Interview

"Ein Wohnungswechsel aus eigener Entscheidung ist immer gut"

Vjenka Garms-Homolová ist Gerontologin und Professorin für Gesundheitsmanagement an der Alice-Salomon-Fachhochschule

Berliner Morgenpost: Hat das Modell Senioren-WG Zukunft?

Professorin Vjenka Garms-Homolová: Es besteht ein großes Interesse an dieser Art von Altersgemeinschaft. Die Menschen werden immer älter und langfristig wird es noch weitaus mehr Möglichkeiten des gemeinschaftlichen Zusammenlebens im Alter geben. Die Senioren-Wohngemeinschaft ist ja noch relativ neu und eine Art Exotikum. Das wird aber mit Sicherheit nicht so bleiben. Es gibt auf diesem Gebiet aber auf jeden Fall noch großen Forschungsbedarf.

Berliner Morgenpost: Wie sieht es gegenwärtig aus? Wie möchten die Menschen aus Ihrer Erfahrung heraus im Alter leben?

Professorin Vjenka Garms-Homolová: Aktuell ist es so, dass die meisten Menschen immer noch in ihren eigenen Wohnungen alt werden möchten. Deshalb wächst auch hier der Bedarf nach Möglichkeiten, die Wohnungen altersgerecht zu gestalten.

Berliner Morgenpost: Welche Faktoren gilt es zu berücksichtigen?

Professorin Vjenka Garms-Homolová: Im Vorfeld sollte man sich die Frage stellen: Was erwarte ich von so einer Wohngemeinschaft? Und sich fragen, inwiefern die Vorstellungen sich an der Realität messen lassen. Für ganz wichtig halte ich es außerdem, die eigenen sozialen Kompetenzen auf den Prüfstand zu stellen: Bin ich in der Lage, mich in schwierigen Situationen sozial kompetent zu verhalten? Ein prominentes Beispiel eines Senioren-WG-Bewohners ist ja der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf. Er ist ja ein Mensch mit einer sehr hohen sozialen Kompetenz. Man muss sich aber vor Augen halten, dass das natürlich eher eine Ausnahmeerscheinung ist.

Berliner Morgenpost: Welche Probleme könnten sich denn im WG-Alltag ergeben?

Professorin Vjenka Garms-Homolová: Jede soziale Gruppe hat einen Lebenslauf. Nach der ersten euphorischen Phase kommt ein Tiefpunkt, nach einer gewissen Zeit normalisiert sich das dann meist wieder. Welche Probleme das im Einzelnen sind, das ist von der Gruppe, die da zusammenkommt, abhängig. Von den Punkten, die ich bereits genannt habe. Und in diesem Zusammenhang ist es dann von großer Bedeutung, wie ich mit Belastungen umgehe. Wenn ich ein Mensch bin, der gut mit Konflikten und Belastungen, die daraus entstehen, umgehen kann, dann schaffe ich das auch im Alter noch. Die Menschen, die in einer Senioren-WG zusammenkommen, müssen nicht alle gleich belastbar sein, aber sie müssen, und das ist auch ein wichtiger Faktor, bei der Problembewältigung die gleiche Zielsetzung haben.

Berliner Morgenpost: Können ältere Menschen die Hürden eines WG-Alltags überhaupt meistern?

Professorin Vjenka Garms-Homolová: Der Wille etwas zu meistern und der Glaube daran, dass es auch gelingt, machen aus psychologischer Sicht 30 Prozent des Erfolgs eines geplanten Unternehmens aus. Und es ist natürlich wichtig, dass ein Mensch auch im Alter nach seinen Wünschen leben kann. Deshalb sollte man auch langfristig, so lange es einem noch gut geht, planen. Denn Wechsel und Veränderung ist in jedem Alter gut, wenn sie aus der eigenen Entscheidung heraus erfolgt und nicht notfallmäßig. Man sollte nur wissen und sich darauf einstellen, dass man auch ab 60 meist keine endgültigen Veränderungen herbeiführt, sondern eine Veränderung auf Zeit. Bei einer Lebenserwartung von 90 oder 100 Jahren sind in einer Zeitspanne von 40 Jahren mehrere Wechsel der Lebens- und Wohnsituation möglich und das sollte man auch einplanen.