Start-ups

Gründerzentrum in Potsdam macht Berlin Konkurrenz

Auf dem alten RAW-Gelände am Potsdamer Hauptbahnhof entsteht Europas zweitgrößtes Gründerzentrum.

Die Simulation zeigt den östlichen Bereich des geplanten Gründerzentrums auf dem RAW-Gelände

Die Simulation zeigt den östlichen Bereich des geplanten Gründerzentrums auf dem RAW-Gelände

Foto: J. Mayer H

Potsdam.  Der Umbau des alten RAW-Geländes am Potsdamer Hauptbahnhof zu Europas zweitgrößtem Start-up und Innovationszentrum nimmt Fahrt auf. Potsdams Bauchef im Rathaus, Bernd Rubelt, Wirtschaftsförderer Stefan Frerichs und der Geschäftsführer der Investorengruppe RAW Potsdam GmbH, Mirco Nauheimer, stellten jetzt die ersten Pläne für das „Creative Village“ direkt an den Bahngleisen vor. Die alte, seit vielen Jahren verfallende Halle des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerkes (RAW) soll demnach saniert und mit einem Neubauriegel überbaut werden.

„Wir sind überzeugt, dass die expressive Architektur des Neubaus diesen zentralen Standort beleben und aufwerten wird“, sagte Investor Nauheimer. „Die vielen positiven Rückmeldungen bestärken uns.“ Die Bauverwaltung habe die Investoren in den vergangenen Monaten bei den Neubauplänen gut beraten und betreut. „Wir freuen uns, das Ergebnis vieler Abstimmungsrunden nun den Stadtverordneten vorstellen zu dürfen“, sagte Nauheimer.

Die Stadt will nun schnell das Baurecht erteilen. „Um eine zügige und qualitätvolle Entwicklung der einstigen Wagenhalle vorantreiben zu können, soll der Bebauungsplan in einem beschleunigten Verfahren aufgestellt werden“, kündigte Rubelt an. „Zielsetzung ist eine wirkungsvolle Einbeziehung der denkmalgeschützten RAW-Halle durch eine städtebauliche Weiterentwicklung.“ Am 5. Dezember sollen die Stadtverordneten über die Bebauung entscheiden, am 14. Dezember die Pläne öffentlich vorgestellt werden.

Das künftige IT-Zentrum soll durch die Sanierung der denkmalgeschützten Bestandsbauten und durch die Neubauten auf eine Bruttogeschossfläche von weit mehr als 20.000 Quadratmetern erweitert werden und ein zen­traler Standort für die Digital-, Medien- und Kreativwirtschaft der Hauptstadtregion werden. Die Investoren kündigten an, einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag in das Gelände zu investieren. Am Ende sollen 1000 Arbeitsplätze entstehen.

Vorbild für das IT-Zentrum ist die „Station F“ in Paris

Das Gründerzentrum wird nach Angaben der Investoren Büros, Lounges, Beratungs- und Fördereinrichtungen für Jungunternehmer bereitstellen. Aber auch private Geldgeber und wissenschaftliche Einrichtungen sollen vertreten sein, um ein Rundum-Angebot für Gründer anzubieten. Außerdem soll ein Hotel integriert werden, Sport- und Erholungsangebote, Gastronomie, Einzelhandel und Flächen für Kongresse.

Vorbild für das IT-Zentrum ist die „Station F“ in Paris, die Anfang vergangenen Jahres in der französischen Hauptstadt eröffnete. Dort finden aufstrebende Jungunternehmer Ansprechpartner für alle Bedürfnisse: Büros, Co-Working-Plätze, Computer – und vor allem viel Platz, um ihre Ideen zu verwirklichen. In Malmö existiert mit der „Media Evolution City“ ebenfalls ein Gründerzentrum, das den Jungunternehmern ein Komplettpaket anbietet.

Auf eine ähnliche Entwicklung für das RAW-Gelände hofft nun Potsdam. „Mit Blick auf die bemerkenswerten Entwicklungen des Potsdamer IT-Sektors insgesamt kommt die Entwicklung des RAW-Areals zu einem denkbar wertvollen Zeitpunkt“, sagt Potsdams Wirtschaftsförderer Frerichs. Das Projekt biete Angebote, „von denen wir vor ein paar Jahren noch nicht zu träumen gewagt hätten“.

Die RAW-Bahnhalle wurde 1838 in Betrieb genommen und galt bis zur Schließung 1999 als älteste Eisenbahnwerkstätte Deutschlands. Seit dem Jahr 2002 liegt das Gelände brach. 2007 kaufte zunächst eine Unternehmensgruppe das Gebäude. Doch alle Versuche, das historisch bedeutsame, insgesamt 1,1 Hektar große Gelände zu restaurieren, zu renovieren und einer neuen Nutzung zuzuführen, sind in der Vergangenheit gescheitert. Der letzte Eigentümer wollte Luxuswohnungen in dem denkmalgeschützten Gebäudekomplex errichten, konnte sich mit der Stadtverwaltung jedoch nicht darüber verständigen, sodass er das Gelände an den jetzigen Investor verkaufte.

Noch ist schwer vorstellbar, dass auf dem Gelände der Ruine bald hippe Jungunternehmer die Zukunft gestalten. Die Fenster sind eingeschlagen, Büsche und Bäume wuchern, die denkmalgeschützte Fassade aus rotem Backstein ist mit großflächigen Graffiti beschmiert. Mehrere Brände haben dem Gebäude zusätzlich zugesetzt.

Doch Stadt und Investoren glauben an das Projekt. Die Vermarktung des Gewerbeparks ist angelaufen. Erste Interessenten hätten sich bereits gemeldet. Bei der Vermarktung helfen soll die zentrale Lage am Potsdamer Hauptbahnhof, der vom Kudamm aus mit der S-Bahn in einer halben Stunde zu erreichen ist. Mit dem Regionalexpress geht es noch etwas schneller.

Kritiker zweifeln an der Dimension der Neubauten

Aber schon unmittelbar nach der Veröffentlichung der Entwürfe hagelte es auch erste – für Potsdam durchaus typische – Kritik an den Entwicklungsplänen des verfallenden Gebäudes. Der Überbau des Denkmals sei ein Zeichen von Egomanie und trage zur weiteren Zerstörung des Stadtbildes bei, hieß es aus der Potsdam School of Architec­ture der Fachhochschule Potsdam. Der geplante Neubau passe nicht zu Potsdam, kritisierte der Chef der CDU-Potsdam-West, Wieland Niekisch. Auch die Grünen in Potsdam äußerten Zweifel an den Dimensionen des Projekts. Die Stadt muss noch Überzeugungsarbeit leisten.

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