Eine Kostümparty in einer Privatwohnung, irgendwo in Berlin. Es ist keine x-beliebige Party, sondern eine Orgie. Dresscode: die Hippie-Zeit. Peace-Zeichen, lange Haare, Blumen im Haar, bestickte indische Shirts, Jeans mit weitem Schlag, Frauen ohne BH. In der Luft hängt ein Duft von Räucherstäbchen und von freier Liebe. Make peace not war. Die 1960er- und 1970er-Jahre sind lange vorbei, die Idee der freien Liebe nicht. Auch im 21. Jahrhundert treffen sich Menschen im Outfit von damals, um zusammen einen Abend „in Liebe“ zu erleben. Sie sind zwischen 30 und 50, kultiviert und haben meist studiert. Manche sind eher freizügig gekleidet, andere schwitzen unter ihren Langhaar-Perücken.

In den Gläsern auf den Tischen stehen Kondome statt Knabberzeug. Alles ist möglich. Zärtliche Begegnungen oder auch Sex mit einem oder mit mehreren. In der Vorstellungsrunde wird über die Wünsche für den Abend gesprochen. Manche wollen sich nur ausprobieren, andere sind schon länger dabei. Darunter Singles, die sich nicht fest binden, aber trotzdem nicht auf Liebe, Zärtlichkeit oder Sex verzichten wollen. Aber auch viele Paare, die ihre Beziehung zu anderen geöffnet haben. Paare wie Konstantin Stavridis und Saskia Mieszkalski.

Exoten sind sie nicht

Der Mittvierziger und die 37-Jährige sind eine feste Größe in der Berliner Freie Liebe-Szene. Stavridis ist Mitinitiator des „Berliner Netzwerks für Liebeskunst“. Beide bieten experimentelle Workshops rund um die Themen Liebe, Beziehung, Sexualität und Selbsterfahrung. Sie halten Vorträge und organisieren Festivals wie zuletzt das Liebeskunstfestival. Sie sind keine Exoten. Immer mehr Paare wünschen sich eine Lebensform jenseits der klassischen Zweierbeziehung.

Ein Forscherteam von der University of Michigan ermittelte in zwei größeren Umfragen in den USA, dass etwa fünf Prozent der Befragten eine „einvernehmlich nicht monogame“ Liebesbeziehung unterhalten. Dazu zählen Swinger Club-Besucher genauso wie Menschen, die offene Ehen oder freie Liebe praktizieren. Umfragen in anderen Industrieländern weisen in eine ähnliche Richtung. Damit handelt es sich um einen zahlenmäßig nicht unerheblichen Personenkreis. Zum Vergleich: Der Anteil der Homosexuellen wird auf zwei bis fünf Prozent geschätzt.

„Das Leben ist kurz. Gönn’ dir eine Affäre“

Die Zahl der Fremdgänger innerhalb von festen Beziehungen ist wesentlich höher. Der Unterschied: Seitensprünge geschehen zum überwiegenden Teil heimlich und ohne das Einverständnis des Partners. Eine Studie von Elite Partner aus dem Jahr 2012 ergab: 18 Prozent der Frauen und 23 Prozent der Männer waren schon einmal oder mehrfach untreu. Andere Untersuchungen kamen sogar zu dem Ergebnis, dass etwa jeder Zweite schon einmal in eine außerpartnerschaftliche Affäre involviert war. Seitensprung-Agenturen boomen mit dem Motto „Das Leben ist kurz. Gönn‘ dir eine Affäre.“

Mit Affären können Saskia und Konstantin wenig anfangen. Sie sprechen lieber von Liebe. Wenn sie sich auf die Couch in der großen Scheune ihres Hofes im Süden Berlins lümmeln, ist nichts Zweideutiges dabei. Es sind zwei Menschen mit Tiefgang und Seele, die ihren Tee und die selbstgebackenen Keksen genießen. Eine Pause, die sie nötig haben bei ihrem vollen Terminkalender. „Unser Leben ist in jeder Beziehung sehr erfüllt“, sagt Saskia lachend.

Als sich der studierte Naturwissenschaftler und Sohn griechischer Einwanderer und die frühere Managerin aus Leipzig vor fünf Jahren auf einem experimentellen Workshop über Liebe, Sexualität und Kunst kennenlernten, waren beide schon offen für weitere Beziehungen. Saskia: „Sonst hätten wir uns gar nicht aufeinander eingelassen.“ Deshalb war es für sie von Anfang an normal, neben ihrer Liebe auch Geliebte oder erotische Freundschaften zu haben. Inspiriert zu dieser Lebensform hat sie übrigens der Klassiker des Psychoanalytikers Erich Fromm „Die Kunst des Liebens“.

