Eine Handvoll Eltern mit Kindern in Sportanzügen hatte sich an einem Freitagnachmittag zum so genannten Sponsorenlauf auf dem Schulhof zusammengefunden. Die Grundschule meines Sohnes, die seit letztem Jahr nur noch als „Grüne Umweltschule“ bezeichnet werden möchte, veranstaltete bereits zum zweiten Mal den Sponsorenlauf. Beim ersten Mal ging das Geld, das gesammelt wurde, an eine Partnerschule in Ecuador, dieses Jahr sollte mit dem Geld eine Schule in Nicaragua unterstützt werden.

Niemand von uns wusste, wer als erster die Idee für den Sponsorenlauf hatte. War es die Schulleiterin oder ein besonders engagierter Elternteil? Auf jeden Fall ist der Sponsorenlauf eine geniale pädagogische Erfindung, ein kompliziert gestricktes, risikoreiches Finanzprodukt zur Unterstützung des Schulsystems, das gleichzeitig die Kinder sportlich erzieht und ihren Eltern dabei Geld aus der Tasche zieht. Bei einem Sponsorenlauf müssen die Kinder um die Schule herum rennen, so lange sie können, die Eltern sponsern den eigenen Nachwuchs mit einem Geldbetrag pro Runde, der Mindesteinsatz beträgt 50 Cent, eine Obergrenze gibt es nicht.

Die Zockerqualitäten der Väter kamen schon beim ersten Lauf voll zur Geltung. Diesmal benahmen sie sich anfangs noch vernünftig und zurückhaltend – doch das sollte sich schnell ändern.

50 Cent auf den Sohn

Nehmen wir Peters Vater als Beispiel. Er setzte zunächst den vorgeschriebenen Mindesteinsatz auf seinen Sohn – ihm war es nicht peinlich, die Anstrengungen des eigenen Kindes mit einer läppischen 50-Cent-Münze zu unterstützen. Der Vater von Peter, das muss man wissen, ist ein Erziehungsaktivist – gleich nach der Einschulung seines Sohnes, bei der allerersten Elternversammlung, schlug er vor, jeder Vater solle sein Kind auf einem Blatt Papier zeichnen und dazu fünf Minuten erzählen, wie er sein eigenes Kind sähe. Die Hälfte der Eltern konnte nicht zeichnen und wies diesen Vorschlag empört zurück, sie hielten ihn für kompletten Schwachsinn. Die andere Hälfte war von dem Vorschlag jedoch begeistert – sie hat sich wahrscheinlich in ihren Kirchenvereinen oder bei den Treffen der Anonymen Alkoholiker auf diese Weise kennen gelernt und zeichnet ihre Kinder seitdem immer wieder ab.

Nach dieser ersten Elternversammlung entstanden so etwas wie zwei Elternparteien an der Schule meines Sohnes: die Mal-Eltern und die Eltern, die nicht malen wollen. Von der einen zur anderen Partei führt keine Brücke. Beim Sponsorenlauf nun bekam der Vater von Birmidschan, der der zweiten Partei angehört, mit, dass der Vater von Peter, Mitglied der ersten Partei, nur einen Mindestbetrag auf seinen Sohn setzte. Er lächelte und setzte einen Euro pro Runde auf Birmidschan. Der Vater von Miloslav überlegte nicht lange und setzte 1 Euro 50 auf seinen Sohn. Birmidschans Vater verdoppelte daraufhin seinen Einsatz. Miloslavs Vater ging mit. Spätestens ab da wurde Peters Vater nervös, er errötete und setzte 4 Euro pro Runde auf seinen Sohn, wahrscheinlich in der Hoffnung, der Junge würde sowieso nur zwei Runden laufen und dann schlapp machen. Peter hatte sich in der Klasse nie durch besondere sportliche Leistungen oder Laufqualitäten hervorgetan.

Nur Peter lief und lief

Die Kinder bereiteten sich zum Lauf vor, die Väter standen auf dem Hof herum und schauten angestrengt aneinander vorbei, bis der Startschuss kam. Danach starrten alle nur noch auf die Laufbahn. Birmidschan schaffte es siebenmal um die Schule herum, der sportliche Miloslav verließ nach zehn Runden die Laufbahn. Nur Peter lief und lief und lief wie der Hase aus dem Werbespot für Akkus, die ewig halten. „Machs nicht zu doll, Junge!“, rief ihm sein Vater zu, sichtlich besorgt um die Gesundheit des Kindes. Gleichzeitig konnte man seine Verwunderung über die Sportlichkeit und die Bereitschaft seines Sohnes, halb Südamerika finanziell zu sanieren, nicht übersehen. Er hatte Peter als Marathonläufer deutlich unterschätzt.

Alle Kinder waren inzwischen mit ihrem Lauf fertig, der letzte Schüler verließ die Strecke – nur der kleine Peter lief, stolz wie Bolle, weiter. „Is gut!“, rief ihm sein Vater beinahe verzweifelt nach, die anderen Väter grinsten höhnisch. Sie konnten zwar nicht malen, aber sie konnten rechnen. Sie hatten bemerkt, dass Peter schon mindestens drei Kisten Bier aus dem Familienbudget weggelaufen hatte. „Hör auf Junge, willst du, das dir die Kniescheiben rausfallen?!“, bremste der Vater ihn weiter aus. „Ich kann noch mehr“, schrie Peter zurück und warf einen Siegerblick ins Publikum.

Ein Scheck tut's auch

Er war bereits dreißig Runden gelaufen und gerade dabei, das ganze bescheidene Gehalt seinen Vaters zwischen den bedürftigen Bildungsstätten Lateinamerikas zu verteilen. Peter sah dabei nicht einmal müde aus. Auf seinem Gesicht stand geschrieben: Wenn nicht der ganze Kontinent, so konnte doch mindestens das Schulsystem von Nicaragua und Ecuador mit Peters Leistung fest rechnen. Alle Anwesenden, die mitbekommen hatten, wohin der Hase läuft, lachten über diese unmögliche Situation, abgesehen von Peters Vater, der das absolut nicht lustig fand. „Hör auf zu rennen und komm sofort hierher“, zischte er laut. „Ein sportlicher Junge“, klopften ihm andere Väter auf die Schulter. „Ja, sehr sportlich!“

„Wir danken Ihnen für Ihr Engagement“, sagte die Klassenlehrerin zu Peters Vater, als der Junge endlich nach 34 Runden zum Stehen kann. „Ich habe so viel Geld gar nicht mit“, entschuldigte sich sein Vater in der Hoffnung, die Klassenlehrerin würde sich auch mit der Hälfte zufriedengeben. „Sie können es überweisen“, meinte die Klassenlehrerin in einem Ton, der keine Widerrede duldete und drückte Peters Vater einen Überweisungsschein und einen Kugelschreiber in die Hand. „Da kannste schön was zeichnen“, zwinkerte ihm Birmidschans Vater im Vorbeigehen zu. Der Sponsorenlauf war zu Ende.