Berlin ist einmalig. Die Stadt ist ein Museum, das Tag und Nacht geöffnet ist. Überall Geschichte, sogar dort, wo du sie gar nicht vermutest. Und dann erst die Berliner! Immer auf dem Sprung, aber trotzdem entspannt – und kein bisschen versnobt.
Wie bitte? Nein, man hat sich nicht verhört. Diese Sätze stehen in keinem Reiseführer. So redet auch kein PR-Boss oder Hotelbesitzer. Es ist ein dänischer Familienvater, der der Stadt und ihren Bewohnern den roten Teppich ausrollt. Jan Ostergaard, 43, Politikwissenschaftler, aber jetzt als Urlauber hier, in Shorts, Poloshirt und Trekking-Sandalen.
Ostergaard sagt das ganz nüchtern und reflektiert. Er kennt Deutschland. Er ist schon kreuz und quer durch die Republik gereist. 2005 waren er und seine Frau Mette Holm auch schon einmal in Berlin. Reichstag, East-Side-Gallery, Pergamon-Museum, das volle Programm. Und jetzt, im Sommer, sind sie zu viert gekommen, mit ihren Kindern Otto, 3, und Nina, 5.
Zelt, Klappstühle – und nix wie los
Zu Hause, im dänischen Roskilde, haben sie ein großes Zelt, Klappstühle und den Hausrat für eine Woche in ihren schwarzen Renault Kangoo gepackt. Jetzt steht ihr Zelt auf dem Campingplatz am Krossinsee, 45 S-Bahn-Minuten vom Brandenburger Tor entfernt, zwischen Iglus und Wohnmobilen, aus denen spanische, schwedische, holländische Wortfetzen dringen.
Es ist einer der ältesten und größten Campingplätze in Berlin. Ein Dorf in der Stadt, wenn man so will, 200 Parzellen für Dauercamper, ebenso viele für Touristen. Zu DDR-Zeiten war der Platz ein internationales Aushängeschild für den Tourismus, offen auch für Urlauber aus dem Westen. Ein Biotop in einem Fichtenwald, am südöstlichen Rand der Stadt.
Jan Ostergaard fläzt sich in einen Faltsessel. Diese Ruhe. Diese Wärme. Sein Blick wandert zum Wasser. Bis zum Strand sind es nur einige Meter, es geht flach ins Wasser. Das beruhigt, wenn man weiß, dass Otto seine Schwimmflügel zu Hause vergessen hat.
Bloß kein Stress
Mette Holm blinzelt in die Sonne. Eine Woche wollen sie bleiben. Ihre Pläne sind überschaubar. Auf den Fernsehturm wollen sie fahren und in den Tierpark Friedrichsfelde, weil Oskar Tiere mag, große Tiere. Aber das ist ein Kann, kein Muss. Sie sind ja auch hier, um sich zu erholen. Und Berlin macht es möglich. Erholung und Sightseeing, Chillen und Geschichte.
So etwas geht eben nur in einer Stadt, die im Grünen und am Wasser liegt. Und Berlin bietet beides. 6,7 Prozent der Stadt sind von Wasser bedeckt. Ein Fünftel ist bewaldet. Das unterscheidet Berlin von vielen anderen Metropolen. Und vielleicht erklärt das auch, warum Berlin einerseits die Lieblingsstadt der Deutschen ist, sie sich andererseits aber auch im internationalen Vergleich sehen lassen kann.
2014 hat es Berlin auf der Liste der beliebtesten Städte-Destinationen auf Platz elf geschafft. Hinter Istanbul, Rom, London und Paris – aber noch vor den US-Touristenmagneten New York (Rang 12) sowie vor Barcelona (Rang 15). Nur knapp hat die Spree-Metropole die Top Ten in der Umfrage der weltweit größten Reise-Webseite TripAdvisor verpasst.
Eine Stadt mit zwei Gesichtern
Jan Ciza, Student aus Prag, ist auch ein Fan der Stadt. Mit seiner Familie – den Eltern und den zwei Geschwistern – wohnt er für zwei Tage auf dem Camping- und Caravan-Platz in Spandau. Es ist eine grüne Insel, idyllisch gelegen zwischen Hohenzollernkanal und Spandauer Schifffahrtskanal. Es gebe in der deutschen Hauptstadt viele Orte, wo nicht so viele Touristen seien, sagt der 20-Jährige anerkennend – anders als in seiner Heimatstadt Prag. Dort seien zu viele Besucher auf einen Punkt konzentiert. Außerdem sei Berlin vielfältig, anders als Prag, das ihn an eine Puppenstube erinnert, die er „auf Dauer langweilig“ findet.
