Eltern wollen ihren Kindern den bestmöglichen Bildungsweg eröffnen. Immer mehr Mütter und Väter streben daher einen frühen Wechsel aufs Gymnasium an, um keine Chance auszulassen.

Stefan Brandt, stellvertretender Leiter des schulpsychologischen Beratungszentrums in Berlin-Pankow, hat viele Argumente, die dagegen sprechen.

Berliner Morgenpost: Sind sechs Jahre Grundschule für die Entwicklung eines Kindes sinnvoll?

Stefan Brandt: Vieles spricht für eine sechsjährige Grundschulzeit. Kinder bleiben am liebsten in ihrer gewohnten Umgebung, in ihrem Freundeskreis. Oft fehlt ihnen auch noch die Selbstständigkeit, quer durch die Stadt zu ihrer neuen Schule oder zu neuen Freunden zu fahren. Die Folge ist, dass sie häufig von den Eltern gefahren werden, aber so können sie Selbstständigkeit nicht lernen. Zwei Jahre später sind sie schon viel weiter in ihrer Entwicklung. Und es tut Kindern auch mal gut, die Großen zu sein und Verantwortung zu übernehmen, zum Beispiel als Verkehrslotsen oder Konfliktmediatoren. Und ich sehe viele Kinder, die nach einem Wechsel zur fünften Klasse aufs Gymnasium sehr ernst und sogar frustriert sind. Das Lernklima ist ein anderes, auf einmal gehören sie vielleicht nicht mehr zu den Besten. Für Verspieltheit und Kindlichsein ist da kein Raum mehr.

Abgesehen von Berlin und Brandenburg wechseln die Kinder in allen anderen Bundesländern nach der vierten Klasse. Das klappt doch auch.

Natürlich geht das, aber nur weil die anderen dem Berliner Modell nicht folgen wollen, ist es ja nicht schlechter.

Aber Berlin schneidet nicht gerade gut ab im Schulvergleich...

Aber das liegt nicht an der sechsjährigen Grundschule. Die Pisa-Ergebnisse hängen doch nicht von der Dauer der Grundschulzeit ab. Richtig ist aber, dass die klugen Kinder in der Grundschule oft nicht genug Futter und Anregungen bekommen. Eltern klagen darüber, dass sich immer alle um die schwachen Kinder kümmern, aber zu wenig um die klugen Kinder. Die Grundschule ist in der Pflicht, hier etwas zu verbessern. Und es gibt ja auch Schulen, die das schaffen. Das muss der Weg sein.

So lange dies aber nicht überall der Fall ist, werden viele Eltern ihre Kinder nach der vierten Klasse aufs Gymnasium schicken.

Es ist verständlich, dass sich viele Eltern Sorgen machen und sich die Frage stellen: Schaffen es unsere Kinder, das Abitur mit guten Noten zu bewältigen, wenn sie erst zur siebten Klasse aufs Gymnasium wechseln? Diese Ängste haben sich durch die Einführung von G 8 noch verstärkt. Aber meine Erfahrung ist: Wenn die Kinder das Lernen gelernt haben, dann kommen sie überall zurecht. Und das lernen sie vor allem in der Grundschule. Der frühe Wechsel vieler Kinder ans Gymnasium nimmt den Grundschulen aber den Saft weg. Die Kinder, die dableiben, sind die Benachteiligten, weil ein Teil der anregenden Kinder fehlt. Das ist eine ungünstige Entwicklung für alle.

Für wen ist denn ein Wechsel aufs Gymnasium nach der vierten Klasse sinnvoll?

Es gibt hochbegabte Kinder, die auch damit zurechtkommen, dass sie jetzt ein starkes Lernklima haben. Aber als Schulpsychologen hören wir immer wieder von Kindern, die darunter leiden, dass die Konkurrenz so scharf und der Leistungsdruck sehr groß ist.

Viele Eltern haben Angst vor der Pubertät und schicken ihr Kind sicherheitshalber schon vor deren Eintritt aufs Gymnasium. Kommen die Kinder tatsächlich mit einem frühen Schulwechsel leichter durch die Pubertät?

Als die Familien noch viele Kinder hatten, war das kein Thema. Jetzt gibt es oft nur ein Kind in der Familie, und die Eltern haben auf einmal Angst vor der Pubertät. Sie wollen vorher alles geregelt haben, aber das lässt sich gar nicht. Außerdem sind die Schulen darauf vorbereitet und haben viel Erfahrung damit, dass Kinder in die Pubertät kommen.

Der Impuls für einen Wechsel aufs Gymnasium geht manchmal auch von den Kindern aus. Soll man ein Kind denn ausbremsen, wenn es diesen Wunsch hat?

Wenn ein Kind unbedingt aufs Gymnasium will und die Anforderungen erfüllt, ist das in Ordnung. Dafür ist unser Schulsystem flexibel genug. Aber das Wechseln sollte sich nicht so ausweiten, dass die sechsjährige Grundschule nicht mehr arbeitsfähig ist. Aus meiner Erfahrung geht der Impuls aber in den meisten Fällen von den Eltern aus.

Stehen die Kinder heute unter stärkerem Druck?

Kinder können sich dem Erwartungsdruck der Eltern nicht gut entziehen. Es ist ja auch gut, dass Eltern wollen, dass ihr Kind lernt und erfolgreich ist. Aber es macht einen Unterschied, ob dies als Druck oder als Ansporn erlebt wird. Druck lenkt vom Lernen ab. Der Kopf ist dann nicht mit der Matheaufgabe beschäftigt, sondern mit der Angst: Hoffentlich wird es eine gute Note. Mit dieser Angst kann man nicht gut rechnen.