Erziehung

Warum Musizieren viele Kinder glücklich macht

Vom Klavier bis zur Geige: Viele Eltern glauben daran, dass Musik die Intelligenz fördert – und wollen Unterricht für ihre Kinder. Doch davon gibt es an den öffentlichen Schulen immer weniger

Foto: Reto Klar

„Zu allererst ist es natürlich eine pädagogische Maßnahme, den Kindern Musik nahezubringen,“ sagt Melanie Steinheuer. Sie profitierten in allen Facetten vom regelmäßigen Üben, das am Anfang natürlich auch schwierig sei. „Doch der schönste Moment ist, wenn man sieht, dass der Funke übergesprungen ist und die Kinder das auch selbst wollen.“ Zwei Stunden täglich spiele ihre 17-jährige Tochter Klavier und im Urlaub werde das schon schwierig.

„Sie braucht das Instrument einfach. Also hat sie sich Tasten auf ein weißes Band gemalt und übt weiter, wenn sie weit weg vom Klavier sein muss“, lacht die Mutter von fünf Kindern und freut sich auch über den Segen des Klavierspiels für die geistige Entwicklung. „Sie kann sich alles viel besser merken, von Telefonnummern bis Vokabeln.“ Klavierunterricht haben alle Kinder der Spandauer Familie genossen, und auch wenn die Großen in der Pubertät wieder aufgehört haben, aber der Jüngste noch mit Feuereifer dabei ist – „es stärkt die Kinder, es steigert ihr Selbstwertgefühl, es verhilft ihnen zu Durchhaltevermögen, Anstrengungsbereitschaft und Freude am Lernen. Von der Freude an der Musik abgesehen, und die zählt ja eigentlich am meisten.“

Der berühmte „Mozart-Effekt“

Dass das Musizieren wie kaum eine andere Betätigung die Entwicklung des Menschen fördert, bestreitet wohl niemand. Musik versetzt Menschen in einen leistungsbereiten Zustand – Erwachsene wie Kinder. Die Welt der Klänge befähigt Kinder, ihre Umgebung besser zu verstehen und sich mit anderen zu verständigen. Das Musizieren gehört zu den komplexesten Wahrnehmungs- und Verarbeitungsfertigkeiten des Gehirns. Wer Musik hört oder macht, setzt ein neuronales Feuerwerk in Gang, bei dem alles gleichzeitig geschieht: Nicht nur die auditiven Areale sind aktiviert, die für das Hören zuständig sind, sondern das Musizieren lässt die Verbindungen zwischen den Nervenzellen beider Gehirnhälften wachsen, es fördert die Konzentration, die Kommunikation und die Koordination. Wer ein Instrument richtig spielen will, arbeitet an der richtigen Haltung, passt seine Atmung an, bewegt Hände und Finger – der Körper wird trainiert, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Kinder, die ab dem sechsten Lebensjahr zwei Stunden Musikunterricht in der Woche haben, ein Instrument erlernen und mit anderen gemeinsam spielen, könnten nach drei Jahren ihre Intelligenzleistungen steigern und ihr räumliches Vorstellungsvermögen verbessern. Das ist ein Ergebnis der Langzeitstudie an Berliner Grundschulen aus sechs Jahren, für die der Musikpädagoge Hans Günther Bastian zwei Schülergruppen mit und ohne musikalische Förderung verglich. Seine Ergebnisse wurden zur Jahrtausendwende veröffentlicht und seither in Folgestudien bestätigt, aber auch kontrovers diskutiert. „Musikunterricht macht keinen besseren Menschen, aber er vertieft Eigenschaften und Begabungen, die schon angelegt sind,“ stellte Hans Günther Bastian klar.

Melodien stimulieren das Gehirn

Musikalische Transfer-Effekte, wie sie Melanie Steinheuer und viele Mütter von Klavierschülern bei ihren Kindern beobachten und auch Klavierlehrer beschwören, gibt es etliche. Doch vor allem soll das Musizieren Freude machen. Dann macht Musik glücklich, wie unter anderen Wissenschaftlern der Musiker, Psychologe und Neurowissenschaftler Daniel Levitin von der kanadischen McGill University in Montreal erforscht hat. Melodien, die man gerne hört oder noch besser spielt, stimulieren Bereiche des Gehirns, die dafür zuständig sind, den Körper mit angenehmen Gefühlen zu belohnen. Mehr noch: Ob man aktiv musiziert oder Musik hört, sogar wenn man sich die Musik nur einbildet – die Hirnregionen arbeiten gleichzeitig und miteinander, nicht getrennt und nacheinander. „Wenn die Vorstellung lebhaft genug ist, kann man allein vom Bild her nicht unterscheiden, ob das Gehirn tatsächlich und durch einen akustischen Reiz oder nur durch die Phantasie in diesen höchst aktiven Zustand versetzt wurde,“ sagt Daniel Levitin.

