Wohnungssuche

Biete Apartment mit Charme

Bruchbuden zum Wucherpreis, Menschenschlangen im Treppenhaus, dreiste Vermieter: Wer umziehen muss, kann viel erleben. Die skurrilsten Erlebnisse

Viel Beton statt Altbau-Charme: Nicht immer halten Wohnungsanzeigen, was sie versprechen

Viel Beton statt Altbau-Charme: Nicht immer halten Wohnungsanzeigen, was sie versprechen

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Mit einem kniffligen Rätsel fängt in der Regel alles an. „Biete 2-Zi-Whg., HP, TLB, 520 € KM, Abst.“ steht da etwa in der Immobilienanzeige. Wie bitte? Wer glaubt, dass sich hinter „HP“ eine komfortable morgendliche und abendliche Essensversorgung wie im Hotel verbirgt, der irrt natürlich. „Hochparterre“ ist gemeint und mit „TLB“ – immerhin – keine ansteckende Krankheit, sondern ein Tageslichtbad. Bleiben die Kosten: KM wie Kaltmiete und Abst. wie Abstandszahlung. Aber wie hoch soll die denn sein? Für was wird sie fällig? Wo genau liegt die Wohnung überhaupt und wie ist sie geschnitten? Auch solche Chiffre muss man lesen können: „Verkehrsgünstig gelegen“ meint „vier- bis sechsspurige Straße vor der Tür“ und „für Individualisten“ bedeutet im Klartext „völlig verbaut“.

Wer einen Platz zum Leben sucht, der braucht gute Nerven und Humor – gerade in einer Großstadt wie Berlin, wo der Wohnraum knapp und der Bedarf groß ist. Vermieter nutzen die immense Nachfrage, um die Mieten in die Höhe zu treiben, und Wohnungssuchende greifen zum äußersten Mittel, um an die begehrte Immobilie zu kommen. Da werden Belohnungen ausgelobt, Schmiergelder gezahlt, Familienfotos gepostet oder – bei älteren Vermietern beliebt – zusätzlich zur pünktlichen Mietzahlung Fahr-, Hundesitter- oder Hausmeisterdienste angedient. Und trotzdem kommen Umzugswillige in den meisten Fällen nicht umhin, sich bei Massenbesichtigungen in die Schlange einzureihen, Unmengen persönlicher Daten in Selbstauskunftsbögen einzutragen – um dann doch leer auszugehen.

Nicht nur die Sozialverbände schlagen Alarm, auch die Politik und Unternehmer haben erkannt: Berlin braucht dringend mehr und vor allem günstigen Wohnraum. In den vergangenen vier Jahren verzeichnete die Hauptstadt einen Zuwachs von 160.000 Einwohnern. Dieser Trend wird Hochrechnungen zufolge anhalten und durch die Ankunft der vielen Flüchtlinge noch verstärkt. Das verschärft die Situation auf dem ohnehin angespannten Wohnungsmarkt.

Mietsteigerung um 46 Prozent

Zwar gilt das Wohnen in Berlin immer noch als günstig im Vergleich zu anderen Großstädten wie München oder Hamburg. Doch die Mieten steigen. Wer heute in Berlin einen neuen Mietvertrag unterschreibt, muss im Schnitt mit 8,55 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter im Monat rechnen. Das entspricht rund 770 Euro Warmmiete für eine 70-Quadratmeter-Wohnung. Vor sechs Jahren musste man noch 5,85 Euro zahlen. Die Mieten in Berlin sind in diesem Zeitraum also um 46 Prozent teurer geworden, geht aus den Zahlen der Wohnmarktreporte des Immobiliendienstleisters CBRE hervor. Vor allem in den Innenstadtbezirken ziehen die Preise an. Mitte verbucht ein Plus von 82 Prozent, Neukölln von 55 Prozent und Friedrichshain-Kreuzberg von 54 Prozent. Aber auch in den Randlagen wie Spandau (+30 Prozent), Reinickendorf (+29 Prozent) oder Marzahn-Hellersdorf (+24 Prozent) muss fürs Wohnen tiefer in die Tasche gegriffen werden.

Immerhin: In einigen Szenevierteln sind die Mieten inzwischen so teuer geworden, dass sich keine Mieter mehr finden und sogar Mietrückgänge verzeichnet werden. Außerdem steigen die Mieten in Berlin langsamer als in den Vorjahren. Nicht zuletzt sollen neue Gesetze zur Kostenkontrolle („Mietpreisbremse“) und zur Makler-Honorierung für mehr Gerechtigkeit auf dem Markt sorgen.

