Familie

Vom Glück, selbst für das Kind zu kochen

Christiane Schinkel war ein Star der Werbebranche in Berlin, bis sie vor zehn Jahren alles hinwarf, ihrem Sohn zuliebe

Foto: Marion Hunger

Es war ein Schritt vom Schatten ins Licht, damals, als sie 18 war. Christiane Schinkels Jugend in Bielefeld war düster, weil sie sich als Außenseiterin empfand. Auf der einen Seite die Kleinste, zugleich die Frechste. Auf der anderen Seite die Schüchterne, Unsichere. Die Hochbegabte, was nicht erkannt wurde - interessiert an Philosophie schon als Zehnjährige. Die Unverstandene, die in der Pubertät Depressionen bekam. Die als 18-Jährige versuchte, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen - und gerettet wurde.

"Seitdem freue ich mich über jeden Tag neu!" Die 45jährige sitzt zu Hause in ihrer kleinen Küche in Hermsdorf, unterbricht kurz ihre fast atemlose Schilderung. "Eigentlich wollte ich ja erzählen, wie ich mich von der Karriere-Frau zur alleinerziehenden Mutter und Hausfrau verwandelte. Aber das gehört alles zusammen." Der dramatische Einschnitt in ihrem Leben habe damals eine unglaubliche, positive Energie freigesetzt. Die gab der zierlichen Westfälin die Kraft für eine Karriere, deren rasantes Tempo Kollegen irritierte und Freunde beeindruckte. Wenn auch ihr Weg zunächst über etwas holprige, kurvige Nebenstraßen ging, bis er wie auf einer schnurgeraden Autobahn zum Ziel führte.

Nach dem Abitur machte sie erst mal ein Praktikum in einer Werbeagentur, ging nach Berlin, um Publizistik, Psychologie und Literaturwissenschaften zu studieren. Dort verlebte sie "wilde Jahre" in besetzten Kreuzberger Häusern. Nach dem Studium wollte sie etwas Praktisches lernen und machte eine Schneiderlehre, studierte danach Biologie. "Alles sehr spannend, aber immer noch nicht das richtige. Bis meine Schwester meinte, ich solle wieder etwas Künstlerisches machen, wie nach dem Abi. Das passe besser zu mir. Und ich atmete auf - das war es. Endlich!"

Zielstrebig auf dem Weg nach oben

So sprunghaft sie bis dahin war, so zielstrebig verfolgte sie von da an ihre Karriere. In einer Werbeagentur arbeitete sie sich zum Junior-Art-Direktor hoch, kehrte als Art-Direktor Mitte der 90er-Jahre in ihre Heimatstadt zurück. Aber es zog sie wieder nach Berlin, wo sie ihre Firma "Schinkel Medien und Design" gründete. Kurz darauf kam Johannes (bald 14) auf die Welt. Mit seinem Vater, einst die große Liebe, gab es Probleme. "Eigentlich war ich alleinerziehend, mit Mann. Meinen Lebensunterhalt musste ich immer selbst verdienen. Außerdem stritten wir oft, weil er sich allen väterlichen Pflichten entzog. Ich trennte mich von ihm."

Dann kam 1999 ein Angebot der Firma Pixelpark. "Das konnte ich nicht ablehnen - ich sollte Kreativ-Direktor für Online-Werbung werden." Der Ritterschlag. "Zur Bedingung machte ich, dass Überstunden nicht in Frage kämen. Man müsse mir freie Hand lassen, dann wären die auch nicht nötig." Der Personalchef stimmte zu. Sie hatte einen Dienstwagen, eine große Dachgeschosswohnung mit schicken Möbeln und ein Kindermädchen. Bis drei Jahre später der Neue Markt zusammenbrach. Pixelpark entließ nach dem Börsencrash 100 Leute, darunter Christiane Schinkel. Doch der Schock dauerte nur zehn Minuten. "Höchstens. Dann legte ich den Schalter um, sagte mir: Das ist jetzt die Chance für etwas Neues!"

Mit Johannes, damals fünf, machte sie eine Weltreise, war zwölf Wochen lang in Indien. "In Auroville, wo wir ein Zimmer mit Küche mieteten, war ich nur Mutter. Ich kochte zum ersten Mal für mein Kind, wir hatten eine herrliche Zeit. Mir wurde klar, wie viel ich verpasst hatte. Und beschloss, dass von jetzt an Johannes erste Priorität in meinem Leben sein sollte."

