Beziehungen

Wenn aus Freunden Feinde werden

Man teilt Freude und Sorgen, vertraut sich alles an. Und dann? Kommt die große Enttäuschung. Drei Geschichten von zerbrochenen Freundschaften – und die Frage, ob man sie kitten kann.

Foto: Amin Akhtar

„Mit einem Mal kam er mir unheimlich spießig vor“

Wir haben uns alles erzählt in den langen, alkoholisierten Nächten in den Kneipen. Vor allem das mit den Frauen. Ich war frisch verheiratet und redete immer nur von der einen. Sein Leben war spannender, er redete von mehreren. Ein bisschen bewunderte ich ihn, wie er das schaffte. Und ein bisschen bewunderte er mich, wie ich das schaffte. So waren wir gute Freunde, fuhren auch zusammen in den Urlaub. Dort begann er ein Techtelmechtel mit der besten Freundin meiner Frau. Er war nicht zu bremsen, es ergab sich immer was für ihn.

Dann zog er weit weg, berufsbedingt. Wir schworen, uns weiter oft zu sehen. Aber die neue Heimat veränderte ihn irgendwie. Es machte ihn selbstbewusster, was ich ihm nicht übel nehmen konnte, sondern ihm gönnte. Er erzählte viel, wenn er mal wieder in seinem alten Zuhause war. Was ich vermisste, war, dass er nicht mehr fragte, wie es mir so geht. Schien ihn nicht mehr zu interessieren.

Dann fand er doch noch die eine, die es sein sollte. Er hatte sie bei seiner neuen Arbeit kennengelernt. Sie beschlossen zu heiraten. Aber nicht dort, wo er jetzt lebte, sollte die Heirat stattfinden, nein, hier in der Stadt, wo wir unsere wunderbaren Kneipenabenden erlebt hatten, sollte es zur großen Feier kommen. Und er hat einen Wunsch: eine Hochzeitszeitung. Immerhin hatte er doch zu meiner auch eine mitinitiiert. Frech, offen und lustig war das damals zu lesen. Aber so wollte er das bei sich nicht haben. Er machte Vorgaben. Unter anderem sollte nichts von seinen früheren Freundinnen in der Zeitung stehen.

Für mich schien es wie eine Verleugnung. Und es raubte mir den Spaß, auch nur eine Zeile zu schreiben. Alle, die wir an der Zeitung mitwirkten, hatten auf einmal eine Klammer im Kopf. „Können wir das so schreiben?“, hieß es immer wieder. Ich war mehr damit beschäftigt, was ich nicht schreiben konnte, als mit dem, was ich schreiben konnte. Und mit einem Mal kam er mir unheimlich spießig vor.

Auf die Hochzeit hatte ich keine Lust mehr. Es wurde trotzdem noch ganz schön. Aber als er dann mit ihr wieder in seine neue Heimat flog, war ich froh. Seitdem haben wir keinen Kontakt mehr.

„Mein Verständnis für sie, die auf Kosten anderer lebt, ist bei Null angelangt“

Christina kenne ich nun schon seit fast 15 Jahren. Sie ist, oder besser: war, meine beste Freundin. Kennengelernt haben wir uns bei einer Umschulung. Wir verstanden uns von Anfang an und machten all die Sachen, die man mit einer besten Freundin so veranstaltet. Wir waren wie Seelenverwandte. Wenn die ganze Welt da draußen mal wieder geändert werden musste, waren wir natürlich die einzigen, die dazu imstande gewesen wären. Wir haben all das gemacht, was Frauen eben so tun. Lachen, über Männer reden, heulen, wenn mal wieder alles doof war, und die Probleme mit unseren Müttern analysieren. Die Eine von uns hat Kind und Katze und die Andere ist kinderlos mit Hund. Die Eine wollte immer einen jüngeren Mann und die Andere suchte sich Männer, die mindestens zehn Jahre älter waren als sie selbst. Wir waren in jeder Hinsicht komplett verschieden und doch passten wir irgendwie zusammen.

Als die Umschulung vorbei war, fand ich nach mehreren Bewerbungen eine Arbeit, einen guten Job, der mir Spaß machte. In diesem Job bin ich auch jetzt noch beschäftigt und bis auf die üblichen Leiden einer Berufstätigen (allzu frühes Aufstehen, manche Kollegen sind einfach nicht zu ertragen usw.) fühle ich mich sehr wohl und habe ich mir im Laufe der Zeit einen guten Stand in der Firma erarbeitet. Ich werde von allen geschätzt, und meine Arbeit ist ein Teil meines Lebens.

