Ob Arzt, Ingenieur, Mechatroniker oder Bürokauffrau: Kurt Neuhaus hilft Berliner Jugendlichen im Auftrag der Bundesagentur für Arbeit auf dem Weg ins Berufsleben. Mit dem Berufsberater sprach Paula Leocadia Pleiss.

Berliner Morgenpost: Was fällt Abiturienten so schwer an der Berufsfindung?

Kurt Neuhaus: Nach dem Abitur ist die Berufsfindung der nächste Schritt ins selbstständige Leben. Meist wurden die Schüler darauf nicht besonders gut vorbereitet. In Schule und Elternhaus fehlt häufig der Anstoß, sich rechtzeitig mit beruflichen Perspektiven auseinanderzusetzen. Dennoch geht es Jugendlichen heute besser denn je. Schließlich haben sie so viele Möglichkeiten.

Führen mehr Möglichkeiten tatsächlich zu mehr Selbstverwirklichung?

Natürlich zwingt die große Auswahl die Schüler zur stärkeren Selektion. Die Entscheidungen sind also schwieriger geworden. Durch die neue Studienstruktur mit Bachelor- und Masterstudiengängen wurde alles noch komplexer, da die Perspektivenvielfalt seitdem noch größer ist. Es gibt viele Dinge zu beachten. Schwierig ist auch, dass selbst Eltern aus Akademiker-Haushalten oft keine Bezüge zu der neuen Studienstruktur haben. Sie können ihren Kindern nicht aus dem eigenen Erfahrungsschatz berichten, obwohl sie doch die ersten Ansprechpartner sind.

Ist der Einfluss der Eltern auf die Ausbildungswahl tatsächlich noch so wichtig?

Die größten Einflüsse auf die Berufswahl haben immer noch die Eltern, die Schule und seit einiger Zeit auch die Medien. Dokusoaps über Immobilienmakler oder Köche setzen Trends. Leider vermitteln Eltern, Schulen und Medien oft eine subjektive Meinung zu bestimmten Berufsfeldern. Deshalb ist die Berufsberatung als vierte Orientierungsgröße wichtig, da wir eine wertfreie Beratung anbieten – Hilfe zur Selbsthilfe sozusagen.

Wie sieht diese Beratung aus?

Wir helfen dabei, Informationen zusammenzutragen, damit sich die Schüler ihr eigenes Meinungsbild entwickeln können. Am besten kommt man dafür in die Berufsberatung, da wir dort mehr Zeit für individuelle Gespräche haben. Allerdings bieten wir auch Gesprächstermine an Schulen an. Meist wird unser Angebot von den neunten und zehnten Klassen sowie der Oberstufe angenommen.

Wo herrscht Beratungsbedarf?

Beratungsbedarf hat eigentlich jeder Schüler. Manchmal wird dieser auch erst während des Gesprächs festgestellt. Schließlich kennen die Schüler gar nicht all ihre Möglichkeiten.

Hat die Verkürzung der Schulzeit von 13 auf 12 Jahre dazu beigetragen, dass weniger Schüler wissen, was sie machen wollen?

Meiner Beobachtung nach haben Schüler, die 13 Jahre zur Schule gegangen sind, zwischen der elften und zwölften Klasse einen enormen Sprung in der Entwicklung gemacht. Dafür ist heute weniger Zeit. Stattdessen steht die Schule jetzt noch mehr im Vordergrund. Zugleich haben die Schüler gelernt, sich besser zu organisieren. Die elfte Klasse galt ja immer eher als Entspannungsphase vor dem Kurssystem.

Viele Schüler haben früher die elfte Klasse genutzt, um ein Jahr an eine Schule ins Ausland zu gehen. Heute schließt sich ein Auslandaufenthalt häufig an die Schulzeit an. Was halten Sie davon?

Für Abiturienten, die nach ihrem Auslandaufenthalt studieren wollen, ist es eine gute Sache. Sie können sich in der Regel nämlich auch aus dem Ausland für Studienfächer bewerben. Für Jugendliche, die eine Lehre anfangen wollen, gestaltet sich das schwieriger. Für Einstellungstests und Vorstellungsgespräche muss man sich vor Ort aufhalten. Man darf vor allem nicht erwarten, dass man, während man weg ist, seine berufliche Perspektive findet. Dafür sammelt man zu viele andere Eindrücke. Eine wirklich gute Möglichkeit ist aber das freiwillige soziale Jahr. Es kann als guter Test für soziale oder medizinische Berufe dienen.

Meist entscheiden sich Abiturienten für ein Studium. Wäre eine Lehre nicht auch eine gute Option?

In den meisten akademischen Berufen gibt es gute Karrieremöglichkeiten. Auch die finanzielle Perspektive scheint lukrativer. Trotzdem sollten Abiturienten die Augen offenhalten: Im Handwerk zum Beispiel ist die Selbstständigkeit relativ leicht möglich.

Welche Berufe bevorzugen Jugendliche?

Leider entscheiden sich Schüler häufig für geschlechtstypische Berufe. Frauen wählen überproportional soziale und gesundheitsbezogene Studiengänge, Männer oft technische. Bei den Ausbildungsberufen steht bei den Frauen die Büroarbeit ganz oben, bei Männern ist der Kfz-Mechatroniker die Nummer eins.

Was würde die Berufswahl erleichtern?

Die Schulen müssten sich dem Berufsleben mehr öffnen, da dort die Berufsrealität momentan noch sehr fern ist. Andererseits müssen sich die verschiedenen Berufsfelder auch den Schülern mehr öffnen. Praktika würden sehr helfen. Vielleicht wären als Kompromiss zwischen Schul- und Berufsalltag kurze Praktika in den Ferien eine Lösung. Ob das den Schülern gefallen würde, weiß ich aber nicht.