Familie

Wenn Schüler Spitzensportler werden wollen

Freunde treffen, ins Kino gehen oder in Freibad - es gibt Jugendliche, die auf all das verzichten für einen großen Traum: Profi-Sportler zu werden. Die Berliner Lisa-Marie und Lukas gehören dazu. Sechsmal in der Woche Training und Reisen um die Welt, sind für sie Alltag.

Foto: Marion Hunger

Es ist ein Bild der Gegensätze, hier auf der Anlage des LTTC Rot-Weiß in Grunewald. Bei sommerlichen Temperaturen genießen die Mitglieder im Vereinscafé des traditionsreichen Tennis-Clubs die Sonne. An einem Tisch spielen ein paar ältere Damen Bridge. Nur wenige Meter entfernt jagt die deutsche Fedcup-Teamchefin Barbara Rittner drei junge Mädchen über den Tennisplatz. Abwechselnd müssen sie die mitunter scharf geschlagenen Bälle parieren und nach einigen Wiederholungen platziert an der ehemaligen Profi-Spielerin vorbeischmettern. Das Training ist hart, denn Rittners Schützlinge werden an den Internationalen Deutschen Tennismeisterschaften der Junioren teilnehmen, die ab Dienstag auf der Anlage an der Hundekehle stattfinden.

Bei dem Turnier mit 64 internationalen Jugendspielern wird auch Lisa-Marie Mätschke dabei sein. Die 14-Jährige ist in ihrer Altersklasse die Nummer eins in Berlin/Brandenburg, unter anderem Deutsche Meisterin von 2007, und somit eine der größten Tennis-Nachwuchshoffnungen in der Hauptstadt. Lisa-Maries Ansprüche sind ehrgeizig. „Ich will die Nummer Eins der Welt werden“, sagt sie wie selbstverständlich. Dass Lisa-Marie so selbstbewusst spricht, verdankt sie jahrelangem Training und ihren engagierten Eltern.

Jeder Tag beginnt um sechs Uhr

Im Alter von vier Jahren stand das aufgeweckte Mädchen mit dem blonden Pferdeschwanz zum ersten Mal auf dem Tennisplatz. Einmal pro Woche spielte sie damals in der Havellandhalle in Seeburg, unweit ihres Wohnorts Spandau. Während der Sport in den ersten Jahren noch ein reines Freizeitvergnügen war, entwickelte sich daraus bald eine Leidenschaft. Seit vier Jahren widmet sie sich nun voll und ganz ihrem Lieblingssport. Sechs Mal pro Woche wird trainiert, bis zu vier Stunden lang. In der Regel geht es nach der Schule direkt auf den Trainingsplatz, gegen 19 oder 20 Uhr kommt sie nach Hause. Hausaufgaben muss sie allerdings keine machen.

Um Schule und Sport miteinander vereinbaren zu können, geht Lisa-Marie auf die Werner-Seelenbinder-Schule, eine sportbetonte Schule für Leistungssportler in Hohenschönhausen und gleichzeitig Olympiastützpunkt. „Dafür stehe ich jeden Tag um sechs Uhr auf“, sagt sie. „Das macht aber nichts. Ich bin eine Frühaufsteherin.“ Für ihr großes Ziel, eine erfolgreiche Profi-Spielerin zu werden, ist ihr kein Opfer zu groß. Um sich weiterzuentwickeln und Wettkampferfahrungen zu sammeln, nimmt Lisa-Marie an nationalen und internationalen Turnieren teil. Rund 15 Mal im Jahr ist sie auf Reisen. Anfang vergangener Woche erreichte sie bei der Deutschen Meisterschaft in Ludwigshafen den dritten Platz im Einzel und den zweiten Platz im Doppel. Anschließend ging es direkt für drei Tage nach Belgien, zur Vorrunde für die Mannschafts-EM in Italien. „Dort sind wir leider ausgeschieden. Wir waren einfach zu erschöpft“, sagt sie. Ihre Enttäuschung ist aber schon verflogen.

Mutter, Vater, Oma, Tante, Onkel helfen

Nun freut Lisa-Marie sich auf die Internationalen Deutschen Meisterschaften der Junioren, das größte Tennisturnier Berlins. Ihre Chancen sind gering. Immerhin spielen hier die weltbesten Spielerinnen bis 18 Jahre. Das Turnier dient in erster Linie dazu, Erfahrungen zu sammeln. Und Lisa-Marie findet es einfach „cool“, dass sie über eine Wildcard an diesem wichtigen Turnier teilnehmen kann. Nervös sei sie nicht: „Ich spiele gern gegen stärkere Gegner. Da ist der Druck nicht so hoch, so dass ich frei aufspielen kann.“