Christina hatte schon immer andere Ziele als die, in einem Job von neun bis fünf zu arbeiten. Sie wollte selbstständig tätig sein und von niemandem abhängig. Sie hatte immer viele Ideen und ich habe sie dabei unterstützt. Wir haben manchmal stundenlang darüber diskutiert, was sinnvoll wäre, welche Lücke genau für sie die richtige wäre. Wir haben uns oft gestritten, wenn ich ihr sagte, dass sie doch zumindest erst einmal Geld verdienen müsse, um sich ihre Träume zu erfüllen. Ich erzählte ihr von Stellenangeboten, die ihr dann aber irgendwie nicht passten oder bei denen sie zu wenig Geld verdienen würde.

Ich habe gern gegeben

Christina lebt nun seit mehreren Jahren von Hartz IV-Geldern und hat, so lange ich sie kenne, schon immer wenig Geld. Ich habe sie auch da immer unterstützt, und auch wenn es sich vielleicht nicht so anhört: Ich habe das gern getan. Wenn sie Geld brauchte, habe ich es ihr geliehen, ohne zu wissen, ob und wann ich es je zurückbekommen werde. Es ging mir dabei nie um Dankbarkeit, einzig allein darum, dass es ihr gut geht. Wenn wir beide unbedingt den neuen Film von XY sehen wollten oder auf dieses eine Konzert gehen, wollte ich uns eine Freude machen und habe gern gegeben.

Heute, nach fast 15 Jahren, hat Christina immer noch keine Arbeit und ihre Träume ändern sich gerade wieder in eine andere Richtung. Unsere Lebenswelten haben sich im Laufe der Zeit weiter voneinander entfernt. Mein Verständnis für jemanden, der auf Kosten anderer lebt, ist in der Zwischenzeit bei Null angelangt. Vielleicht habe ich mich im Laufe der 15 Jahre verändert, unsere Freundschaft hat es ohne Zweifel.

Zurzeit ist sie im Urlaub, den sie sich durch eine kleine Erbschaft finanzieren konnte. Am liebsten wäre sie mit mir ans Meer gefahren. Ich kann mir einen solchen Urlaub im Moment nicht leisten. Auf die Idee, wenigstens einen Teil ihrer Schulden zurück zu zahlen, ist sie bisher übrigens nicht gekommen.

„Ein seltsamer Leistungsdruck schlich sich in die Freundschaft ein“

Pia hieß sie. Wie ich sie kennengelernt habe, weiß ich gar nicht mehr so genau. Das weiß ich von den wenigstens der Freundinnen aus dieser Zeit. Eines Tages tauchte sie bei der Kaffeepause in Georges Pavillon im Schlepptau von jemanden mit auf und ab da gehörte sie dazu.

Pia hatte wilde rote Locken und sehr braune Augen und kleine Sommersprossen auf Alabasterhaut verteilt. Sie war immer gut gelaunt und interessiert und engagiert. Pia hatte eine einzigartige Gabe, Leute zusammenzubringen. Sie wusste immer, wer sich gerade mit welchen Fragen beschäftigte, und schaffte durch kleine Hinweise und unauffällige Gesprächsführung, dass unsere vielfältigen Lernpausen, mit denen wir großzügig unsere Vorbereitung aufs Examen gestalteten, zu kleinen Podiumsdiskussionen wurden. Ich habe nie wieder jemanden getroffen, der seinem Gegenüber so glaubhaft vermitteln konnte, dass es gerade etwas extrem Kluges gesagt hatte.

Wir fühlten uns damals alle irre schlau, klärten wir doch in unseren Arbeiten die ganz großen Fragen der Menschheit. Unsere Clique hatte eine gute Mischung, Mediziner, Juristen, Historiker, Literaturwissenschaftler, Politikstudenten, es war von allem etwas dabei und jeder war sicher, dass wir mal die Geschicke der Welt leiten würden. Angehende Anwälte, Botschafter, Journalisten, Chefärzte, wir waren die kommende Generation.