Es sind die zwei Gesichter der Stadt, die Jan Ciza für Berlin einnehmen. Einerseits das pulsierende Leben, andererseits die Orte der Entspannung. So geht es auch Jan Ostergaard. Sonst würde er, der praktisch einen Fjord hinterm Haus in Roskilde hat und nur eine halbe Autostunde bis zur Ostsee braucht, hier wohl nicht seinen Sommerurlaub verbringen. Er sagt, man erkenne noch ziemlich genau, was früher einmal DDR gewesen sei und was BRD. Aber man sehe nicht, wo die Stadt aufhört und die Landschaft anfängt.
An heißen Tagen bringt die Familie das in eine Zwickmühle. Wer will schon bei Sauna-Temperaturen in einer Warteschlange vor den Hot Spots in Mitte schmoren, wenn er hier am Rande der Stadt im Schatten in der Hängematte liegen kann, die Segelboote im Blick, die vorbeischaukeln. Ach, sagt Mette Holm und rutscht noch ein bisschen tiefer in ihren Falt-Sessel, Urlaub in Berlin, das sei schon etwas Besonderes.
Die Urlauberzahl hat sich verdoppelt
Die Bundeshauptstadt als Mekka für Familien? Sightseeing mit Kinderkarre, zwischen Reichstag und Eastside Gallery, zwischen Checkpoint Charlie und Computerspielemuseum?
Die Ostergaards befinden sich in bester Gesellschaft. Berlin boomt. Noch nie zog es so viele Touristen an die Spree wie heute. 11,3 Millionen Urlauber waren es 2013, beinahe doppelt so viele wie noch zehn Jahre zuvor. Die meisten kommen aus Deutschland, auf den nächsten Plätzen folgen Briten, Italiener, Holländer und US-Amerikaner. Familien werden in dieser Statistik nicht erfasst - nur von der Hotellerie. Dort liegt ihr Anteil gerade mal bei elf Prozent, heißt es bei Visit Berlin, der Gesellschaft, die Berlin weltweit als Reiseziel vermarktet.
Diese Zahl verrät jedoch mehr über das lückenhafte Angebot als über die Nachfrage. Denn wenn es um die Bedürfnisse von Familien geht, hat die Branche erheblichen Nachholbedarf. Bislang entsprechen erst 28 von 538 Hotels den Standards, den die Gesellschaft Visit Berlin für familienfreundliche Häuser aufgestellt hat.
Babybett und Lunchpaket
Eigene Familienzimmer, Babybetten, Hochstühle für Kleinkinder, Spiele, Adressen von Kinderärzten oder Lunchpakete bei der Abreise: Das sind Leistungen, die zur Grundausstattung gehören müssen. Die Novotel-Gruppe geht sogar noch einen Schritt weiter. In ihrem Vier-Sterne-Hotel in Tiergarten können Kinder bis neun Jahre kostenlos übernachten und frühstücken. Bei Bedarf vermittelt das Hotel auch Babysitter. Ein schöner Anreiz für Wochenend-Urlauber - aber keiner für Familien, die ihren Urlaub an der Spree verbringen. Sie steigen schon aus Kostengründen lieber auf Campingplätzen, in Jugendherbergen oder Ferienwohnungen ab. Und dort, sagen Tourismusforscher und Anbieter übereinstimmend, sei ihr Anteil auch deutlich höher.
Am Preis liegt das nicht allein. 22 Euro zahlt Familie Ostergaard auf dem Campingplatz am Krossinsee, Kinder inklusive. Doch für die Eheleute, er Politikwissenschaftler, sie Biologin, ist das Zelten auch eine Frage des Lebensgefühls.
Erst am Abend zuvor sind die Ostergaards nach acht Stunden Fahrt in Berlin angekommen. Ein bisschen zerknittert sehen sie aus. Die erste Nacht im Zelt steckt ihnen noch in den Knochen. Otto ist zweimal wachgeworden. Und wenn Otto wach wird, wird die ganze Familie wach. So ist das eben, wenn man zu viert in einem Zelt übernachtet.
Ihr Iglu ist zwar groß genug, um darin auch regnerische Tage zu überstehen, doch es hat nur zwei „Zimmer“. Rechts wird auf Isomatten geschlafen, links ist Platz für einen Tisch und vier Stühle. Ein Albtraum für Menschen, die das Husten der Flöhe schon durch die Wände geschlossener Häuser hören. Ein Horror auch für Urlauber, die in ihrem Quartier als erstes die Elastizität der Matratzen prüfen. Mit dem Camping ist das so eine Sache. Entweder man liebt es - oder man lässt es.
