Es ist nicht ganz einfach, diese Großmütter zu treffen. Nicht nur, dass ihre Terminkalender voll sind und die Tage sowieso, denn sie arbeiten alle Vollzeit. Man erkennt sie auch nicht auf Anhieb. Die zierliche blonde Frau auf der Straßenseite gegenüber zum Beispiel, mit der Sonnenbrille im Haar, die telefoniert, lacht und hin und her läuft – nein, das kann nicht Dagmar Wilde sein, die 56 Jahre alte Oma der fünf Monate alten Helene.
Oder die dunkelhaarige junge Frau im braunem Jeansrock und dazu passendem Shirt, die vor der Kita in Steglitz steht – eine Mami? Nein, diese dynamische junge Frau ist die Leiterin einer Kita der privaten Kant-Schule. Seit eineinhalb Jahren gibt es in ihrem Leben das Mädchen Maxima - nicht ihre Tochter, sondern ihre Enkelin. „Und ein zweites Enkelchen erwarten wir im Juli“, sie strahlt fast mädchenhaft. Sylvia Petzold ist 46 Jahre alt – und Mutter, Oma, Tochter und Enkelin. Anders gesagt: Kleinkind Maxima hat eine Oma, eine Uroma und eine Ur-Uroma, letztere ist 93 Jahre alt. Es dauert eine Weile, bis diese Familienverhältnisse erklärt sind.
Großmutter – das Wort klingt altmodisch. Nach grauen Haaren, karierten Schürzen, Strickzeug und einer guten Suppe auf dem Herd. Doch nie waren die „Alten“ so jugendlich und vital wie heute. Nie gab es mehr von ihnen, im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung – Dank der gestiegenen Lebenserwartung. Und nie hatten Oma und Opa so viel Einfluss auf die Enkel-Generation. 95 Prozent der jungen Deutschen zwischen 16 und 29 Jahren haben heutzutage Großeltern oder diese noch kennen gelernt, ergab eine Allensbach-Umfrage im April. In der heutigen Großeltern-Generation der über 60-Jährigen sind 21 Prozent ohne Großeltern aufgewachsen. Entsprechend wichtig sind Oma und Opa heute: Mehr als zwei Drittel der jungen Erwachsenen sagen, die Eltern ihrer Eltern hätten sie geprägt.
Es sind vor allem die Omas, die gebraucht werden. Als Babysitter, zum Bringen und Abholen, als Hausaufgabenbetreuung. 30 Prozent der Großmütter in Deutschland sehen ihre Enkelkinder mindestens einmal pro Woche, weniger regelmäßig hüten fast 60 Prozent ihre Enkel – bei den Großvätern sind die Zahlen deutlich geringer.
Wobei „hüten“ auch wieder so ein Begriff aus der Vergangenheit ist. Bei Anna Schneider zum Beispiel findet die Enkelbetreuung auch im Büro statt. Im Hinterzimmer ihres eleganten Damenmodegeschäfts, das die 63-Jährige seit gut 30 Jahren an der Westfälischen Straße in Charlottenburg betreibt.
Kuscheltiere in Omas Büroschrank
Wenn Helene (9) und Therese (7) kommen, „wird zwischen Schreibtischen gespielt und getobt“, sagt Anna Schneider. Wenn „ihre“ Mädchen nicht weg sind, hinterlassen sie gemalte Bilder auf den Schreibunterlagen, Fotos an den Wänden, in einem Schrank wohnen Kuscheltiere, zwischen den Akten stehen Kinderbücher. Dass Oma arbeitet, ist für Helene und Therese normal. Ebenso wie die Tatsache, dass die Mutter es ebenfalls tut, und zwar im selben Geschäft. „Wir sind ein echter Familienbetrieb“, sagt Anna Schneider stolz. „Wenn es nicht anders geht, haben wir auch ein krankes Kind hier untergebracht, mit Matratze und Walkman. Das habe ich mit meiner Tochter und meinem Sohn schon so gemacht.“
Wenn Helene und Therese ihre Oma zu Hause in Wannsee besuchen, fragen sie meist als erstes nach Anneliese und Manfred. Das Sensationelle an den beiden ist, dass sie genau so alt sind wie die Oma, aber trotzdem aussehen wie Babys. Es sind „Schildkröt“-Puppen mit harten Körper und Köpfen, Anneliese hat blonde Zöpfe aus echtem Haar. Aber warum trägt der Junge diesen seltsamen Namen? Zigmal haben sie die Enkelinnen danach gefragt, sagt Anna Schneider. „Ich nannte die Puppe nach einem Nachbarsjungen, der starb, als ich vier oder fünf Jahre alt war.“
Die Frage nach dem, was war, als die Großeltern noch klein waren, nach den Schicksalen der Vorfahren – für Kinder sind solche Anekdoten oft der erste Blick tief in eine Welt, die sie erst viel später „Geschichte“ nennen werden. „Sonntagmorgens gehe ich mit meinen Enkelinnen oft mit dem Hund spazieren, dann können wir auch über Dinge reden, für die sonst vielleicht keine Zeit bleibt“, sagt Anna Schneider. Dann werden gewichtige Fragen erörtert wie die nach dem lieben Gott. „Meine Tochter hat die religiöse Erziehung meiner Enkelinnen bewusst mir überlassen.“ Sie ist in Augsburg aufgewachsen und katholisch erzogen worden.
