Es ist ein magischer Moment. Eine Szene, der auch Zuschauer entgegenfiebern, die eigentlich zu alt sind, um sich Sand in die Augen streuen zu lassen. Jedes Mal, bevor sich Deutschlands beliebtester Zipfelmützenträger vom Bildschirm verabschiedet, wirft er eine Handvoll Traumsand in die Luft.

Es ist nicht irgendein Sand. Er rieselt langsam zu Boden, wie Schnee. Goldenes Licht bricht sich in seinen Kristallen, es funkelt, glitzert. Es ist ein bisschen wie Weihnachten. Erwachsene lieben den Moment vermutlich noch mehr als Kinder. Er erinnert sie an die Zeit, als sie voller Erwartung vor dem Fernseher saßen und sich die Augen zuhielten, sobald der Sandmann in seinen Sack griff.

Hemdsärmeliger Pragmatismus eines Handwerkers

Es ist 50 Jahre her, dass der Sandmann zum ersten Mal im DDR-Fernsehen auftrat. Am 22. November 1959 wurde die erste Folge gesendet. Und dass er jetzt im wiedervereinigten Deutschland mit viel Tam-Tam seinen 50. Geburtstag feiert, dass er für die Kinder so etwas wie ein Popidol ist, das verdankt er auch dem Mann, der den berühmten Traumsand erfunden hat. Hans Joachim Konang.

Die Geschichte von Hans Joachim Konang und dem Traumsand steht in keinem Buch. Vermutlich hätte er sie eines Tages als Geheimnis mit ins Grab genommen, wenn der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) den Kameramann nicht zum 50. Geburtstag des Sandmannes zu einer Pressekonferenz eingeladen hätte. Da saß er nun mit anderen Kollegen, die das Maskottchen des Kinderfernsehens einst aus der Taufe gehoben hatten, ein junggebliebener Siebziger mit noch vollem Haar und von kompakter Statur.

Es ist jetzt schon über drei Jahrzehnte her, dass er Gestelle konstruiert hat, damit der Sandmann an unsichtbaren Fäden mit immer neuen Luftfahrzeugen ins Studio einschweben konnte. Doch Konang strahlt noch immer den hemdsärmeligen Pragmatismus eines Handwerkers aus, der erst dann richtig zu Hochform aufläuft, wenn irgendwo ein Problem auftaucht.

Die Sache mit dem Traumsand, das war so eine kniffelige Geschichte. Als er, der gelernte Elektriker, einst als Beleuchter zum Film gekommen, Anfang der 60er-Jahre als Kameramann bei der Deutschen Film AG (Defa) anfing, hatten die Kollegen schon mit allen möglichen Materialien experimentiert. Mit Sand oder Mehl, sogar mit Rauch. Der wurde durch einen Schlauch gepustet, den man dem Sandmann durch den Ärmel geschoben hatte. Eine tückische Lösung. "Es sah unmöglich aus. Und das ganze Team musste husten", erinnert sich Konang. Auch anderes Material stellte die Kameramänner vor ein Problem. "Mal glitzerte es, mal nicht. Oder wir hatten Reflexe an der falschen Stelle."

Seit 1969 beginnt die Nacht mit einem Goldstaubregen

Ende der sechziger Jahre, aus dem anfangs eher plumpen Sandmann war ein Draufgänger geworden, der die Welt zu Luft, zu Wasser oder auf Rädern eroberte, kam dem Vater einer kleinen Tochter die rettende Idee. "Im Studio stand säckeweise so ein Glimmerzeug, das die Dekorateure benutzen, um den Schnee zum Glitzern zu bringen", sagt er.

Das streute er einfach auf eine gläserne Scheibe und leuchtete es an. Der Effekt war verblüffend. Die winzigen Scheiben reflektierten das Licht in alle Richtungen. "Man konnte gut mit verschiedenen Lichtfarben experimentieren."

