Schulstart

Berliner Kinder sind fit für die Schule

Nur noch wenige Tage, dann werden 30.090 Berliner Kinder eingeschult. Sind sie gut vorbereitet? Wir haben nachgefragt – und ein Wissensquiz mit ABC-Schützen veranstaltet.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Neugierig beäugen Hannah, Fritzi, Jonny, Nicolai und die anderen Vorschulkinder den Tisch in ihrem Gruppenraum. Warum bloß stehen dort der große Plastik-Dino und der bunte Rechenrahmen, das zarte Vogelnest und der hölzerne Köcher mit den Buntstiften? All diese Gegenstände sind ihnen gut bekannt. Sie begleiten sie seit mehreren Jahren – seit sie die Kita Wolkenzwerge besuchen, ihre Kindertagesstätte in Kreuzberg.

Normalerweise sind die Dinge ordentlich an ihrem Platz verstaut: der Dino in der Kiste, die Stifte im Regal. Doch im Moment ist so einiges anders in der Kita. Schließlich sind es nur noch wenige Tage, bis die fünf- bis sechsjährigen Mädchen und Jungen von den Wolkenzwergen und anderswo eingeschult werden. Die Einschulungsfeier ist an den meisten Schulen in Berlin am 30. August.

Die Schülerzahlen unter den Erstklässlern sind auch dieses Jahr weiter gestiegen – es sind 5600 mehr als im Vorjahr. Im Durchschnitt sind die Kinder bei ihrer Einschulung 6,2 Jahre alt. Dieses Jahr war es deutlich leichter für Eltern, selbst die Entscheidung zu treffen, wie früh das Kind eingeschult wird. Damit entfernt man sich weiter von der Fixierung auf die Früheinschulung in der Hauptstadt, bei der schon ab fünfeinhalb eingeschult wird. Denn die Ergebnisse dieser Reform waren ernüchternd. So mussten in Neukölln ein Viertel der Kinder die zweite Klasse wiederholen. Auch unsere befragten Kita-Kinder sind meist sechs Jahre alt.

Die Tage vor dem Schulstart sind Tage des Abschieds von jüngeren Freunden in der Kita, von täglichen Ritualen und von lieb gewordenen Gegenständen. Und Tage der Aufregung und der Vorfreude auf einen neuen Lebensabschnitt.

Sie fiebern ihrem ersten Stundenplan entgegen

Fine, 6, weiß schon genau, was sie von der Schule erwartet: Sie möchte viele neue Freundinnen kennenlernen. Nicolai, 5, will den Schulhof gleich in der ersten Pause in ein Fußballfeld verwandeln. Und Avid und Hannah, beide 6, träumen davon, endlich rechnen und lesen zu lernen.

Lernen – das ist es, was die meisten Eltern und Kinder mit der Schule verbinden. Deutsch, Mathe, Musik, Sport: Viele ABC-Schützen fiebern ihrem ersten Stundenplan entgegen. Die Schultasche steht schon lange parat, die Kindergartentasche wird aussortiert. Sie ist zu klein geworden – auch im übertragenen Sinn. Denn Fakt ist: Das Lernen fängt nicht erst in der Schule an. Mit dem Ende der Kindergartenzeit haben die Kinder schon so viele Fähigkeiten, so viele Erfahrungen und so viel Wissen angehäuft, dass alles zusammengenommen auch die größte Tasche sprengen würde. Das hat uns die Gruppe bei den Wolkenzwergen vorgeführt. Die Gegenstände auf dem Tisch, von Rechenrahmen bis Vogelnest, sollten sie zu einem Quiz inspirieren.

Wir wollten von den Kindern wissen, was sie schon alles wissen – von der Welt und den Menschen, von Tieren und Pflanzen, von Kunst, Musik und Medien, von Mathematik und Sport. Und das ist eine ganze Menge.

Dinos, Umweltschutz und Fernsehturm

Die Kinder haben uns verblüfft mit ihren Kenntnissen zu Dinosauriern, Farben und Formen, zum Umweltschutz und zu Wetterphänomenen. Wir haben sie nach dem Brandenburger Tor und dem Fernsehturm befragt („Kennen wir, da waren wir doch mit der Kita“) und danach, was ein Computer eigentlich genau ist („Meinst du einen PC oder ein Tablet?“). Nein, diesen Kindern kann man kein X für ein U vormachen. Und sie haben vielfach ganz eigene, inspirierende und nicht selten auch rührende Erklärungen und Assoziationen, von denen einige auf dieser Doppelseite nachzulesen sind. Das eine oder andere geht vielleicht noch durcheinander, aber es gibt keinen Zweifel: Diese Kinder werden den Schulstart spielend meistern.

