Regenbogenfamilie

"Mein Papa ist schwul"

Die Schülerin Vivien Hertz (18) aus Friedenau erzählt über großes Vertrauen und kleine Konflikte im Alltag mit ihrem Vater

Foto: Massimo Rodari

Das ist schon etwas ganz Besonderes, sich von seinem Vater die Wimperntusche leihen zu können. Oder mit ihm durch die Stadt zu schlendern und über andere Männer lästern zu können. Mit ihm Punkte verteilen zu können: Wer sieht gut aus, wer eher nicht so.

Einen schwulen Papa zu haben, kann jede Menge Spaß machen. Seit zwölf Jahren leben er und ich jetzt schon allein, denn meine Eltern haben sich getrennt, als ich fünf Jahre alt war. Damals hat mein Vater sich in einen Mann verliebt. Das war ein Schock für meine Mutter, mit so etwas hatte sie überhaupt nicht gerechnet, obwohl sie wusste, dass er auch vor ihr schon einmal einen Freund hatte. Aber dieses Kapitel war für sie abgeschlossen. Schließlich hatten sie sich verliebt, geheiratet und mich bekommen. Als sie mir erzählten, dass sie sich trennen wollten, habe ich das zuerst gar nicht so realisiert, ich war wohl noch zu klein. Später bin ich mit der Situation sehr gut klargekommen. Und heute könnte ich mir gar nicht mehr vorstellen, dass die beiden zusammenleben. Sicher ist es schön, eine Familie mit Mama und Papa zu haben - aber es geht eben auch anders.

Ich bin damals mit meinem Vater zusammengezogen. Er hat als Krankenpfleger nur im Nachtdienst gearbeitet, um tagsüber für mich Zeit zu haben. Meine Mutter habe ich in der ersten Zeit selten gesehen. Sie ist selbstständig und hat immer viel gearbeitet, für mich blieb weniger Zeit. Heute haben wir ein gutes Verhältnis: Meine Mutter ist wieder verheiratet, und ich habe einen sechsjährigen Halbbruder, mit dem ich mich ganz toll verstehe.

Jeder darf es wissen

Dass mein Vater schwul ist, ist für mich heute eine Tatsache, die zu meinem Leben ganz normal dazugehört. Ich kann es jedem erzählen, ohne mich zu schämen oder irgendein anderes Problem damit zu haben. Im Gegenteil, ich erzähle es sogar gern. Wenn mich jemand fragt, wo ich wohne, sage ich immer sofort: Bei meinem schwulen Papa. Ich bin stolz auf ihn, weil er ein toller Vater ist, meistens zumindest. Er ist zwar nicht immer einfach - aber mit welchem Vater ist es das schon?

Ich kann mich noch genau erinnern, als ich Papas ersten Freund kennengelernt habe und so quasi aufgeklärt wurde. Ich war ungefähr acht Jahre alt. Papas erster Freund war ein netter, großer, sehr gepflegter Mann, der immer mal wieder hier war und auch eine Nacht bei uns verbracht hat. Das war für mich nie ein Problem. Merkwürdig war dann aber, als ich die beiden gesehen habe, wie sie sich auf den Mund geküsst haben. Mir gingen Millionen Fragen durch den Kopf: "Wieso küsst mein Papa einen Mann?" "Darf er das?" "Wieso, weshalb, warum???" Bis der Mann aus der Tür ging mit einem netten "Tschüssi, bis zum nächsten Mal!" Mein Papa guckte mich mit einem Lächeln im Gesicht an und fragte: "Was'n?" Dann sind alle Fragen aus mir herausgesprudelt. Mir war mulmig im Bauch. Aber gleichzeitig fand ich es auch total interessant, erklärt zu bekommen, warum Mama und Papa getrennt sind und dass mein Papa schwul ist.

Gemeinsam zum CSD

Es gab trotzdem immer wieder mal komische Situationen. Zum Beispiel wenn ich am Frühstückstisch saß und der Freund von meinem Papa in die Küche kam, nur im Bademantel. Heute macht mir das gar nichts mehr aus. Mein Freund kommt zum Glück auch gut damit klar. Wir sind schon seit ein paar Monaten zusammen, und als wir dann zum ersten Mal über das Thema geredet haben, da sagte er mir, dass er damit kein Problem habe: weil er auch Schwule in seinem Bekanntenkreis hat, und die seien total in Ordnung. Er war sich aber nicht sicher, wie er damit umgegangen wäre, wenn er selbst keine schwulen Männer kennen würde. Nun kennen mein Vater und mein Freund sich ja schon eine Weile und mögen sich.

