Wie soll es weitergehen, wenn das Leben nicht mehr durch den Schulalltag bestimmt wird? Das fragen sich derzeit nicht nur Tabea und Jan (beide 17), sondern wohl die meisten Schülerinnen und Schüler der zwölften Klassen. Während sie Mathe-Formeln, Englisch-Vokabeln und deutsche Grammatik für ihre bevorstehenden Abiturprüfungen büffeln, schwirren ihnen gleichzeitig viele Gedanken über ihre Zukunft durch den Kopf.

Die Entscheidung zwischen Ausbildung, Studium, Praktika, Auslandsaufenthalten und sozialem Engagement fällt den meisten Abiturienten nicht leicht. Meist liegt das an der großen Vielfalt von Möglichkeiten oder den Hürden, die überwunden werden müssen, um Ziele zu erreichen. Mit einem Abitur hat man schließlich die größte Auswahl an Ausbildungswegen. Doch gerade das erschwert den Absolventen die Berufsfindung. „Die große Auswahl zwingt die Schüler zur stärkeren Selektion. Die Entscheidungen sind also schwieriger geworden“, sagt Kurt Neuhaus, Berufsberater im Auftrag der Bundesagentur für Arbeit. „Doch trotz aller Schwierigkeiten bietet die Vielfalt an Möglichkeiten den Jugendlichen mehr Freiheiten.“ Mit dieser Freiheit umzugehen, will allerdings auch erst gelernt sein.

Im vergangenen Jahr standen in Berlin 12.277 Abiturienten vor der Frage, was sie in Zukunft machen wollen. „Ich habe mich bislang vor einer Ausbildungswahl gedrückt, weil ich mich mit so schweren Entscheidungen nicht leicht tue“, erklärt der 19-jährige Niklas, der 2013 sein Abitur gemacht hat. Probleme wie der Spagat zwischen Beziehung und beruflicher Zukunft, die Numerus-Clausus-Falle und Unsicherheit sind Sorgen, die Abiturienten wie ihn, Tabea, Jan, Katharina und Pauline beschäftigen. Hier erzählen sie ihre Geschichten.

Tabea und Jan, beide 17: „Hauptsache, wir sind zusammen“

In die Stadt der Liebe wollen Tabea und Jan nach ihrem Abitur in diesem Jahr. Paris entdecken, die Freiheit nach der Schulzeit genießen – und das vor allem zusammen. Die Vorstellung, getrennt voneinander zu leben, ist nichts für sie. „Ich weiß, dass man Beziehungen nicht unbedingt über die berufliche Zukunft stellen sollte, aber ohne Jan mag ich einfach nicht weg“, sagt die 17-jährige Tabea.

Zuerst wollte das Paar einige Zeit bei Bekannten in Amerika verbringen und dort Praktika machen. Organisatorisch war das aber nicht so einfach. Also bereisen Tabea und Jan Paris und bleiben gemeinsam in Berlin wohnen. „Zusammen wären wir weggegangen, alleine aber nicht. Ein ganzes Jahr Trennung hätte unsere Beziehung bestimmt nicht überstanden“, sagt der 17-jährige Jan.

Ein gutes halbes Jahr sind die beiden jetzt zusammen und machen gemeinsame Pläne für die Zukunft: Jan möchte Latein auf Lehramt studieren, weil ihm das Fach in der Schule gefällt und seine Latein-Lehrer ihn bei seiner Berufswahl bestärken. Als zweite Option könnte er sich ein Studium im Bankwesen vorstellen. Jeden Tag einen Anzug zu tragen und viel Geld zu verdienen, das würde ihm gefallen. Seine Schul- und Abiturnoten seien für beide Tätigkeitsbereiche nicht sonderlich wichtig, sagt er. Trotzdem erwartet er eine Zwei als Abiturdurchschnitt. Für Tabea ist sicher, dass sie einen Schnitt im Einser-Bereich schaffen kann. Was sie damit anfangen will, weiß sie allerdings noch nicht. Künstlerische und kreative Studienfächer würden ihr gefallen. Die Bewerbungsverfahren findet sie aber abschreckend: Sie seien sehr arbeitsintensiv und die Konkurrenz sei enorm. Außerdem könne sie sich bei der großen Auswahl an Studiengängen gar nicht für den richtigen entscheiden. Auch in Richtung Medizin oder Psychologie habe sie mal überlegt. Beide Fächer seien aber zu „Modestudiengängen“ verkommen, und die Wartezeit auf einen Uniplatz sei extrem hoch. Vielleicht schiebt sie nach dem Abitur erst einmal ein Jahr ein, in dem sie unterschiedliche Praktika macht, um das Richtige zu finden. Vielleicht lässt sie sich auch von einem Berufsberater bei der Ausbildungssuche unterstützen.

„Weil ich noch nicht weiß, was ich nach der Schule machen möchte, setze ich mich beim Abitur nicht unter Druck. Natürlich eröffnet einem ein bestmögliches Abi mehr Türen, aber ein Garant für einen guten Job ist ein toller Durchschnitt auch nicht“, sagt Tabea.