Und, wen es tröstet: Die Berliner stehen mit ihrem Problem nicht allein. Davon erzählt ein neues Buch über die Wohnungssuche, das allen genervten Mietern ein Lachen ins Gesicht zaubern will. In „Suche Wohnung für mich und meine Möpse“ hat Leonie Haug die wildesten, verrücktesten, frechsten, aber auch schönsten, lustigsten und romantischsten Wohnungssuch-Erlebnisse aus der ganzen Republik gesammelt. Lesen Sie selbst!

Auf unfreiwilliger Schatzsuche

Als wir – meine Frau und ich – an der angegebenen Adresse vorfuhren, dachten wir erst, wir hätten uns vertan. Das Grundstück war völlig zugewuchert, die Zufahrt zur Garage moosbewachsen, der Gartenzaun an mehreren Stellen kaputt. Als wir läuteten, machte uns eine stark geschminkte Frau im Kostüm die Tür auf und bat uns herein.

Uns traf fast der Schlag, denn das gesamte Haus war mit Möbeln und Kisten vollgestellt. In allen Räumen standen deckenhohe Regale, übersät mit Büchern und Akten. Wir mussten im Zickzack über die Sachen hinwegsteigen. „Sie müssen sich den ganzen Kram wegdenken“, meinte die Frau, als sie unsere entsetzten Blicke bemerkte. „Das Haus ist wirklich schön und geräumig. Das sieht man jetzt bloß nicht.“ „Aha“, sagte meine Frau und kämpfte sich weiter voran. Die Räume waren ähnlich verwahrlost wie der Garten und mussten dringend renoviert werden. So konnte man hier unmöglich einziehen.

„Na, was ist“, fragte die Vermieterin ungeduldig, „nehmen Sie es oder nicht? Zum nächsten Ersten muss es vermietet sein.“ Das war in knapp drei Wochen. „In dem Zustand?“, erwiderte meine Frau. „Bis wann wollen Sie denn die Sachen abholen lassen?“ Die Dame schüttelte den Kopf. „Wieso ich? Das übernehmen ja wohl Sie. Oder warum, glauben Sie, ist die Miete so günstig? Seien Sie froh, vielleicht finden Sie ja die eine oder andere wertvolle Antiquität unter dem Krempel. Mein Vater war ein Sammler, wie Sie sehen. Wollen Sie das Haus oder nicht?“

„Eher nicht“, meinte ich und zog meine Frau nach draußen.

Sven, Familienvater aus Erkrath

Wenn Eltern eine Bürgschaft brauchen

Studenten haben bei der Wohnungssuche oft größere Chancen, wenn sie dem Vermieter eine Elternbürgschaft vorlegen. Dass auch ältere Menschen ein unüberschaubares Risiko für Wohnungseigentümer darstellen, war mir nicht bewusst, bis ich selbst nach einer kleinen Parterrewohnung suchte, um mir das Treppensteigen zu ersparen.

Der Makler sagte zu mir: „Siebzig sind Sie? Oje! Haben Sie denn Kinder?“

„Ja, einen Sohn und eine Tochter“, erwiderte ich verdattert.

„Dann brauchen wir eine Bürgschaft, dass die sich um Sie kümmern und dafür sorgen, dass die Wohnung nicht verwahrlost, wenn Sie mal nicht mehr können.“

Der denkt ja weiter als ich, war mein erster Gedanke. Doch da mir das Apartment gut gefiel, ließ ich mich auf die seltsame Forderung ein. Tatsächlich bekam ich die Wohnung – dank meiner Kinder, die die Bürgschaft bereitwillig unterschrieben.

Helmut aus Kassel

Hausordnung für ausländische Mieter

Mein Mann und ich haben bei der Schlüsselübergabe für unsere neue Wohnung vom Vermieter neben dem Übergabeprotokoll und der üblichen Hausordnung auch noch ein ganz besonderes Dokument überreicht bekommen. „Wichtige Hinweise für ausländische Mieter“, lautete die Überschrift. Abgesehen von einer Erläuterung zu Sinn, Zweck sowie korrekter Durchführung der schwäbischen Kehrwoche, über die wir uns noch amüsieren konnten, beinhaltete das Schreiben eine Liste mit gut zwanzig Benimmregeln, von denen eine unverschämter war als die nächste.

Angefangen mit dem „guten Tipp“, dass wir „im Sinne eines freundlichen Miteinanders“ die Nachbarn mit „Grüß Gott“ grüßen sollten, über die „höfliche Bitte“, bei offenem Fenster nicht zu beten oder laut orientalische Musik zu hören, bis hin zu dem „freundlichen Hinweis“, dass Kochen und offene Feuer im Treppenhaus nicht erlaubt seien. Wir waren schockiert. Nicht nur, weil wir als Süditaliener lieber Claudio Baglioni und Bino statt Oriental Pop hörten, sondern weil wir diese anmaßenden „Regeln“ einfach nicht akzeptieren konnten.

