Aus dem Babyphon ertönt ruhiges Atmen. Peter Radke lehnt sich zurück und nimmt einen Schluck aus seiner Kaffeetasse. Die Mittagszeit, so um 14 Uhr herum, ist für den 48-Jährigen meist die entspannteste Zeit des Tages. Sohn Ben, sechs Jahre alt, spielt im Schulhort, der kleine Oskar (13 Monate) macht ein Nickerchen. Doch keine zehn Minuten später knackt und knarzt es aus dem Empfänger. Erst wimmert es leise, dann kräht es laut. Oskar ist aufgewacht. Ihm ist langweilig und er hat Hunger. Peter Radke schiebt seinen Stuhl zurück, steht auf und geht ins Kinderzimmer. Rollo hochziehen, Kind auf den Arm nehmen, Gläschen aus der Küche holen, sich mit Kind wieder an den Tisch setzen, Gläschen aufschrauben, füttern. Der Mann hat Routine. Elf Monate ist es her, dass sein neues Leben begann. Sein Leben als Vollzeit-Vater.
Immer mehr Männer in Deutschland nehmen Elternzeit. Mittlerweile beantragt sie jeder vierte Vater. Doch meist wagen sich die Männer nur kurz in die Immer-noch-Frauendomäne: überwiegend nicht länger als die zwei Monate, die obligatorisch sind, wenn ein Elternpaar die maximale Bezugsdauer für das Elterngeld von 14 Monaten ausschöpfen will. Für im Jahr 2010 geborene Kinder empfingen laut Statistischem Bundesamt 76 Prozent der männlichen Elterngeld-Empfänger bis zu zwei Monate Elterngeld und nur sechs Prozent zwölf Monate und mehr. Bei den Frauen war es genau anders herum: 91 Prozent gingen für zwölf und mehr Monate in Elternzeit und nur ein Prozent bis zu zwei Monate.
Finanzielle Einbußen für die Familie, Sorge um die Karriere, das Hineinrutschen in die traditionelle Arbeitsteilung nach der Geburt, in der in erster Linie die Frau das Kind versorgt und der Mann den Hauptverdienst nach Hause bringt: Die Gründe für die Zurückhaltung sind vielfältig. An der mangelnden Lust auf die Vaterrolle kann es nicht liegen. Das legen zumindest Umfragen wie die Trendstudie „Moderne Väter“ nahe. 91,5 Prozent der Väter wünschen sich demnach auch unter der Woche mehr Zeit für die Familie. 88,2 Prozent wollen die Entwicklung ihres Nachwuchses von Anfang an aktiv begleiten, heißt es dort. Soweit die Theorie.
Theorie und Praxis
Peter Radke schmunzelt. Nach fast einem Jahr Elternzeit kennt er beides: die schöne Theorie des Vaterseins – und die Praxis. Und letztere hat oft wenig mit den Hochglanzbildern in Familienmagazinen zu tun, in denen Vater, Mutter, Kind glücklich auf einer grünen Wiese herumtollen. So wie jetzt, als Oskar genug von seinem Brei hat. Quakend wirft er sich nach hinten und schlägt dabei seinem Vater rüde ins Gesicht. Peter Radke lässt Oskar auf den Boden gleiten. Der robbt zielstrebig zur Spielzeugkiste und beginnt lautstark, den Inhalt auszuräumen und auf dem Boden zu verteilen. „Oskar, wir müssen los, Ben abholen“, sagt Peter Radke. Ein wenig angespannt klingt seine Stimme nun. Nur widerwillig folgt Oskar seinem Vater zur Tür.
Während Peter Radke die Jacken vom Haken nimmt, zieht Oskar in Sekundenschnelle einen Schuh nach dem anderen aus dem Regal. Als Vater und Sohn die Wohnung in Pankow Richtung Arnold-Zweig-Grundschule verlassen, ist es eine Viertelstunde später als geplant und ein Chaos bleibt zurück. Peter Radke schaut kurz etwas genervt, dann lacht er. „Von vielen Männern habe ich gehört, dass ihr Arbeitgeber ihnen nie erlauben würde, in Elternzeit zu gehen“, sagt er. „Aber manchmal denke ich, dass sie das vielleicht auch gar nicht richtig wollten.“ Tatsächlich gaben in einer Elternumfrage des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 79 Prozent der Befragten an, dass die Elternzeit in ihren Betrieben als „weitgehend unproblematisch“ erachtet wird. Doch ist Elternzeit eben kein Erholungsurlaub, den niemand ausschlagen würde. Die vielen Entwicklungsschritte, die er begleitet, die enge Bindung, die er zu den Söhnen aufbaut: Dies möchte Peter Radke nicht missen. „Aber das Vatersein rund um die Uhr ist anstrengend. Sehr anstrengend. Der Rhythmus wird einem diktiert. Und manchmal ist der Alltag auch ziemlich eintönig.“
Vor zwanzig Jahren hätte sich Peter Radke selbst nicht vorstellen können, einmal eine Familie zu managen. Der 48-Jährige hat bereits einen erwachsenen Sohn aus erster Ehe. Als der so klein war wie Oskar, arbeitete Peter Radke als Kraftfahrer und war mehr unterwegs als zu Hause. 1994 begann Peter Radke eine Ausbildung als Erzieher, fand später eine Anstellung in einem Kinderwohnprojekt in Weißensee, in dem er bis heute als Erzieher in einer Wohngruppe für sechs Kinder zwischen sechs und 16 Jahren arbeitet. Das bedeutet: eine Woche, Tag und Nacht, im Wohnprojekt sein, dann eine Woche Teilzeit arbeiten, dann eine freie Woche mit der Familie verbringen.
