Potenzmittel aus der Kräuterküche oder Gleitgel finden Justus und Erika – wenn nötig – legitim. Sie selbst jedoch haben keinen Leistungsdruck mehr. Für sie hat der reife Sex viele Vorteile: „Man hat mehr Zeit und es gibt keine Probleme mit der Verhütung.“ Ihr Sexleben finden sie heute „rundum schöner“. Was früher heftig und schnell war, sei heute intensiv und „multiorgastisch“. Aber Sexualität muss nicht immer eine wilde Vereinigung sein. Auch zärtliche Berührungen können Wunder wirken.

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