Berliner Morgenpost: Sind Antrittsbesuche bei den Eltern der oder des Liebsten mit Bewerbungsgesprächen zu vergleichen?

Jan Schaumann: Ja und nein. Was den ersten Eindruck und mögliche Folgen angeht, ähnelt der Antrittsbesuch tatsächlich einem Bewerbungsgespräch. Was das Setting angeht, eher nein. Hier geht es um die Bereitschaft meiner Schwiegereltern in spe, mich für den Rest des Lebens in ihre Familie aufzunehmen. Ich muss mich von früheren Kandidaten absetzen, um die Legitimation zu bekommen, Hand an Sohn oder Tochter zu legen, ein gutes Verhältnis aufbauen. Wie im Bewerbungsgespräch fühlen sich die Schwiegereltern in der überlegenen Position, weil sie etwas zu vergeben haben, was ich haben möchte. Dem ist nicht so, das wissen wir. Aber es ist das Gefühl, das diese Situation prägt.
Wie geht man damit um?

Dass ich als Bewerber Respekt habe, liegt auf der Hand. Doch der große Unterschied ist, dass ich genauso viel wert bin wie die Schwiegereltern. Es ist pfiffiger, ihnen mit Wertschätzung und Respekt, nicht als Duckmäuser unter die Augen zu treten. Hier geht’s auch nicht um Geld und Job, sondern darum, eine Bereicherung für die Familie zu sein. Knigge hat das schon sehr gut gesagt: Respektiere dich selbst, wenn du von anderen respektiert werden willst. Das heißt, dass man sich nicht unnötig klein oder gar zur Laus machen muss.

Gibt es heute noch einen verbindlichen Code für diese Situation?

Es kommt sehr auf die Art der Menschen an. Bin ich selbst ein Chaot und meine Schwiegereltern Hippies, wird das anders ablaufen, als wenn ich mitten im BWL-Studium stecke und in Hamburg-Blankenese vorspreche. Gastgeschenke sind aber immer schön und ein Blumenstrauß passt auch immer. Am besten nicht von der Tankstelle in der Plastikhülle, sondern wirklich schön arrangiert. Alkohol ist schwierig, wenn ich den Menschen, für den er bestimmt ist, nicht kenne. Eine gute Flasche Wein kommt immer besser an als harter Stoff.
Geht es auch persönlicher?

Darüber kann man ja mit seinem Partner sprechen, um etwas zu finden, was den künftigen Schwiegereltern ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Fragen bedeutet Interesse zeigen! Wenn der Papa zum Beispiel Angler ist, freut er sich bestimmt über ein interessantes Buch übers Angeln. Wenn die Mama leidenschaftlich gärtnert, freut sie sich vielleicht über eine Blumenschere oder besondere Handschuhe. Von seinem Partner bekommt man die Informationen, die über Blumenstrauß und Weinflasche hinausgehen, und findet einen persönlichen Ausdruck im Gastgeschenk. Das bringt beide Parteien einander näher.

Welchen Rahmen empfehlen Sie für den großen Moment – etwa zusammen essen gehen, zuhause auflaufen oder ein gemeinsamer Konzertbesuch?

Wichtig ist, dass geredet werden kann. Da fällt Konzert oder Kino schon mal weg. Ein gemeinsames Essen ist in Ordnung, sofern die Umgebung gleichermaßen angenehm für alle ist. Wenn ein blutjunger Zwanzigjähriger in ein Sternerestaurant geführt wird, wird er sich bestimmt unwohl fühlen. Ideal finde ich, wenn das Kennenlernen zuhause stattfindet – bei sich selbst oder bei den Schwiegereltern. Da haben sie den Heimvorteil und man muss sich in die Höhle des Löwen wagen. Schwierig wäre eine gammelige WG, wo die Schwiegereltern gleich die Augen verdrehen. Es muss einfach für alle Beteiligten gut sein.

Und was soll man anziehen?

Darüber machen sich junge Leute extrem viele Gedanken. Man sollte sich nicht verkleiden, die Schwiegereltern wollen einen ja kennenlernen. Wichtig ist, sich wohl zu fühlen, um entspannt sein zu können. Man sollte authentisch, man selbst sein, aber das heißt auch, nicht sorglos mit den Gefühlen der anderen umgehen. Die ausgebeulte Jogginghose – eher nicht. Die Dusche vorher – unbedingt. Gepflegt rüberzukommen, das ist wichtig. Junge Seminarteilnehmer fragen mich oft, was ist denn mit einem Piercing, soll man das abnehmen? Lassen Sie das bloß drin, sage ich dann. Nichts sieht bekloppter aus als ein perforiertes Gesicht, und irgendwann kommt’s ja sowieso raus. Wer stets ehrlich ist, braucht kein gutes Gedächtnis – diesen Satz meines Großvaters halte ich bis heute hoch.

Wie tritt man auf, wenn man antritt?

Da steht man alleine oder zu zweit vor der Tür. So wie ich fremde Menschen begrüße, begrüße ich auch meine künftigen Schwiegereltern, auch wenn mein Partner mir wochenlang vorher von ihnen als Ursula und Heinz erzählt hat. Siezen ist selbstverständlich, Zurückhaltung angemessen. Am besten stellt man sich so vor, wie man es umgekehrt am liebsten hätte. Es obliegt denen, die ranghöher, älter und die Gastgeber sind, das Du anzubieten. Die Begrüßungssituation ist kritisch, da kann man viel richtig machen.

Die nächste Klippe wäre das Gespräch?

Viele fürchten das berühmte Schweigen, in dem man eine Stecknadel fallen hören könnte. Wenn kein Gespräch in Gang kommen will, muss man das aushalten. Wichtig: Bloß nicht auf dicke Hose machen – mein Haus, mein Auto, mein Boot... Gerade unter Männern wird schnell versucht, den anderen zu übertreffen. Das ist bei Schwiegervätern und –söhnen nicht anders. Vornehme Zurückhaltung ist das Gebot der Stunde.

Händchenhalten und Küsschen sind erlaubt?

Früher hatte man sich züchtig gegenüber zu sitzen. Das ist heute anders. Die meisten Eltern erwarten liebevolle Blicke und Berührungen geradezu. Sonst entsteht schnell der Eindruck, die beiden liebten sich ja gar nicht. Und die Eltern fragen sich besorgt: Will der oder die nur unser Geld?

Alles ist gut gegangen. Danach reden die Liebenden unter vier Augen. Gibt es auch da Fettnäpfchen zu vermeiden?

Was gibt es Schlimmeres, als negativ über die Eltern zu reden oder anhören zu müssen, wie es der Partner tut? Das ist Sprengstoff für eine Beziehung von Anfang an. Wenn ich kritisch über meine Eltern rede, ist das in Ordnung, wenn andere das tun, geht das gar nicht.

Interview: Gerlinde Unverzagt

Jan Schaumann ist Kommunikationsexperte, Coach und Teamentwickler in Berlin und Autor von „Richtig ist wichtig. Der kleine Stilberater“. Für weitere Infos: www.stiltrainer.de.