Bewusst für Familie entschieden
„Durch diesen Arbeitsrhythmus habe ich schon mit meinem älteren Sohn Ben eine intensive Zeit erlebt“, sagt Peter Radke. Aber mit Oskar, das sei doch noch einmal anders. Weil sich seine Frau mit einer therapeutischen Praxis gerade selbstständig gemacht hatte, entschied das Paar, dass der Vater den Hauptteil der Elternzeit übernimmt. Peter Radke fiel die Entscheidung nicht schwer. Er hatte Lust auf die Erfahrung. „Alle zehn Jahre sollte man sich überlegen, ob man sein Leben noch okay findet, so wie es ist“, sagt Peter Radke. „Und ich habe mich bewusst für Familie entschieden.“
Peter Radke und Oskar sind vor Bens Grundschule angekommen. Buggy parken, Kind herausheben, die vier Treppen zum Hort hochsteigen. Ben bastelt. Die Erzieherin begrüßt Peter Radke freundlich, erzählt von Bens Tag. Auch einige Mütter kommen ihre Kinder abholen. Peter Radke geht es im Hort ähnlich wie überall: Meist ist er der einzige Mann, umgeben von vielen Frauen. Das war auch so beim Pekip-Kurs mit Oskar. „Ich habe mich da aber nicht ausgeschlossen gefühlt“, sagt er. „Ich bin durch meinen Beruf ja sowieso viel mit Frauen zusammen. Und ich bin ein Mensch, der gern auf andere zugeht. Die Frauen waren auch eher neugierig als ablehnend.“ Die typischen Müttertreffs, etwa beim Latte Macchiato im Eltern-Kind-Café, meidet er aber eher. „Viele Frauen gehen in ihrer Mutterrolle auf. Ich mag es nicht, wenn es immer nur um das Thema Kind geht.“
Heute macht Peter Radke eine Ausnahme. Es ist Freitag Nachmittag, draußen ist es kalt, kein Wetter für den Spielplatz. Vater und Söhne kehren im Café Schönhausen in der Florastraße ein. Dort gibt es hausgemachten Kuchen und ein großes Spielzimmer. Begeistert krabbelt Oskar zu den anderen Kleinkindern. Peter Radke winkt ihm mit liebevollem Blick zu. Später setzt er sich mit Oskar an den Tisch zu Ben, der seine Stifte aus der Schulmappe ausgepackt hat und malt. Der Vater bestellt Waffeln und Eis. Geduldig füttert er Oskar und hebt immer wieder die Trinkflasche auf, die der Kleine zu Boden wirft. Gleichzeitig begutachtet er den Schulhefter, den Ben ihm zeigt. Bis auf einen weiteren Mann sind nur Frauen und Kinder anwesend.
Nur Väter lesen Zeitung
„So ist es immer“, sagt Cafébesitzerin Ann-Cathrin Rosenthal und grinst. „Die Väter setzen sich nicht ins Café und lassen sich beobachten, wie sie mit ihren Kindern umgehen.“ Und womöglich noch beurteilen. Denn der Umgang, findet Ann-Cathrin Rosenthal, unterscheidet sich deutlich. „Die Väter sind die einzigen, die sich hier mal zurücklehnen und zu den Zeitungen greifen, die ich abonniert habe“, sagt sie. „Die meisten Frauen sind permanent mit dem Kind beschäftigt und nehmen sich viel weniger Zeit für sich.“ Etwas Ähnliches hat mal eine Freundin von Peter Radke beobachtet. „Guck mal, du schiebst den Kinderwagen meistens mit einer Hand“, hat sie zu ihm gesagt. „Du hast noch eine Hand und den Kopf frei für etwas anderes, während die Mütter den Buggy mit beiden Händen schieben und auch noch in jeden Kinderwagen reinschauen, der ihnen entgegen kommt.“
Für Peter Radke hat dieses Bild symbolischen Wert. „Männer wollen grundsätzlich mehr ihr Ding machen und weniger Verpflichtungen eingehen“, findet er. Auch in der Elternzeit. Das bestätigen andere Väter. Sie sehen ihre Elternzeit auch als Möglichkeit, mal etwas anderes zu machen, als Vollzeit zu arbeiten. Etwa Freundschaften zu pflegen, zu verreisen, zu feiern. Von Kommentaren und ungebetenen Ratschlägen lassen sie sich wenig beeindrucken – und bekommen sie wohl auch seltener als Mütter.