Kurze Zeit später sollte dieser Effekt auch die Zuschauer verzaubern. Im Oktober 1969 wurde in der DDR das Farbfernsehen eingeführt. Seither beginnt die Nacht für Millionen Kindern mit einem Goldstaubregen.

Für Hans Joachim Konang fing die Arbeit jetzt erst richtig an. Er sagt, er habe diesen Effekt nachträglich in alle bis dahin abgedrehten Sandmännchen-Filme hineinprojizieren müssen. Eine Strafarbeit, sogar für einen wie Konang.

In jeder Filmsekunde stecken 25 Einzelbilder

Wenn ihn die Trickfilmerei eines gelehrt hatte, dann war es Geduld. Noch heute entstehen die Sandmann-Filme im so genannten Stop-Motion-Verfahren: In jeder Filmsekunde stecken 25 Einzelbilder. So oft muss der Sandmann, ein in Schaumstoff gekleidetes Stahlskelett mit Kugelgelenken, per Hand bewegt und fotografiert werden.

Die Kulissen werden inzwischen zwar immer häufiger mit dem Computer animiert Trotzdem braucht das Team auch heute noch zwei bis drei Wochen für einen zweieinhalbminütigen Film. Hans Joachim Konang sagt, strahlende Kinderaugen seien der schönste Lohn für diese Puzzle-Arbeit gewesen. Sowohl seine Tochter Christine (45) als auch sein Enkel Dirk (25) boten sich als Testgucker an.

Glaubt man Konang, dann sind Kinder zwar das gnadenloseste, aber auch das dankbarste Publikum, das sich Trickfilmer wünschen können. "Ihnen fiel sofort auf, wenn etwas nicht stimmte." So brach ein Sturm der Entrüstung los, als der Sandmann einmal im Trabi um den Fernsehturm kurvte und den Kindern anschließend zur Begrüßung die linke Hand gab. "Diese Szene mussten wir noch mal drehen", seufzt der Kameramann.

Der Sandmann durfte zwar mal stolpern oder kleckern, damit sich die Kinder mit ihm identifizieren konnten. Ansonsten sollte er sich aber immer schön die Schuhe vor der Tür abtreten und ein Vorbild an guten Manieren sein.

Ost-Sandmann Sieger des Wettlaufs der beiden Sandmännchen

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Bloß die Geschichten, die er mitbringt, sind mit der Zeit gegangen. Sie erzählen von "Molly Monster" oder von "Kalli", einem kleinen Jungen, der nicht schlafen kann. Ihre Darsteller dürfen heute selber die Welt erkunden. Kreativität geht vor Disziplin.

Auch wenn der Stern des Sandmanns spätestens seit den siebziger Jahren auch über den Kinderbetten im Westen leuchtete: Der Ost-Sandmann ging als Sieger aus dem Wettlauf der beiden Sandmännchen hervor. Immerhin schaffte er es sogar ins All. 1978 begleitete er Sigmund Jähn, den ersten deutschen Kosmonauten in den Orbit.

Konang würde es nicht zugeben, aber es erfüllt ihn mit Stolz, dass heute der reanimierte Ost-Sandmann die Kinder in ganz Deutschland ins Bett bringen darf. Als in dem Defa-Studio 1991 das Licht ausgeknipst wurde, ging er mit 55 Jahren in den Ruhestand. Nur noch die Originalfigur eines Traumsandstreuers in seinem Wohnzimmerregal in Treptow erinnert heute noch an sein Geheimnis.

Er hat es zu DDR-Zeiten gut bewahrt, was nicht ganz leicht war. Scharen von Kindern pilgerten nach Mahlsdorf. Damit sie dem Team bei den Dreharbeiten zuschauen konnten, hatte man eine gläserne Wand ins Studio eingezogen. Bloß die Szene mit dem Traumsand bekamen sie nie zu sehen. Konang sagt: "Wir wollten ihnen nicht die Illusion rauben."