Leukämie

Knochenmarkspender für Clarissa gefunden

1500 Menschen haben sich nach einem Aufruf der Familie Reich aus Brandenburg Blut abnehmen und typisieren lassen. Für die elfjährige, an Leukämie erkrankte Clarissa kommen drei potenzielle Spender in Frage.

Foto: Michael Brunner

Obwohl sie schon seit Tagen nichts Richtiges mehr gegessen hat – den Teller Hühnerfrikassee rührt sie nicht an. Wieder hat Clarissa keinen Appetit. Ein Tropf steht neben ihrem Bett, ein dünner Schlauch endet in Höhe ihres Schlüsselbeins in einem Zugang, durch den sie Nährstoffe und Flüssigkeit zugeführt bekommt. Und einmal am Tag eine Chemotherapie-Einheit. Seit zwei Jahren hat Clarissa Leukämie, seit Mitte Juli liegt die Elfjährige im Virchow-Klinikum der Berliner Charité. Diese Chemo soll ihre letzte werden. Denn aus einer kleinen Hoffnung ist eine wirkliche Chance auf ein Ende der langen Krankheit geworden. Im Juli haben sich drei geeignete Knochenmarkspender für Clarissa gefunden.

Nachdem keiner ihrer Verwandten infrage kam und sich auch in der Knochenmarkspenderdatei (DKMS) keine geeignete Stammzellenprobe fand, wurden Clarissas Eltern selbst aktiv. Im brandenburgischen Forst, dem Wohnort der Familie Reich in der Nähe von Cottbus und der Umgebung riefen sie die Menschen auf, sich typisieren zu lassen, damit möglichst viele Stammzellenproben eingingen. In Supermärkten, Kiosken, Läden – überall hingen Aufrufe. Und sie wurden fündig. Für Freudensprünge sei sie leider zu schwach, sagt Clarissa, aber das Glück ist riesengroß.

Keine Angst

Doch jetzt heißt es warten. Denn erst wenn durch die letzte Chemotherapiedosis die Tumorzellen in ihrem Knochenmark vollkommen verschwunden sind, kann die Patientin ihre Spende empfangen. Clarissa fürchtet sich nicht. „Für mich ist es eigentlich wie eine Bluttransfusion“, sagt sie. „Ich bekomme durch meinen Zugang die Stammzellen. Für den Spender ist es eine viel größere Sache. Sein Knochenmark wird eventuell sogar aus seinem Beckenkamm entnommen.“ Sie fürchtet sich im Moment vor einem zusätzlichen Katheder, den sie noch bekommen soll.

100.00 Menschen erkranken jährlich in Deutschland an Leukämie oder einer ähnlichen Krankheit. Die Übertragung von gesunden Stammzellen ist für die meisten von ihnen die einzige Überlebenschance. Jeder gesunde Mensch kann sich als potenzieller Spender bei der DKMS registrieren lassen .

Clarissas Stimme klingt müde und erschöpft. Zu den Nebenwirkungen der Chemotherapie, die sie ohnehin schwächen, ist zu allem Überfluss auch noch Fieber dazugekommen. Wenn sie davon spricht, wie alles anfing im September 2009, klingt es, als erzählte sie von einem anderen Leben: „Ich war im Schwimmbad mit meiner Freundin, als meine Knie plötzlich wehtaten. Alle dachten, das sind nur Wachstumsschmerzen.“ Doch Clarissa wurde immer erschöpfter und niedergeschlagener. Sie hatte keinen Appetit mehr, erbrach sich ständig und bekam am ganzen Körper blaue Flecken. Als sie zum Arzt ging, rief dieser sofort den Notarzt. Von da an war sie in Behandlung im Carl-Thiem-Klinikum Cottbus. Diagnose: Leukämie – Blutkrebs. Clarissa bekam nicht viel mit von dem Trubel, der um sie herrschte. Aber dass ihre Eltern immer bei ihr waren, daran kann sie sich noch gut erinnern. Bianca (34) und Mathias Reich (39) und der kleine Bruder Adrian (8) verbrachten jede freie Minute bei ihr. Durch Clarissas Krankheit hat sich das Leben ihrer ganzen Familie verändert. Die Mutter, Kundenbetreuerin in einem Callcenter, arbeitet zurzeit nicht, um bei Clarissa sein zu können. Der Vater arbeitet als Fachverkäufer in einem Großmarkt täglich bis 20 Uhr. Auch er nahm bereits eine unbezahlte Auszeit, um für seine Tochter da zu sein. Der achtjährige Adrian ist bis 17 Uhr im Hort. Bis der Vater nach Hause kommt, passen Verwandte oder Freunde auf ihn auf. Hund Susi musste weggeben werden, da niemand mehr Zeit hatte, sich um ihn zu kümmern. „Einmal ist Papa für mehrere Tage und Nächte nicht von meiner Seite gewichen. Er hat in allen erdenklichen unbequemen Stellungen in meinem Zimmer geschlafen“, erinnert sich Clarissa. Von ihrer Mama bekam sie Gerda, die kleine Giraffe. Das Kuscheltier spendet ihr bis heute Trost und ist immer mit dabei.