Dass die Wertevermittlung bis heute Großelternsache ist, könnte daran liegen, dass ihr Verhältnis zu den Enkeln als besonders wenig konfliktbeladen gilt. Diese Erfahrung bestätigt die „junge Oma“ Sylvia Petzold. „Für mich ist es fast so, als wäre ich selbst noch einmal Mutter geworden, aber viel entspannter. Ich bin viel gelassener, und ich erlebe im Grunde ja nur die schönen Seiten des Mutterseins“. Nicht selten werde sie für die Mutter ihrer Enkelin Maxima gehalten, sie lacht. „Ich finde es einfach cool, Oma zu sein“, sagt sie.
Auch die Großeltern Petzold leben in der Nähe der Enkelin. „Wir hüten Maxima zwei- bis dreimal pro Woche“, sagt Sylvia Petzold. Als ihre eigene Tochter geboren wurde, war sie 20 Jahre alt, „ich bin in Ost-Berlin aufgewachsen, in der DDR war es selbstverständlich, so früh Mutter zu werden“. Die Tochter war das Wunschkind des Paares, das sich seit der Jugend kennt. „Mein Mann verpasste die ersten eineinhalb Jahre mit dem Baby, weil er bei der NVA auswärts stationiert war.“ Jetzt, als Großvater, hole er manches Versäumte nach: „Er genießt das Großelternsein fast noch mehr als ich.“
Mit Kindern umzugehen, sagt Sylvia Petzold, habe ihr immer gelegen, Erzieherin war ihr Wunschberuf. In der DDR habe sie jedoch die politische Gängelung nicht ertragen, „Kinder, die mit Panzer und Plastiksoldaten spielen sollten, das war nichts für mich“. Im Herbst 1989 floh sie mit ihrem Mann, der sechsjährigen Tochter, ihrer Schwester und deren Familie über Ungarn in den Westen. „Ich brauchte die Freiheit, zu leben, wie ich will.“ So habe sie auch ihre Tochter erzogen. „Kinder brauchen Selbstbewusstsein.“
Großeltern sind gelassener
Großeltern, sagt die Erzieherin, seien eine wunderbare Ergänzung der Eltern. Sie selbst habe liebevolle Großeltern gehabt, bei denen auch die Uroma lebte. „Da durfte man Teller abschlecken und Handstand an der Tür machen.“ Jedoch, meint sie, könnten andere Personen die Großelternrolle einnehmen. „Kinder wachsen heute in anderen, viel freieren Zusammenhängen auf als wir.“ Worauf es ankomme, seien „die Zeit, die Aufmerksamkeit und die Gelassenheit, die Eltern im Alltag oft nicht aufbringen“.
Doch in der Familie eine Generation aufzurücken bedeutet weit mehr als neue erzieherische Aufgaben. „Ich sehe seitdem meine eigenen Eltern anders“, sagt Dagmar Wilde, Oma der fünf Monate alten Helene. „Mein Vater zum Beispiel tat sich anfangs schwer mit seiner Rolle als Opa“, sie lächelt. „Heute kann ich das eher nachvollziehen, auch wenn es mir ganz anders geht“. Ihre Tochter habe während der Schwangerschaft begonnen, nach der Familie zu fragen, „und nach meinen Erfahrungen mit ihr als Baby“. Sie kramten alte Fotos heraus und Familien-Anekdoten.
Dagmar Wilde teilt das Schicksal vieler Großeltern, die weit von den Enkeln entfernt wohnen. Dennoch hat sie schlaflose Nächte hinter sich. Nicht am Kinderbett, sondern am Computer. Von Beruf ist sie Grundschullehrerin, sie arbeitet heute in der Schulverwaltung, privat übernahm sie einen weiteren, ehrenamtlichen Job: als Webmasterin der Homepage, mit der die Familie einen Knochenmarkspender für „Baby Helene“ suchte. Dagmar Wildes Enkelin leidet an einer lebensbedrohlichen Form der Leukämie. Der Spender ist gefunden, ein Lichtblick in einer schwierigen Zeit. Es erscheint kaum vorstellbar, dass auch positive „Oma-Gefühle“ darin Platz haben. Doch ihre Gedanken, sagt Dagmar Wilde, seien nicht bestimmt von Sorgen: „Ich freue mich vielmehr darauf, wenn ich mit Helene an der Hand durch die Stadt laufen kann. Denn das Schöne am Großelternsein ist doch, dass man die Welt noch einmal neu entdecken kann – aus Kindersicht.“



