Sofia Ghulam nimmt ihr Zeugnis entgegen und strahlt über das ganze Gesicht. Auch in den kommenden Stunden wird das Lächeln nicht weichen. "Ich bin sehr stolz auf mich", sagt die 24-Jährige. "Es ist so toll, dass ich den Vertrag unterschrieben habe." Zum ersten September hat ihre Ausbildung als Einzelhandelskauffrau begonnen. In Teilzeit. Für Sofia ist das etwas ganz Besonderes, denn sie hat keinen Schulabschluss, dafür aber eine zweijährige Tochter.
Phylicia ist heute mitgekommen zum Sommerfest von LiLA, einem Berliner Projektverbund, der jungen Müttern ermöglichen will, auch mit Nachwuchs eine Berufsausbildung zu machen. Menschen wie Sofia, die in zehn Schuljahren nie Grund hatten, sich über ein Zeugnis zu freuen. Oder für jene, die zwar einen Abschluss haben, aber immer nur gejobbt haben - ohne Perspektive auf eine feste Anstellung. Der Name LiLA setzt sich zusammen aus den Vereinen LiSA e.V., LIFE e.V. und AKC e.V.
53 jungen Frauen unter 27 Jahren ist es mit der Unterstützung von Pädagoginnen und Pädagogen aus dem Projekt und dem Jobcenter Tempelhof-Schöneberg gelungen, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Sie wollen Bootsbauerinnen, Tischlerinnen, Bürokauffrauen, Schneiderinnen oder Goldschmiedinnen werden.
Ein Großteil hat sich an diesem sonnigen Tag im Hinterhof an der Dircksenstraße in Mitte eingefunden, um zu feiern, dass die Vorbereitungsphase geschafft ist. Erst gibt es Ansprachen von Projektleiterin Anja Wolff und Pädagogin Doreen Märten, dann die Zertifikate, schließlich Würstchen und Kartoffelsalat. Es wird viel gelacht, es wirkt hier alles sehr familiär. "Die Pädagogen waren toll", sagt Sofia, "sehr verständnisvoll, immer da, auch wenn es Probleme gab."
Davon gab es in Sofias Leben genug. Aufgewachsen ist sie erst mit ihrer Mutter im Frauenhaus, dann im Heim. Über Jahre hinweg wurde sie von ihrem Vater - einem Afghanen - verfolgt, der sie schon mit zwölf Jahren verheiraten wollte. Bei all den Schwierigkeiten blieb die Schule auf der Strecke. "Ich war immer ziemlich unruhig und unkonzentriert", sagt die 24-Jährige. "Aber ich wollte immer lernen, ich war immer neugierig. Mich hat nur nie jemand gefördert." Ihre Mutter habe ganz andere Probleme gehabt.
Sofia hat sich immer geärgert, dass sie keinen Schulabschluss geschafft hat. Sie jobbte, begann eine Ausbildung als Friseurin, brach ab. Dank Jobcenter machte sie eine Qualifizierungsmaßnahme zur Fitnesstrainerin. Für den Schein, den dann sie gebraucht hätte, um zu unterrichten, fehlte ihr das Geld.
Endlich unabhängig sein
Dann wurde sie schwanger - und ihre Aussichten auf dem Arbeitsmarkt dadurch nicht besser. Auch wenn Phylicia gewünscht war. Indirekt war sie aber der Auslöser dafür, dass Sofia endlich eine Ausbildung wollte. "Ich möchte meiner Kleinen doch etwas bieten. Endlich einen Führerschein machen, damit ich sie auch mal irgendwo hinfahren kann", sagt die junge Mutter und lächelt ihre Tochter an, die auf dem Boden spielt. "Außerdem muss man doch als Frau etwas in der Hand haben. Ich will ja nicht mein Leben lang von einem Mann abhängig sein oder vom Staat."
Phylicias Vater ist heute auch hier, er steht am Grill. Mittlerweile kümmert er sich regelmäßig um die gemeinsame Tochter. Eine Zeit lang konnte er Sofia nicht zur Seite stehen, weil er eine Jugendstrafe verbüßte. "Streichen, einkaufen, mich um die Kleine kümmern: Das musste ich damals alles alleine machen", sagt Sofia. Jetzt leben die beiden zwar in getrennten Wohnungen, sind aber noch zusammen und teilen sich die Zeit so ein, dass immer jemand für Phylicia da ist.
Höchstens 30 Stunden wird Sofia arbeiten, nebenbei kellnern, damit die junge Familie mit dem Geld hinkommt. "Man kriegt nichts geschenkt, man muss kämpfen, zu Terminen gehen, Rechnungen öffnen und bezahlen. Sonst wird alles noch schlimmer", sagt sie.