Politische Lippenbekenntnisse

Wenn es darum geht, die Bedeutung des Musikunterrichts zu würdigen, sind sich Experten, bildungsbeflissene Eltern und Politiker immer schnell einig: Man kann sie gar nicht überschätzen. Hinter politischen Lippenbekenntnissen verhallt der Wohlklang. Das Fach Musik findet viel zu oft nicht statt. Von den zwei Wochenstunden, die im Lehrplan der Grundschulen vorgesehen sind, bleibt in Wahrheit nicht viel übrig. Rund 80 Prozent des vorgesehenen Musikunterrichts fallen aus oder werden fachfremd unterrichtet, stellt der Deutsche Musikrat fest und richtet immer wieder Appelle an die Politik, in denen vor der fortschreitenden Vernachlässigung des Musikunterrichts gewarnt wird. Jedes Kind müsse „unabhängig von seiner sozialen und ethnischen Herkunft die Chance auf ein qualifiziertes und breit angelegtes Angebot musikalischer Bildung erhalten, das die Musik anderer Ethnien einschließt.“ Schön wär’s ja. Es ist ein Mangel, den Lehrer mit Einfallsreichtum und Engagement nur bedingt ausgleichen können und der den Run zahlungsbereiter Eltern auf kommunale und private Musikschulen teilweise erklärt. Die Schülerzahlen steigen, die Nachfrage übersteigt das Angebot. Einen Bedarf von weiteren 94.000 Plätzen konstatiert der Verband deutscher Musikschulen und errechnet eine Schülerbelegung an den 950 öffentlichen Musikschulen in Deutschland, die seit dem letzten Jahr noch einmal um 20.000 auf aktuell 1,32 Millionen musizierender Menschen angestiegen ist. Das Klavier ist Spitzenreiter, sagt die Statistik des Verbandes deutscher Musikschulen und hat schon Ende der 90er Jahre die Blockflöte überholt.

„Der Andrang ist stärker geworden“

Das gute alte Klavier liegt ganz weit vorne auf der Wunschliste von Eltern und Kindern, gefolgt von der Gitarre, Gesang und Geige, so auch Ines Theileis, Generalsekretärin des Bundes privater Musikschulen. „Der Andrang ist in den letzten zehn Jahren viel stärker geworden,“ sagt Maja Blonstein, Klavierlehrerin in Charlottenburg. Sie sieht eine Kettenreaktion verantwortlich: „Wenn ein Kind in der Klasse Klavier spielt, wollen andere plötzlich auch.“ Bei den Eltern der Klavierschüler vermutet sie immer noch Spuren des Mozart-Effekts, der seit Mitte der 90er-Jahre enorme Wirkungen hatte und einen Boom beim Klavierunterricht wie auch beim Musik-CD-Kauf bescherte. Ausgelöst wurde die plötzliche Begeisterung für Klaviermusik von einem Experiment der amerikanischen Wissenschaftlerin Francis Rauscher, die ihren Probanden die Sonate für zwei Klaviere (KV448) von Mozart zu hören gab und sie danach verschiedene Intelligenztests lösen ließ.

Die Pisa-Studie ignoriert die Musik

Ergebnis: Studenten, die Mozart gehört hatten, waren besser beim Lösen zeitlich-räumlicher Intelligenzaufgaben, und damit kam der Mozart-Effekt in die Welt. Später stellte sich heraus, dass dieser Effekt aber nur etwa zwanzig Minuten anhielt und auch funktioniert, wenn man Melodien anderer Komponisten oder sogar Geschichten von Stephen King oder Gedichte von Shakespeare hört. Entscheidend für die bessere Intelligenzleistung scheint zu sein, dass positive Emotionen im Gehirn ausgelöst werden – wenn man etwas tut, was man gern tut, wirkt das anregend auf die grauen Zellen. Aber der unausgesprochene gesellschaftliche Konsens über die Bedeutung der klassischen Musik für die Bildung bröckelt, findet hauptsächlich in Sonntagsreden statt. Von Montag bis Samstag spielt der Musikunterricht in der Grundschule kaum eine Rolle, und in den Pisa-Vergleichen kommen die Künste und die Musik gar nicht vor.