Niklas, 19: „Praktika in der Schulzeit hätten mir fürs Leben geholfen“

Früher wollte Niklas Lehrer werden, damit er mehr Zeit zu Hause verbringen kann als sein Vater, der morgens zur Arbeit geht und spät nach Hause kommt. Heute weiß der 19-Jährige, dass der Lehrerberuf nicht ganz so einfach ist, wie er sich das damals vorgestellt hatte. Außerdem war Schule ohnehin nicht so sein Ding. Wegen des Abiturs habe er sich nicht so einen Stress gemacht wie andere, und auf die Klausuren habe er sich zwar viel, aber nicht sehr effektiv vorbereitet. Er sei sich nicht darüber im Klaren gewesen, wie wichtig das Abitur für seine Zukunft ist, sagt Niklas heute. Sein Abi hat er dennoch geschafft, wenn auch auf den Punkt genau. „Ich musste zur Nachprüfung und habe genau die Note bekommen, die ich für das Bestehen des Abis brauchte.“

Seitdem ist ein Jahr vergangen. Zwei Monate lang hat Niklas als Servicekraft auf Veranstaltungen gejobbt. Einige Tage hat er ein kurzes Praktikum als Erzieher in einer Grundschule gemacht. Ein paar Wochen war er in einem Camp, wo er lernte, einfache Computerspiele zu programmieren. „Ich wollte das Jahr nach der Schule zur Orientierung nutzen, weil ich keinen Plan hatte. Heute weiß ich, dass ich zukünftig Computerspiele gestalten will“, sagt Niklas. Einen Großteil seiner Freizeit verbringt er ohnehin schon mit Computerspielen, nur dass er sie bislang nur nutzt und nicht selbst entwickelt. Der Weg zum Gamedesigner ist allerdings nicht leicht: Viele Ausbildungen kosten große Summen an Geld. Das kostenlose Studium, das er sich vorstellt, wird von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin angeboten. Bei den Aufnahmeprüfungen sei es aber schwer, gegen die Konkurrenz zu bestehen. Über Alternativen hat er sich schon vage Gedanken gemacht: Psychologie, Pädagogik oder ein Handwerk kann er sich vorstellen.

„Ich habe mich bislang vor einer Ausbildungswahl gedrückt, weil ich mich mit so schweren Entscheidungen nicht leicht tue“, erklärt Niklas, der seine Zeit derzeit mit Computerspielen, Verabredungen, Fitness und seit Neuestem auch mit Schwertkampf füllt. Verantwortlich für seine monatelange Ziellosigkeit macht er vor allem sich selbst. Von der Schule hätte er sich aber auch mehr Unterstützung gewünscht. Verschiedene Praktika wären zum Beispiel eine gute Idee, findet er. Dafür hätte er gern auf ein paar Stunden Mathe oder Geschichte verzichtet. „Was will ich denn heute noch mit Scheitelpunktberechnungen? Praktika hätten mir dagegen wirklich fürs Leben geholfen“, sagt er. Von seinen Eltern hingegen habe er sich zu sehr unter Druck gesetzt gefühlt. „Ich weiß, dass sie nur das Beste für mich wollen. Aber ich bin halt nicht der Typ für schnelle Entscheidungen“, sagt Niklas. Trotzdem habe er das Gefühl, seine Zukunft frei wählen zu können. Schließlich hat er die Möglichkeit, sein Hobby zum Beruf zu machen.

Pauline, 19: „Ich möchte mich jung, frei und selbstständig fühlen“

Selbstständiger werden: Das ist Paulines Plan für die Zeit nach dem Abitur. Die 19-Jährige will dafür ein Jahr ins Ausland gehen, nach Holland zum Beispiel. „Ich habe einen privaten Kontakt zu einer Familie in Den Haag, bei der ich mich als Au-pair beworben habe. Eine Zusage habe ich noch nicht, aber es wäre toll, wenn das klappen würde“, sagt sie.

In ein fremdes Land zu gehen und eine unbekannte Sprache zu lernen, macht ihr wenig Angst – vor allem, weil sie während ihres Au-pair-Jahres weiter mit Kinder arbeiten könnte. Durch ihre zwei jüngeren Brüder, ihr ehrenamtliches Engagement in der Kirche und das regelmäßige Babysitten ist ihr diese Aufgabe vertraut. „Viele Abiturienten sind unsicher, wenn sie an die Zeit nach der Schule denken. Ich freue mich eher auf den neuen Lebensabschnitt mit anderen Herausforderungen. Nach 13 Jahren Schule reicht es mir einfach“, sagt Pauline. Vor allem die neu gewonnene Freiheit und Spontaneität will sie nach ihrem Abschluss genießen.

Doch bis es soweit ist, muss noch etwas Zeit vergehen. Im Moment stehen Abitur- und Klausurenstress im Mittelpunkt ihres Lebens. Anstrengend sei das. Doch nach dem letzten Schultag im April werde es mit dem Lernen bestimmt einfacher. Im Moment müsse man ja Schulalltag und Abi-Vorbereitungen unter einen Hut bringen. Danach drehe sich dann alles nur noch um die Prüfungen.