Dass die Kinder für die Schule gut gerüstet sind, dazu trägt in erster Linie die Familie bei. „Das kindliche Lernen geschieht üblicherweise beiläufig im Alltag“, heißt es im Bericht „Bildung in Deutschland 2014“ – bei Eltern-Kind-Aktivitäten wie dem Vorlesen von Büchern und dem gemeinsamen Malen, Basteln, Singen und Spielen. Vor allem das Lesen fördert: Fünfjährige Kinder, denen täglich vorgelesen werde, verfügten über höhere Sprachkompetenzen als Kinder, denen höchstens einmal pro Woche vorgelesen werde, so das Ergebnis der Studie. Das gezielte Üben von Buchstaben, wie es häufiger in bildungsfernen Familien verbreitet sei, trage dagegen eher weniger zu besseren Leistungen beim Verstehen von Wörtern oder Satzstrukturen bei.

In Berlin wurden laut dem Bericht „Bildung in Berlin und Brandenburg 2013“ im Jahr 2012 bei 22,5 Prozent der 16.932 einzuschulenden Kinder Sprachdefizite festgestellt. 8,4 Prozent stammten aus Familien ohne Migrationshintergrund, 44,8 Prozent aus Familien mit Migrationshintergrund. Je länger die Kinder eine Tagesbetreuung besucht hatten, desto geringer waren ihre Sprachdefizite. Doch nicht nur die Sprache wird in der Kita gefördert. Auch das Mengenvorwissen der Einschülerinnen und -schüler war besser, je länger sie eine Kita besucht hatten – genauso wie die motorische und kognitive Entwicklung, so die Auswertung der Daten aus den Einschulungsuntersuchungen in Berlin 2012. Neuere Daten gibt es noch nicht, doch der Trend setzt sich fort.

Diese Erfolge sind kein Zufall. Im Berliner Bildungsprogramm, das für alle Tageseinrichtungen in Berlin verpflichtend ist und dessen Umsetzung im Fünf-Jahres-Rhythmus durch externe Evaluationen überprüft wird, ist genau festgelegt, welche Kompetenzen sich die Kinder bis zum Schuleintritt aneignen sollen.

Ein Bild von sich und der Welt

Zu den dort ausgewiesenen Bildungsbereichen gehören die Themenfelder Körper, Bewegung und Gesundheit, soziale und kulturelle Umwelt, Kommunikation, bildnerisches Gestalten, Musik und mathematische sowie naturwissenschaftliche und technische Grunderfahrungen. Umgesetzt werden diese Bildungsaufgaben durch die Alltagsgestaltung in der Kita, passendes Spielmaterial und Spielanregungen, die Raumgestaltung und Projektarbeit wie Experimente, Sammlungen anlegen, Ausflüge oder Fotosafaris in die Umgebung. Ziel ist es, so das Programm, „dass sich das Kind ein Bild von sich selbst, von anderen und von der Welt macht, in der es lebt“.

Sich Ich-Kompetenzen, soziale Kompetenzen, Sachkompetenzen und lernmethodische Kompetenzen aneignen: Auch so kann man diese Ziele im Hinblick auf die Persönlichkeitsentwicklung ausdrücken. Denn beim Lernen in der Kita geht es nicht nur darum, abfragbares Wissen anzuhäufen, sondern auch darum, mit sich selbst und seinen Gefühlen, mit anderen Menschen und neuen Situationen klarzukommen. Gerade zum Schulstart sind diese Fähigkeiten wichtig, denn neben der Freude bringt der Übergang vom Kita- zum Grundschulkind nicht selten auch Unsicherheit und Ängste hervor. Kinder, die zu Hause und in der Kita gelernt haben, wie sie solche Situationen meistern, können den neuen Lebensabschnitt leichter betreten.

Die Schule will auf den Ansätzen der Kita aufbauen. Zielsetzung ist auch hier, dass sich die Kinder Kompetenzen aneignen und vervollkommnen, die ihnen helfen, in der Gesellschaft ihren Platz zu finden. „Lebenslanges Lernen“ heißt das Stichwort, aus dem folgt, dass die Kinder vor allem lernen sollen, wie man lernt. Auch sollen sie die Erfahrung machen dürfen, dass es ganz normal und menschlich ist, Fehler zu begehen – und dass es immer einer Chance gibt, es beim nächsten Mal besser zu machen.

Damit der Übergang vom Kitakind zum ABC-Schützen möglichst leicht fällt, dazu trägt nicht nur eine prall gefüllte Schultüte bei. Häufig arbeiten die Kitas mit Schulen zusammen, so dass die Kinder bei Schnuppertagen schon einmal die Schule und den Hort von innen gesehen haben, die sie in Zukunft besuchen werden. Bei der Bewältigung von Ängsten können zudem die Eltern helfen, die – glaubt man den Experten – häufig sogar größere Bedenken haben als die Schul-Neulinge selbst.