Peter Radke legt Wert darauf, sich auch in der Elternzeit jede Woche mit seinen Kumpels zum Stammtisch zu treffen und einen Paar-Abend mit seiner Frau zu verbringen, während ein Babysitter auf die Jungs aufpasst. „Auszeiten sind wichtig“, sagt Peter Radke. Er will seine Interessen und Freundschaften erhalten, sein „altes“ Leben so weit wie möglich weiterführen und sich nicht nur über die Vaterrolle definieren. Dass er als Hausmann zumindest von außen betrachtet eine andere Figur macht, stört ihn nicht. Dieses Gerede über den modernen Mann, wie er sein soll und was ihn ausmacht, das findet er sowieso eher befremdlich. „Ich kenne zum Beispiel viele Väter, die bei der Geburt dabei waren, es aber eigentlich gar nicht wollten“, erzählt Peter Radke. „Man sollte sich in nichts reindrängen lassen, nur weil es gerade modern ist.“ Für ihn mache einen Mann aus, dass er sich darüber klar sei, was ihm wichtig ist. „Und mir ist meine Arbeit sehr wichtig. Aber eben auch die Familie.“
Wichtige Vorbildfunktion
Freudig hüpft Ben, die Schulmappe auf dem Rücken, auf dem Gehweg vor seinem Vater und dem Kinderwagen her. Es geht nach Hause. Die Mutter wird um 18 Uhr von der Arbeit kommen. Ein freies Wochenende liegt vor der Familie.
Schön fände es der Vater, wenn sich mehr Frauen und Männer die Erwerbstätigkeit und die Familienarbeit gerechter aufteilen würden, es mehr solcher Vorbilder gäbe. Für die Gesellschaft. Für seine Jungs. Und auch, weil es gut ist für die Paarbeziehung, für das gegenseitige Verständnis und die Wertschätzung. „Ich weiß jetzt, was der Alltagstrott mit Baby bedeutet, und weiß die Familienarbeit viel mehr zu schätzen“, sagt Peter Radke. Vor der Elternzeit, da habe er häufig gedacht: Warum ist das und das eigentlich nicht erledigt. Jetzt wisse er: Mit Baby kann man den ganzen Tag zu Hause sein und trotzdem nichts schaffen. Vater-Sein ist ein Fulltime Job.
Mitte April geht Peter Radkes Elternzeit zu Ende. Seit einigen Wochen gewöhnt der Vater Oskar in der Kita Sonnenkäfer ein, die auch schon Ben besucht hat. Er hatte Glück, unterm Jahr dort einen Platz zu bekommen – und auch Glück mit seinem Arbeitgeber. Der Träger des Wohnprojekts, die Casablanca gGmbH, hat die Elternzeit voll unterstützt. Sie hat dem Erzieher seinen Arbeitsplatz frei gehalten und befristet einen Ersatz eingestellt. „Und wenn es etwas zu besprechen gab oder Neuigkeiten, bin ich von den Kollegen eingeladen worden“, sagt Peter Radke. So wurde er nicht zum Außenseiter.
Peter Radke freut sich sehr auf die Rückkehr in den Job. Den Austausch mit den Kollegen hat er vermisst, und auch die Bewegungsfreiheit und Spontaneität, die im Alltag mit kleinen Kindern zumindest teilweise verloren geht. „Schon dass Oskar jetzt morgens die Kita besucht, empfinde ich als große Entlastung", sagt er. Vermissen wird er aber auch die Rituale, die sich eingespielt haben: das morgendliche Aufstehen mit Oskar, der gemeinsame Gang zum Bäcker. „Gerade Oskar und ich waren so eng zusammen, das wird erst mal komisch werden für uns beide.“
Vätermonate als Familientherapie
Nachwirken dürfte die Elternzeit aber wohl noch lange. Vätermonate wirken sich positiv auf den Familienzusammenhalt aus, zeigt eine schwedische Studie. Demnach lassen sich Paare, bei denen der Mann Elternzeit genommen hat, deutlich weniger häufig scheiden als Paare, bei denen der Mann darauf verzichtet hat. Auch die Vater-Kind-Bindung ist stabiler. Väter, die in Elternzeit waren, nehmen den Forschungen zufolge auch nach Ablauf der Elternzeit intensiver an der Entwicklung ihrer Kinder teil. Das nützt nicht zuletzt den Vätern selbst, so die Wissenschaftler: Ein gutes Gleichgewicht zwischen der Rolle als Partner, Vater und Berufsmensch wirke sich positiv auf die Gesundheit aus.
Peter Radke nickt. Sehr zufrieden ist er mit seiner Elternzeit und den Erfahrungen, die er gesammelt hat. „Dafür zu sorgen, dass jeder zu seinem Recht kommt, nicht nur der Kleine, sondern auch Ben, meine Frau und ich, das war für mich die größte Herausforderung.“ Oskar richtet sich in seinem Buggy auf und kräht. Alle Augen wandern zu ihm. Peter Radke lacht. Diese Momente, sie werden ihm fehlen.


