Kinderserie

Wenn ich einmal groß bin, werd’ ich… Landwirt

Seit Lucas sieben ist, fährt er Traktor. Als Jungzüchter hat er schon mehrere Preise gewonnen. Als der Großvater den Hof nicht mehr bewirtschaften konnte, haben Lucas und seine Familie ihn übernommen.

Foto: Reto Klar

Wie Eiermann zu seinem Namen gekommen ist, weiß keiner mehr so genau. Eigentlich heißt er Orion, doch so nennt ihn niemand. „Mein Bruder hat den Namen erfunden, vielleicht weil er so träge und faul ist“, sagt Lucas. Der Zehnjährige steht mit festen Schuhen und schwarzer Jacke im Stall. Rechts und links stecken die Rinder neugierig ihre Köpfe durch das Gitter und versuchen mit der Zunge einen Zipfel seiner Kleidung zu erhaschen.

Orion fehlt in der Herde der zehn Bullen. Er fehlt auch Lucas, es war sein Lieblingstier. Mit Eiermann hat er seine ersten großen Erfolge als Jungzüchter gefeiert. Auf der Brandenburgischen Landwirtschaftsausstellung (Brala) in Paaren/Glien erreichte er 2012 mit dem zahmen Bullen den dritten Platz, und auf der Fachausstellung für Landwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern (Mela) hat er sogar den ersten Platz belegt.

Der Erfolg macht ihn nicht nur stolz. Er ist zugleich eine Bestätigung, dass er das, was er gern macht, auch gut kann. Nach seinen Interessen gefragt, sagt er nicht Fußball, Nintendo oder schnelle Autos, sondern „Ackerbau und Viehwirtschaft“. Schon heute lässt er keinen Zweifel daran, dass seine Zukunft als Landwirt zugleich seine Berufung ist.

Porsche unter den Traktoren

Schnelle, schicke Autos sind so ziemlich das Letzte, das Uninteressanteste für Lucas. Seine Leidenschaft sind Traktoren, die er nur Trekker nennt. Vor allem der neue auf dem Hof in Heiligensee, ein 211 Vario TMS. Das ist für ihn der Porsche unter den Traktoren.

Die Funktionsweise hat er schnell erklärt: Automatik, ein Knopf für vorwärts und rückwärts. Gas geben. Ackergänge und Straßengänge beachten. Große Worte macht Lucas nicht. Seit er sieben Jahre alt ist, sitzt er auf dem Trekker und hilft nach der Schule und in den Ferien beim Heu und bei der Ernte.

Eigentlich wollte sein Großvater den Betrieb, der schon 1902 gegründet wurde und heute in der vierten Generation betrieben wird, im Rentenalter aufgeben. Er schaffte es nicht mehr, 50 Hektar Land mit Getreideanbau zu bewirtschaften und sich um 60 Rinder und 15 Pferde zu kümmern. Doch Lucas und sein 16-jähriger Bruder Marco waren dagegen.

Auf dem Hof sollte es weitergehen

Beide sind bereits als Zweijährige auf Opas Schoß Traktor gefahren, beide haben schon viele Ernten mitgemacht. Für sie war es keine Frage: Auf dem Hof sollte es weitergehen. Also übernahm Mutter Heike Zorn zunächst den Betrieb. Sie konnte die Jungs verstehen. Der ältere Marco beginnt im Herbst eine Lehre zum Landwirt.

Es ist kalt an diesem Morgen im Stall, wie immer in diesem Frühjahr liegen die Temperaturen nur knapp über null Grad. Bevor Lucas die Rinder füttern kann, erlebt er eine böse Überraschung. An der Tränke ist in der eisigen Nacht offenbar ein Ventil eingefroren, das Wasser konnte sich rechts und links entlang der Ställe ausbreiten. Also heißt es erst einmal Wasser schippen.

Dabei erzählt er, wie er vor einem Jahr in Paaren/Glien den gerade sechs Wochen alten Orion präsentiert hat. Gleich nach der Geburt des Tieres hat er sich um ihn gekümmert. Er hat ihn im Stall geputzt und ist mit ihm auf dem Reitplatz gelaufen.

Der lange Winter nervt den jungen Landwirt

Noch am Vorabend des Wettbewerbs hat er ihn gestriegelt, und dann kam der große Moment. „Eiermann ist super mitgelaufen“, sagt Lucas. Nicht einmal das Klacken der Fahnen im Wind habe ihn aus dem Konzept bringen können. Der Bulle war ruhig im Ring

Lucas verteilt Getreide, altes Brot und pelletierten Mais vor den Rindern. Er ist alles andere als geschwätzig, aber über die Arbeit mit den Tieren und mit den Maschinen auf dem Feld spricht er gern. Zum Beispiel hat ihn der lange Winter genervt. „Im vergangenen Jahr haben wir bereits das Getreide drin gehabt und dieses Jahr noch nicht einmal gedüngt“, regt er sich auf. Er ist ungeduldig. Es soll endlich losgehen.

Am Mittag nähert sich ein Traktor auf der Landstraße. „Mein Bruder kommt“, ruft Lucas. Er hat schon viel von ihm erzählt. Wie er ihm beim Trekkerfahren hilft, was er ihm beigebracht hat und was Marco kann, er aber noch nicht darf. Wie zum Beispiel Pflügen. Marco macht nur kurz Station. Er muss weiter, den Traktor ins 50 Kilometer entfernte Fehrbellin zur Durchsicht bringen.

Der Hof ist nur ein Nebenerwerb

Gleichzeitig bringt er aus dem Schlachthaus Fleisch mit, das noch am Abend von den Kunden abgeholt wird. Jeden Monat werde ein Rind geschlachtet und zu Rouladen, Steak und Schmorfleisch verarbeitet, sagt Heike Zorn. Leben könnten sie davon allein nicht. Der Hof sei ein Nebenerwerb. Mit ihrer Schwester hat sie noch ein Reitsportgeschäft, auch die Pensionspferde bessern die Bilanz auf.

Auf der nächsten Brandenburgischen Landwirtschaftsausstellung im Mai wird Lucas jetzt Otto als Jungzüchter präsentieren. „Na, Otto“, sagt Lucas zu dem Bullen, als er zu ihm in den Stall steigt und ihm das Fell striegelt. Vor allem an der Stelle, wo der Hals in den Rumpf übergeht, lässt es sich Otto gefallen.

Orion, genannt Eiermann, ist nicht im Schlachthaus gelandet. Er steht jetzt im Havelland. Im März wurde er auf der Bullenauktion in Groß Kreutz versteigert. Lucas weiß, dass es Eiermann gut geht. Und er hat ja jetzt Otto.

Alle Folgen der Serie findet ihr unter www.morgenpost/themen/traumberuf.de