Yasemin D. (Name geändert) ist kaum wieder zu erkennen. Es geht ihr körperlich noch nicht viel besser, sie muss noch immer im Rollstuhl sitzen - aber sie ist dennoch eine andere geworden. Als wir sie vor einem Vierteljahr zum ersten Mal besuchten, lebte die 39-Jährige in einem kleinen Einzelzimmer eines Weddinger Seniorenheimes. Sie wirkte niedergeschlagen, traurig, hoffnungslos. Das hat sich geändert.

Bei unserem aktuellen Besuch erwartet uns eine Frau, die ihre innere Kraft wiedergefunden hat; die ihr schönes Gesicht zeigen will und es nicht mehr hinter den Händen verbirgt; die glücklich ist in ihrer neuen Wohnung zwischen eine Horde von Jugendlichen - allesamt Freundinnen und Freunde ihrer vor kurzem 18 Jahre alt geworden Tochter.

Yasemin D. war immer eine stolze Frau, hatte gern Menschen um sich. Dieses Leben änderte sich abrupt am 4. August 2014. Sie kam damals mit ihrer kleinen, sieben Jahre alten Tochter vom Einkaufen. Vor ihrer Wohnung in der Voltastraße in Wedding lauerte ihr Ex-Mann und attackiert sie mit einem Messer. Yasemin D.s Leben konnte gerade noch gerettet werden. Aber geblieben ist eine von Ärzten als irreversibel eingeschätzt Lähmung.

Gericht verurteilt Ex-Mann zu 14 Jahren Haft

Yasemin D. hatte den zwei Jahre älteren Hüdayi G. in den 1990-er Jahren in der kurdischen Kleinstadt Pazarcik nach islamischen Recht geheiratet und war ihm 2002 nach Berlin gefolgt. Damals wusste sie schon, dass es hier eine andere Frau gab und er mit ihr ein gemeinsames Kind hatte. Yasemin D. vertraute darauf, dass er sich für sie entscheiden würde, wenn sie erst in Berlin wohnt. Doch es kam anders: Er wollte weiter sein bisherige Leben führen, war oft gereizt, reagierte auf Kritik gewalttätig, versorgte weder sie noch die Kinder.

Yasemin hat wieder Hoffnung
Yasemin hat wieder Hoffnung© Reto Klar | Reto Klar

Yasemin D. hielt das nicht aus, wollte sich trennen. Als er davon nichts hören wollte, erklärte sie ihm, dass es angeblich einen anderen Mann gebe. Hüdayi G. glaubte es, fühlte sich entehrt - und es folgte die blutige Tat, für die er im April im Kriminalgericht Moabiter wegen versuchten Totschlags zu 14 Jahren Haft verurteilt wurde.

Yasemin möchte vergessen

Yasemin D. möchte das am liebsten alles vergessen. Kein Blick zurück. Das Leben geht weiter. Sie hat sehr schnell zu kämpfen begonnen, hat sich bei Reha-Maßnahmen gequält, will den Gedanken nicht aufgeben, irgendwann wieder laufen zu können. Besonders schlimm war es für sie in der Zeit nach dem Angriff, dass sie ohne ihre Kinder leben musste.

Die beiden Töchter wurden in einer sozialen Einrichtung untergebracht, konnten die Mutter nur noch besuchen. Ein Zurück in die alte Wohnung in der Voltastraße gab es nicht. Sie ist nicht behindertengerecht. „Es war unglaublich schwer für meine Mandantin eine passende Wohnung zu finden“, sagt Anwältin Jessica Eggert. Geholfen habe dabei auch, dass der Fall öffentlich wurde. Eggert arbeitet seit September 2014 für Yasemin D. als Betreuerin. Inzwischen sind die beiden Freundinnen geworden.

Neue Wohnung in Reinickendorf

Am 1. Mai konnte Yasemin D. die neue, 90 Quastratmeter große Wohnung in Reinickendorf beziehen. Sie liegt im Parterre, ist behindertengerecht eingerichtet, hat drei Zimmer - bietet also auch genügend Platz für die beiden Töchter. Und es gibt eine große Terrasse, die Yasemin D. vom Wohnzimmer aus mit ihrem Rollstuhl erreichen kann.

Mutter und Tochter wieder vereint
Mutter und Tochter wieder vereint© Reto Klar | Reto Klar

Die Freunde ihrer großen Tochter haben beim Malern, beim Umzug und beim Ausräumen der alten Wohnung geholfen. Die jungen Leute besuchen Yasemin D. auch heute noch oft. „Sie mag den Trubel, wenn die jungen Menschen da sind, da stört sie auch kein Krach oder laute Musik“, sagt Anwältin Eggert.

Die große Tochter wohnt inzwischen schon mit in der neuen Wohnung. Die kleine Tochter wird ab 1. August einziehen. „Das war Yasemins größter Wunsch“, sagt Anwältin Eggert. „Vor dem grauenhaften Überfall war sie keinen einzigen Tag von dem Kind getrennt.“

Kleine Rente als Verbrechensopfer

Bei unserem letzten Besuch im April gab es noch keinen Bescheid vom Versorgungsamt, obwohl Anwältin Eggert schon im Oktober 2014 einen entsprechenden Antrag gestellt hatte. Auch das hat sich inzwischen erledigt. Yasemin D. bekommt nach dem Opferentschädigungsgesetzt eine kleine Rente. „Aber es geht nichts ohne Kampf und Widersprüche“, sagt die Anwältin - und nennt als aktuelles Beispiel die Einstufung ihrer Mandantin bei der Pflegekasse. Yasemin D. bekam dort nur die Pflegestufe eins, obwohl sie im Rollstuhl sitzt und die bei Pflegestufe eins vorgesehene Pflegezeit für sie bei weitem nicht ausreicht.

Ein anderes Beispiel sind die von der Krankenkasse genehmigten Stunden für Reha-Maßnahmen. „Sie waren ausgelaufen“, sagt Eggert. „Wir haben Widerspruch eingelegt, und heute ist der Bescheid gekommen, dass Yasemin weitere 15 Stunden bekommt.“ Sie zwinkert Yasemin D. zu, und die zwinkert zurück. Es geht weiter. Beide werden nicht aufgeben.