Wird sich mein Kind gut eingewöhnen? Wird es Freunde finden? Wird es sich mit dem Lehrer verstehen? Wird es mit dem Leistungsdruck zurecht kommen? Das sind nur einige der Fragen, die Eltern durch den Kopf schwirren. Die Gefahr dabei: Die Ängste können sich auf das Kind übertragen, wodurch der Druck noch steigt. In den vergangenen Jahren habe die Schulangst zugenommen, hat der Kölner Psychologe Albert Zimmermann beobachtet. „Ich sehe das im Zusammenhang mit einer Schwächung der Kinder durch Überforderung und in Watte packen, durch ständige Überwachung und elterliches Einknicken vor kindlicher Tyrannei“, sagt er.

Das Selbstvertrauen stärken

Um die Situation zum Schulstart zu entspannen, sollten Eltern ihre Erwartungen zurückschrauben. Sie sollten den Kindern aufzeigen, was sie schon gut können, um so ihr Selbstvertrauen zu stärken – und ihnen vor allem Lust auf die Schule machen. Das heißt: sich mit negativen Bemerkungen etwa über die Schuleinrichtung oder den Lehrer zurückhalten. Und auch wenn die Schule begonnen hat, können Eltern viel für eine positive Atmosphäre tun. Nach Schulschluss – 20,5 Unterrichtsstunden pro Woche sind es in den ersten beiden Jahren – sollten Erstklässler genug Zeit haben, zur Ruhe zu kommen, raten Erziehungsexperten. Dazu eigne sich das Erzählen vom Tag, Spiele und nicht zu viele zusätzliche Reize.

Avid, Elena, Fine, Fritzi, Hannah, Helena, Jonny und Nicolai machen sich über solche Dinge keine Gedanken. Ihr Wissensdurst, ihr Erlebnishunger und ihre Energie sind, so scheint es, auch nach einem langen Tag noch nicht am Ende. Trotz des Forschercamps mit ihren Erzieherinnen am Morgen und dem Nachmittags-Quiz mit den Reportern haben sie noch viel Kraft. Auf der Dachterrasse geht die Wasserspritze an. Lachend und kreischend laufen die künftigen Grundschüler nach draußen, um die Welt zu entdecken – mit allen ihren Sinnen.

Das Wissensquiz

In welcher Jahreszeit gibt es die meisten Blumen?

Avid: „Im Frühling!“

Helena: „Wenn man Blumen haben will, muss man Samen in die Erde stecken. Und wenn man Radieschen haben will, steckt man Papier rein.“

Fritzi: „Du bist ja richtig schlau....“

Helena: „Natürlich! Meine Mama ist ja auch Lehrerin!“

Wie viele Spieler hat eine Fußballmannschaft?

Jonny: „Meinst du nur die Mannschaft? Oder auch den Trainer und das Maskottchen?“

Nicolai: „Nur die Mannschaft natürlich!“

Jonny: „Na, auf dem Feld sind sieben...oder zehn... Hauptsache, Schweinsteiger ist dabei. Und es gibt auch Auswechselspieler.“

Helena: „Bei der WM hatte Deutschland drei Torwarte!“

Nicolai: „Ich weiß noch mehr Sportarten: Handball und Basketball...“

Helena: „...und Tanzen und Ballett!“

Nicolai: „Oh nee, bloß nicht!“

Wozu gibt es Geld?

Helena: „Geld ist da, um Lebensmittel zu kaufen. Oder zum Haareschneiden.“

Fine: „Ich kriege jeden Sonntag einen Euro Taschengeld. Und wenn ich in die Schule komme, kriege ich zwei Euro.“

Helena: „Fußballer kriegen jedes Mal, wenn sie ein Spiel gewinnen, Geld.“

Jonny: „Nee, die kriegen immer Geld. Pro Jahr 100 Euro.“

Nicolai: „Vielleicht auch 200.“

Wie viele Ecken hat ein Quadrat?

Fritzi: „Das ist doch einfach, natürlich vier! Und es gibt auch Dreiecke, Fünfecke und Achtecke.“

Nicolai: „Und ein Zweieck, das ist ein Strich mit Ecken.“

Fine: „Ich weiß auch eine Form ohne Ecken, das ist ein Kreis.“

Nicolai: „Oder ein Weihnachtsschuh.“

Wie viele Haare hat ein Mensch auf dem Kopf?

Helena: „100.000!“

Fine: „Ich hab nur ein dickes, fettes Haar, weil ich einen Zopf habe!“

Welche Kontinente gibt es?

Hannah: „Atlantis? Ist das ein Kontinent?“

Helena: „Hmmm. Westamerika, China, Amerika, Asien...“

Jonny: „...und Europa!“

Mitarbeit: Vlad Khrapach und Nora Pulm