Noah ist ein Kind wie aus dem Bilderbuch. Große, wache Augen blicken aus seinem freundlichen Gesicht. Er ist lebhaft, neugierig und entdeckt die Welt mit einer für sein Alter weit entwickelten Agilität. Acht Monate ist er jetzt alt und hat sich so prächtig gemacht, dass auch die Gutachterin des Jugendamts - die darüber befinden muss, ob er innerhalb seiner Familie als Stiefkind adoptiert werden darf - voll des Lobes ist. Noah hat zwei Mütter: Sarah Fuhs (27), die ihn zur Welt brachte, und Magali Balster (26), die ihr dabei beistand. Bisher hat nur Sarah das Sorgerecht für den Kleinen. Gleichberechtigte Eltern wollen aber beide Frauen für ihn sein.

Der Geburt Noahs ging eine gezielte Familienplanung voraus. Die beiden jungen Frauen wollten zusammen eine Familie gründen und Kinder haben. Da das gemeinsame Sorgerecht in einer Eingetragenen Lebenspartnerschaft - das ist die Rechtsform der Homo-Ehe - seit 2005 über die Stiefkindadoption möglich ist, beschlossen sie zu heiraten. Andere Wege der Adoption stehen homosexuellen Paaren in Deutschland nach der aktuellen Rechtslage nicht offen.

Schwierige Suche nach einem Vater

Sarah und Magali machten sich auf die Suche nach einem Vater - "Das war gar nicht so einfach", sagt Sarah, denn einen anonymen Samenspender wollten sie nicht. Und auch wenn die beiden Frauen das Kind allein großziehen wollten, sollte es wissen und erleben dürfen, wer sein Vater ist. Jemanden passenden zu finden, der das mitmacht, stellte sich als schwierig heraus. Und als sie die Hoffnung schon fast aufgegeben hatten, kam im gemeinsamen Urlaub ihr alter Freund Leonard (26) auf sie zu und bot sich als Spender an. Leonard hat die Vaterschaft anerkannt, tritt aber seine Rechte und Pflichten an Magali ab. Er studiert in Westdeutschland, will aber den Umgang mit Noah pflegen. Sarah, Magali und Leonard haben dazu eine notarielle Absichtserklärung unterzeichnet. Eine der Voraussetzungen für die Adoption und ein Glücksfall, der auf viel Vertrauen auf beiden Seiten beruht. Das Sorgerecht hat in dieser Konstellation allein Sarah, und solange Magali Noah nicht adoptiert hat, hat Leonard als Vater theoretisch das Umgangsrecht und die Unterhaltspflicht. "Ohne Vertrauen geht das nicht", sagt Konstanze Körner, die beim Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) homosexuelle Paare mit Kinderwunsch berät.

Sarah und Magali haben es fast geschafft. Nach der Absichtserklärung ging die Sache vom Notar zum Amtsgericht. Magali reichte Gehaltsnachweis, Führungszeugnis und ein ärztliches Attest ein und bekam die Empfehlung, doch einen gemeinsamen Namen für die Familie anzunehmen. Das hatten die beiden Frauen bei der Hochzeit nicht getan. Magali hat sich zu einem Doppelnamen durchgerungen. Dann kam das Jugendamt zum Einsatz. Das schickte ihnen eine Gutachterin ins Haus. "Die Prüfung war sehr gründlich und schon ein bisschen seltsam", erzählt Magali. "Einerseits war die Sozialarbeiterin sehr kühl und förmlich, andererseits stellte sie doch sehr intime Fragen. Sie wollte alles über uns wissen, nicht nur unsere Wohnverhältnisse, finanzielle Situation und Erziehungsphilosophie kennenlernen, sondern auch, wie wir uns gefunden haben, ob wir glauben, dass wir lange zusammenbleiben, und wie groß das Bett ist, in dem wir mit dem Kind schlafen." Derart begutachtet zu werden sei kein angenehmes Gefühl, sagt Sarah, glaubt aber, dass das bei Adoptionen dazugehört. Einen guten Monat später bekamen sie das Gutachten zugesandt, "...insgesamt ist davon auszugehen, dass seine Adoption durch Frau Balster dem Kindeswohl entspricht" war das Fazit des Berichts, der nun Grundlage für die Entscheidung beim Amtsgericht ist. "Jetzt warten wir nur noch auf eine Einladung, um alles amtlich zu machen."

