Platzmangel

Wo Berlins Schüler in bunten Containern lernen

Platzmangel an den Berliner Schulen:In den Bezirken Pankow, Lichtenberg und Reinickendorf ist der Bedarf besonders hoch. Zum neuen Schuljahr stehen an sieben Grundschulen neue Klassenräume bereit.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Der Container, der auf dem Schulhof steht, fällt auf. Dort, wo im vergangenen Jahr noch Unkraut wuchs, steht nun ein großer, eckiger Kasten, der in Zukunft als Schule dienen soll. Das sogenannte Ergänzungsmodul an der Mendel-Grundschule in Pankow soll die Platzprobleme, mit der die Schule wie viele andere in Berlin auch seit Jahren kämpft, lösen. Ab dem kommenden Schuljahr werden die fünften und sechsten Klassen der Grundschule hier Mathematik, Deutsch und Englisch lernen. Eine ungewöhnliche Umgebung für alle und doch eine, von der sich Lehrer, Eltern und Schüler viel versprechen.

Der Ergänzungsbau der Mendel-Grundschule ist einer der insgesamt drei Containerbauten in Pankow, die zu Beginn des Schuljahres in Betrieb gehen. Außerdem können Schüler an drei Schulen in Lichtenberg und einer in Reinickendorf ab diesem Schuljahr neue Klassenräume in den aufgestellten Containern beziehen.

Der Platzmangel an Berliner Schulen hat eine lange Geschichte. Zu kleine Räume für zu große Klassen sind mittlerweile ein Problem, mit dem sich viele Schulen konfrontiert sehen. In Berlin wird bis zum Jahr 2022 mit bis zu 27.000 zusätzlichen Schülern gerechnet. Insgesamt 6500 Plätze sollen in den kommenden Jahren durch Ergänzungsbauten geschaffen werden.

In den Bezirken Pankow, Lichtenberg und Reinickendorf ist der Bedarf an Grundschulkapazitäten besonders hoch. „Im Gegensatz zu anderen Bundesländern hat Berlin wachsende Schülerzahlen“, sagt Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Dort, wo besonders dringend neuer Platz benötigt wird, sollen auch zuerst Container aufgebaut werden.

Massiver Anstieg der Schülerzahlen

Und dringend war es an der Mendel-Grundschule schon lange. „Wir beobachten seit ungefähr fünf Jahren einen massiven Anstieg der Schülerzahlen“, sagt Schuldirektorin Petra Burkert. Hatte die Schule damals noch ungefähr 350 Schüler, sind es mittlerweile schon über 500. In den Räumen des alten Schulgebäudes haben die Lehrer oft Probleme, den Unterricht vernünftig zu gestalten. „Gruppenarbeiten sind bei solch kleinen Räumen kaum möglich“, sagt Burkert. Ihre Schule sei bisher „maximal überlastet“ und ein vernünftiges Lernen nur schwer möglich gewesen. In Zukunft sollen die fünften und sechsten Klassen der Schule in dem neuen Gebäude unterrichtet werden. Nachdem nun sieben Gebäude in drei Stadtteilen bezogen werden, sind für den Schuljahresbeginn im nächsten Jahr noch einmal acht weitere Containerbauten in sechs Stadtbezirken Berlins in Planung.

Die jetzt neu geschaffenen Lernplätze haben entweder zwölf oder 24 Unterrichtsräume. Dazu gehören sowohl die Klassenzimmer, als auch kleine Gruppenarbeitsräume, in denen die Schüler in Ruhe lernen können. Zusätzlich gibt es ein Lehrerzimmer und sanitäre Anlagen. Ein Aufzug soll dafür sorgen, dass auch Schüler mit Behinderungen regulär am Unterricht teilnehmen können.

Die auffällige rote Farbe des Neubaus an der Mendel-Grundschule haben sich die Schüler selbst ausgesucht. Die Gebäude sind fest installiert und können nicht einfach umgesetzt werden. Sie sollen genauso stabil wie normale Schulgebäude sein. Durschnittlich kostet der Bau eines solchen Containers 2,5 Millionen Euro.

Mischung aus Neubau, Sanierung und Containern

Dass man in Zukunft aber nur noch Container baut, schließt Scheeres aus. Eine Mischung aus Neubau, Sanierung und eben jenen Ergänzungsmodulen sei sinnvoll, sagt sie. Die Errichtung der neuen Räume sei vor allem eine Möglichkeit, schnell auf Platzprobleme zu reagieren. Insgesamt acht Monate betrug die Bauzeit für die sieben parallel bearbeiteten Projekte, die nun zum Schuljahresbeginn eröffnet werden. Da viele Bauteile standardisiert sind, können die Gebäude in einer kurzen Bauzeit aufgestellt werden. Begründet wurde der Bau von Containern durch den Senat auch mit den vergleichsweise niedrigen Kosten von 21,3 Millionen Euro für die sieben Ergänzungsbauten.

Im Moment sieht der Container an der Mendel-Grundschule natürlich wesentlich schöner aus, als das alte Schulgebäude, in dem ein Großteil der Klassen weiter unterrichtet werden wird. Die neuen Räume sollen aber kein Provisorium sein, sondern auch auf lange Sicht für den Unterricht genutzt werden. Laut Planung sollen die neuen Bauten in Pankow, Lichtenberg und Reinickendorf genauso lange halten wie richtige Schulgebäude, sagte Senatsbaudirektorin Regula Lüscher. Dies geht auch aus einem Bericht an den Hauptausschuss aus dem vergangenen Jahr hervor. „Die zu errichtenden Schulergänzungsbauten sind für die dauerhafte Nutzung vorgesehen“, heißt es da. Im weiteren Verlauf ist von einer theoretischen Nutzdauer von 50 Jahren die Rede.

Energetische Anforderungen

Ob das jedoch realistisch ist und die im Moment glänzende rote Farbe an der Außenfassade nicht doch bald ihre schöne Optik verliert und der Innenraum robust genug ist, dem Schulbetrieb standzuhalten, muss sich zeigen. Erst im vergangenen Jahr demonstierten 1300 Eltern, Lehrer und Schüler der Clay-Schule in Rudow gegen die Containerschulen. Sie waren unzufrieden mit dem Zustand ihrer Lehrräume. Die bereits 23 Jahre alten Containerräume, die eigentlich als Provisorium gedacht waren, würden den Witterungen vor allem im Winter nicht standhalten. Die jetzt eröffneten Gebäude sollen aber eine dauerhafte Lösung sein, die auch den energetischen Anforderungen gerecht werden, sodass im Winter keiner frieren muss.

Noch ist das Treppenhaus des neuen Gebäudes in einem matten Grau gehalten. Doch schon bald sollen hier Bilder der Schüler hängen. Wie diese die neue Lernumgebung annehmen, muss sich in den kommenden Wochen erst einmal zeigen. Im Gegensatz zu dem alten Schulgebäude sind die neuen und modernen Räume natürlich eine Verbesserung. Ob das Lernen in Containern jedoch ein Trend ist, der sich auf Dauer halten wird und mit dem auch die Schüler zufrieden sind, bleibt abzuwarten. „Wir sind erleichtert, dass wir jetzt wesentlich mehr Platz haben“, sagt jedenfalls Schulleiterin Burkert.