Das Mädchen mit den kurzen Haaren hat zum Tag der Hoffnung traurige Musik mitgebracht. Der Song, den sie singt, heißt „Zombie“, die Cranberries hatten mit ihm ihren größten Hit, und eigentlich singt Pauline ihn nicht, nein, sie fleht ihn. Dieses Lied handelt zwar vom Krieg, aber es ist vor allem: Eine Mahnpredigt wider das Vergessen, eine Wehklage. Ein Hilferuf. Und als solcher ein passender Soundtrack für eine besondere Hilfsaktion: die „Typisierungsaktion für Julian“ in der Athene-Grundschule in Lichterfelde-West.

Julian ist fünf Jahre alt und leidet seit fünf Monaten unter einer besonders aggressiven Form der Leukämie, einer Erkrankung des blutbildenden Systems, die, ist sie akut, fast immer zum Tode führt. Dieser kleine Junge mit dem zarten Lächeln hat eigentlich nur eine Chance auf Heilung: Eine Stammzellentransplantation. Und die setzt einen geeigneten Stammzellenspender voraus. Rund 1500 Berliner sind deshalb am Sonnabend aus allen Stadtteilen in die Athene-Grundschule gekommen, um sich als mögliche Knochenmarkspender testen, sprich typisieren zu lassen. Jeder Mann und jede Frau, gesund und zwischen 18 und 55 mussten sie sein, gab fünf Millimeter Blut für Julian. Der liegt im Krankenhaus, die Haare sind ihm ausgefallen – durch die Chemotherapie, die Bestrahlung und die ganzen Medikamente, die er ständig nehmen muss. Die Hoffnung aber, die haben Julian und seine Eltern nicht aufgegeben. Sie kämpfen.

Und mit ihnen kämpft das Aktionsbündnis, das sich kurz nach dem Bekanntwerden der Krankheit in der Kita des Jungen gründete. Initiiert hat es die Apothekerin Christiane Schwartzkopff-Drevenstedt, selbst dreifache Mutter, die an ihrem linken Ellebogen ein Kreuz aus Pflastern trägt. Sie hat sich heute auch typisieren lassen.

Schwartzkopff-Drevenstedt hat mit Elternteilen aus dem Kita-Umfeld und in Kooperation mit der Deutschen Knochenmarkspenderdatei DKMS, die größte ihrer Art weltweit, diesen Tag möglich gemacht. Die 49-Jährige wuselt in den großen Räumen und langen Gängen der Schule umher, sie informiert, gibt Tipps, bei jedem Schritt quietschen ihre Schuhe auf dem Linoleumboden. Sie ist geschäftig. Und glücklich. Sie sagt, dass sie so dankbar ist, dass all die Leute gekommen sind, um ein kleines Stück von sich für Julian zu geben. Ihre Kollegin Hilke Thordsen, einen Kopf kleiner, steht neben ihr. 76 Freiwillige seien hier, sagt sie. Ärzte, Krankenschwestern, Organisationshelfer. „Und alle kommen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis. Die Anteilnahme und Hilfsbereitschaft sind einfach überwältigend.“

Gekommen ist auch Michaela Ratzeburg aus Steglitz. Sie hat den Aufruf bei Facebook gelesen – und ihre Freunde darüber informiert. Es sei doch einfach wichtig, dass so viele wie möglich helfen. „Und das ging ganz schnell, fünf Minuten nur, Blut abgezapft und fertig“, sagt die 37-Jährige. Und was sind schon fünf Minuten und ein paar Tropfen Blut für ein Leben?

Das sehen auch die Fußballer des Regionalligisten Türkiyemspor Berlin so. Geschlossen sind sie gekommen, um Julian zu helfen. Und sie haben ihm ein Geschenk mitgebracht: Ein Trikot, kaum größer als ein Küchentuch. Weiß auf dunkelblau ist die Nummer 1 auf die Rückseite geflockt, darüber steht in geschwungenen Lettern „Julian“ geschrieben. Mittelfeldspieler Erkut Ergiligür, 22, hält es an den winzigen Ärmeln hoch in die Luft. Er will sagen: Seht her, wir sind hier, um zu helfen. Sein Manager Fikret Ceylan sagt: „Jeder von ihnen hofft, der richtige Spender zu sein.“ Er ist stolz auf seine Jungs.

Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass einer von ihnen Julians Spender ist, die ist allerdings gering. Denn mindestens acht der bei der Typisierung getesteten zehn Gewebemerkmale müssen übereinstimmen bei Patienten und möglichen Spendern – nur dann käme eventuell eine Stammzellentransplantation in Betracht. Dass man diesen „genetischen Zwilling“ eines Menschen findet, ist äußerst selten. In zwei bis drei Monaten werden Erkut Ergiligür, Michaela Ratzeburg und all die anderen Spender mehr wissen. Dann sind all ihre Proben ausgewertet. Und dann hat sich hoffentlich für den kleinen Julian ein Spender gefunden.

Berliner geben ihr Blut: Meche Müller (Bildmitte) und Roman Gerhardt (rechts) sind zwei der 1500 Freiwilligen, die Julian helfen wollen Foto: David Heerde

Julian ist krank. Er braucht Hilfe

Foto: Privat