Ein ganz normales Leben

Trotz freier Liebe sind die beiden Familienmenschen. Ihre Tochter ist zweieinhalb. Im Garten stehen Kinderspielzeug und ein Laufrad. Saskia: „Alle Kinder wollen, dass die Eltern glücklich sind und eine harmonische Beziehung führen. Das ist bei uns der Fall.“ Mit seiner Art zu lieben geht das Paar offen um. Die Zeiten, wo man dafür verurteilt würde, seien glücklicherweise längst vorbei.

Die beiden führen ein ganz normales Leben. Mit Familienfeiern, Picknick mit Freunden, Kaffeeklatsch. Mit von der Partie sind die Kinder, Ex-Partner und die jeweiligen Geliebten. Der Abend endet häufig in einem anderen Schlafzimmer. Auch waren sie schon einmal mit einem befreundeten Paar im Urlaub, mit dem sie beide etwas hatten. „Wir machen darum kein Brimborium“, sagt Saskia. Immer wieder werden sie gefragt, wie sie es mit Haupt- und Nebenbeziehungen halten oder ob es feste Tage für Treffen gibt. „Vieles entscheiden wir aus dem Impuls heraus“, sagt Saskia. Ihre Bedürfnisse sprechen sie kurz mit dem anderen ab. Ansonsten gilt: Alles ist möglich. Nur in einem Punkt machen die beiden keine Kompromisse: Ihre kleine Tochter hat oberste Priorität. Für sie wurden schon viele Verabredungen abgesagt. Es gibt auch Tage, an denen Saskia sich müde und überarbeitet fühlt und zu Konstantin sagt: „Ich brauche dich heute“. Dann verschiebt er sein Treffen und bleibt bei ihr.

Impulse für die Beziehung

Beide dürfen wie Singles neue Menschen kennenlernen, flirten, sich verlieben. Sie sind offen für neue Beziehungen oder Abenteuer - und gleichzeitig verbunden als Liebende. „Der normale Konflikt ist: Will ich in meiner monogamen Beziehung eingesperrt sein oder als Single einsam?“, sagt Konstantin. „Wir dagegen sind verbunden und frei.“ Saskia ergänzt lachend: „Allerdings haben wir nicht mehr Sex als Monogame. Wahrscheinlich eher weniger.“

Was finden sie bei anderen, was sie bei sich nicht finden? „Jeder, der in unsere Beziehung kommt, hält unsere Beziehung lebendig. Es sind Impulse zum Wachsen“, sind sie sich einig. Egal, ob sie mit anderen tiefsinnige Gespräche führen oder ihre leichtsinnige Seite ausleben, beide kennen niemanden, mit dem sie „so viele Schnittmengen haben wie miteinander“.

In der freien Liebe, mit der Konstantin und Saskia sich identifizieren, geht es nicht um die Frage, ob sie einen oder drei Partner haben, sondern darum, wie tief die Liebe wirklich ist. Freie Liebe schließt für sie anders als die Polyamorie auch Monogamie und sogar die Enthaltsamkeit mit ein.

Offenheit und Ehrlichkeit sind wichtig

Saskia hat das „tägliche Bedürfnis, ihren Lebensgefährten glücklich zu sehen“ – auch, wenn sie nicht die einzige Frau in seinem Leben ist. Wenn sie „in Liebe ist“, hörten die Erwartungen und das „Haben wollen“ auf, erklärt sie. Offenheit und Ehrlichkeit sind ihr in intimen Beziehungen wichtig, weshalb sie sich nicht auf einen verheirateten Mann einlassen würde, der seine Frau betrügt und belügt. Das findet auch Konstantin, der Menschen, die so leben, schwer versteht: „Wenn du dich sogar in deinem Heimathafen fremd fühlst, was willst du dann da noch?“

Eifersucht? „Ein komplexes Thema“, findet Konstantin. „Eifersucht nein – Schmerz ja“, sagt Saskia. Am Anfang hat es manchmal geknallt, als sie noch nicht so gut aufeinander eingespielt waren. Heute gibt es Streit aus viel banaleren Gründen. Zum Beispiel, wenn Saskia mal wieder die Schlüssel verlegt hat oder Konstantin berufliche Termine vereinbart hat, ohne sich vorher mit Saskia abzusprechen.

