Gerade in der dunklen Jahreszeit besinnen sich viele Menschen auf Rituale: das jährliche Plätzchenbacken mit den Kindern, die Kerze am Adventskranz, den Besuch an Opas Grab. Aber auch übers Jahr, im ganz normalen Alltag, pflegen viele Familien Rituale. Wie entstehen sie? Welche Bedeutung kommt ihnen zu? Darüber sprach Beatrix Fricke mit der Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin Sabine Deitschun.

Berliner Morgenpost: Wohl eines der bekanntesten Rituale mit Kindern ist das abendliche Vorlesen. Wie kommt es eigentlich zu solchen Sitten und Gebräuchen?

Sabine Deitschun: Die Pflege von Ritualen ist etwas typisch Menschliches. Es gibt sie in allen Kulturen und Religionen, gerade zu Festtagen. Für die Einführung der sogenannten Alltagsrituale sorgen in der Regel die Eltern. Aber auch Großeltern, Tanten und Onkels können eigene Rituale mit dem Nachwuchs pflegen. Das kann der Zoobesuch sein oder das gemeinsame Kakaotrinken. Später üben Kita-Erzieher und Lehrer Rituale mit den Kindern ein.

Aber warum eigentlich?

Zum einen entlasten die Rituale im Alltag. Beispiel Zubettgehen: Wer ein Ritual pflegt, etwa das Vorlesen, muss den Ablauf nicht immer neu regeln und diskutieren. Vor allem aber schaffen Rituale Sicherheit und Verlässlichkeit und tragen damit zu Ruhe und Entspannung bei. Und, ganz wichtig: Rituale transportieren Werte.

Welche denn?

Zu den typischen Familienwerten gehört, dass man sich wertschätzt, aufeinander achtet und sich zusammengehörig fühlt. Mit Ritualen kann man solche Werte sehr gut pflegen. Beim gemeinsamen Essen etwa schenkt man sich Aufmerksamkeit, tauscht sich aus, schmiedet Pläne. Es geht um mehr als um die Nahrungsaufnahme. Das unterscheidet ein Ritual übrigens auch von einer Regel oder Gewohnheit.
Erklären Sie das bitte!

Die Essensregel könnte lauten: Um sieben Uhr sitzen wir gemeinsam am Tisch, die Gewohnheit: Wir essen Brot mit Aufschnitt. Das ist vor allem zweckmäßig. Hinter dem Ritual verbirgt sich etwas Größeres: eine ganze Handlungskette, ein höherer Sinn, ein Wir-Gefühl. Deshalb sind Kinder ja auch sehr stolz auf ihre Familienrituale. Sie erzählen anderen: „WIR machen das so!“ Und staunen, wenn sie beim Besuch anderer Familien deren Rituale kennenlernen. Das ist spannend und bereichernd.

Doch nicht immer empfinden alle Familienmitglieder ein Ritual gleichermaßen positiv...

Tatsächlich empfinden Kinder mit zunehmendem Alter Rituale oft als einengend. Das merkt man daran, wenn sich die Kritik daran wiederholt oder schlechte Stimmung aufkommt. Da sollte man darüber sprechen.

Und das Ritual im Zweifel sein lassen?

Vielleicht stellt sich heraus, dass sich das Ritual überlebt hat, so dass es eher als lästig denn als schön empfunden wird. So wird der fünfjährige Sohn, der bei der Mutter aufwächst, sich über den täglichen abendlichen Anruf des Vaters freuen. Das fördert ihre Beziehung und das Gefühl der Nähe. Mit 16 wird der Sohn das Telefonat jedoch als kontrollierend empfinden. Auch der Familienbrauch, sich bei einer Reise nach der Ankunft zu melden, um zu bestätigen, dass nichts passiert ist, kann in einen Zwang ausarten und eher Ausdruck von Angst und Kontrolle denn von Anteilnahme sein. Um zu testen, ob ein Ritual zeitgemäß und angemessen ist, können Familien es einfach mal ausfallen lassen. Vielleicht wird es dann doch vermisst und kommt wieder – oder es entsteht etwas Neues.

Wenn man zu viele Ausnahmen zulässt, etwa nicht auf das gemeinsame Essen pocht, geht das Ritual verloren. Oder?

Eltern können sich sicher sein: Als angenehm empfundene Rituale werden mitgenommen. Warum sonst lassen sich Kinder immer noch gern vorlesen, auch wenn sie selbst schon längst lesen können? Das gemeinsame Lesen erfüllt ihr Bindungsbedürfnis, es bietet auch die Möglichkeit zum Gespräch. Aber manchmal lassen Schule, Arbeit und sonstige Verpflichtungen die regelmäßige Ritualpflege nicht zu. Dann sollte man sich vielleicht vom täglichen gemeinsamen Abendessen verabschieden und stattdessen ein opulentes Sonntagsfrühstück einführen. Das ist ein Angebot, das auch ältere Kinder gern annehmen und mit Freude mitgestalten dürften.

Aber ist es nicht manchmal auch eine Ausrede, dass die Zeit fehlt?

Mit Sicherheit. Ritualpflege braucht schließlich nicht nur Zeit, sondern auch Kraft. Ein gemeinsames Essen ist mehr Aufwand, als wenn sich jeder etwas aus dem Kühlschrank nimmt. Und es muss jemanden geben, der dafür sorgt, dass das Ritual eingehalten wird. Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Bereitschaft, etwas für das „Wir“ zu tun, abnimmt. Leider. Denn das Bedürfnis danach gibt es nach wie vor. Gerade in der modernen Zeit, in der wir in sozialen Netzwerken alles mit allen teilen und immer ansprechbar sind, ist die Möglichkeit zum Rückzug in einen vertrauten und sicheren Zirkel, ist eine Familienidentität umso wichtiger.

Welche Rituale haben die besten Chancen, Veränderungen in der Familie zu überstehen, mehrere Generationen zu begleiten?

Festtagsrituale sind häufig besonders beeindruckend, einfach weil sie selten sind. Also wie eine Familie Geburtstage oder Weihnachten begeht. Daran erinnert man sich noch nach Jahrzehnten, übernimmt die Tradition vielleicht auch, wenn man selbst eine Familie gründet. Da muss dann allerdings auch der Partner einverstanden sein, der seine eigenen Rituale mitbringt. Fragen wie die, ob es zu Heiligabend Fisch oder Fleisch gibt, haben schon häufiger zu Streit geführt! Ich würde daher sagen: Die besten und damit auch tragfähigsten Rituale sind die, in denen das besagte Wir-Gefühl entsteht. Das kann auch ein schlichtes Abschiedsritual sein mit den vier einfachen Worten: „Ich hab’ dich lieb“.