Kicken in Kenia

Mathare United – Die Meister aus dem Slum

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Sören Kittel

Foto: Sören Kittel

Von ganz unten, aus dem Slum, nach ganz nach oben, an die Spitze der Tabelle. Das haben die Fußballspieler von Mathare United in Kenia geschafft. Unter Bedingungen, die fast unglaublich sind: Ihr Spielfeld etwa hat nach einer gewaltätigen Auseinandersetzung mit der Regierung nur noch drei Ecken.

Nachts soll niemand in Mathare, einem Stadtteil Nairobis, auf den Wegen herumlaufen. Auch die Bewohner der Gegend selbst halten sich daran. Es geht dabei nicht nur um Überfälle, sondern es könnte sein, dass einem ein Beutel mit menschlichem Abfall an den Kopf geworfen wird. „Fliegender Kot“ heißt dieses Wurfgeschoss, „flying shit“. Ihn gibt es, weil die Menschen hier in Mathare keine sanitären Anlagen haben, genauso wenig wie einen Herd oder Kühlschrank, eine Dusche oder auch nur ein Waschbecken. Mathare ist ein Slum am Rande von Kenias Hauptstadt und ausgerechnet von hier kommen die größten Fußballstars des Landes.

Denn es sind nur wenige Tage bis zum Ende der Saison und der Fußballklub Mathare United belegt derzeit den ersten Platz in der ersten Liga Kenias. Die Mannschaft hat das zum ersten Mal geschafft und damit ein Märchen wahr werden lassen, das fast an den amerikanischen Traum erinnert: Von ganz unten, aus dem Slum, nach ganz nach oben, an die Spitze der Tabelle. Die 26 Spieler von Mathare United nämlich kämpfen nicht nur gegen die anderen Mannschaften, sondern müssen sich täglich mit Problemen auseinandersetzen, die anderen Mannschaften nicht im schlimmsten Albtraum einfallen.

„Trainiert haben wir mitten im Slum, auf einem Platz, der bei Schlamm so rutschtig war, dass man eigentlich immer im Dreck landet“, sagt Peter Mwungi, Torwart von Mathare United. Der heute 23-jährige hat ganz früh begonnen an seiner Karriere zu arbeiten, mit einem Ball, bei dem reale Bedingungen keine Rolle spielten. „Hauptsache, er ist rund und sieht ungefähr wie ein Fußball aus“, sagt Mwungi weiter. „Dazu reichen ein paar Plastiksäcke, die man so ausstopft und übereinander zieht, dass sie irgendwie die richtige Form haben.“ Tore seien einfach ein paar Holzstäbe gewesen. Da es nachts aber sehr kalt werden kann, konnten die bei am nächsten Morgen schon verfeuert worden sein.

„Viele der Spieler sind einfach arm“, sagt Edgar Ogutu, der seit Jahren das Projekt Mathare betreut. „Die Idee des Klubs war es, den Kindern und Jugendliche über den Sport einerseits einfach eine Perspektive zu geben,“ sagt er weiter, „und andererseits, ihnen einen anderen Weg beizubringen, mit ihrer Energien umzugehen.“ Auch die Kriminalitätsrate im Bezirk Mathare sei merklich zurückgegangen in den letzten zehn Jahren. „Die Kids“, so nennt Ogutu seine Sportler gern, „haben einfach plötzlich wieder ein Ziel vor Augen“.

Ogutu selbst hat selbst einmal aktiv für Mathare Fußball gespielt, musste aber wegen eines akuten TB-Anfalles das Spiel aufgeben. Heute noch bereiten ihm größere Anstrengungen Atemnot. „TB ist eine Krankheit, die im Slum häufig vorkommt“, sagt Christina Beckhaus von den „German Doctors“, einer der wichtigsten Hilforganisation im Slum Mathare, in dem über einer halben Million Menschen auf engstem Raum leben. „In Deutschland ist sie seit langem behandelbar, aber hier sterben noch immer viele Kinder daran.“

Vorbild Manchester United

Gegründet wurde die „Mathare Youth Sports Association“, kurz MYSA, von Bob Munro, einem kanadische UN-Mitarbeiter. Heute sind über 25.000 Jugendliche in Kenia durch verschiedene MYSA-Projekte zum Sport gekommen. Nicht nur in Mathare selbst, sondern im ganzen Land spielen inzwischen Jungen und Mädchen bei MYSA Fußball, Volleyball, Basketball oder betreiben Leichtathletik. Allein im Fußball sind über 10.000 Jungen und Mädchen registriert. Und im Jahre 1994 gründeten sie eine Profi-Mannschaft, die damals noch belächelt wurde. Nach dem großen Vorbild aus Manchester haben die jungen Sportler ihr Team Mathare United getauft.

Auch der Erfolg gibt dem Projekt Recht: Im Jahre 1998, nur vier Jahre nach der offiziellen Gründung des Vereins, schaffte es die Hauptmannschaft des Vereins in die erste Liga. Damals entschied das noch der Ein-Parteien-Präsident per Dekret, doch die Leistung überzeugte auch in Zukunft. Und auch die Jugend-Mannschaften sind hochmotiviert: Seit dem Jahr 2004 ist die Mannschaft Mathare Youth, in der die U21-Jährigen spielen, ebenfalls in der Premier League – und dort die jüngste Mannschaft. Die U17-Mannschaft von MYSA gilt auf internationalen Turnieren, zum Beispiel in Norwegen, als Favorit.