Christiane Schinkel, die Powerfrau, war von da an vor allem alleinerziehende Mutter und Hausfrau. Sie arbeitet gerade soviel, dass es für ihr Leben und ihre Reisen reicht - mit Johannes war sie auf fünf Kontinenten. "Wir reisen immer allein, auf eigene Faust, übernachten bei Bekannten oder in Klöstern." Einmal nahm sie Johannes ein halbes Jahr aus der Schule.

Geld verdient sie unter anderem mit Illustrationen, auch unterwegs. So bebilderte sie auf einer Asienreise das Bertelsmann-Kinderlexikon. "Alles, was ich für meine Arbeit brauche, ist mein Laptop."

Seit einem halben Jahr lehrt sie Schüler und Lehrer, wie man mit den neuen "Active Whiteboards" umgeht. Die sind mit den Laptops der Lehrer verbunden und sollen die herkömmliche Schultafel nach und nach ersetzen. Zu diesem Job kam sie wie die Jungfrau zum Kind: Bei einem Gespräch mit einer Lehrerin der Rudolf-Wissell-Grundschule erfuhr sie, dass man händeringend einen Trainer für diese neue Art des Unterrichts suche. "Da sagte ich einfach, das könne ich doch machen. Dabei hatte ich keine Ahnung, wie das funktioniert, war aber sicher, dass ich mich blitzschnell in dieses Gebiet hineinfinden würde. Jemand müsste es mir kurz erklären, dann würde es schon laufen!"

Zufriedenheit steht im Zentrum

Und so war es dann auch. Inzwischen unterrichtet Christiane Schinkel in Berlin schon an der vierten "kreidefreien Schule", so der Name des ehrgeizigen Projekts.

Zuvor hatte sie sich immer wieder Gedanken "über das Glück" gemacht. Für sich selbst hatte sie es gefunden, auch durch Yoga und Meditation. Aber wie konnte sie anderen Menschen dazu verhelfen? Sie entdeckte die Philosophie, ihr Steckenpferd aus Kindertagen, wieder neu. Schrieb schließlich auf, was ihr in den Sinn kam, "weil ich das Gefühl hatte, andere Menschen dadurch vielleicht auch zufriedener zu machen."

So entstand ihr Blog "Ich tue NICHTS für Glück - 365 Lektionen Online-Training". Ein kurzer Text für jeden Tag des Jahres - weise, unaufdringlich, hilfreich. "Ich versuche, den Blick für das Wesentliche zu schärfen, will dem Leser klarmachen, wie viel Energie wir mit negativen Gedanken verschwenden, die uns keinen Schritt weiterbringen." Unter der Nummer 361 findet man etwas über das "Helfersyndrom": "Wenn du Schwierigkeiten hast, dich abzugrenzen, könntest du das jetzt ändern. Es geht im Leben darum, hilfreich zu sein. Sicher jedoch braucht das nicht auf deine Kosten zu gehen. Wichtig ist, dass du mit Mitgefühl sowohl deine Position als auch die der anderen Person betrachtest. Wenn eine Beziehung dir unwohl tut, ändere sie zum Besseren oder löse sie soweit, dass es dir gut damit geht. Es ist deine Lebenszeit."

Wie kostbar diese begrenzte Zeit ist, wurde Christiane Schinkel nicht nur nach der Rettung nach ihrem Selbstmordversuch bewusst. Vor vier Jahren wäre sie fast an einer Blutvergiftung gestorben. "Dass ich wieder gesund wurde, trug dann auch noch zu meiner positiven, intensiven Einstellung zum Leben bei."

Johannes kommt in die Küche. "Mama, hast Du nicht einen Termin um zwei?" Seine Mutter blickt zur Wanduhr. "Stimmt, das schaff ich aber, kein Problem." Beim Abschied weist sie ins kleine Wohnzimmer. Nichts ist schick, nichts wirkt teuer. Helle, gedeckte Farben, nur wenige Möbel, das Sofa kann man ausziehen. "Hier schlafe und arbeite ich auch. Heute habe ich viel weniger als früher - und bin doch viel reicher." Sie geht auf die Straße, blinzelt in die Herbstsonne. Steigt in ihren Fiat 600 - und fährt fröhlich davon.

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