Großbritannien ist weiter: „Terroristen brauchen verschiedene Identitäten. Kennen Sie jemand, der Ausweispapiere mit verschiedenen Namen ohne offensichtlichen Grund hat?“, heißt es im Leitfaden der britischen Regierung für die Bevölkerung. In dem Papier, das den Titel „Specialist Operations“ trägt, stehen ein Dutzend konkrete Anweisungen, wie „Communities“ der Polizei helfen können, Terrorismus zu bekämpfen. Die Bürger sollen etwa darauf achten, ob eine auffällige Person Lagerräume oder Garagen anmietet, ob sie „große Mengen“ von Mobiltelefonen benutzt oder häufig terroristische Internetseiten anklickt. Das Motto der britischen Regierung lautet: „Pursue, prevent, protect, prepare“ („vorsorgen, vorbeugen, schützen, vorbereiten“).

In Deutschland dachten Regierung und Sicherheitsbehörden bislang nicht daran, die Bevölkerung auf diese Weise einzuspannen, um die Terrorgefahr zu bannen. Außer einem dramatischen Appell von Bundesinnenminister Thomas de Maizière, besonders „wachsam“ zu sein und beispielsweise auf „herrenlose“ Koffer zu achten sowie Ehrharts Körtings (SPD) Aufruf an die Berliner Bevölkerung, ist kaum etwas passiert.

Angesichts de Maizières erstmals sehr konkreten Warnungen vor möglichen Anschlägen sind viele Bundesbürger, darunter sogar mancher Sicherheitspolitiker, merklich beunruhigt. Medien verbreiten bereits Interviews mit Psychologen, die erklären, wie sich die Terrorwarnungen auf die Befindlichkeit der Menschen auswirken. Der Potsdamer Notfallpsychologe Gerd Reimann schließt „Panik-Attacken“ nicht aus. Da nützt es wenig, wenn de Maizière sagt: „Es gibt Anlass zur Sorge, aber keinen Grund zur Hysterie.“ Den tieferen Sinn der beiden Botschaften, dass es einerseits noch nie so viele konkrete Terrorhinweise gab, man andererseits aber ruhig bleiben soll, können viele Bürger nicht unter einen Hut bringen.

Deutschland hatte bisher Glück

Der Innenminister schlägt Alarm und die Bürger fragen: Was heißt das, was soll und kann ich selbst tun? Nichts anderes als sonst, lautet die Antwort der Politik. Das verstehen nicht alle: Warum warnt de Maizière dann so laut? Auf jeden Fall lassen er und auch die gesamte Bundesregierung die Bürger mit ihren Fragen ziemlich allein. Hätte die Regierung nicht spätestens nach dem versuchten Anschlag der „Kofferbomber“ 2006 und dem vereitelten Anschlag der sogenannten Sauerland-Zelle 2007 damit beginnen sollen, eine große Aufklärungskampagne zu starten. Oder vielleicht schon vorher, die schrecklichen Terroranschläge von Madrid 2004 und London 2005 mit vielen Toten und Verletzten haften noch im Gedächtnis.

Es ist ein kleines Wunder, dass die Deutschen eine solche Katastrophe noch nicht erlebt haben. So gesehen hatte das Land bisher Glück. Aber für Wunder gibt es keine Garantien. Vor drei Jahren wurden die sogenannten Sauerland-Bomber verhaftet, allerdings erst nach Hinweisen amerikanischer Dienste. Die vier jungen Islamisten hatten Attentate auf US-Einrichtungen in Deutschland mit Autobomben vorbereitet. Und 2006 waren die „Kofferbomber“ unterwegs. Sie hatten nur deshalb keinen Erfolg, weil die Sprengsätze wegen eines handwerklichen Fehlers nicht explodierten. Die beiden Libanesen hatten damals aus Protest gegen die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen schon ihre Bomben in Regionalzügen in Nordrhein-Westfalen deponiert. Die Täter waren von den Überwachungskameras im Kölner Hauptbahnhof gefilmt worden. Einer stellte sich in Tripoli, der andere konnte im Kieler Bahnhof festgenommen werden. Auch in diesem Fall kam der entscheidende Hinweis für den Zugriff in Kiel aus dem Ausland, der libanesische militärische Nachrichtendienst hatte Telefonate des Mannes abgehört. Mancher mag sich verwundert die Augen reiben: Kann so viel Glück wahr sein?

De Maizière setzt auf eine Strategie der „Vorbeugung und Abschreckung“. Das Konzept hat nach seiner Überzeugung im Umfeld der Bundestagswahl 2009 und bei der Fußball-WM 2006 funktioniert, als die Sicherheitsmaßnahmen so wie jetzt verstärkt wurden. So hätten die Kofferbomber ihre Sprengsätze laut Sicherheitsbehörden eigentlich noch während der WM zünden wollen, diesen Plan aber wegen der erhöhten Schutzmaßnahmen verschoben. De Maizière allerdings ist klar, dass sich al-Qaida auf diese Weise nicht abschrecken lässt. Denn diese Terroristen zeigen eine „Tatausführungstreue“, die nicht weit entfernt von der Präzision einer Schweizer Uhr ist. Das bedeutet: was das Netzwerk plant, führt es meistens auch aus. In hohen Sicherheitskreisen heißt es dazu: „Wir müssen jederzeit mit Anschlägen in Deutschland rechnen.“