Hinter Eifersucht stecken nach Ansicht der beiden Verlustangst, Wut oder Neid und oft auch das Gefühl: „Das hätte ich auch gerne erlebt“. Wenn man sich das eingestehen würde, könne man es dem anderen nicht mehr vorwerfen. Und Kontrolle? Menschen kontrollieren müsse man nur, wenn man ihnen nicht vertraue, finden sie. Wenn einer der beiden verliebt ist, fragen sie immer nach, wie der andere sich damit fühlt. Die beiden möchten nicht „fremdeln und sich voneinander entfernen durch Unausgesprochenes“. Deswegen ist ihnen der Austausch wichtig. Saskia: „Wir verbringen extrem viel Zeit mit Reden.“

Jeder ist für seine Gefühle selbst verantwortlich

Natürlich kommt aber auch bei den beiden mal Verlustangst auf, Traurigkeit oder das Gefühl, alleingelassen zu sein. Durch die Pflege ihres innigen Kontaktes lösten sich diese Gefühle aber meist schnell wieder auf, sagen sie. Im Übrigen sei jeder selbst für seine Gefühle verantwortlich, so Saskia.

Wenn einer der Geliebten auf dem Hof vorbeischaut, funktioniert das recht unkompliziert. Häufig sitzen sie noch eine Weile zu dritt zusammen. Zum Zurückziehen gibt es eine kleine Einliegerwohnung. Auch Konstantins neueste Flamme war schon zu Besuch. Zum Übernachten fand Saskia es aber noch zu früh. Auch diese Frau hat einen Partner. Die Annäherung erfolgt deshalb langsamer, als wenn sich zwei Singles kennenlernen. Konstantin: „Unsere Beziehungen sind viel komplexer als eine konventionelle Zweierbeziehung. Wichtig ist, dass alle emotional mitkommen. Den Impulsen folgen ja – aber mit viel Rücksicht auf den anderen.“ Ein Balanceakt, der nur in gestandenen Beziehungen mit einem starken „Wir-Gefühl“ funktionieren kann, glauben beide.

Obwohl Saskia und Konstantin andere Lieben haben und davon träumen, mit all ihren Liebsten gemeinsam zu wohnen, wollen sie heiraten. Für sie gehört das Aufeinander einlassen und das Den-anderen-Loslassen zusammen. Das ist nicht bei allen Menschen aus der Szene so. „Viele Leute sind auch getrieben von Verlustangst. Nach dem Motto: ,Wenn mich einer verlässt, habe ich ja noch andere’“, erzählen sie. Davon distanzieren sie sich. „Für uns geht es neben der Freiheit immer auch um Verantwortung. In erster Linie für uns selbst, aber auch für den Partner“, erklärt Saskia.

Die Gesellschaft verändern

Freie Liebe bedeutet für das Paar auch nicht, in den Tag hinein zu leben. Die beiden sind gut organisiert. Das ist nötig, um die vielen Freunde und Projekte unter einen Hut zu bekommen – und um ihre Botschaft an die Welt zu verbreiten. Sie lautet: „Liebe ist etwas ganz Natürliches.“ Missionieren wollen die Aktivisten in Sachen freie Liebe aber nicht. Das Zentrale sei die eigene Persönlichkeitsentwicklung. Die Änderung der Gesellschaft gehe nur über die Arbeit an sich selbst.

Immer wieder erlebt Saskia auf ihren Seminaren Menschen mit der Sehnsucht, freier zu leben und zu lieben. Die dann aber den Partner nicht loslassen können – aus Angst, ihn zu verlieren. Glücklicherweise kämen keine schwer traumatisierten Menschen, die in erster Linie eine Therapie suchen, sondern eher Menschen, die zu neuen Ufern aufbrechen wollen, erzählt sie. Dabei kämen allerdings manchmal tiefe Schmerzen aus der Kindheit wieder hoch. „Viele vermeiden diese Ängste, indem sie sich an einen Partner klammern“, sagt Saskia. Mit erwachsener Liebe aber habe dieses Aufeinander kleben und den Anderen für sein Glück verantwortlich machen wenig zu tun. „Im Grunde haben wir alle die gleichen Probleme, egal in welcher Beziehungsform wir leben“, findet Konstantin, der bei den Deutschen manchmal die Emotionalität und Herzlichkeit der Griechen vermisst. Wie „gesund“ jemand sei, wirke sich direkt auf die Beziehung aus. Ein Beziehungsmodell mit Glücksgarantie, das gäbe es aber nicht.

