Wie schließen Menschen Freundschaft? Wie verändern sich Freundschaften mit dem Alter? Und was kann man tun, um Freundschaften zu pflegen? Darüber sprach Anette von Nayhauß mit Dr. Horst Heidbrink vom Institut für Psychologie an der Fernuni Hagen, der seit Jahren zum Thema Freundschaft forscht.
Berliner Morgenpost: Was ist eigentlich Freundschaft?
Horst Heidbrink: Es gibt eine Reihe von Freundschaftsdefinitionen. Zugleich hat jeder Mensch seine subjektive Vorstellung davon, was Freundschaft ausmacht. Ein wichtiges Merkmal ist die Freiwilligkeit: Eine Freundschaft ist eben keine formalisierte Beziehung, die durch eine Urkunde oder Abstammung definiert ist, wie es etwa Familien-Beziehungen sind.
Ab welchem Alter können Kinder Freundschaft schließen?
Wir werden nicht mit der Fähigkeit geboren, Freundschaften zu schließen, sondern müssen diese erwerben. Kleine Kinder schließen schnell Freundschaft. Wer mit ihnen spielt, ist ihr Freund. Genau so schnell geht das wieder auseinander. Zwar wissen auch Fünf-, Sechsjährige schon, dass gegenseitiges Vertrauen zu einer Freundschaft gehört, aber in dem Alter geht es eher um das Vertrauen, dass einem der andere das Spielzeug nicht wegnimmt. Daraus entwickelt sich bis zum Jugendalter die Fähigkeit, Freundschaften zu schließen.
Diese sind dann gerade bei Mädchen oft sehr eng und erinnern fast an eine Liebesbeziehung. Üben sie damit für eine Beziehung?
Im Jugendalter sind Freundschaften häufig von Eifersucht geprägt. Jugendliche können oft nicht damit umgehen, dass ihre besten Freunde auch andere Freunde haben. Sie müssen erst lernen, eine enge Beziehung einzugehen und gleichzeitig Autonomie zuzulassen. Deshalb gehen solche Freundschaften auch oft auseinander, vor allem, wenn sie in Konkurrenz zu einer echten Liebesbeziehung kommen. Dieses Ausbalancieren ist Teil des Erwachsenwerdens.
Weshalb brauchen wir überhaupt Freunde?
Der Mensch ist ein soziales Wesen, er braucht Kontakt. Freundschaften sind wichtig für die psychische Gesundheit, aber auch für die körperliche, wie eine Metastudie im Jahr 2010 bestätigt hat. Es zeigte sich: Das Fehlen von sozialen Beziehungen ist für das eigene Überleben so schädlich wie 15 Zigaretten pro Tag zu rauchen. Einsamkeit ist schädlich. Deshalb sind Freunde vor allem dann wichtig, wenn es in familiären Beziehungen kriselt. Bei Jugendlichen kommt hinzu: Um erwachsen zu werden, reicht es nicht, sich nur mit Erwachsenen auseinanderzusetzen. Sie brauchen Gleichaltrige, an denen sie sich orientieren können. Eltern wissen das, deshalb ist es ihnen ja auch meist wichtig, dass ihre Kinder Freunde haben, deren Werte und Normen mit denen des Elternhauses in weiten Teilen übereinstimmen.
„Gleich und gleich gesellt sich gern“ oder „Gegensätze ziehen sich an“: Was gilt?
Wir suchen bei Freunden nach Gemeinsamkeiten, auch bei Äußerlichkeiten. Enge Freunde sind deshalb fast immer gleich alt. Wir suchen uns Menschen als Freunde, die uns ähnlich sind. Das gilt sowohl für Äußerlichkeiten – Freunde haben oft dasselbe Hobby – als auch für Werte. Dadurch gibt es Gesprächsstoff und natürlich auch weniger Konflikte. Bei der Persönlichkeit können sich aber auch „Gegensätze anziehen“. Wenn ich selbst eher schüchtern bin, kann ein extrovertierter Freund durchaus eine passende Ergänzung sein.
Wie können Freundschaften ein Leben lang halten?
Damit eine Freundschaft auf Dauer erhalten bleibt, müssen wir ein feines Gespür für Geben und Nehmen entwickeln. Für einen kürzeren Zeitraum kann eine Freundschaft ein Ungleichgewicht ertragen, aber auf lange Sicht muss sie ausbalanciert sein. Wenn der eine feststellt, dass er sich immer zuerst meldet, wird er irgendwann abwarten, dass auch mal etwas vom anderen kommt. Und wenn die Freundin immer bezahlt, wird die Freundschaft auf Dauer darunter leiden. Beide Freunde müssen etwa gleich viel in die Freundschaft hineingeben und durch die Freundschaft zurückbekommen.
Welche Rolle spielen Rituale bei einer Freundschaft?
Rituale sind absolut wichtig. Sie regeln die Kommunikation zwischen Freunden auf unkomplizierte Weise, zum Beispiel mit regelmäßigen Treffen, bei denen ich mir sicher sein kann, dass der andere erscheint. Wenn ich weiß, wie sich der andere verhalten wird, macht das die Beziehung einfacher.
Und Freundschaftssymbole wie Armbänder?
Sie sind eine gute Möglichkeit, um dem anderen deutlich zu machen: Ich bin an dir interessiert. Das ist natürlich immer mit dem Risiko der Ablehnung behaftet, wenn vom anderen nichts zurückkommt. Sich trotzdem zu überwinden, ist für den anderen eine Vergewisserung, dass dem Freund etwas an der Beziehung liegt. So kann man auch eine eingeschlafene Freundschaft wieder beleben, wenn man das Freundschaftssymbol als Aufforderung versteht: Ich muss jetzt mal wieder etwas tun für unsere Freundschaft.