Mein Papa und ich haben einen ganz unterschiedlichen Männergeschmack. Ich schaue sehr auf die feminine Seite im Mann. Schließlich habe ich ja immer meinen Vater vor Augen, der seine Arbeit, mich und den Haushalt unter einen Hut gebracht hat. Mit einem Macho, der sich bedienen lässt, könnte ich nichts anfangen. Mein Vater aber schon. Der steht auf männliche Typen mit dunklen Haaren. Mein Freund hat mir mal gesagt, dass ich in unserer Beziehung sogar eher die männliche Rolle einnehme. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich stimmt.

Ich weiß noch, dass mein Vater mir mal vom CSD, dem Christopher Street Day, erzählt hat. Das ist der große Umzug der Schwulen und Lesben. Dort läuft mein Vater öfter mit und kleidet sich sehr weiblich, zieht High Heels an - mit so hohen Absätzen, auf denen nicht einmal ich laufen könnte. Irgendwann hat er mich dann mal mitgenommen zum CSD. Am Anfang war es ein bisschen merkwürdig, so mit ihm durch die Straßen zu ziehen. Auch, weil ja so viele Zuschauer am Straßenrand stehen. Mittlerweile finde ich es richtig spaßig, und ich zeige mich dort gern mit meinem Papa in der Öffentlichkeit. Vor zwei Jahren sind wir dann beide auf High Heels auf dem CSD mitgelaufen.

Zu Hause haben wir aber natürlich die ganz normalen Konflikte. Die üblichen Vater-Tochter-Diskussionen: Wann ich zu Hause sein soll, dass ich meine Hausaufgaben machen soll, dass ich mein Zimmer aufräumen soll, dass ich im Haushalt helfen soll. Er hat bei uns zu Hause ganz klar die Vaterrolle. Ist er aber mit Freunden zusammen, zeigt er gern auch mal seine feminine Seite. Wenn wir, also mein Papa, sein Freund und ich, dann abends zusammen im Wohnzimmer sitzen und gemütlich fernsehen, möchte mein Vater gestreichelt werden, so wie ich mir das von meinem Freund auch wünsche. Und wenn er in Partystimmung ist, taucht er ab in seine ganz eigene Welt. Da legt er dann seine Lieblings-CD von Doris Day ein, schminkt sich und singt vor dem Spiegel laut mit. Es ist traumhaft, ihm dabei zuzusehen. Ich mag es, dass mein Papa diese beiden Seiten hat. Ich glaube, wir haben ganz schön viel Glück gehabt. Denn mein Papa wird in der Familie und meinem Freundeskreis so akzeptiert, wie er ist. Das ist ja leider nicht immer und überall so. Dabei ist es doch völlig egal, wen man liebt.

Meistens reagieren die Menschen sehr offen und interessiert, wenn ich erzähle, dass mein Papa schwul ist. Aber nicht immer. Neulich kam in der Schule mal das Gespräch darauf, und da sagte ein Lehrer tatsächlich zu mir: "Was, dein Vater ist schwul? Und wie bist du entstanden?" Daraufhin sagte ich: "Na, damals hat er meine Mutter geliebt und erst danach festgestellt, dass er mit einem Mann leben möchte." Da meinte der Lehrer: "Na ja, da kannst du ja nichts dafür." Eigentlich lassen mich so blöde Bemerkungen völlig kalt. Und wenn nicht, dann habe ich einen besten Freund, mit dem ich darüber reden kann. Er lebt auch mit seinem schwulen Papa zusammen. Unsere Väter haben sich vor vielen Jahren bei einem monatlichen Treffen für schwule Väter kennengelernt. Seitdem sind wir Freunde. Und wir sind beide stolz auf unsere Papas und würden sie nie eintauschen.

Mein Vater ist mein Vorbild. Er hat immer alles für mich getan und es geschafft, den Haushalt, seine Arbeit und mich unter einen Hut zu bekommen. Er ist für mich Mama und Papa in einem.