Clarissa möchte sich bedanken

Neun Chemotherapien hat sie mittlerweile hinter sich. Immer wieder mussten sie unterbrochen werden, weil Komplikationen auftauchten, zum Beispiel eine tischtennisballgroße Zyste im Bauch. Bis zu vier Monate am Stück war sie nach der Diagnose im Krankenhaus. Sogar ihren Geburtstag, Weihnachten und Silvester hat sie mit ihrer Familie im Krankenhaus verbracht. In die Schule durfte sie nicht mehr gehen. Ihr Immunsystem ist zu schwach, um mit größeren Menschenansammlungen fertig zu werden. Die Gefahr einer Infektion, die sie nicht bekämpfen kann, war zu groß. Sie bekam eine sogenannte Erhaltungstherapie, eine Art Chemo, bloß in Tablettenform. Die Hoffnung auf Heilung wuchs. Dann kam im Mai 2011 der Rückfall. Mit einem Mal fanden sich wieder Tumorzellen in Clarissas Knochenmark, der Krebs wollte wieder die Oberhand gewinnen. Seitdem ist sie in der Charité.

1500 Menschen haben sich aufgrund des Aufrufs der Familie Reich innerhalb kürzester Zeit beim Roten Kreuz Blut abnehmen und typisieren lassen. Die Kosten für die Typisierungen übernahm das DRK, die Stammzellendaten gingen an die Knochenmarkspenderdatei. Ob die drei potenziellen Spender, die für Clarissa infrage kommen, aus Forst und Umgebung stammen, ist ungewiss. Clarissa hat die Ärzte gefragt, ob sie erfahren darf, wer ihr Spender ist. Sie bekam die gleiche Antwort wie alle anderen Patienten. Erst in zwei Jahren wird es möglich sein. Und auch nur, wenn der Spender dafür sein Einverständnis gibt. Clarissa möchte sich bedanken. „Es ist ihr irgendwie unangenehm, dass die Menschen wegen ihr solche Unannehmlichkeiten haben“, sagt ihre Mutter. „Als man ihren kleinen Bruder für den Test piekte, tat es ihr so furchtbar leid, dass ihm wegen ihr wehgetan wurde.“

Wenn alles gut geht, kann die Transplantation Ende August durchgeführt werden. Dann folgt die Quarantäne für 120 Tage, während der Clarissa in der Charité und im Ronald-McDonald-Haus sein wird. In dieser Zeit wird sie Eltern und Kinder kennenlernen, denen es ähnlich ergeht wie der Familie Reich. Und sie wird ihnen vielleicht ihre Geschichte erzählen und ihnen Mut machen. Und dabei in ihre eigene Zukunft blicken. Denn Clarissas Lebensgeschichte ist noch lange nicht zu Ende.

Auktion: Bilder für Clarissa

Damit einige Kosten der Familie von Clarissa gedeckt werden können findet am Sonnabend, dem 6. August 2011, ab 18 Uhr eine Versteigerung der Bilder des Malers Matthias Göbel in der Bar „Zatopek“ in der Niemetzstr. 24, 12055 Berlin statt. Der Betrag für jedes Bild geht zu hundert Prozent an die Familie, ebenso wie jede weitere Spende. Die Bilder und weitere Infos unter www.clarissas-leben.de .