Wir studierten in dieser Miniatur-Stadt, unser Leben spielte sich zwischen Mensa, Bibliothek, Café und Uni ab und abends feierten entweder die Juristen oder die Germanisten oder die Mediziner, und wenn es keine Fachschaftsparty gab, dann saßen wir alle am Rhein. Feiern konnte man auch sehr gut mit Pia. Sie hatte immer Lust, auszugehen und zu tanzen. Es gibt ein Foto von der allerersten Hochzeit in unserem Freundeskreis, auf dem wir uns alles zusammen drängeln mussten, damit wir auch wirklich aufs Bild passten. Ein buntes Freundesknäuel. Die Hochzeit war zwei Tage nach meiner hässlichen Trennung von Alex gewesen. Pia hatte mich danach tränenüberströmt am Alten Zoll aufgegriffen und sofort alle Freundinnen zusammengetrommelt und eine spontane Trostparty veranstaltet. Sie konnte eine tolle Freundin sein.

Ich war von Anfang an fasziniert

Pia war die ehrgeizigste von uns. Vielleicht war ich deswegen von Anfang an auch so fasziniert von ihr. Während die anderen ihre Reden an die Nation im Schneidersitz auf der Wiese vor der Unibibliothek vortrugen, machte Pia Praktika bei der UNO in New York und bei Amnesty. Sie schien ganz genau zu wissen, wo sie hin wollte. Sie war in einem ganz speziellen Studienprogramm, das für die damalige Zeit ungewöhnlich hohe Aufnahmebedingungen hatte.

Pia hieß sie, oder heißt sie wahrscheinlich immer noch, dabei hat der Name nie zu ihr gepasst. Die Fromme oder Tugendhafte war Pia ganz sicher nicht. Schon eher die Selbstgerechte.

Unser Niedergang begann mit Ally McBeal. Irgendwann hatte Pia die Serie für sich entdeckt und ab da war unser Freundeskreis gespalten. Es gab jetzt die Mädels und die Jungs. Während die Jungs weiter lustige Sachen miteinander machen durften, begannen für die Mädels die Ally McBeal-Abende. Pia lieh die DVDs aus und stellte Prosecco kalt und lud zu sich in die WG ein, wo wir dann auf dem Flokati saßen und Sektflöten leerten und statt über die großen politischen Fragen darüber diskutierten, ob Ally irgendwann den Richtigen finden würde und wie der sein würde und ob wir auch den Richtigen finden würden, den richtigen Job wie den richtigen Mann, und wie der dann sein würde. Und damit fingen die Probleme an.

Denn irgendwann fand Julia ihren Richtigen. Er hieß Lutz, hatte blaue Augen, war sehr lustig und ein wenig verrückt und Julia war total hingerissen. Pia aber fand nicht, dass es der Richtige sei für Julia. Lutz hatte zwar Eltern mit einem Mittelklasse-Anwesen – sogar in gehobener Wohnlage – und er spielte auch Tennis, aber sein Studium hatte er geschmissen. Er fotografierte, war Bassist in einer Band und wenn Julia und er abends ausgingen, dann musste sie zahlen.

Julia war ihr erstes Opfer

Julia wurde Pias erstes Opfer. An einem der Prosecco-Abende erklärte ihr Pia ganz sanft und vorsichtig, dass sie Einwände gegen Lutz habe. Er passe nicht zu Julia. Er würde sie im Leben nicht weiterbringen. Sie verschwende ihre Zeit mit ihm. Julia war erst überrascht, dann beleidigt, dann verunsichert. In der Tat war Lutz eher ein Underachiever, aber die waren in diesen Jahren schwer angesagt. Tatsächlich drehte sich ihr Leben neuerdings immer mehr um seine Konzerte und seine Freunde und seine Hobbys, aber Julia war nun mal so schwer verliebt. Was sollte man Julia raten? Geht es die Freundin überhaupt etwas an, wen die andere liebt? Pia fand, es ginge sie sehr wohl etwas an. Julia sei eine intelligente Frau mit Zielen in ihrem Leben, ob sie damit ende wolle, Lutz den Hintern hinterher zu tragen, wollte Pia wissen. Ob das die Art von emanzipiertem Leben sei, das wir führen wollten?

Julia kam seltener zu den Treffen. Sie verbrachte immer mehr Zeit mit Lutz. Pia hatte Recht, er war auch ziemlich besitzergreifend. Eines Abends hatte Pia zum Abendessen eingeladen und Lutz hatte nicht gewollt, dass Julia zu uns käme. Erst sagte er, er wolle, dass sie bei ihm bleibe, dann entwickelte er Magenkrämpfe und verlangte nun, dass sie sich um ihn kümmere. Julia stritt mit ihm, dann schloss sie sich im Bad ein und rief Pia an, um abzusagen. Pia sagte, es sei unmöglich, was sich Julia bieten ließe. Und das war es ja auch. Aber Julia blieb bei Lutz, wenn auch im Bad.