Pommes satt und kein Krawattenzwang
Vollklimatisierte Räume, Krawattenzwang, Kantinenessen. So sieht der Alltag aus. Davon hat Jan Ostergaard genug. Vielleicht wird ihm das erst bewusst, wenn er das Schild auf der Restaurant-Terrasse sieht. Dort, wo sich Otto und Nina jeden Abend durch die Berliner Küche futtern: Pommes, Pommes – oder Pommes. „Betreten der Terrassen mit Badebekleidung oder barfuß nicht gestattet!“, hat jemand mit rosafarbener Kreide auf eine Tafel gekritzelt. „Danke!“ Es ist ein Wink für Gäste wie die französischen Teenager, die gerade ein Schlauchboot im Krossinsee gekapert haben und jetzt mit tropfnassen Badeshorts in Richtung Theke schlappen. Flip, flop.
Die meisten Camper wissen, was sich gehört. Es sind Profis. Wer genau hinschaut, erkennt sie sogar an ihrem Outfit. Sie tragen Bermudas, Badeshorts oder Dreiviertelhose, dazu ein T-Shirt, meistens einfarbig und gerne vorne mit dem Logo eines Sport- oder Outdoormodenherstellers bedruckt - und an den Füßen Crocs, Trekkingsandalen oder jene halb-offenen Schuhe, die sich nicht entscheiden können, ob sie lieber Sneakers oder Ballerinas sein wollen.
Dieser Look unterscheidet sie von den Dauercampern. Die sind in der Regel schon älter, und mit den Jahren ist auch die Scheu vor großgeblümten Blusen und feingerippten Unterhemden gewichen. Wolfgang Gehrke etwa, 61, Fliesenleger im Vorruhestand, verzichtet an warmen Tagen ganz aufs Oberteil.
Ein zweites Wohnzimmer
Er thront wie ein Buddha vor seinem Wohnwagen, er hat die Beine hochgelegt und die „Super-Illu“ aufgeschlagen, das Zentralorgan für alle, die nach ein bisschen Glamour im Osten hungern. Das Thema der Titelstory passt zu diesem Stillleben mit Klappstuhl, fluoreszierender Limonade und Wachstuchtischdecke im zeitlosen Schwarz-Rot-Gold: „Ferien in der Heimat.“
Wolfgang Gehrke gehört auf diesem Campingplatz zum Inventar. Er war sieben, als er hier das erste Mal mit seinen Eltern übernachtet hat. Er hat erlebt, wie der Platz nach dem Mauerbau für den internationalen Tourismus aufgebrezelt wurde. Nach der Wende hat er mit seiner Frau einen Imbiss betrieben. Inzwischen ist der Platz sein zweites Wohnzimmer.
Er sieht den französischen Teenagern hinterher, die grußlos an seinem Wagen vorbeigehen. Er klappt die „Super Illu“ zu. Er seufzt. Und man ahnt: Jetzt kommt so eine Geschichte, die damit beginnt: „Früher war alles schöner ....“
... „nein, familiärer“, sagt Gehrke. Er holt ein Foto-Album raus. Der Campingplatz, er war schon immer sein Tor zur Welt. Das zeigen die Fotos. Die Fußball-WM 2006 haben sie in seinem Imbiss gefeiert, Dänen, Holländer, Italiener, Schweizer, sogar Australier, alle zusammen. „Ich habe einfach nur das Bier durchgereicht, das Geld kam irgendwie zurück.“ Seine Augen glänzen. „Was für eine geile Stimmung.“
Internationale Gemeinschaft
Ähnliche Bilder sah man in diesem Jahr beim WM-Finale auf der Restaurant-Terrasse. Vor der Leinwand lagen sich fremde Menschen in den Armen. Das ist es eben auch, was Camper am Campen schätzen: die Gemeinschaft. Und in Berlin ist die eben international.
Davon profitieren auch die Jugendherbergen. Drei Häuser gibt es in Berlin, eine vierte entsteht gerade am Ostkreuz, nur eine Kirschkernspuckweite von der Party-Meile Friedrichshain entfernt. Sigrid Weckop, 62, hat sich für das Haus in Tiergarten entschieden.