Sofia ist den Mitarbeitern bei LiLA dankbar - und hochmotiviert. Trotz des fehlenden Schulabschlusses ist sie hier immer gut mitgekommen. "Dienstags hatten wir Deutsch, am Donnerstag Mathe. Und Mittwoch haben wir uns zum Reden getroffen. Das hat geholfen."
"Sofia will lernen. Unbedingt", sagt Sozialpädagogin Doreen Märten. "So hat man hat hier auch eine Chance ohne Schulabschluss. Die Motivation zählt. Die Mädchen haben hier teilweise schockierende Schicksale erlebt. Es ist beeindruckend, dass sie sich wieder so aufgerappelt haben." Märten ist begeistert von ihrem Job, das zeigt sich an ihrem Umgang mit den jungen Frauen, an der Art, wie sie den ganzen Vormittag lang strahlt, weil 53 von 63 Teilnehmerinnen bis zum Ende durchgehalten haben.
In dieser Zeit haben die Frauen Schulstoff gelernt. Aber eben auch andere Dinge - zum Beispiel Selbstbewusstsein. "Manche kamen zum ersten Termin und brachten keine drei Wörter heraus. Mittlerweile sprechen sie über viele Dinge, auch private." Doreen Märten weiß, wovon sie spricht. Die 40-Jährige war selbst zehn Jahre lang alleinerziehende Mutter eines Sohnes. "Wir gehen oft ungewohnte Wege. Wenn ein Mädchen nicht hierher kommt, dann fährt auch mal einer aus unserem Team dort hin", sagt sie. Schließlich wollten sie mit ihrem Programm nicht nur die Arbeitssituation der Frauen verbessern, sondern auch ihre Lebenssituation.
Immer an der Kasse gesessen
Eine von ihnen ist Flavia Görner. Sie ist eine der Ältesten hier. Mit 28 Jahren hat sie gerade noch den Sprung ins Projekt geschafft. Die Mutter eines dreijährigen Sohnes hat im Gegensatz zu Sofia einen Schulabschluss, aber nie etwas daraus gemacht. Nach der zehnten Klasse jobbte sie in einer Drogerie. Bis sie mit 24 Jahren Luis bekam. "Ich wollte keine Ausbildung machen, sondern lieber gleich Geld verdienen. Ich habe da nicht weiter gedacht". Und so saß sie immer wieder in der Drogerie an der Kasse. Bis ihr einfiel, dass sie das nicht ihr Leben lang machen wollte. Kosmetikerin zu werden, konnte sie sich dagegen gut vorstellen.
Vorsichtig lotete sie bei Doreen Märten aus, ob sie nicht etwas in der Branche machen könne. Die Sozialpädagogin sagte, sie solle sich mal nach Schulen umgucken, besorgte ihr dann aber sehr schnell ein Vorstellungsgespräch bei einer Kosmetikerin. Dort arbeitet Flavia seit dem 1. September. Sie ist sich ganz sicher, dass ihr der Job auch in Zukunft Spaß machen wird. "Ich hatte ja schon zwei Wochen dort Praktikum gemacht, die waren super. Außerdem haben wir alles so besprochen, dass ich genug Zeit für meinen Sohn habe". Nun kann ihn Flavia am Nachmittag aus der Kita abholen und muss trotzdem nicht bei der Arbeit fehlt. Auch sie ist froh, dass sie bei dem Projekt teilnehmen konnte. "Mir hat hier vor allem geholfen, dass ich herausgefunden habe, was ich auf keinen Fall wollte: im Büro sitzen."
In einem einwöchigen Assessmentcenter können die Frauen verschiedene Berufe ausprobieren. Dabei werden sie von Pädagogen beobachtet, die ihre Stärken und Schwächen suchen - und vor allem ihre Vorlieben. Alle scheinen hier sehr stolz und glücklich zu sein, nachdem sie diese erste Phase der Vorbereitung überstanden haben. Ein letzter Zweifel bleibt natürlich, schließlich hat mancher schon seine Ausbildung abgebrochen.
Bei LiLa ist das anders. Schon seit dem Jahr 2006 gibt es den Projektverbund. Angefangen haben die Sozialpädagogen mit 18 Frauen. In diesem Jahr haben sich über 150 junge Mütter beworben, die über ihre Frauen- und Kinderärzte, das Jobcenter oder über Mundpropaganda von der Projektgemeinschaft erfuhren.
Zwischen den Neuen sitzen beim Sommerfest nun auch solche Kandidatinnen, die bald fertig sind mit der Ausbildung, die sie vor drei Jahren begonnen haben. Auch die, die am 1. September angefangen haben, haben gute Chancen auf einen erfolgreichen Abschluss. "95 Prozent unserer Teilnehmer schließen ihre Ausbildung ab", sagt Projektleiterin Anja Wolff. "Und die, die aufgehört haben, hatten immer einen triftigen Grund dafür."