"Das Aufregendste war der Flug nach Europa"

„Wir sind dort so etwas wie Brasilien bei der WM“, sagt der Mathare-Jugendspieler Joshua Nyulia. Er selbst habe in Amsterdam im Stadion von Ajax mitgespielt – und im Mittelfeld eines der entscheidenden Tore gegen die belgische Jugend-Mannschaft vorbereitet. Das Spiel endete 2:1 für Mathare. „Das Aufregendste war aber der Flug nach Europa“, sagt der 16-jährige Spieler heute. Als er dann im niederländischen Stadion stand und so erfolgreich spielte, da wusste er, dass er seinen Wunschberuf gefunden hatte: Profifußballer. Und viele seiner Vorgänger haben es bereits geschafft.

Einer, der wie viele trotzdem die Verbindung zu seinem Karriere-Start im Slum gehalten hat, ist Nationalspieler Denis Oliech, der in Frankreich bei AJ Auxerre spielt. Er hat zusammen mit anderen „Mathare-Alumnis“ Kollegen einen Nachwuchs-Förderung gegründet, die inzwischen mindestens 40 jungen Spielern eine sportliche Zukunft ermöglicht, immer getreu dem Motto von Mathare, engagierten Jugendlichen „eine sportliche Chance“ zu geben. Überhaupt spielte von Beginn an die soziale Komponente eine große Rolle bei MYSA.

So gut wie noch nie

Alle jugendlichen Nachwuchs-Stars müssen neben ihren täglich mindestens vier Stunden Training auch noch so genannte „Community Work“, also Sozialarbeit, einplanen. Das heißt: Jeder Spieler hilft entweder HIV-infizierten Eltern, an Polio erkrankten Kindern, kriminellen Jugendlichen in Gefängnissen oder anderen benachteiligten Teilen des ohnehin benachteiligten Mathare-Universums. Seit neuestem hat der Verein auch eine Abteilung für behinderte Jugendliche. Jede Woche trainieren sie – um vielleicht irgendwann bei den Paralympics dabei zu sein. Unterstützung dafür gab’s auch vom deutschen Botschafter in Kenia: nicht nur weiße DFB-Trikots und Adidas-Bälle, sondern auch das Versprechen einer weiteren Zusammenarbeit.

Doch die 21-jährige Erfolgsgeschichte von Mathare bekommt in diesem Jahr erstmals einen nationalen Anstrich: „Denn so gut wie in diesem Jahr haben die Jungs aus dem Slum bisher noch nie gespielt“, sagt einer der Trainer der Mannschaft, Philip Osianju. „Das Problem ist, dass oft die Eltern ihre Kinder nicht zum Training gehen lassen – einfach weil sie ihre Arbeitskraft nicht entbehren können.“ Außerdem würden viele befürchten, dass sich ihre Kinder schlimmer Verletzungen zuziehen, die sie für mehrere Wochen nicht arbeits- oder lernfähig macht. Und dann müsse ja auch irgendjemand die Krankenhausrechnung bezahlen. Nicht immer kann das der Verein übernehmen. Doch selbst, wenn die Spieler hochmotiviert zum Training erscheinen: Eine weitere Schwierigkeit bleibt oft schlicht die Ausstattung.

Entrinnen aus der Armut ist schwierig

Schuhe und Sportsachen sind für wenige Euro im Slum aus zweiter Hand zu bekommen. „Die Spieler zahlen inzwischen schon viel selbst“, sagt Edgart Ogutu, „doch wir können ihn eben kein dickes Gehalt zahlen, wie es andere Mannschaften tun“. Zwischen umgerechnet 70 bis 150 Euro im Monat verdient ein Mathare-United-Spieler im Monat, abhängig davon, wie lange er dabei ist. „Davon muss ich aber noch meine Familie unterstützen“, sagt United-Torwart Peter Mungwi. „mein Bruder, meine Schwester und meine beiden Eltern – sie alle verdienen nichts und sind auf mich angewiesen.“ Im Gespräch mit den Slum-Stars merkt man schnell, dass ein Entrinnen aus der Armut schwierig ist. „Ich verdiene zwar gut, aber um hier wegzuziehen, dafür reicht es nicht.“

Dass die kenianische Regierung dabei nicht immer als Helfer auftritt, mussten die MYSA-Mitglieder zuletzt im Jahr 2001 lernen. Damals kämpften sie gegen den Distrikt-Vorsitzenden, der mitten auf einem Übungsplatz von MYSA-Spielern ein Bürogebäude errichten wollte. Sie demonstrierten tagelang. Doch unter Präsident Daniel Arap Moi gab es keine Meinungsfreiheit und der lokale Beamte gab schließlich den Schießbefehl. Ein Sportler starb, einer ist heute querschnittsgelähmt. Und das Feld hat jetzt nur noch drei Ecken. Die vierte ist von einem Gebäude beschnitten, über dem die kenianische Flagge weht. Wenn der Ball beim Spiel gegen diese Hauswand knallt, wird die Ecke von der gegenüberliegenden Seite ausgeführt.

„Aber Mathare-Spieler“, da ist sich der Torwart Mwungi sicher, „kriegt so schnell keiner klein.“ Am 29. Oktober ist ihr letztes Spiel. Nur noch die Mannschaft "Sony Sugar" könnte ihnen den Sieg wegnehmen. Die Sympathien des Landes aber haben die Kids aus den Slums.