Neustart auf der Kuschelparty

Auch Anders* versucht neue Wege in Sachen Beziehung zu gehen. Er ist schon seit einigen Jahren in Sachen freie Liebe unterwegs. Der Mittfünfziger lebte lange monogam mit der Mutter seiner beiden Töchter. Die Liebe des Paares bekam mit der Geburt des ersten Kindes einen Sprung. Statt Anders’ Qualitäten als Vater anzuerkennen, reagierte die Frau mit Eifersucht.

Gegen Ende der zwölfjährigen Ehe ging es auch mit dem Sex immer mehr den Bach herunter. Nur noch selten schliefen sie miteinander. Während seine Frau einen neuen Mann kennenlernte und aufblühte, wurde der Sprachwissenschaftler depressiv. Die Ehe war am Nullpunkt und Anders hatte den Glauben an die Liebe verloren. Die Eiszeit endete auf einer Kuschelparty. Dort erlebte er „einen nährenden Überfluss an Zärtlichkeit“ und trat „aus dem Reich des Mangels in die Gefilde der Fülle“. Eifersucht war plötzlich kein Thema mehr. Ein Paradies. Nur Erotik und Sex fehlten.

Beim „Kuschel-In“ am Brandenburger Tor im Jahr 2010 erfuhr Anders davon, dass es in Berlin ein Liebeskunst-Netzwerk gibt. Fast zufällig landete er bei seiner ersten Orgie. Dort sah er eine Frau, die ihm gefiel. Als sie plötzlich mit anderen Männern zugange war, war es für ihn nicht einfach, das auszuhalten. „Viel Seelenarbeit war nötig, um nicht in die narzisstische Verletzung zu gehen“, sagt er. Der Frau kam er schließlich doch noch näher. Ein Schlüsselerlebnis. Heute, fünf Jahre später, sind sie immer noch in Kontakt.

Angst, sich zu verlieren

Mittlerweile bezeichnet sich Anders als „polytreuen Single“. Eine zentrale Beziehung hat er nicht mehr, sondern lebt stattdessen in einem Netzwerk, in dem er mehrere intensive Lieben gleichzeitig leben kann – oft über lange Jahre. Wenn er aber das Gefühl hat: „Jetzt will sie mich vereinnahmen. Jetzt wirft sie das Netz über mich“, dann bekommt er Fluchttendenzen.

Wenn neue Menschen in sein Leben kommen, macht Anders deshalb von vornherein klar, dass er keine normale Zweierbeziehung will. „Alles andere wäre unehrlich.“ Wovor hat er eigentlich Angst? Vielleicht davor, sich wieder selbst zu verlieren und stattdessen nur noch die Wünsche des anderen in den Mittelpunkt zu stellen. Vor Erwartungsdruck und Verletzungen. Aber vielleicht ist er auch einfach nur ein gebranntes Kind.

Im Positiven sieht sich Anders als „einsamen Wolf, der jederzeit seine Beute reißen kann“. Ein anderer Teil der Wahrheit ist, dass er schon immer sehr viel allein war. Seit der Pubertät haderte er mit seiner Geschlechtsidentität und der klassischen Männerrolle. Durch Gruppenerlebnisse traut er sich inzwischen auch seine bisexuelle Seite auszuleben. Spielerisch ertaste er neue Räume, erzählt er. Er erlebe viel Befreiung und genieße „die intensive, liebevolle Energie“, eine Kraft, die für ihn die Möglichkeit birgt, den Umgang der Menschen miteinander in der Gesellschaft zu ändern. Die freie Liebe: Sie ist für ihn ein Stück politischer Utopie.

Stress und Leistungsdruck

Die Kehrseite der Medaille ist, dass es vorkommen kann, dass Menschen, die Anders scheinbar nahe standen, ihn plötzlich nicht mehr beachten. Auch in der Szene wurde er mit Eifersucht oder Konkurrenz konfrontiert und mit dem Gefühl, nicht dazu zu gehören oder den sexuellen Ansprüchen nicht zu genügen. Zu sehen, „wie sich andere wunderbar vergnügen, während man selbst am Rande steht“, ist nicht einfach. Stress und Leistungsdruck können aufkommen.

