Es gibt in der modernen Pharmaforschung kaum etwas, das so frustrierend ist wie die Suche nach einem Alzheimer-Medikament. Der bayerische Mediziner Alois Alzheimer beschrieb das mysteriöse Leiden bereits 1907. Doch bis heute ist nicht vollständig geklärt, was genau das „große Vergessen“ auslöst. Und noch immer gibt es kein wirksames Heilmittel.
Neue Hoffnung schürt ein Mediziner-Kongress, der diese Woche in Washington stattfindet. Bei gleich zwei Studien lägen eindrucksvolle Ergebnisse vor, die im Rahmen der internationalen Fachtagung der Alzheimer’s Association am heutigen Mittwoch vorgestellt werden sollen, meldeten Branchendienste.
Der Wirkstoff aus den Laboren des Eli-Lilly-Konzerns ist ein Antikörper, der sich gegen Eiweißablagerungen im Gehirn der Patienten richtet. Die Forscher wissen seit langem, dass diese Plaques die Nervenzellen schädigen und das Gehirn schrumpfen lassen. Seit Jahren konzentrieren sich die Wissenschaftler deshalb auch darauf, Wege zu finden, um genau diesen Übeltäter unschädlich zu machen. Doch das offenbar toxisch wirkende Eiweiß Amyloid-beta, abgekürzt Abeta, ist ein hartnäckiger Gegner: Bisher sind alle Versuche, die schädlichen Ablagerungen rechtzeitig und dauerhaft aufzulösen, gescheitert.
Der jetzt vorgestellte Wirkstoff, der die Fantasie von Medizinern anregt, ist keine Neuerfindung. Vielmehr hatte Eli Lilly mit „Solanezumab“, kurz Sola, 2012 schon einmal gehörig Schiffbruch erlitten. Damals lieferte eine groß angelegte Studie bei Alzheimer-Patienten bei weitem nicht die erhofften positiven Ergebnisse.
Doch die Eli-Lilly-Forscher vertieften sich erneut in die Daten. Jetzt ist die Hoffnung groß, dass sich das Fortschreiten der Krankheit wenigstens in bestimmten Fällen verzögern lässt.
Die meisten Alzheimer-Medikamente, die derzeit verfügbar sind, wurden vor zehn bis 15 Jahren auf den Markt gebracht. Seitdem hat es keine Neuzulassung durch die US-Arzneimittelbehörde FDA mehr gegeben. Und keines der verfügbaren Medikamente kann den fortschreitenden Gehirnschwund, der die Patienten ihrer Persönlichkeit beraubt, wirksam aufhalten.
Die vielen Misserfolge sind auch so frustrierend, weil Alzheimer als häufigste Form von Demenz zu einem Massenleiden geworden ist. Allein in Deutschland schätzt die Deutsche Alzheimer Gesellschaft die Zahl der Demenzkranken auf 1,5 Millionen, zwei Drittel von ihnen leiden unter Alzheimer. Pro Tag kommen Schätzungen zufolge hundert neue Fälle hinzu. Und bis 2050 dürfte sich diese Zahl sogar verdoppelt haben. Weltweit sind bisher gut 35 Millionen Menschen erkrankt. In den USA ist die Krankheit nach Angaben der Alzheimer’s Association bereits die sechsthäufigste Todesursache.
Mit der steigenden Lebenserwartung nehmen die Fallzahlen drastisch zu, denn Alzheimer wird vor allem im Alter diagnostiziert: Gut zwei Drittel der Patienten sind über 80 Jahre alt. Das wiederum stellt die Gesundheitssysteme vor besondere Herausforderungen. Denn das schleichende Leiden, das mit vermeintlich harmloser Schusseligkeit beginnt und die Patienten teilweise über viele Jahre regelrecht dahinsiechen lässt, erfordert gerade in den späteren Stadien intensive Betreuung.
Fonds soll Forschung anschieben
Bereits 2013 haben sich die acht führenden Industrienationen (G8) auf Initiative des damaligen Gastgebers Großbritannien daher das Ziel gesetzt, bis 2025 ein Heilmittel zu finden oder wenigstens eine Therapie, die den Abbauprozess deutlich verlangsamt. Im Frühjahr 2015 verkündete der britische Premier David Cameron die Auflegung eines millionenschweren Risikokapitalfonds, der die Suche nach einer Therapie unterstützen soll. Er soll bereits in wenigen Wochen an den Start gehen.
Doch auch abseits politischer Initiativen konnten zuletzt gleich mehrere Unternehmen das Interesse von Investoren wecken. So gelang dem kleinen Biotech-Unternehmen Probiodrug aus Halle, das an einem neuartigem therapeutischen Ansatz arbeitet, ein überraschend erfolgreicher Börsengang.Nach jahrelanger Durststrecke stehe die Pharmabranche bei der Indikation Alzheimer momentan vor einem möglichen Wendepunkt: „Dieses Indikationsgebiet geht momentan durch eine enorm spannende Phase – und wir sind stolz darauf, weit vorne mit dabei zu sein“, sagte Finanzvorstand Hendrik Liebers im Gespräch mit der Morgenpost.
Der US-Biotech-Konzern Biogen ist schon ein ganzes Stück weiter. Auch Biogen testet ähnlich wie Eli Lilly unter einen Antikörper, der sich gegen die schädlichen Eiweißablagerungen richtet. Weil die ersten Tests ausgesprochen erfolgreich verliefen, wird Biogen mit Erlaubnis der FDA den potenziellen Wirkstoff Aducanumabnun im Rahmen eines beschleunigten Zulassungsverfahrens weiter erproben. Noch in dieser Woche könnte das Unternehmen eine Studie vorstellen, in der es um die optimale Dosierung des Wirkstoffs geht.