Ihren Vater dagegen beschäftigen andere Gedanken. „Natürlich fragt man sich ab und an, ob man seinem Kind zu viel zumutet“, sagt Wilfried Brunnemann. „Schließlich lebt sie seit fünf Jahren aus dem Koffer.“ Einige Male habe er Lisa-Maries Teilnahme an Turnieren abgesagt, um ihr ein paar Tage Entspannung zu gönnen. Daher sprechen die Eltern viel mit ihr und achten auf ihr Befinden. Nicht nur für Lisa-Marie stellen das Training, die Reisen und die vielen Turniere eine Belastung dar, sondern für die ganze Familie. „Manchmal fühle ich mich wie ein Shuttle-Service“, sagt Brunnemann lachend. Um die Tochter jeden Tag zur Schule und zum Training fahren zu können, muss die ganze Familie mitspielen. „Das alles klappt nur, weil Mama, Papa, Oma, Tante und Onkel mithelfen.“ Auch von Seiten des Vereins erhalte die Familie viel Unterstützung. „Letztendlich ist aber entscheidend, ob sie weiterhin Spaß am Tennis hat“, sagt Brunnemann. Ob Lisa-Marie irgendwann den Sprung zum Profi schafft? „Das werden wir sehen. Die nächsten zwei Jahre sind entscheidend.“

Nachmittags Fußball, abends Hausaufgaben

Auch für Lukas Binting aus Gatow, werden die kommenden beiden Jahre darüber entscheiden, ob er seinen Lieblingssport irgendwann zu seinem Beruf machen kann. Der 15-Jährige spielt seit acht Jahren in den Nachwuchsmannschaften von Hertha BSC. „Mir bedeutet der Fußball sehr viel“, sagt Lukas. Vier Mal pro Woche trainiert er auf dem Fußballgelände am Olympiastadion. Dazu kommt ein Spiel am Wochenende. Zeit für andere Hobbys bleibt da kaum. Freundschaften werden, wie bei Lisa-Marie auch, auf dem Platz geschlossen. Und Hausarbeiten macht er meistens erst nach dem Training am Abend. In der Schule sammelt er trotz der zusätzlichen Termine gute Noten. Sie sind jedoch auch die Voraussetzung dafür, dass Lukas an diversen Fußball-Fahrten teilnehmen kann. In den vergangenen Jahren spielte er bereits in Frankreich, England, Schweden und Japan. „Das sind unvergessliche Erfahrungen“, sagt er.

Im Keller des Einfamilienhauses im Spandauer Süden stapeln sich Pokale, Wimpel und Medaillen. „Auf diesen bin ich besonders stolz“, sagt Lukas und zeigt auf einen Wimpel von Manchester United. „Das war ein tolles Spiel. Wir haben 2:0 gewonnen“, sagt er mit strahlendem Blick. Seine Erinnerungsstücke bewahrt er bewusst im Keller und nicht in seinem Zimmer auf. Denn das soll trotz aller Liebe zum Sport sein ganz persönlicher Rückzugsort bleiben. In dem kleinen Zimmer im ersten Stock hängen weder Poster, Trikot oder Fan-Schal. Nur ein Mousepad in Hertha-BSC-Optik zeugt von seiner Leidenschaft. „Hier habe ich Ruhe vom Fußball und kann mich entspannen“, sagt er. Für Lukas ist es wichtig, auch mal abzuschalten und Abstand zu gewinnen.

Das Abitur muss sein

Was seine Zukunft betrifft, denken Lukas und seine Eltern ähnlich. Sie schätzen die Chancen auf eine Profikarriere realistisch ein. „In der ersten und zweiten Bundesliga spielen etwa 800 Profis. Wenn es ein oder zwei Spieler pro Jahr aus einer Berliner Mannschaft schaffen würden, wäre das für den Berliner Fußball ein großer Erfolg“, sagt Vater Wolfgang Damm, der als Nachwuchs-Chefscout bei Hertha BSC arbeitet und selbst mehrere Jahre lang Jugendmannschaften trainiert hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass sein Sohn irgendwann den Sprung zu den Profis schaffe, sei natürlich vorhanden, aber angesichts der Konkurrenz gering, sagt Damm. Spieler wie Patrick Ebert oder Chinedu Ede, die bei Hertha BSC jahrelang ausgebildet wurden und es tatsächlich in den Profikader schafften, sind Ausnahmen. „Daher schärfen die Trainer ihren Spielern täglich ein, wie wichtig neben der sportlichen auch die schulische Ausbildung ist.“

Auch für Lukas Mutter hat die Bildung absolute Priorität. „In sportlichen Dingen halte ich mich allerdings zurück“, sagt Andrea Binting. Sie sieht der Entwicklung ihres Sohnes gelassen entgegen. Denn schließlich waren auch die drei Brüder von Lukas, die heute 22, 24 und 25 Jahre alt sind, begeisterte Fußballspieler. Die Schule hat jedoch keiner vernachlässigt. Lukas will es ihnen gleichtun. „Das Abi will ich auf alle Fälle machen“, sagt er. „Was danach kommt, muss man sehen“. Wenn es mit der Profi-Karriere nicht klappt, will er studieren. Und weiterhin natürlich Fußball spielen. Da ist er sicher.

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