Dass Pauline ihr Abitur bestehen wird, ist schon so gut wie sicher. Sie erhofft sich für ihren Notendurchschnitt eine Eins vor dem Komma. Aber ganz so wichtig wie früher sei ihr das nicht mehr. „Eine Zeit lang wollte ich Medizin studieren. Aber seitdem ich diesen Wunsch verworfen habe, bin ich ein wenig gelassener. Jetzt denke ich mehr über ein duales Hebammen-Studium nach oder die Möglichkeit, Pfarrerin zu werden“, sagt sie.

Genauer will sie sich mit ihrer beruflichen Zukunft nach dem Jahr im Ausland beschäftigen. Im Moment sei ja gerade bei der Hebammen-Ausbildung vieles im Umbruch. Da könne man durch ein Jahr des Abwartens nur dazugewinnen, findet sie. Studieren will Pauline aber auf jeden Fall. „Ich habe die Vorstellung, dass man sich als Studentin jung, frei und selbstständig fühlt. Das möchte ich gerne erleben“, sagt sie.

Bis zu ihrem Studium will sie auch aus dem Haus in Lichterfelde ausgezogen sein, in dem sie bislang mit ihrer Mutter und den Brüdern wohnt, auch wenn sie nach ihrem Auslandsjahr gerne in Berlin bleiben will. „Ich kann mir nicht vorstellen, ein Jahr unabhängig von meiner Familie zu leben und dann wieder zu Hause einzuziehen. Das würde bestimmt nicht klappen“, sagt Pauline.

Ihre Familie lässt ihr die Freiheit, selbst über die Zukunft zu entscheiden. Pauline soll das finden, was für sie richtig ist – auch wenn es ein Jahr länger dauert, bis sie eine Ausbildung beginnt. Von der Schule fühlt sich Pauline gut unterstützt. Durch Berufsorientierungstage, an denen Experten Schülern über ihre Berufsfelder berichten, hilft ihre Schule den Abiturienten bei der Berufsfindung. Auch Berufsberatungen werden über die Schule angeboten.

Hilfreich für sich persönlich fand Pauline die Beratungsgespräche allerdings nicht. Vielleicht liegt es daran, dass sie schon so eine genaue Vorstellung von der Zukunft hat. „Und letztlich kommt doch eh immer alles anders, als man denkt“, sagt Pauline und lacht.

Katharina, 20: „Lange will ich nicht mehr auf meinen Medizin-Studienplatz warten“

Wenn Katharina im kommenden Semester keinen Studienplatz bekommt, dann war es das für sie mit dem Traum vom Medizin-Studium. Zwei Jahre wartet sie nun schon. „Aber noch viel länger will ich nicht warten. Dann studiere ich etwas anderes“, sagt 20-Jährige. Ein Studium in Richtung Kultur- und Gesellschaftswissenschaften könnte sie sich als Alternative vorstellen, aber so richtig begeistert wirkt sie nicht.

Mit einer Abi-Note von 1,5 hatte sie sich die Studienplatzsuche nicht so schwer vorgestellt. Zunächst bewarb sie sich in Berlin. Sie wusste, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Studienplatz in der Hauptstadt zu bekommen, sehr gering sein würde, aber dass sie gleich Null ist, wurde ihr erst in den folgenden zwei Jahren bewusst. Über die Zentrale Studienplatzvergabe kann ein Bewerber für Medizin nur eine Städtepräferenz angeben. „Mittlerweile bewerbe ich mich schon gar nicht mehr in Berlin. Dort wird man nur mit einem sehr guten Einser-Schnitt genommen, wenn man die Stadt als höchste Präferenz auswählt. Dadurch hat man aber in anderen Orten schlechtere Karten“, sagt Katharina. Ihr Vater hat Tabellen aufgestellt, die anzeigen, in welcher Stadt die Zusage-Wahrscheinlichkeit für Katharina am höchsten ist. „Er kniet sich total in die Studienplatzsuche rein. Er meint, dass Medizin ein Fach ist, das Zukunft hat, und findet, ich sollte meinen Traum nicht so an den Nagel hängen.“

Untätig war Katharina seit ihrem Abitur nicht. Mit einem Job in einer Bäckerei, einer fünfmonatigen Australien-Reise, einem dreimonatigen Praktikum im Krankenhaus und einer Ausbildung zur Rettungssanitäterin hat sie die Zeit gefüllt. Derzeit macht sie ein freiwilliges soziales Jahr im Kindergarten. „Als ich ein Jahr nach meinem Abitur noch immer keinen Studienplatz hatte und meine Schulfreunde alle irgendeine Ausbildung anfingen, ging es mir echt schlecht. Die Idee mit dem freiwilligen sozialen Jahr war meine Rettung“, sagt sie. „Mir ist es wichtig, einen Beruf zu finden, der gesellschaftlich anerkannt ist und einen gewissen Status vermittelt. Deshalb will ich auch unbedingt studieren.“