Die Stimmung am Donnerstag war aufgeheizt. Noch bevor die Gäste am Morgen zur Einweihung des Turms der Potsdamer Garnisonkirche hineingelassen wurden, riefen Demonstranten lautstark „Heuchler“. Doch es gab auch jene wie etwa einen Autofahrer. Er drückte beim Vorbeifahren auf die Hupe und zeigte den Mittelfinger in Richtung der Demonstranten.

Der wieder errichtete Turm ist hoch umstritten. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bezeichnete ihn am Donnerstag als Mahnung an die Demokratie. „Lassen Sie uns zusammen daran arbeiten, dass dieser Ort etwas wird, was er über lange Strecken seiner Geschichte nicht war: ein Ort der Demokratie“, sagte Steinmeier in seiner Rede beim Festakt zur Eröffnung. „Das ist die historische Verantwortung, die wir haben. Und das ist die Aufgabe, die wir hier alle zusammen als Gesellschaft haben.“

Am 21. März 1933 wurde in dem Gotteshaus in Potsdam der erste Reichstag nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten eröffnet. An diesem „Tag von Potsdam“ reichte der damalige Reichspräsident Paul von Hindenburg dem neuen Reichskanzler Adolf Hitler vor der Garnisonkirche die Hand.

Bundespräsident Steinmeier ist Schirmherr des Projekts

Das Projekt des Wiederaufbaus hat unter anderem deshalb für viel Kritik gesorgt. Der Turm rufe dazu auf zu erinnern, zu differenzieren, aber keinesfalls zu vergessen, so Steinmeier. „Jedem Versuch, deutsche Verantwortung zu leugnen, unsere Erinnerungskultur als Schuldkult zu diskreditieren, stellen wir uns entschieden entgegen. Ich sage bewusst: ‚wir!‘“, so Steinmeier. Der Bundespräsident ist Schirmherr des umstrittenen Wiederaufbauprojekts. 

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Vor der Wiedereröffnung des Turms der Potsdamer Garnisonskirche formiert sich einmal mehr Protest.© Berliner Morgenpost | Julian Würzer

Gegenüber des Turms protestierten nach Angaben der Anmelder rund 200 Menschen gegen den Bau und die Eröffnung. Dazu aufgerufen hatten unter anderem die Bürgerinitiativen „Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche“ und „Stadt für Alle“. Sie sehen in dem Turm etwa ein „Wahrzeichen des Terrors“ und ein Symbol des Militarismus. Die Demonstranten hielten unter anderem ein großes Transparent, auf dem „Nazikirche gegen Bürger*innenwillen“ stand und Spruchbänder mit Aufschriften wie „Kein Segen für dieses Kirchenimitat“. Zu sehen war auch ein Plakat, auf dem sich Steinmeier und Thüringens rechtsextremer AfD-Landeschef, Björn Höcke, vor dem Turm die Hand gebe in, Anlehnung an den Handschlag von Hitler und Hindenburg. Darunter war zu lesen: „Die Feinde unserer Demokratie sagen Danke!“

Wiederaufbau der Garnisonkirche umstritten: Gegner fürchten Nazi-Treffpunkt

Der Sprecher der Initiative „Stadt für alle“, Holger Zschoge, war am Donnerstagvormittag ebenfalls vor Ort. Er kämpft seit Jahren gegen den Bau. Dass Steinmeier als Bundespräsident bei der Eröffnung des Projekts sprach, sah er als „ganz schlechtes Zeichen“. Zschoge verwies dabei auf die anstehenden Wahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen, in denen die AfD im Umfragehoch liegt. Der Soziologe Steffen Mau von der Humboldt-Universität hatte kürzlich gegenüber dem Deutschlandfun gesagt, dass er einen „starken Rechtsruck“ erwarte. „Da gibt es eine riesige Gefahr, dass die Demokratie auf dem Spiel steht“, sagte Zschoge am Donnerstag. Er sagte auch, dass rechtsextreme Kräfte die Eröffnung des Turms „feiern“ würden. Er befürchtet, dass der Turm zu einem neuen Identifikationsort rechter Kräfte werden könnte. „Ihnen dieses Signal zu geben, halten wir für ganz schlimm“, so Zschoge.

Das sahen auch andere Teilnehmer des Gegenprotests so. Ein Mann ging aber auch auf die Symbolsprache an dem Turm ein, die aus seiner Sicht „reine Verherrlichung des Militarismus, des Obrigkeitsstaates und des Gottesgnadentums“ sei. Das ist ihm zufolge aber nicht mehr ganz zeitmäßig. Ein anderer Teilnehmer sagte, er könne nicht ganz nachvollziehen, dass Steinmeier einem solchen „Militaristen-Tempel die Weihe“ gebe. Insgesamt blieb die Situation vor Ort aber friedlich.

Garnionskriche wurde von 1730 bis 1735 erbaut

Der evangelische Bischof Christian Stäblein hält den Turm hingegen für ein Zeichen gegen das Vergessen. „Wer wach ist, kann aus der Geschichte lernen, das soll hier sein – ein wachsamer Ort für Frieden und Demokratie“, sagte der Bischof der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Die Feinde der Demokratie und des Friedens hätten dort keinen Platz. 

Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) sieht die Kirche als Stätte historischer Verantwortung. „Gibt es einen zweiten Ort in Deutschland, der so prädestiniert dafür ist, deutsche Geschichte und auch die Auswirkungen auf die europäische Geschichte mit ihren unterschiedlichen Facetten, aber vor allem mit all ihren Brüchen widerzuspiegeln?“

Steinmeier für Erhalt des alten Rechenzentrums aus DDR-Zeiten

Die ursprüngliche Garnisonkirche wurde von 1730 bis 1735 im Auftrag des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. erbaut. Im Zweiten Weltkrieg war die Militärkirche ausgebrannt. Die Reste wurden 1968 auf Geheiß der DDR-Führung gesprengt. Im Jahr 2017 begannen die Arbeiten für den Neubau des Turms, der außen dem historischen Original nachempfunden ist. Erste Initiativen für das Projekt liegen etwa 20 Jahre zurück. Der Turmaufbau kostete laut Stiftung Garnisonkirche rund 42 Millionen Euro, der Großteil kam vom Bund. Ein Wiederaufbau des Kirchenschiffs ist nicht vorgesehen.

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Der Kirchturm grenzt an ein Rechenzentrum, das zu DDR-Zeiten gebaut wurde und in dessen bestehenden Teilen Künstler arbeiten. Eine Studie soll Nutzungskonzepte am Standort der ehemaligen Kirche prüfen. Der Bundespräsident sprach sich überraschend dafür aus, dass das Rechenzentrum erhalten werden soll. „Beide Gebäude müssen zu einer Koexistenz finden.“

Von Freitag an ist der Turm für die Öffentlichkeit geöffnet. Die Aussichtsplattform in 57 Metern Höhe soll Besucher anlocken. Noch ist der Turm nicht ganz komplett: Eine 30 Meter hohe Haube soll nach Angaben der Stiftung 2026 auf das Bauwerk kommen – dann wäre es mit 90 Metern Potsdams höchstes Gebäude. mit dpa