WG 50plus

Berliner Wahlverwandtschaften

Wer über 50 ist und keine eigene Familie hat, braucht nicht allein alt werden: In der WG 50plus gibt es Gleichgesinnte

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Der Mensch ist nicht gern alleine. Und so sucht Helga Zaddach drei bis vier Männer und Frauen, die mit ihr in einer Wohngemeinschaft leben möchten. Sie selbst bezeichnet sich als XXL-Single: "Ich habe keinen Mann, keine Maus, keine Kinder und keine Katze". Seitdem die 56-Jährige sich vor knapp zwei Jahren von ihrem Partner trennte und aus dem gemeinsamen Haus auszog, lebt sie in Pankow allein. Irgendwann wurde sie auf die Agentur PlusWG, Vermittlung von Wohngemeinschaften für Menschen über 50, aufmerksam und meldete sich sofort an.

Das Geschäftsmodell von Felix Herzog (26), Leiter von PlusWG, funktioniert so: Menschen über 50, die in einer Wohngemeinschaft leben möchten, können sich bei ihm melden. Sie füllen einen Fragebogen aus und Herzog versucht dann, den individuellen Bedürfnissen seiner Klienten entsprechend, passende Mitbewohner zu finden. Sein Konzept gehe nicht in erster Linie für die Zielgruppe 60 oder 70 plus, sondern für Menschen über 50, die noch sehr aktiv sind, langfristig planen und Visionen von einem Zusammenleben entwerfen können, die auch im hohen Alter noch lebbar sind.

Eine reine Zweck-WG wie zu Studienzeiten soll die neue Wunsch-WG von Helga Zaddach nicht sein. Ökonomisch ist die pensionierte Studienrätin nicht auf ein Leben in Gemeinschaft angewiesen. Wie die meisten, die in der zweiten Lebenshälfte in größeren eigenständigen Gemeinschaften leben möchten, ist für sie der soziale Aspekt vorrangig. "Ich möchte Wahlverwandtschaften finden, mich in einer verlässlichen Gemeinschaft aufgehoben fühlen, mit Menschen, die mit mir auf einer Wellenlänge schwimmen", sagt sie. "Gemeinsame kulturelle Interessen verfolgen, zusammen kochen, essen, ausgehen." Das sind Dinge, die Frau Zaddach in einer Wohngemeinschaft erleben möchte. "Aber all das tunlichst ohne Zwang", betont sie, das ist ihr wichtig, schließlich lebte sie lange Zeit sehr selbstbestimmt. Da sei ihr eine spontane Einladung nach dem Motto "Ich habe gerade etwas gekocht, möchtest du mitessen" lieber.

Ähnlicher Hintergrund wichtig

Eine solche Gemeinschaft zu gründen mit Menschen, die sich völlig neu zusammenfinden, gestaltet sich im Vorfeld oft schwierig. "Ein gemeinsamer ökonomischer und auch soziokultureller Hintergrund sind dabei oft von großer Bedeutung", erklärt Felix Herzog. Manchmal scheitert es aber auch einfach an Kleinigkeiten, wie bei einer Frau, die über Herzog dringend eine WG-Partnerin suchte, weil sie bei ihrem Mann ausziehen wollte.

In ihrer Freizeit malt die ehemalige Kunstlehrerin und fertigt filigranen Halsschmuck an. Ein Lehmhaus zu bauen, so wie es Dietlind Schmidt als Gemeinschaftsprojekt in einer Land-WG vorschwebt, das wäre wohl nichts für Frau Zaddach, die lieber in der Stadt leben möchte. Die Vorstellung, sich mit den eigenen Händen ein Dach über dem Kopf zu schaffen, liegt vielleicht nahe, wenn man, wie Frau Schmidt, eine zeitlang auf der Straße gelebt hat. Das klassische Familienleben mit Ehemann und zwei Kindern, das hat die 52-jährige bereits hinter sich. Zurzeit lebt sie in einem Heim für obdachlose Frauen. Aber das soll nicht so bleiben. Dietlind Schmidt sucht jetzt WG-Mitbewohner, die, wie sie sagt, "ein ähnliches Schicksal teilen". Denn dann sei es einfacher, "wenn man mit den Erfahrungen der anderen auch umgehen, sich austauschen und helfen kann, damit so etwas nicht noch einmal passiert."

So unterschiedlich die beiden Frauen auch sind - Schutz vor Einsamkeit und vor allem auch vor Passivität, den suchen sie beide in einer zukünftigen WG. Aktiv wollen beide Frauen auch im Alter noch bleiben, denn dann, sagt Frau Schmidt, "verschwindet das Bedürfnis zu arbeiten ja nicht so von heute auf morgen". In ihrer Vision der perfekten WG soll "jeder seine Fähigkeiten einbringen können". Sie selbst möchte in der Gemeinschaft, "handwerklich tätig sein, ein Lehmhaus bauen, Wildkräuter anpflanzen, Holz hacken und töpfern", um, wie sie hofft, "die Lebensfreude bis ins hohe Alter zu erhalten".

Frau Zaddach sagt, sie könne sich vorstellen, ehrenamtlich zu arbeiten. Eine für sie "sinnstiftende Tätigkeit" mit dem Leben in einer WG kombinieren. In Schleswig-Holstein habe sie sich mal eine Wohngemeinschaft angesehen, die an einen Wirtschaftsbetrieb angeschlossen ist, bei dem kleinere Tätigkeiten für die Mitbewohner abfallen. Jetzt hofft sie, dass ein solches Projekt auch in Berlin zu realisieren ist.

Zufrieden und lange Leben

Den Traum von einem aktiven und erfüllten Leben in einer selbst gewählten Gemeinschaft haben viele Singles im Alter von 50plus. "Denn das ist ein Alter, in dem sie noch großen Einfluss auf ihr weiteres Leben nehmen können, weil sie noch nicht auf fremde Hilfe angewiesen sind", sagt Felix Herzog. Die Statistik gibt ihm Recht: Laut einer Emnid-Studie können sich nur 15 Prozent dieser Altersgruppe vorstellen, später in einem Seniorenheim zu leben.

Auch wenn Helga Zaddach und Dietlind Schmidt mögliche Einschränkungen im Alter jetzt noch ausblenden, ist beiden klar, dass das vielleicht nicht immer so bleiben wird. Im Fall der Fälle möchte Frau Zaddach auf keinen Fall von der Pflege ihrer Mitbewohner abhängig sein. Hilfe will sie sich dann von außen holen.

Wenn Frau Zaddach und Frau Schmidt in ferner Zukunft auf die Hilfe anderer angewiesen sein sollten, möchten sie längst mit den Menschen zusammen wohnen, die sie sich für ein gemeinsames Leben im Alter ausgesucht haben. Dass das nicht von heute auf morgen funktionieren wird, ist ihnen bewusst, sagen sie. Sie seien noch jung genug, um das jetzt ins Rollen zu bringen und dann abzuwarten, was sich ergibt. Angst vor Problemen, die sich ergeben könnten, vor Konflikten in der Gemeinschaft haben beide kaum, sagen sie. "Der Wunsch zusammen zu leben ist ja da, das ist die Grundlage, auf der die Gemeinschaft basiert. Das muss man sich immer wieder in Erinnerung rufen, wenn es Probleme gibt, denn daran misst sich dann auch, ob man gemeinschaftsfähig ist. Das will man ja", meint Frau Zaddach. Sie ist überzeugt: "Wer in einer selbst gewählten Gemeinschaft alt wird, lebt nicht nur zufriedener, sondern auch länger."