Ernährung

Zu viel, zu süß, zu fett

Laut Foodwatch werden Kinder zu schlechter Ernährung gezwungen. Nur zwölf Prozent der Lebensmittel sind gesund.

Foto: David Heerde

Dass Nussnougatcreme gut schmeckt, aber leider ungesund ist, weiß selbst der achtjährige Victor. Seine Mutter schmiert ihm trotzdem manchmal ein Nutella-Brot für die Schule. Meistens jedoch achten sie darauf, dass Gesundes in die Brotbox kommt: Brot mit Käse und Tomaten und dazu ein bisschen Obst für die Pause. Doch nicht alle Kinder und Eltern machen sich so viele Gedanken. Bei vielen Kindern stehen ungesunde Lebensmittel auf dem täglichen Speiseplan. Und man kann ihnen nichtmal einen Vorwurf machen. Denn an den Dickmachern kommt man kaum vorbei. Das geht aus einem Marktcheck der Verbraucherorganisation Foodwatch hervor, der am Dienstag veröffentlicht wurde.

Werbung suggeriert Gesundheit

Demnach sind knapp drei Viertel aller Kinderprodukte stark zucker- oder fetthaltig und sollten eigentlich nur sparsam konsumiert werden. Als Beispiele nennt Foodwatch die klassischen Süßigkeiten, aber auch so etwas wie Frühstücksflocken - ein Lebensmittel, das nach Ansicht der Verbraucherorganisation ausgewogen sein könnte, es aber nicht ist.

Das zweite große Problem sei Werbung, die suggeriert, das beworbene Produkt sei gesund. "Die Hersteller wollen Heranwachsende regelrecht auf ihren Geschmack trimmen", sagte Anne Markwardt von Foodwatch bei der Vorstellung der Studie. Die häufige Folge: Fehlernährung bei Kindern und Jugendlichen.

Laut Marktcheck gehören nur 12,4 Prozent der Produkte zur Kategorie der Lebensmittel, die reichlich verzehrt werden sollen: Apfelmus, Schorlen, Nudeln oder Tomatensauce. Überraschend: Auch bei Bio-Produkten sieht die Statistik kaum besser aus. Knapp 60 Prozent aller Waren mit dem Bio-Siegel sind laut Marktcheck entweder zu süß oder zu fettig. Nur knapp 30 Prozent sind demnach auch in großen Mengen unbedenklich.

1514 Produkte untersucht

Zwischen April 2011 und Januar 2012 hatte Foodwatch 1514 Produkte untersucht, die sich gezielt an Kinder richten, indem sie etwa die Aufschrift "für Kids" tragen oder auch mit Comic-Figuren oder Spielzeug-Beigaben die Aufmerksamkeit der Kleinen auf sich lenken. Foodwatch bewertete die Produkte nach den Kategorien der Ernährungspyramide des vom Bundesverbraucherministerium geförderten Vereins "Aid Infodienst Ernährungsdienst, Landwirtschaft, Verbraucherschutz", nach denen reichlich Obst und Gemüse gegessen werden sollte, mäßig viel Fisch, Fleisch und Milchprodukte, aber nur wenig Fette und Süßes. Die Ergebnisse waren erschreckend.

Profitstreben der Hersteller

Als Grund für die starke Verbreitung ungesunder Lebensmittel sieht Foodwatch das Profitstreben der Hersteller. "Mit den Lebensmitteln, die am wenigsten konsumiert werden sollten, lässt sich die größte Rendite erzielen", sagte der stellvertretender Geschäftsführer von Foodwatch, Matthias Wolfschmidt. Der Verein fordert die Hersteller deswegen auf, ausgewogene Lebensmittel für Kinder zu produzieren. Und auch in Bezug auf Reklame für Kinderprodukte formuliert Foodwatch Forderungen. Kinder dürften nicht mit Comic-Figuren oder Spielzeug geködert werden. Zudem müsse verboten werden, Süßigkeiten überhaupt als Produkte für Kinder zu bewerben. "Vor allem Schulen und Kindergärten müssen zu werbefreien Zonen werden."

Auf die Abwechslung kommt es an

Nicht überall kommen solche Forderungen gut an. Angelika Mrohs ist Geschäftsführerin des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) und teilt die Ansichten von Foodwatch nicht. Sie sagt: "Gesunde und ungesunde Lebensmittel gibt es nicht." Entscheidend sei vielmehr eine ausgewogene Ernährung. Also Abwechslung. Es sei deswegen falsch, von 'zu fettigen' oder 'zu süßen' Lebensmitteln zu sprechen.

Auch in puncto Werbung sieht Mrohs keinen Handlungsbedarf. "Der Einfluss von Werbung wird überschätzt." Reklame beeinflusse nicht die Entscheidung für eine bestimmte Produktkategorie, sondern nur die Entscheidung innerhalb einer Kategorie, zu deren Kauf man sich ohnehin bereits entschieden habe. Wer also keinen Schokoriegel essen will, kauft auch keinen, nachdem er eine entsprechende Werbung gesehen hat, so die Logik.

Verbraucher glauben Werbeslogans

Ein umfassendes Regelwerk gebe es schon. "Verstöße gegen Verhaltensregeln werden vom Deutschen Werberat bereits heute sanktioniert", so Mrohs. Hinzu kämen Selbstverpflichtungen der Wirtschaft. Dass europaweit die Werbung gegenüber Kindern in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen sei, würde zeigen, dass diese auch greifen.

Dagegen spricht allerdings eine Studie der Universität Hamburg, in der speziell bei Kindern beliebte Fernsehsender untersucht wurden. Daraus geht hervor, dass Fernsehwerbung für Süßigkeiten 2010 zunahm.

Aber die Wirkung von Reklame ist umstritten. Beim Bundesverband der Verbraucherzentralen und Verbraucherverbände (VZBV) ist man der Ansicht, die Werbebotschaft würde wirken. So zeige eine VZBV-Umfrage, dass rund 40 Prozent der Verbraucher den Werbeslogans für Kinderprodukte glauben. Demnach gehen Kunden davon aus, dass Hersteller ihre Produkte in puncto Zucker-, Fett und Salzgehalt an die Bedürfnisse von Kindern anpassen. Doch in Wirklichkeit sei in diesen Produkten häufig besonders viel Zucker, Fett und Salz enthalten, heißt es vom VZBV.

Werbeverbote in der Diskussion

Die Selbstverpflichtung der Wirtschaft greife deswegen nicht. "Für Lebensmittel mit ungünstigem Nährwertprofil sollte an Kinder gerichtete Werbung verboten sein", findet die Ernährungsreferentin des Verbands, Clara Meynen. Meynen sieht die Regierung in der Pflicht. "Zwar sind Werbeverbote schwierig durchzusetzen, aber andernfalls hat die Initiative für gesunde Ernährung und Bewegung der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, 'In Form' keinen Effekt", so Meynen.

Im Ministerium für Verbraucherschutz hält man von einem generellen Werbeverbot jedoch wenig. "Wir sehen in erster Linie die Eltern in der Verantwortung.", heißt es dort. "Ein Dreijähriger geht schließlich nicht selbst zum Einkaufen in den Supermarkt." Darüber hinaus seien auch die Lebensmittelindustrie und die Werbewirtschaft selbst in der Pflicht.