Es ist ein schlichter Betonklotz, von außen sieht er schon ein bisschen abgerockt aus, in der Lobby demonstrieren zwei Zimmerlinden aus Plastik ganzjährig Optimismus. Die Computer dahinter - alle kaputt. Aber, ach Gott, sagt die Heilpraktikerin aus dem nordrhein-westfälischen Jüschen und schlingt sich einen modischen Fransenschal um den Hals. Es sind nur wenige Fußminuten zum Potsdamer Platz, zum Brandenburger Tor und zum Boulevard Unter den Linden. Das ist wichtig, wenn man mit einem zehnjährigen Jungen unterwegs ist, der sagt, er interessiere sich eigentlich für alles, aber am meisten für Architektur. „Ich baue ja auch selber Wolkenkratzer aus Lego.“
Höhepunkte abseits der üblichen Hotspots
Finn heißt dieser Junge. Er hat Sommerferien. Und er hat seiner Oma gesagt, er würde wahnsinnig gerne mal nach Berlin. Hauptbahnhof, Sony Center, Reichstag. Es sind nicht die üblichen Hot Spots, die Visit Berlin Familien sonst ans Herz legt. Also zum Beispiel das Legoland am Potsdamer Platz, den Waldhochseilgarten in der Jungfernheide, das DDR-Museum oder das Computerspielemuseum.
Aber Finn ist ja auch kein gewöhnliches Kind. Der Zehnjährige hat seinen eigenen Kopf. Und deshalb hat er auch „Ja“ gesagt, als ihn seine Oma gefragt hat, ob es okay wäre, wenn sie an einem Nachmittag zum Kaffeetrinken zum Prenzlauer Berg fahren, schöne Shops angucken und vielleicht auch ins Wachsfiguren-Kabinett von Madame Tussauds reinschauen. Kann nicht schaden. Kann man mal machen.
Zivile Preise
Luxuriös ist ihre Bleibe in Berlin nicht. Ein kleines Zimmer mit eigenem Bad, ein Doppelbett, ein Einzelbett. Es liegt in der ersten Etage eines rot-weiß-gestrichenen Gangs, nicht weit von dem Raum mit Tischtennis-Platte und Tisch-Kicker. Finn hat erst einen kurzen Blick reingeworfen. Sie sind am Freitagabend mit dem Zug angekommen. Sie haben das Komplettpaket gebucht, drei Nächte, eine Führung durch den Reichstag und das Bundeskanzleramt inklusive. 28 Euro kostet die Nacht pro Person, mit Halbpension. Ein ziviler Preis, findet Sigrid Weckop. „Alleine wäre ich zwar lieber ins Hotel gegangen, aber hier findet Finn noch gleichaltrige Kinder zum Spielen.“
Die Gemeinschaft als Magnet. Das Kalkül zieht eben nicht nur auf den dreizehn Campingplätzen der Stadt. Glaubt man dem stellvertretenden Jugendherbergsleiter Philipp Schreyer, kann seine Bettenburg mit diesem Trumpf tatsächlich bei Familien punkten. Ihr Anteil sei von zehn auf 25 Prozent gestiegen, schätzt er.
Stop-over in Spandau
Für die Arztfamilie Ciza aus dem tschechischen Prag spielt dieser Faktor kaum eine Rolle. Jan und Jana Ciza und ihre drei Kinder sind nur auf der Durchreise in Berlin. Zwei Tage Stop-over auf dem Camping- und Caravan-Platz in Spandau. Er liegt in der Einflugschneise zum Flughafen Tegel. Wenn sich Sohn Jan, 20, auf die Zehenspitzen stellt, könnte er die gerade landende Turkish-Airlines-Maschine aus Dubai vom Himmel pflücken. Aber der Medizinstudent und seine Familie lassen sich davon nicht beeindrucken. Sie sind schon durch halb Europa geradelt, Italien, Frankreich, Kroatien. „Die Mücken nachts sind schlimmer“, sagt Jan.
Jetzt hocken sie vor ihren Zelten, Jana setzt auf dem Kocher Wasser auf Spaghetti auf, Rotwein steht bereit. Petr, 10, liest „Harry Potter und der Feuerkelch“ auf seinem Kindle. Vor zwei Wochen sind sie mit dem Zug von Prag nach Hamburg gefahren, 640 Kilometer. Mit den Fahrrädern geht es auf dem Ostsee-Radweg zurück. Für den Jüngsten, Petr, ein Härtetest.
Und vielleicht erklärt das, warum man ihn gar nicht fragen muss, was er in Berlin sucht, Entspannung oder Action. Berlin, aus der Luft betrachtet, von der Panorama-Bar im Fernsehturm am Alex, viel mehr Bilder wird er nicht mitnehmen. Und einen Mückenstich. Aber der ist vielleicht schon morgen wieder weg.