Am nächsten Tag traf sich Pia mit Julia und machte mit ihr Schluss. Sie vernachlässige ihre Freundinnen, mit so einer Frau wolle Pia nicht befreundet sein. Julia war erschüttert. Wir auch. Zuerst wusste keiner so recht, wie er sich verhalten sollte. Julia kam nicht mehr mit in die Mensa und nicht mehr zum Milchkaffee trinken und nicht mehr abends mit an den Rhein, aber das hatte sie ja sowieso immer seltener gemacht, weil sie ja jetzt mit Lutz zusammen war. Nach ein paar Wochen normalisierte sich die Lage, Julia traf sich jetzt ab und zu mit einem von uns alleine, Pia mied sie.

Irgendwie konnte ich Pia verstehen. Zwar wirkte Julia ganz glücklich, aber als Freundin war sie nun wirklich ein Totalausfall. Man konnte sich nicht mehr auf sie verlassen, es wurde auch schwieriger mit ihr zu reden, denn ihre Gedanken waren meist von Dingen gefangen, die Lutz beschäftigten. Vielleicht war es gar nicht so falsch, so wie Pia seine Kritik an der Freundin offen zu äußern. Wir anderen hatten das ja nur hinter Julias Rücken getan.

Aber dann war Kathrin dran. Es fing schleichend an. Erst sagte Pia beim Mittagessen: „Na, du hast es heute morgen aber auch nicht geschafft, etwas Ordentliches zum Anziehen zu finden.“ Wir anderen dachten noch, es sei ein Witz. Dann wurde Pia deutlicher. Ständig kritisierte sie Kathrin. Sie brauche mal eine neue Frisur, sagte sie, ob sie denn nicht lieber den Nachtisch weglassen wolle, sie habe doch ohnehin schon ein paar Kilo zu viel und ob Pia ihr mal ein paar Stylingtipps geben solle. Die Bissigkeiten wurden immer halb ironisch vorgetragen, wir anderen nahmen sie zuerst nicht so ernst, wir hofften, es würde bald wieder aufhören. Wir nahmen Kathrin in Schutz, aber es half nichts.

Ihre Freundinnen sollten besonders sein

Wir fingen an, Pia kritischer zu sehen. Pia war nicht nur ehrgeizig, was sich selbst anging. Sie wollte auch, dass ihre Freundinnen etwas ganz Besonderes waren, aber was besonders war, bestimmte sie. Menschen wie Julia und Kathrin enttäuschten sie. Sie wollte auch nicht, dass deren aus ihrer Sicht gescheiterten Lebensentwürfe auf sie zurückfielen. Also machte sie Schluss mit ihnen. Pia versuchte immer mehr, sich ihrem eigenen Idealbild einer Frau anzupassen. Sie wurde, wenn man so will, immer weiblicher.

Pia und Kathrin trafen sich alleine. Wir dachten schon, sie wollten sich versöhnen, aber dann kam Kathrin eines Tages heulend in die Mensa und erzählte uns, was passiert war. Pia war nach dem Gespräch eine Woche auf Exkursion. Als sie wiederkam, hatten alle Angst vor ihr. Alle bis auf Marit, die interessierte sich für diese ganzen Mädels-Geschichten am allerwenigsten und bekam deswegen auch nie so richtig mit, wer jetzt mit wem beste Freundin für immer war und wer nicht. Außerdem stand bei Marit gerade eine wichtige Klausur an.

Ein paar Tage vor dieser Klausur fragte mich Marit morgens in der Bibliothek, ob wir beide nicht früher in die Mensa gehen wollten, weil ein frühes Mittagessen besser in ihren Tag passte. Als wir aus der Mensa wiederkamen, machte Pia auch mit Marit Schluss. Sie fing uns noch vor der Mensa ab und erklärte Marit, wie ihrer Meinung nach eine Freundschaft aussehe. Nämlich nicht so, wie Marit sie führe. Wenn man befreundet sei, dann frage man alle anderen Freundinnen, die zu diesem Zeitpunkt auch in der Bibliothek seien, ob sie mit zum Mittagessen kommen würden. Nicht nur eine.

Wer war noch gut genug?