Sechs Monate bis ein Jahr dauert so eine Stiefkindadoption in einer Eingetragenen Lebenspartnerschaft in der Regel, das ist ein Jahr kürzer als das entsprechende Verfahren in einer Hetero-Patchworkfamilie, nach dessen Vorbild sie läuft. Kürzer, weil ihr eine gemeinsame und meist notariell begleitete Familienplanung vorausgeht. Da sich aber Homo-Eltern - wie zuletzt eine Studie des Bamberger Familienforschungsinstituts 2009 nachwies - als Eltern bestens bewähren und eine gesellschaftlich relevante Familienform darstellen, fordern Experten, Verbände und auch die Oppositionsparteien im Bundestag eine komplette Gleichstellung der Ehe mit der Eingetragenen Lebenspartnerschaft. Dann könnten sich viele Paare die Stiefkindadoption ganz sparen. Entsprechende Gesetzentwürfe und Anträge wurden in diesem Jahr eingebracht. "Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Ungleichbehandlungen beim Adoptions- und Steuerrecht fallen werden", prognostiziert Konstanze Körner vom LSVD.

Flexible Rollenverteilung

Ein politisches Statement soll ihre Zwei-Mütter-Familie nicht sein, sagen Sarah und Magali. "Wir sind nicht besser oder schlechter als andere, wir sind eine ganz normale Familie. Wichtig ist, dass wir uns lieben", so Magali. "Unser Kind muss, wie in jeder anderen Familie auch, lernen, mit zwei unterschiedlichen Persönlichkeiten klarzukommen. Da stellt sich die Vater-Mutter-Frage nicht."

Was die Organisation der Kleinfamilie betrifft, die mit zwei Hunden in einer Kreuzberger Hinterhauswohnung mit gemütlichem Studentenflair lebt, waren die Rollen im Hause Fuhs-Balster zunächst klar verteilt. Die Biologiestudentin Sarah nahm Urlaubssemester und blieb mit Noah zu Hause, Magali ging arbeiten und brachte das Geld nach Haus. Die zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensberaterin hatte sich gerade mit einem Hundeauslaufservice selbstständig gemacht. Inzwischen haben sie eine Form gefunden, die ihnen besser entspricht. Jeden Freitag besucht Sarah nun ein Seminar in der Uni, ihr Bruder Wanja (20) betreut dann seinen Neffen. Dienstags tauschen die Mütter ihre Rollen. Dann ist Sarah vom Mütteralltag befreit und geht mit den Hunden raus. Magali kann an dem Tag auch mal "ganz klar" die Mama sein und genießt die Zeit allein mit dem Jungen. Wenn die Adoption durch ist, will sie zwei Monate Elternzeit nehmen.

Dafür, dass das männliche Element in Noahs Erziehung nicht zu kurz kommt, haben die Mütter gesorgt. Sie setzen auf ihren großen Freundeskreis. Sarahs Bruder und Vater leben in einer Männer-WG um die Ecke. "Fußball, Technik und Männergespräche gibt's dort reichlich, falls er das mal braucht", sagt Magali lachend. Und außerdem ist da noch Leonard.

Sarah und Magali sind glückliche Mütter. Und noch glücklicher wären sie, wenn sie sich "Ehefrauen" nennen könnten statt "Eingetragene Lebenspartnerinnen". Dabei geht es den beiden nicht nur um die rechtliche Benachteiligung - sie finden das auch viel zu unromantisch.