Mein Mann gab dem verdatterten Vermieter die Liste zurück und sagte mit hochgezogener Augenbraue: „Benehmen und Rücksichtnahme haben nichts mit der Nationalität zu tun, sondern mit dem Charakter. Wir haben da keinen Nachholbedarf....“

Annamaria aus Ellwangen

Castingshow für Fußballfans

Seit über vier Monaten suche ich jetzt schon eine bezahlbare Wohnung und komme mir bei den Massenbesichtigungen meist vor wie auf einer Klonparty: Alle hören dem Makler mit dem gleichen interessierten Gesichtsausdruck zu, drücken ihm mit dem gleichen grenzdebilen Lächeln und einem vorbereiteten Witzchen die geforderten Unterlagen in die Hand, finden selbst für die hässlichesten Vorkriegsfliesen oder den abgenutztesten Boden noch lobende Worte („Das Parkett hat echt Charakter!“) und verlassen die Wohnung mit dem gleichen hoffnungsvollen Satz, der ihnen auf der Stirn prangt: „Bitte, nimm mich!“

Nutznießer ist bei der Castingshow immer nur der fett verdienende Makler, alle anderen gehen leer aus – bis auf denjenigen, der den Zuschlag erhält, aber selbst der fühlt sich in manchen Fällen wie ein Verlierer. Spätestens dann, wenn die Rechnung mit der Maklerprovision ins Haus flattert. Gewinnen kann man bei solchen Veranstaltungen nur Lebenserfahrung – und neue Freunde. Nachdem ich ein paar Typen zum vierten Mal bei Massenbesichtigungen begegnet bin, haben wir uns anschließend auf ein Bier verabredet. Seitdem spielen wir zusammen Fußball – und das ist ja auch was.

Jan aus Berlin

Dachterrasse mit Blick in die Zukunft

Wir sehen uns eine sündhaft teure Neubauwohnung mit Dachterrasse in Sendling an, die vor allem für ihren einmaligen Blick über das „wunderschöne München“ beworben wurde. Zu unserem Entsetzen gucken wir aber direkt auf drei Kräne in der Baugrube gegenüber, wo das Nachbargebäude entsteht. „Was ist das denn?“, frage ich entsetzt. Darauf der Makler trocken: „Ein Blick in die Zukunft.“

Elisabeth

aus München

Blind Date mit dem Vermieter

Als jobsuchende Alleinerziehende in München eine Wohnung zu unterhalten ist kein leichtes Unterfangen, doch als zum neuen Jahr die nächste Mieterhöhung kam, war ich aus dem Spiel draußen. Was tun? Die Hoffnung auf eine günstigere Wohnung war gleich null, also entschied ich: Ab zurück nach Berlin, wo ich herkomme. Ich aktivierte meine Kontakte von früher und spannte jeden für Besichtigungstermine ein, der sich dazu bereiterklärte.

Ein Apartment in einem typischen Q3A-DDR-Wohnblock aus den Sechzigern in Lichtenberg klang vielversprechend. Ich bat meine Mutter, sich das Objekt anzusehen. Die konnte nicht, schickte aber ihre Freundin Marion. Bei der Besichtigung stach die Künstlerin mit der extrovertierten Persönlichkeit mit Sicherheit heraus. Sie pries mich dem Vermieter zudem als ihre Patentochter an, für die sie die Hand ins Feuer legen könne. Die Konkurrenz war groß, denn alle, die da waren, und das waren nicht wenige, wollten die Wohnung haben. Und meine Selbstauskunft war ganz sicher nicht die beste. Zwar war die Miete gesichert, da das Amt pünktlich zahlte, aber ich gab ehrlich an, dass ich mit meiner Tochter schon mal im Frauenhaus und danach mit einer anderen Alleinerziehenden in einer WG gelebt hatte. Außerdem erklärte ich, dass ich es aus eigener Kraft schaffen wolle, wieder unabhängig zu sein, und stellte noch zwei Bürgen. Das schien den Vermieter zu beeindrucken, denn ich bekam die Wohnung und musste sogar nur eine Monatsmiete Kaution hinterlegen, weil er meinte, das Geld könne ich sicher gerade anderweitig brauchen. Das Tollste: Weder den Vermieter noch die Wohnung hatte ich bis zum Einzug gesehen.

Ivonne aus Berlin

Leseproben aus: Leonie Haug, Suche Wohnung für mich und meine Möpse. Blanvalet. 254 Seiten, 8,99 Euro