Im Zentrum der Freundschaft steht das gegenseitige Vertrauen

Was macht eine Freundschaft aus? Kann man sie kitten, wenn sie zerbrochen ist? Darüber sprach Beatrix Fricke mit Prof. Dr. Peter Walschburger, Psychologe an der Freien Universität Berlin.

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Berliner Morgenpost: Freundschaften sind ein kostbares Gut. Was macht sie aus?

Prof. Peter Walschburger: Es braucht Wertschätzung, Empathie und Anziehungskraft. Im Zentrum steht allerdings das Vertrauen. Man öffnet sich Freunden gegenüber sehr stark. Damit einher geht die Erwartung, dass der andere das Vertrauen auch verdient.

Und wenn es hier eine Enttäuschung gibt?

Eine solche Situation ist ein Prüfstein. Wenn einer der Freunde seine individuelle Verwirklichung über die Freundschaft stellt oder auf andere Weise dem Freund untreu wird, gefährdet er das Vertrauensverhältnis. Das muss die Freundschaft allerdings nicht gleich töten. Jede Freundschaft hat eine Art Lebenszeitkonto. Darauf werden positive und negative Punkte gesammelt. Auf lange Sicht sollte dieses Konto eine positive Bilanz aufweisen.

Doch wer bestimmt, was richtig und was falsch ist?

Gut und Böse gibt es nicht „an sich“, sondern nur in der jeweils individuellen Sichtweise. Daher erfordert eine Freundschaft auch Reife: die Reife, über den eigenen Schatten zu springen und sich in die subjektive Wahrnehmung des anderen hinein zu versetzen. Und zwar nicht nur rational. Eine freundschaftliche Verbindung erfordert auch ein Mitfühlen und Mitschwingen. Doch natürlich hat auch das Grenzen.

Braucht eine Freundschaft Ehrlichkeit, auch Kritik, oder vor allem Zustimmung?

Ein guter Freund ist sogar verpflichtet, ehrlich und kritisch Dinge anzusprechen. Denn von einem Freund lässt man sich am ehesten etwas sagen, weil man davon ausgehen kann, dass er einen gut kennt und es gut mit einem meint.

Sind Freundschaften aus der Kindheit besonders dauerhaft?

In der Regel ist das so. Kinder und Jugendliche sind noch nicht so reflektiert. Man verbringt gemeinsam Zeit in der Schule oder beim Sport und wächst zusammen. Wenn die angesprochenen Grundbedingungen stimmen, bleibt das auch so. Ältere Menschen hingegen passen sich nicht mehr so sehr an Neues an, sondern schätzen sich selbst immer mehr. Sie wollen nicht mehr mit jedem gut Freund sein, die Ansprüche an eine Freundschaft wachsen. Das kann dazu führen, dass alte Freundschaften weniger wichtig werden. Man teilt vielleicht noch die guten Erinnerungen, aber nicht mehr den Lebensstil.

Was muss man tun, um eine Freundschaft lebendig zu erhalten?

Eine Freundschaft braucht Pflege. Man muss die verbindenden Komponenten immer wieder aktivieren, damit die Anziehungskraft erhalten bleibt und die Beziehung nicht verflacht. Das heißt: regelmäßig in Kontakt sein und sich austauschen. Wichtig sind auch Rituale, vor allem die typischen gesellschaftlichen Akte der Wertschätzung, wie die Gratulation zum Geburtstag. Das macht die Verlässlichkeit sinnlich begreifbar und nährt das Vertrauen.

Aber muss eine gute Freundschaft nicht auch Durststrecken aushalten können?

Wenn ein Festtag mal vergessen wurde, sollte das natürlich nicht das Ende der Freundschaft bedeuten. Männer sind da übrigens unkomplizierter als Frauen: Während Frauen eher den Beziehungsaspekt in einer Freundschaft kultivieren, sind Männerfreundschaften eher durch gemeinsame Ziele definiert. Daher sehen sie auch eher darüber hinweg, wenn etwa der Geburtstagsanruf ausblieb.

Kann man nur einen oder auch mehrere beste Freunde und Freundinnen haben?

Es ist sogar gut, mehrere gute Freundschaften zu pflegen. Jeder Freund bringt unterschiedliche Aspekte mit ein. Mit dem einen teilt man vielleicht das Hobby, mit dem anderen bespricht man gerne Berufliches. Wer alle seine Erwartungen auf eine Person projiziert, überfrachtet leicht die Beziehung.

Aber was ist mit der einen, wahren, tiefen Freundschaft? Gibt es die überhaupt noch?

Wir verklären gern, was früher war. Doch in der Tat gibt es genügend Hinweise, dass in der Vergangenheit Gemeinschaften aller Art besser und häufiger gepflegt wurden, also auch Freundschaften. Unter modernen Lebensbedingungen gibt es die Tendenz, dass individuelle Verwirklichung und Selbstdarstellung höher gewichtet werden als Empathie und sozialer Austausch.

An welchen Freundschaftspaaren kann man sich ein Beispiel nehmen?

Friedrich Schiller schildert in seiner „Bürgschaft“ den Idealfall einer Freundschaft. Darin zeigen zwei Freunde, dass sie selbst unter schwierigsten Bedingungen zueinander halten. Sie sind sogar bereit, ihr Leben für den anderen zu opfern. Der Kern der Freundschaft ist auch hier das Vertrauen. Diese Freunde zeigen der Welt, dass es wahre Treue gibt – und bekommen dafür die Freiheit geschenkt.