Ab da war mir Pia unangenehm. Sie war zwar immer noch ein spannender Gesprächspartner und hatte tolle Ideen für Partys und Ausstellungen und war unternehmungslustig, aber sie war auch ein bisschen gruselig mit ihrer Schlussmachtour durch unseren Freundeskreis. Ich entwickelte eine Angst, ihr nicht genügen zu können. Ein seltsamer Leistungsdruck schlich sich in die Freundschaft mit ein. Wer war noch gut genug für Pias Ansprüche?

Eines Tages forderte mich Pia auf, mich nicht mehr mit Marit zu treffen. Sie sei keine echte Freundin, sie interessiere sich nicht für andere, sondern immer nur für sich selbst. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Marit war in der Tat legendär ignorant, aber war das ein Grund, sich von ihr zu trennen?

Also tat ich etwas, wofür ich mich bis heute schäme. Es gibt wenige Dinge in meinem Leben, die mir so unangenehm sind im Nachhinein. Ich machte mit Pia Schluss, bevor sie mit mir Schluss machen konnte. Wahrscheinlich hatte ich einfach zu viel Angst vor ihr. Aber das ist nur eine lahme Entschuldigung dafür, dass ich mich der Sache nicht gestellt habe. Ich schrieb stattdessen einen feigen Brief, ich hoffe, Pia hat ihn sofort verbrannt. Ich fürchte aber, er hat sie verletzt.

Vielleicht habe ich mir selbst nicht eingestehen können, wie verletzt ich damals von Pias Verhalten war. Oder wie groß meine Angst vor ihr. Oder wie groß die Angst davor, dass sie irgendwie auch Recht hatte und dass wir alle zu wenig Ansprüche an uns selbst stellten.

Die weibliche Solidarität lässt nach

Als wir noch Studentinnen waren, da taten mir die Jungs manchmal leid. Freundinnen hielten fester zueinander, stellten mehr auf die Beine, feierten die lustigeren Partys. Männer kamen meistens nur mit, die Initiative ging von den Frauen aus. Aber je älter wir wurden, desto mehr nahm die weibliche Solidarität ab. Heute kenne ich jede Menge Männer, die sich untereinander die Jobs zuschieben und die Karriereleiter hoch schubsen und miteinander um die Häuser ziehen, wenn einer Kummer hat. Wenn eine meiner Freundinnen Karriere macht, kommt von den anderen oft der Vorwurf, sie vernachlässige ihre Familie. Wenn es Probleme gibt, dann haben meine Freundinnen keine Zeit mehr zuzuhören, weil sie sich um Kinder und Ehemann kümmern müssen.

Was aus unserer Clique geworden ist? Julia ist schon seit Jahren mit Lutz verheiratet. Sie haben drei Kinder und weil sie das Geld verdient, kann sie nun wirklich keine Freundinnen mehr in ihrem Leben unterbringen. Kathrin hat abgenommen und eine neue Frisur, sie ist mit ihrem Mann und den mittlerweile vier Kindern in die Provinz gezogen. Manchmal kommt sie noch nach Berlin, dann sehen wir uns. Marit und ich sind immer noch befreundet. Die anderen sind mehr oder weniger übers Land versprengt, manchmal hören wir noch voneinander.

Im vergangenen Jahr hat eine aus der alten Clique geheiratet. Wir waren alle eingeladen. Auch Pia. Sie ist den richtigen Mann gefunden, sie wohnen in gehobener Wohnlage in der Vorstadt, Pia macht einen Halbtagsjob in einer Beratungsfirma und ihre große Tochter hat gerade mit den Tennis-Stunden angefangen. Sie sah wie immer perfekt aus und war bestens gelaunt. Julia, Kathrin und Marit nicht, weil sie immer noch verletzt sind, ich nicht, weil ich mich geschämt habe für meinen dämlichen Brief. Bis auf die Braut, die sie ja eingeladen hatte, mied auch der Rest des Freundeskreises Pia. Sie war den meisten unheimlich geworden.

Irgendwie tat es mir trotzdem leid, dass alles so unwürdig zu Ende gegangen war. Fast wäre ich zu ihr rübergegangen und hätte ihr gesagt, dass sie eigentlich nicht ganz unrecht hatte damals. Dass Freundinnen von Freundinnen auch etwas fordern können. Und dass wir beide blöde Kühe sind. Mit Freundinnen macht man nämlich nicht Schluss, nur weil sie einen Weg einschlagen, der einem nicht passt. Pia hätte das beherzigen müssen. Ich auch. Judith Luig