Die freie Liebe ist für die, die sie praktizieren, eine große Herausforderung. Denn in der Begegnung mit anderen werden sie ständig auch mit sich selbst konfrontiert. Auch für Paare ist das Wagnis freie Liebe nicht ohne. Durch die Öffnung nach Außen können Wahrheiten ans Licht kommen, die schwer zu verkraften sind oder verunsichern. Oder die Beziehung kann sich in einer Weise verändern, die einem oder beiden nicht gefällt.

Sich selbst treu sein

So ist die freie Liebe auch nicht für jeden das Richtige. Lillys* Erfahrungen waren bitter. Die 45-jährige Pädagogin weiß, dass sie ein Problem mit Bindung hat. Ein Jahr lang liebäugelte sie mit dem experimentellen Lebensstil und erlebte dabei viele schöne Momente. Dann verliebt sie sich aus dem Gefühl heraus in einen Mann aus der Szene – und stürzte ins Gefühlschaos. Hinterher war sie schlauer: „Das Label ‚freie Liebe‘ kaschiert ganz viel Schmerz“, sagt sie. Für sie ist die angebliche Freiheit eine Falle. Der emotionale Preis, den sie gezahlt habe, sei hoch gewesen.

Natürlich gibt es auch abseits der Freie Liebe-Szene nicht alltägliche Beziehungsmodelle. Für Julia* gibt es so viele verschiedene Formen der Liebe, wie es unterschiedliche Menschen gibt. Die 28-Jährige aus Prenzlauer Berg ist bisexuell. Es ist schon vorgekommen, dass sie zeitgleich einen Freund und eine Freundin hatte. Eine Lebensform, die ihr gefällt und mit der sie im Allgemeinen sehr offen umgeht. Doch sie weiß, dass nicht jeder damit klar kommt. Vor allem von ihren männlichen Freunden hört sie manchmal kritische Worte hinsichtlich ihres Lebenswandels. Julia selbst ist das egal. Sie versucht, vor allem sich selbst treu zu sein.

Hannes* und Tommy* sind seit fünf Jahren verheiratet und glücklich miteinander. Weil Hannes nicht so viel Lust auf Sex hat wie Tommy, darf Tommy intime Beziehungen auch mit anderen pflegen. Hannes weiß immer Bescheid, wann, wo und mit wem sich sein Ehemann trifft. Ein Modell, das beiden zusagt.

Spiel mit dem Feuer

Auch bei Saskia und Konstantin war die freie Liebe nicht immer das Beziehungskonzept. Saskia hat sieben Jahre lang in einer monogamen Beziehung gelebt. Konstantin lebte acht Jahre monogam mit Frau und Kind. Eine wertvolle Erfahrung, die beide nicht missen wollen. Sie könnten sich auch vorstellen, irgendwann wieder monogam zu leben. Doch im Moment funktioniert ihr Lebensentwurf. Und wie. Noch nie seien sie dauerhaft so glücklich im Leben gewesen wie in den vergangenen fünf Jahren miteinander, sagen sie.

Kürzlich erzählte ihnen ein Freund, der in einer offenen Beziehung lebt, er sei in fünf Frauen verliebt. „Wie geht das?“, fragt sich Konstantin. „Wenn ich mich verliebe, bekenne ich mich zu einem Beziehungswunsch.“ Erotische Freundschaften interessieren ihn mittlerweile weniger als früher. Heute hat er mehr Lust, sich einzulassen.

Ist das nicht ein Spiel mit dem Feuer? Ja, natürlich sei es riskant. Doch interessanterweise sei es bisher die gegenseitige Freiheit gewesen, die ihnen mehr Sicherheit geboten habe als Partnerschaftsverträge, findet Konstantin: „Wer etwas tiefer schaut, erkennt schnell, dass das meiste, was die Menschen für Sicherheit halten, eigentlich eine Illusion ist.“

Der Tee ist kalt geworden. Durch die Scheune, die zum Seminarraum umfunktioniert wurde, schleichen eine Katze und ein Fuchs. Beide gehören zum Haus. Saskia und Konstantin sind manchmal wochenlang nur zu zweit. Manchmal liegt das am Organisatorischen: Saskias andere Liebe baut ebenfalls ein zeitraubendes Projekt auf und hat wenig Zeit. Aber sicher liegt es auch daran, dass sich Saskia und Konstantin eigentlich gar nicht so schnell verlieben. Saskia: „Vielleicht, weil wir letztlich die Liebe sehr ernst nehmen.“

* Namen geändert