„Diese Entwicklung bereitet mir große Sorgen,“ sagt der Dirigent Kent Nagano, der unter dem Titel „Erwarten Sie Wunder! Expect the Unexpected!“ zusammen mit der Berliner Wirtschaftsjournalistin Inge Kloepfer ein flammendes Plädoyer für die klassische Musik geschrieben hat (Berlin Verlag, 320 S., 22,90 Euro). Von 2000 bis 2006 war er Chefdirigent des Deutschen Symphonie Orchesters Berlin, bis Juli 2013 Generalmusikdirektor an der Bayerischen Staatsoper und im September 2015 beginnt seine Amtszeit als Generalmusikdirektor an der Hamburger Staatsoper. Kent Nagano wuchs in einem kalifornischen Fischerdorf auf, ohne Fernsehen, Kino und Stereoanlage, dafür aber mit Klavier und Klarinette.

Kent Naganos Kindheitserfahrungen

Die Erfahrungen seiner Kindheit, seine Begegnungen und Erlebnisse mit der Musik großer Komponisten wie Bach, Bruckner, Beethoven und Leonard Bernstein sind eine leidenschaftliche Anstiftung zur Empörung, die er in gewohnt ruhiger, rationaler Weise ausdrückt: „Wir leben in einer Welt, in der das Ökonomische alles überlagert, dieses permanente Kalkül von Einsatz und Erfolg, Anstrengung und Nutzen, Investment und Return, Risiko und Chance. Es ist so mächtig, dass sich Werte fundamental verschoben haben. An Pisa lässt sich gut erkennen, wie sich diese Werte weltweit ändern und unseren Kindern vorgelebt werden. Schneidet ein Land in Mathematik, Naturwissenschaften und Leseverständnis gut ab, dann gilt das Bildungssystem als ausgezeichnet. Allerdings liegt diesem Urteil ein bornierter Bildungsbegriff als Messlatte zugrunde. Da fehlen die Künste, die unseren Geist öffnen, uns inspirieren und in die Lage versetzen, kreativ zu werden. Fragen zu stellen, die in Zukunft relevant werden können, anstatt dauernd nur Antworten zu geben.“ Kent Nagano atmet tief durch, dann spricht er mit geschlossenen Augen weiter. „Der Nutzen der Beschäftigung mit Musik ist allerdings nicht in Heller und Cent berechenbar. Deswegen hat die Musik es so schwer. Aber es gibt ihn – ganz unbestritten. Nur wissen wir nicht genau, in welcher Form und wann diese Musik ihre Kraft entfaltet. Wir sollten den Mut haben, uns der Obsession dieses ökonomischen Kalküls ein Stück weit zu entledigen. Denn ohne Künste und ohne Musik würde der Mensch einen Teil seiner selbst verlieren.“

Allzu weit entfernt sind wir davon nicht mehr. „Das Gros der Kinder und vor allem der Jugendlichen heute wächst ohne klassische Musik auf. Sie wird noch nicht einmal gehört. Das ganze musikalische Erziehungssystem liegt darnieder. Es müsste wieder lebendig gemacht werden. Wenn diese jungen Menschen keine Berührung mit der großartigen Musik haben, wenn sie gar nicht wissen, dass es sie gibt, dann werden sie sich danach auch nicht sehnen. Und ihre Kinder werden in 20 Jahren wiederum ohne klassische Musik aufwachsen. Ist es fair, ihnen die tiefgreifenden Erfahrungen vorzuenthalten, die das Musizieren bereiten kann: der Spaß, die Entdeckung, der Stolz, auch die Kreativität und Erkenntnis, die daraus erwachsen?“, fragt der Meisterdirigent und gibt die Antwort gleich selbst: „Nennen Sie mich einen Träumer, wenn ich mir wünsche, dass jeder in seinem Leben unabhängig von Bildungsstand und Herkunft die sinnstiftende Kraft der Kunst erfahren können soll. Und wenn ich mit diesem Buch ein Plädoyer für die unbedingte Präsenz der Künste im Leben eines jeden einzelnen versuche.“

