Alzheimer

„Jede Pflegegeschichte ist eine Liebesgeschichte“

Mathias Wirtz über den richtigen Umgang mit Demenz-Erkrankten und das, was pflegende Angehörige dringend brauchen

Mathias Wirtz, Gerontologe und Projektleiter der Haltestelle Diakonie Spandau

Mathias Wirtz, Gerontologe und Projektleiter der Haltestelle Diakonie Spandau

Foto: privat / BM

Jedes Jahr erkranken in Deutschland 30.000 weitere Menschen an verschiedenen Formen von Demenz. Wie lernen wir einen besseren Umgang mit den Betroffenen? Darüber sprachen wir mit Mathias Wirtz. Der Gerontologe leitet die Haltestelle Diakonie Spandau. Die Einrichtung bietet Besuchsdienste und Betreuungsgruppen an, die von speziell geschulten Ehrenamtlichen durchgeführt werden, und unterstützt Erkrankte und Angehörige. Sie sucht dabei nach neuen Wegen im Umgang mit den kognitiv beeinträchtigten Menschen.

Berliner Morgenpost: Meine erste Frage an einen Menschen ist: Wie geht es Ihnen...

Mathias Wirtz: Ja, und im Umgang mit Menschen mit Demenz kann das schwierig sein: W-Fragen verlangen konkrete Antworten. Die können Betroffene aber oft nicht mehr geben. Das setzt sie unter Druck oder frustriert sie. Begegnen Sie ihrem Gegenüber lieber mit einer offenen Frage oder einem Angebot zu erzählen, das er dann auswählen oder ablehnen kann.

Also: Trinken Sie lieber Kaffee oder Tee?

Das ist auch schwierig: Alternativen fordern Entscheidungen, und auch das kann Menschen mit Demenz überfordern. Fragen Sie lieber einfach: Möchten Sie Tee? Dann eine Pause. Damit der andere antworten kann. Wenn Sie sofort sagen, möchten Sie Kaffee, Tee oder Saft, dann wird er Saft sagen, das letzte, was Sie aufgezählt haben, weil er sich das merken kann. Am besten ist es, wenn man die Fragen in einzelne wahrnehmbare Einheiten unterteilt.

Kann man sich denn so unterhalten?

Natürlich, und wie! Man unterhält sich langsamer, in einzelnen Schritten, und man plaudert. Und: Man kann seine Worte immer mit Mimik und Gestik unterstreichen, um zu verdeutlichen, was man meint: Bieten Sie ihren Arm an, wenn Sie mit dem Betroffenen spazieren gehen wollen. So eine Kommunikation hat etwas Spielerisches, Tänzerisches. Und bleiben Sie ganz ruhig bei allem. Das geht. Als ich das erste Mal in einer Demenz-WG arbeitete, kam ich frisch aus der ambulanten Pflege und dachte, das ist ja wie Urlaub hier! Was natürlich Unsinn ist, denn Sie haben zwar Zeit, aber der Umgang mit den Menschen ist sehr emotional und nah. Das ist auch anstrengend. Aber es kann auch sehr heiter sein.

Wie das?

Wenn mein Mann oder meine Frau erkrankt ist, dann betrifft die Krankheit ja auch mich selber. Aber wenn ich Pfleger bin oder mich ehrenamtlich engagiere, dann kann ich dem Erkrankten mit einer größeren Leichtigkeit begegnen. Ich kenne ihn nicht, wie er ohne Demenz war, kenne seine Verluste nicht, sondern lerne ihn so kennen, wie er ist: eine reiche, komplexe, schöne Persönlichkeit, die eben auch eine Demenz hat. So kann ich vielem auch mit Humor begegnen. Etwa wenn Betroffenen die Intimpflege peinlich ist; sie merken ja selbst, dass sie hier Hilfe brauchen.

Ist jemand, der nicht Angehöriger ist, vielleicht sogar die bessere Gesellschaft für einen Erkrankten?

Es ist komplexer. Ich bin fest von zwei Dingen überzeugt: Erstens: Jede Pflegegeschichte ist eine Liebesgeschichte. Die Angehörigen wollen da sein, lassen schwerst erkrankte Menschen eben nicht im Stich. Was sie tun ist unglaublich: Sie pflegen an sieben Wochentagen, 52 Wochen, im Schnitt sieben bis zehn Jahre – ohne irgendeine Pause. Das ist wie eine Flut, die langsam und unmerklich steigt. Zweitens: Angehörige müssen viel mehr entlastet werden. Sie brauchen sofort nach Feststellung der Demenz eine umfassende Beratung über die Hilfsmöglichkeiten, die gut sind. Diese Beratung muss zu ihnen nach Hause kommen – sie pflegen ja immer. Sie brauchen eine kontinuierliche psychologische Beratung. Und: mehr Entlastung, mehr eigene Zeit. Solche Veränderungen funktionieren: Seit der Pflegeversicherung pflegen zehn Prozent mehr Männer, konkret 27 statt 17 Prozent - und sie ziehen stärker Pflegedienste hinzu und entlasten sich so. Angehörige brauchen und haben ein Recht auf eines: ein eigenes Leben. Sie sind eigene Persönlichkeiten und wenn sie kein eigenes Leben haben, geht es ihnen schlecht.