Der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Jörg Ziercke, sieht die Behörden trotzdem gut gewappnet gegen Terrorkommandos, die auf Helfer, Logistik und Fahrzeuge angewiesen sind. Da entstehen viele Spuren. Was Ziercke wesentlich mehr fürchtet sind fanatisierte Einzeltäter. Sie führen ihre Anschläge als Selbstmordattentäter aus oder zünden die abgelegten Sprengvorrichtungen mit Hilfe eines Zeitzünders oder ferngesteuert, zum Beispiel über Mobilfunk. Um größtmögliche Panik auszulösen, haben sie es vor allem auf „weiche Ziele“ abgesehen, also auf Bahnhöfe, Flughäfen, öffentliche Plätze, Hotelfoyers und Restaurants. Ähnlich wie Ziercke tickt de Maizière, er ließ die Polizeipräsenz erhöhen – bundesweit patrouillieren demonstrativ Polizisten mit umgehängten Maschinenpistolen und Schutzwesten.

Kollegen kritisieren den Minister

In Hamburg wurde in den letzten Tagen ein Gebäude besonders gut geschützt: das „Le Royal Méridien“ an der Alster. Dort tagte die Innenministerkonferenz (IMK) erstmals nach Verkündung der neuen Bedrohungsszenarien. Die Innenminister von Bund und Ländern fordern die Wiedereinführung der umstrittenen Vorratsdatenspeicherung von Telefon- und Internetdaten zur Kriminalitätsbekämpfung und Terrorabwehr.

Für de Maizière fanden seine 16 Amtskollegen aus den Ländern jedoch nicht nur freundliche Worte. Joachim Herrmann (CSU) aus Bayern kritisierte die Informationspolitik des Christdemokraten. Herrmann rügte, dass de Maizière seine Terrorwarnung auf einer Pressekonferenz bekannt gemacht hatte, die Landesinnenminister aber nicht rechtzeitig vorher in Kenntnis setzte. Die Telefonschaltkonferenz mit ihnen gab es erst eine Stunde später. Das fand der Bayer überhaupt nicht lustig: „Es wäre nicht schlecht, wenn zuerst wir und dann die Presse informiert worden wäre.“

Als am Donnerstag ein „verdächtiges Gepäckstück“ am Flughafen in Namibia auftauchte, drohte die Stimmung in Deutschland angesichts der Sorge vor dem Terror umzuschlagen. Im Minutentakt setzten die Agenturen ihre Eilmeldungen ab. Eine schrieb sogar: „Die namibische Polizei hat einen möglichen Sprengstoffanschlag auf einem Flug nach Deutschland vereitelt.“ Doch bereits am Vormittag sollen BKA-Ermittler am Rande der Innenministerkonferenz in Hamburg laut Teilnehmern ein Foto des vermeintlich gefährlichen Gepäckstücks gezeigt haben. Die Beamten mahnten, man solle mit Bewertungen vorsichtig umgehen, da es sich möglicherweise um eine Attrappe handeln könnte. Auch die Fluggesellschaft Air Berlin äußerte sich sehr zurückhaltend und teilte lediglich mit, dass entdeckte Paket sei nicht an einen bestimmten Zielort adressiert gewesen.

De Maizière lässt sich nicht beraten

De Maizière schlug die Mahnungen zur Mäßigung in den Wind und erklärte noch am Donnerstag, „es spreche sehr viel dafür, dass das Gepäckstück in einer Maschine transportiert werden sollte, die nach München fliegen sollte.“ Erst gestern, zum Abschluss der Innenministerkonferenz, kam seine Entwarnung und das Eingeständnis, einen Fehlalarm gegeben zu haben: Nun bestätigte der Minister, dass der am Flughafen in Windhuk wegen Sprengstoffverdachts sichergestellte Koffer eine „ungefährliche Attrappe“ war.

De Maizière bezeichnete es als „sehr unwahrscheinlich“, dass deutsche Sicherheitsdienste den Koffer zum Flughafen Windhuk gebracht haben könnten. Das Gepäckstück, das üblicherweise dazu dient, Sicherheitskontrollen zu testen, war am Mittwochabend in Windhuk vor dem Abflug einer Air-Berlin-Maschine nach München sichergestellt worden.

Aus Geheimdienstkreisen war in Berlin zu erfahren, es habe sich offenbar um einen westlichen Dienst gehandelt, der nach dem „Debakel“ der Paketbomben aus dem Jemen einen Versuch zur Überprüfung der Sicherheitsmaßnahmen auf einem „entlegenen Flughafen machen wollte“. Es könnte die US-amerikanische CIA dahinter gesteckt haben.

Die namibische Polizei widersprach jedoch: „Die Regierungen der USA, Deutschlands und Namibias waren nicht beteiligt und nicht informiert“, sagte Polizeichef Sebastian Ndeitunga. Als „sehr peinlich“ wurde es von Sicherheitsexperten empfunden, dass die Berliner Politiker den Bomben-Dummy zunächst längere Zeit medienwirksam als „akute Bedrohung“ verkauft hätten. Das Innenministerium und die deutschen Sicherheitsbehörden seien nicht in der Lage gewesen, die Folgen dieses „Irrtums“ richtig einzuschätzen. „Das hätte so nicht passieren dürfen“, sagte ein Innenexperte.

mit dapd; dpa