Man muss sich darauf einlassen

So gesehen sind Eltern und ihr dringender Wunsch, dass ihre Kinder doch ein Musikinstrument lernen mögen, die Speerspitze der Bewegung der dringend nötigen Rückbesinnung auf die Künste, mit guten Lehrern und Menschen, die den Kindern ihre Passion für die Musik vorleben. Weit jenseits elitärer Bildungsbürgerbefleißigung am Klavier gibt es etliche Versuche, Kindern die Angst vor dem Nichtverstehen verstehbarer Musik zu nehmen und sie einfach musizieren zu lassen. „Der Zugang ist zur Musik ist kein Selbstläufer. Er verlangt eine Bereitschaft, sich darauf einzulassen und sich mit ihren Inhalten zu befassen. Klassische Musik birgt mehr als Unterhaltung,“ sagt Kent Nagano, „wer die Bereitschaft nicht erlernt, dem wird sich die Tiefe der klassischen Musik nicht erschließen. Aber wäre das fair, wenn er so gar nichts von ihr wüsste?“ Er findet: „Nicht nur einem Künstler wie mir kann und darf das nicht gleichgültig sein.“ Schule ist dabei auch eine Art Kontrastkonkurrent, der Kinder neue ästhetische Erfahrungen jenseits eventueller Beschränkungen in der Herkunftsfamilie vermitteln kann. Für Kinder aus sozial schwächeren Familien ist die Schule der einzige Zugang zur Musik. Wenn Musik da nicht stattfindet, haben sie das Nachsehen. Öffentliche Musikschulen drängen in die klaffende Lücke, private drängen nach, mit durchaus sozialem Pflichtgefühl. So hat der Bund der privaten Musikschulen seit dem Mai dieses Jahres einen Sozialfonds „kids love music“ ins Leben gerufen, der den Musikunterricht für Kinder aus ärmeren Familien mit bis zu 60 Prozent der Kosten aus Spenden bezuschusst.

Das Einkommen ist nicht entscheidend

Dass die Lust am Musizieren mit dem Bildungsgrad und der Kinderzahl in der Familie steigt, aber nicht vom Einkommen abhängig ist, belegt die Studie „Musizieren und Musikinstrumente in Deutschland“, die im Auftrag der Society of Music Merchants (SOMM) im Dezember 2012 veröffentlicht wurde. Demnach beginnen zwar immer mehr Kinder früh mit einem Instrument, aber immer weniger bleiben dann auch auf Dauer dabei. „Hier gibt es offensichtlich Versäumnisse,“ erklärt SOMM-Geschäftsführer David Knöll, vor allem an den Schulen.“ Nur 17,4 Prozent der Befragten, die aktiv musizieren, haben ihr Instrument im Schulmusikunterricht erlernt. Über 68,9 Prozent haben mit ihrem Instrument bis zum elften Lebensjahr begonnen. Die kindliche Begeisterung lässt sich am besten früh entfachen. Statistisch gesehen kommt der Einbruch um den vierzehnten Geburtstag herum. Das hat weniger mit der Pubertät als mit der Schule zu tun und enthüllt ein Paradox. Die zwei Wochenstunden Musik in der Grundschule, damit die Kinder ein Instrument erlernen können, werden heute bundesweit nirgendwo kontinuierlich unterrichtet und deshalb stürmen Eltern die öffentlichen und privaten Musikschulen. Das Zeitfenster für diesen Unterricht schließt dann wiederum die weiterführende Schule mit ihren zeitlichen und anderen Anforderungen: „Die massive Beanspruchung durch den Schulalltag und die achtjährige Gymnasialzeit erschweren es Jugendlichen, ihr eigenes Profil zu entwickeln. Das gilt nicht allein für die Musik, sondern auch für andere musische Bereiche,“ bedauert Professor Reinhart von Gutzeit, der Vorsitzende von „Jugend musiziert“.

Prävention gegen Alzheimer?

Doch totzukriegen ist das Klavier offenbar so einfach nicht. Viele fangen später wieder an. Diejenigen, die nach Jahren wieder spielen, schwören, dass sie in ihrem Bekanntenkreis keine Exoten sind und man durchaus wieder über Sonaten, Fingerübungen und Etüden redet. „Ich habe neuerdings viel mehr Anfragen von älteren Menschen,“ sagt Maja Blonstein, die Charlottenburger Klavierlehrerin. „Das liegt daran, dass genauso wie damals vom Mozart-Effekt jetzt so oft die Rede davon ist, dass Klavierspielen der Alzheimer-Krankheit vorbeugt oder das Mitsingen beim Spielen gegen Erkältung hilft.“ Sie lächelt und das sieht ein bisschen traurig aus. Dann sagt sie schnell, dass der Grund ja nicht so wichtig sei, wenn die klassische Musik am Leben bleibe. Auch Melanie Steinheuer trägt sich mit dem Gedanken und hat vor kurzem eine erste Klavierstunde genommen. „Aber einfach nur so, ganz profan,“ lacht sie und erzählt, wie sie allein über den Unterricht der Kinder, das Üben, die vielen Vorspiele dem Klavier viel näher gekommen ist. Begeisterung wird vererbt, manchmal bekommen sie die Eltern von ihren Kindern. Melanie Steinheur beschreibt dieses Gefühl: „Noch bin ich mit fünf Kindern zu sehr beschäftigt, um ernsthaft anzufangen. Aber ich kann mir gut vorstellen, das eines Tages zu tun. Einfach, weil es Freude macht.“