Morgenpost Online: Elterngeld, Vätermonate, Krippenoffensive - man hat den Eindruck, dass noch nie so viel Aufwand ums Kind getrieben wurde wie heute. Trotzdem werden in Deutschland immer weniger Kinder geboren. Warum?

Katharina Saalfrank: Es ist trotz aller von Ihnen benannten Maßnahmen ja heutzutage vollkommen irrational, also vor allem emotional, sich für ein Kind zu entscheiden. Das ist der entscheidende Unterschied zu früheren Generationen. Kinder waren früher unverzichtbare Altersabsicherung, heute sind sie sozusagen ein "unkalkulierbares Zukunftsrisiko", um es mal sachlich auszudrücken. Die neuen politischen Instrumente und Rahmenbedingungen für Eltern können dieses Risiko nur reduzieren und eine Brücke bauen für den Mut. Auch ist eine bewusste Entscheidung für Kinder durch die vielfältigen Biografien, die nicht mehr so klar wie früher sind, noch schwieriger. Den "richtigen" Zeitpunkt für ein Kind zu finden ist sowieso schwer. Heutzutage dauert die Ausbildung oft lange, die Lebensplanung verschiebt sich so nach hinten, und durch die unsichere Arbeitsmarktlage trauen sich manche auch nicht, noch zusätzliche Verantwortung auf sich zu nehmen.

Morgenpost Online: Auch die Verunsicherung über den richtigen Weg in der Erziehung scheint groß zu sein.

Katharina Saalfrank: Es gibt viele Aspekte, die dazu beitragen. Kindheit und Jugend gibt es historisch betrachtet noch gar nicht so lange. Früher mussten Kinder sehr früh ins Arbeitsleben einsteigen und zum Lebensunterhalt der Familie beitragen und haben so keine Kindheit gehabt - im Gegenteil: Sie wurden sofort als erwachsen angesehen. Erst die Entwicklungspsychologie hat danach gefragt, was Kinder außer Essen und Trinken noch an emotionaler Versorgung brauchen, um sich gut zu entwickeln. So ist der Abschnitt Kindheit entstanden. Kinder brauchen, um gut aufzuwachsen zu können, Zuneigung, Liebe, Sicherheit, Vertrauen. Das sind alles Aspekte, die zu anderen Zeiten weniger wichtig waren. Ich spreche deshalb statt von Erziehung lieber von Beziehung. Erziehung spielt sich weitgehend in der Beziehung ab. Erziehung ist ja keine aktive Tätigkeit. Aktiv ist daran eigentlich nur, dass wir uns hinterfragen: Wann tun wir etwas und warum? Das hat meist weniger mit dem Kind zu tun, sondern mit dem, was wir selbst erfahren haben.

Morgenpost Online: Eltern stehen unter einem unheimlichen Erwartungsdruck, in allen Bereichen perfekt zu sein: Familie, Beruf, Beziehung, Freundeskreis.

Katharina Saalfrank: Ich erlebe es auch so, dass Erwachsene unter einem enormen Druck stehen. Eltern, Lehrer, Erzieher: Sie alle müssen in dieser Welt funktionieren. Das ist ein Wort, das mit Beziehung eigentlich gar nichts zu tun hat, aber oft verwendet wird. Und dieser Anspruch, dass wir "funktionieren" sollen wie ein Rädchen im Getriebe, wird an unsere Kinder weitergegeben. Aber Kinder zeigen eben auch: Das "funktioniert" nicht. Insofern sind sie ein wunderbares Regulativ. Sie zeigen uns immer wieder Grenzen auf und geben uns Hinweise: Wenn du so und so mit mir umgehst, passiert das und das. Sie drücken noch sehr ursprünglich aus, was sie empfinden, und stellen uns infrage. Deswegen ist jedes Kind auch für uns eine Chance zur eigenen Entwicklung. Insofern finde ich auch den Titel der Sendung schwierig: "Super Nanny". Es ist nicht alles "super", das Perfekte gibt es nicht.

Morgenpost Online: Brauchen wir mehr Mut zum Chaos?

Katharina Saalfrank: Eher Mut zum Ausprobieren, zum Austausch. Ich bin immer wieder erschrocken, wie viele Menschen mich fragen, wann sie zur Beratung gehen sollen. Ich kann nur sagen: Wenn die erste Frage aufkommt! Frau Merkel hat Dutzende Berater. Jeder Mensch, der Entscheidungen treffen muss, lässt sich beraten.

Morgenpost Online: Was brauchen Kinder zum Glücklichsein?

Katharina Saalfrank: Das ist ziemlich banal. Kinder brauchen Erwachsene um sich, die ihnen das Gefühl geben: So, wie ich bin, bin ich okay. Ich werde geliebt - auch wenn ich eine Scheibe einwerfe oder ein Schimpfwort sage. Sie brauchen jemanden, der klar Stellung bezieht, aber sie brauchen auch das Vertrauen, dass dieser Mensch sich nicht abwendet.