Und wie ist das für die Erkrankten?

Uns fehlt noch viel Wissen darüber, wie Menschen sich fühlen, die für die alltäglichsten Dinge Hilfe brauchen. Das ist zu wenig Thema: Wie fühle ich mich, wenn es mir nicht mehr gelingt, mich anzuziehen, was früher ganz leicht und alltäglich war? Ausgehend von so einem Wissen lässt sich der Kontakt mit den Betroffenen gestalten. Wichtigste Regel: Kontakt vor Funktion! Also: nicht einfach loslegen, sondern erst einmal den anderen wahrnehmen, begrüßen, sehen, wie er reagiert, in kleinen Schritten weitergehen. Mit solchen Kontaktbausteinen kann ich eine Beziehung aufbauen.

Das kostet natürlich viel Zeit.

Das stimmt. In WGs und bei Ehrenamtlichen haben wir aber Zeit, Heime brauchen mehr Geld für Personal. Denn: Pflegekräfte wollen Zeit und Ruhe haben für ihre Bewohner.

Hat sich im Vergleich zu früher schon etwas verbessert?

Früher hat man versucht, die Menschen mit Demenz zu dressieren. Wenn jemand mit der Faust auf den Tisch haute, hat man ihm das verboten. Heute fragen wir uns, warum er es macht. Welches Signal er damit senden will. Sehen Sie ihn nicht als jemanden an, der stört. Sehen Sie ihn als jemanden, der kompetent ist. Er kann sich bewegen, er kann kommunizieren, er kann Gefühle oder Bedürfnisse artikulieren. Darauf können Sie eingehen. Vielleicht ist er unterstimuliert – das gibt es oft. Dann bieten Sie ihm etwas an, was ihm Freude macht. Früher hat man versucht, die Menschen zu orientieren, zu erklären, welches Datum es ist und wer gerade das Land regiert. Aber das hilft ihnen nicht, es macht ihnen Stress. Menschen mit Demenz haben ihre eigene Sicht auf die Welt. Die müssen wir vorbehaltlos akzeptieren, sonst ist kein wirklicher Kontakt mit ihnen möglich. Wenn ein 90-Jähriger sagt, ich will zu meiner Mutter, dann erklären Sie ihm nicht, dass sie schon längst verstorben ist. Sehen Sie sein Gefühl, die Sehnsucht nach der Mutter, und sagen Sie einfach: Sie haben Sehnsucht nach Ihrer Mutter. Er wird sich bestätigt und geborgen fühlen.

Nehme ich ihn dann noch ernst?

Ja! Ich nehme ihn vorbehaltlos so an, wie er ist. Und: Warum soll denn meine Realität gültiger sein als seine?

Angenommen mein Mann ist dement. Würden Sie mir raten, ihn selbst zu pflegen?

Ich würde Sie informieren darüber, was es heißt, einen Menschen mit einer Demenz zu pflegen. Und ich würde Ihnen dringend raten, sich von Anfang an Auszeiten einzuplanen: Zeiten für sich selbst – weil Sie das wert sind. Als Angehörige sind Sie ja nicht nur ein Anhängsel an ihren geliebten erkrankten Partner, Sie sind selbst eine reiche Persönlichkeit,auf die wir als Gesellschaft acht geben müssen. Da ist manchmal eine „strenge“ Sozialarbeiterin gut, die klar sagt: Sie müssen nicht alles übernehmen.

Wieviele Menschen pflegen hierzulande?

Zwei Drittel der Pflege wird in Deutschland von Angehörigen übernommen, die Pflegegeld beziehen. Das sind 1,5 Millionen. Leider sind statistisch nicht alle erfasst, etwa wenn noch keine Leistungen beantragt sind. Andere Länder wie z.B. Schottland oder Irland sind hier weiter.

Ruht sich das Gesundheitssystem auf den Angehörigen aus?

Es verlässt sich sehr auf die Angehörigen. Darauf ist es aufgebaut: auf der Pflege in der Familie. Die verändert sich aber: weniger Kinder, die woanders wohnen, mehr Singlehaushalte. Deshalb werden wir in Zukunft viel mehr in Nachbarschaft investieren müssen. Und wir brauchen eine nüchterne Debatte, die den steigenden Hilfebedarf angeht. Noch sehe ich keine Strategie im Gesundheitssystem, die das in seiner ganzen Tiefe in Angriff nimmt.