Morgenpost Online: Sie haben häufig mit Menschen vom unteren gesellschaftlichen Rand zu tun, in Milieus, wo es viel Gewalt, Verunsicherung, Beziehungskrisen, Armut gibt. Werden Kinder da manchmal auch als Ersatzbefriedigung in die Welt gesetzt oder gar als Einkommensquelle betrachtet?

Katharina Saalfrank: Das habe ich noch nicht erlebt. Im Gegenteil: Die Menschen haben häufig den Anspruch, es besser zu machen, als sie es selbst erlebt haben. Das ist manchmal schwierig, weil viele dieser Eltern selbst als Kind keine tragfähige Beziehung erlebten, sich abgelehnt fühlten oder gedemütigt wurden. Dann merken sie auf einmal: Hier ist ein kleines Wesen, für das ich Verantwortung trage und an dem ich etwas leisten muss, das ich gerade nicht bewerkstelligen kann. Das Kind führt sie immer wieder an die eigenen Wunden zurück. Das passiert im Grunde überall: Wenn Kinder kommen, werfen sie uns auf uns selbst zurück, hinterfragen uns komplett. Dann müssen wir uns fragen: Warum tut mir das jetzt so weh? Das ist die spannende Frage, der ich auch mit den Familien nachgehe. Ich will nicht die Situation verändern, sondern den Blick auf die Situation. Ich erlebe dann oft, dass Menschen auf einmal sehr verletzlich sind und plötzlich auch den Blick auf ihre Kinder verändern können.

Morgenpost Online: Erleben Sie oft, dass Eltern sagen: Ich gebe doch alles für mein Kind. Warum ist es nicht dankbar?

Katharina Saalfrank: Häufiger ist die Frage: Warum macht mein Kind jetzt dieses oder jenes? Viele Eltern fühlen sich persönlich angegriffen von den normalen Entwicklungsphasen des Kindes. Das fängt schon beim Nichtdurchschlafen von Babys an, das viele Mütter in Selbstzweifel stürzt: Eigentlich sollte es ihre Aufgabe sein, das Baby zu beruhigen, warum gelingt das nicht? Da wird dann das komplette Sein infrage gestellt. Das darf man nicht unterschätzen. Es kann aber sehr hilfreich sein, sich damit auseinanderzusetzen.

Morgenpost Online: Das sind aber durchaus intellektuelle Prozesse, die Sie da einfordern.

Katharina Saalfrank: Das hat aber nichts mit kognitiven Leistungen zu tun. Es ist eine Frage des emotionalen Zugangs. Es ist berührend, zu sehen, wenn Menschen einen emotionalen Zugang zu sich selbst bekommen. Beziehung ist Emotion. Es geht nicht darum, zu sagen, was mache ich, wenn mein Kind sich auf den Boden wirft. Man muss fragen: Warum ärgert mich das so? Die "zehn goldenen Erziehungsregeln" gibt es einfach nicht.

Morgenpost Online: Wenn ich zusammenfassen darf: Liebe dein Kind - und dann machst du schon 80 Prozent richtig?

Katharina Saalfrank: Was ist denn richtig, und was ist falsch? Was in einer Situation gut sein kann, kann in einer anderen nicht so gut sein. Eine Beziehung ist nicht schwarz-weiß, sondern bunt. Das Einzige, was wirklich falsch ist, ist, ein Kind zu demütigen und zu strafen. Gewalt geht leider durch alle Schichten - und sie ist ein großes Tabu.

Morgenpost Online: Ein Tabu ist auch sexueller Missbrauch von Kindern, eine Debatte, die wir gerade mit Macht führen.

Katharina Saalfrank: Ich bin erleichtert und froh, dass dieses Tabuthema jetzt endlich besprochen wird. Wichtig ist, dass wir erkennen, dass Missbrauch nicht nur in Institutionen stattfindet, sondern vor allem in Familien. Da wird momentan noch nicht genügend drüber gesprochen.

Morgenpost Online: Bei Gewalt und sexuellem Missbrauch geht es letztlich um Grenzüberschreitungen. Wo fangen die an?

Katharina Saalfrank: Eine Grenzüberschreitung signalisiert das Kind sehr deutlich. Wir hören oft, dass Kinder lernen müssen, Nein zu sagen. Natürlich ist das wichtig. Auf der anderen Seite passiert es sehr häufig, dass Kinder sehr wohl Nein sagen - Erwachsene diese Grenze aber ganz bewusst überschreiten. Missbrauchte Kinder spüren sehr deutlich, dass es sich dabei um eine Grenzüberschreitung handelt. Erwachsene müssen diese Grenzen spüren - übrigens auch, wenn sie verbal zu weit gegangen sind.